Ich hatte eine Farm in Afrika…

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“Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße der Ngong-Berge…”

Mit diesen Worten beginnt der Roman “Afrika, dunkel, lockende Welt” der dänischen Schriftstellerin Karen Blixen, im deutschsprachigen Raum besser bekannt als Tania Blixen, der 1937 erstmals erschien. Ihr vollständiger und wirklicher Name: Karen Christence von Blixen-Finecke, geborene Dinesen. Sie wurde am 17. April 1885 in Rungstedlund geboren und starb dort am 7. September 1962.

Genau an diesen Ort, 22 Kilometer nördlich von Kopenhagen, hat es uns, während unseres Dänemark-Urlaubs, hingezogen. Das Haus, in dem Karen Blixen bis zu ihrem Tode wohnte, ist seit 1991 ein Museum. Die Privaträume können zu vorgegebenen Zeiten besichtigt werden und der grosse Park, mit altem Baumbestand, lädt den Besucher zu einem Spaziergang ein.

Die jungen Jahre

Die junge Karen Blixen hat bereits ihre Geschichten mit Bildern versehen

Karens Vater, Wilhelm Dinesen war Offizier, Schriftsteller und Politiker, und lebte einige Zeit in Wisconsin (USA). Unter anderem hat Karen Blixen auch unter dem Pseudonym Osceola (ein Repräsentant der Seminolen) einige Kurzgeschichten veröffentlicht. Überhaupt liebte die Schriftstellerin das Spiel mit Pseudonymen. Im englischsprachigen Raum erschienen ihre Romane unter dem Namen Isak Dinesen heraus

Zu ihrem Vater hatte Karen ein gutes Verhältnis. So war es für sie ein Schock, als sich ihr Vater, im Alter von fünfzig Jahren, das Leben nahm, nachdem ihm die Diagnose von Syphillis mitgeteilt worden war. Karen war damals erst zehn Jahre alt. Zurück blieb seine Frau mit den fünf Kindern (drei Mädchen und zwei Knaben). Nach dem Schulabschluss begann Karen in Kopenhagen ein Studium der Malerei und fing auch an zu schreiben. Bereits 1907 veröffentlichte sie erste Kurzgeschichten.

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“Ein junges Kikuyu Mädchen” (Karen Blixen / Öl auf Leinwand) 1923
eine Nachbildung von Karen Blixens Füller

1909 verliebte sich Karen in Hans von Blixen. Er stammte aus einer schwedischen Adelsfamilie. Seine Mutter war die Cousine von Karens Vater. Hans von Blixen war an der jungen Frau jedoch nicht interessiert. So verlobte sie sich mit dessen Zwillingsbruder Bror. Gemeinsam wollten sie nach Afrika, um in Kenia eine Milchfarm zu betreiben. Bror reiste 1913 voraus und kaufte eine Farm in der Nähe von Nairobi. Was er Karen jedoch verschwieg, war, dass er keine Milchfarm, sondern eine Kafffeeplantage erworben hatte. Die Anbaugebiete lagen auf 1700 Metern, was für damalige Verhältnisse praktisch ein Ding der Unmöglichkeit für den Anbau von Kaffee darstellte. Erst in Afrika heirateten die beiden.

In Afrika

Siebzehn Jahre lebte Karen Blixen in Kenia, allerdings waren sie und ihr Mann alles andere als erfolgreich. Einerseits machte ihnen der Ausbruch des 1. Weltkrieges einen Strich durch die Rechnung, andererseits war Bror nicht wirklich an der Landwirtschaft interessiert. So hing die ganze Arbeit an Karen. Ihr Mann ging lieber auf Grosswildjagd und vertrieb sich die Zeit mit anderen Frauen. Die Farm wurde mit dem Vermögen von Karens Familie gekauft. Bror selber war pleite und gab das Geld der Dinesens grosszügig aus.

1915 erkrankten er und Karen an Syphilis. Karen liess ihre Krankheit in Europa behandeln. Sie unterzog sich dabei einer neuartigen Therapie, bei der man ihr Quecksilber spritzte. Die Syphilis wurde damit zwar gestoppt, ihr Körper dagegen vergiftet, was schwerwiegende Folgen für ihr weiteres Leben haben sollte.

In Kenia lernte Karen 1918 einen Mann kennen, der ihre grosse Liebe werden sollte, den britischen Armee-Offizier und Großwildjäger Denys Finch Hatton. Nachdem Karen im Januar 1925 von Bror geschieden wurde, zog Denys, der zuvor oft auf der Farm übernachtet hatte, ganz bei Karen ein. Die Autorin wurde zweimal von ihrem Geliebten schwanger und erlitt zweimal eine Fehlgeburt. An der zweiten Fehlgeburt war ein Telegramm von Denys sicher nicht ganz unschuldig, in dem er Karen aus London mitteilte, dass er nicht bereit sei, die Verantwortung für das Kind zu übernehmen. 1929 trennte sich das Paar. 1931 kam Denys bei einem Flugzeugabsturz ums Leben und wurde von Karen in den Ngong Hills begraben.

Im gleichen Jahr gab Karen schweren Herzens die Farm auf und kehrte zurück nach Dänemark.

Zurück in Rungstedlund

Karen Blixens Arbeitszimmer in Rungstedlund trägt den Namen „Ewalds Room“, so benannt nach dem dänischen Dichter Johannes Ewald, der hier gesundheitshalber von 1773 – 1775,  im damaligen „Rungstedlund Inn“, einquartiert war.

Karens Vater benutzte das Zimmer als Büro und an seinem Schreibtisch entstanden ihre ersten Bücher. Auf ihrer kleinen Schreibmaschine der Marke Corona, aus dem Jahre 1918, entstanden hier noch viele weitere Erzählungen und Novellen. Von diesem Zimmer hatte sie einen wundervollen Blick auf den Øresund.

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Karen Blixen an ihrer Schreibmaschine

An der Wand hinter dem Schreibtisch hängen afrikanische Waffen und zwei Fotografien von Denys Finch-Hutton, die zum Teil ihres Gute-Nacht-Rituals in Karen Blixens Leben gehörten.

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Ewalds Zimmer

Im Winter musste die Autorin diesen Platz oft verlassen. Wenn der steife Wind durch die Ritzen zog, hielt sie sich im „Grünen Zimmer“, das nach hinten, gegen den Park gerichtet ist, auf. Im „Grünen Zimmer“ wurden in der Regel ihre Gäste untergebracht.

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Karen Blixen vor Ewalds Zimmer (1942), und heute

Ab den 1950er-Jahren hatte die Autorin kaum noch die Kraft, um zu schreiben, sie wurde aber noch oft im Radio übertragen. Unter dem Dach im Museum konnte ich in einem bequemen Sessel Platz nehmen, die Kopfhörer aufsetzen und Karen Blixens Stimme lauschen. Die letzten sieben Jahre ihres Lebens waren geprägt von Krankheit. Trotzdem unternahm sie im Jahre 1959 noch eine USA-Reise, bei der sie unter anderem die Schriftsteller/in Carson McCullers, Arthur Miller und dessen Ehefrau Marilyn Monroe traf.

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Marilyn Monroe, Carson McCullers, Karen Blixen und Arthur Miller (von links oben)

Als sie wegen ihres schlechten Gesundheitszustands auf Sekretariatshilfe angewiesen war, korrigierte sie oft die Manuskripte am runden Tisch vor der Chaise longue.

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Das Wohnzimmer, das neben Ewalds Zimmer liegt, wurde noch durch Karens Mutter sehr geschmackvoll eingerichtet

Die letzte Ruhestätte

Bei schönem Wetter gehört ein Spaziergang durch den Park einfach dazu. Folgt man dem Weg, kommt man zu dem schlichten Grab der Autorin. Wir haben eigenhändig die Grabplatte von herabgefallenen Blättchen befreit, damit man den Namen, der auf der Grabplatte eingraviert ist, wieder lesen konnte. Hinter dem Grab steht eine mächtige alte Buche, die über Karen Blixen zu wachen scheint, die zum Zeitpunkt ihres Todes gerade noch 35 Kilo wog. Es war ihr Wunsch, an diesem Ort begraben zu werden.

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Karen Blixens Grab

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Karen Blixen kurz vor ihrem Tod

In der ganzen Anlage fallen einem bunte Vogelhäuschen auf. 200 Stück sind an den Bäumen angebracht und bieten den Vögeln Nistplätze, die regelmässig von den Ornithologen kontrolliert werden. Auch ein Blumengarten darf nicht fehlen, aus ihm kommen die Blumen, die in Vasen arrangiert, im Haus verteilt stehen.

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Nistkästen im Park

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Der Garten

Karen Blixens Traum wird endlich wahr

Karen Blixen hat noch vor ihrem Tod dafür gesorgt, dass ihr Haus eine Stiftung wird. Sie verfügte, dass die Öffentlichkeit Zugang zum Haus haben sollte. Noch zu Lebzeiten Karen Blixens musste das Haus restauriert werden und die Holzöfen sollten einer Zentralheizung Platz machen. Badezimmer waren ebenfalls dringend nötig. 1962, als Blixen starb, war die Stiftung hoch verschuldet. Die Renovation hatte mehr Geld verschlungen als erwartet. Erst der Oscar gekrönte Film „Out of Africa“ aus dem Jahre 1985, mit Meryl Streep und Robert Redford in den Hauptrollen, der nach dem autobiographischen Roman „Afrika, dunkel, lockende Welt“ und „Schatten wandern übers Gras“, entstanden ist, verhalf den Verkauf ihrer Bücher wieder anzukurbeln und Geld in die Stiftung zu spülen. So dass 1991 endlich das Karen Blixen-Museum eröffnet werden konnte.

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Karen Blixen 1943 / die Brücke im Park heute

Freitags-Füller

1.  In genau einer Woche ist der längste Tag des Jahres, dann geht es schon wieder abwärts (:

2. Gewisse Design-Küchenutensilien sehen nur gut aus, sind jedoch nicht zu gebrauchen.

3.  Es gibt keine Schokolade heute, sonst grüssen die Speckröllchen noch etwas mehr.

4. Riesenschildkröten sind dem Menschen überlegen, denn sie leben länger.

5.  Wenn es heiß ist trinke ich am liebsten Wasser oder kalten Tee.

6. Es wird gelogen und betrogen, soviel zum Thema Politik.

7. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf Ausspannen nach einer kopflastigen Arbeitswoche, morgen habe ich nichts geplant und Sonntag möchte ich mich im Kreise der Familie wohl fühlen!

Ein schönes und sonniges Wochenende wünsche ich euch! Ich selber kann es dringend gebrauchen.

Das Haus des Vaters

Das Haus des Vaters

Die Ich-Erzählerin schaut ihrem Nachbarn Ramón zu, wie er den Paradiesbaum in seinem Garten fällt. Sie hat vor kurzem ihren Vater verloren, der Ramóns bester Freund war. Ramón und der Verstorbene waren leidenschaftliche Gärtner, so erhält nun die Ich-Erzählerin gutgemeinte Ratschläge wie der Garten weiter zu pflegen sei. Umgekehrt schaut die Nachbarin auch mal zu Ramóns Haus, als dieser ins Krankenhaus muss Die kleinen Aufgaben und Gespräche lassen die Beiden den Verlust eines geliebten Menschen leichter verarbeiten. Sie gehen aufeinander zu, kümmern sich umeinander und sind füreinander da.

Die argentinische Schriftstellerin Ángela Pradelli hat mit “Das Haus des Vaters” ein Buch geschrieben, das einen nicht traurig stimmt wie man vermuten könnte. Mir kommt es vor, als würde die Ich-Erzählerin einen Karton öffnen, alte Fotos vor mir ausbreiten und mir zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Dabei erinnert sie sich liebevoll an Erlebnisse mit ihrem verstorbenen Vater, so zum Beispiel als sie mit ihm einen Ausflug im neuen Auto ans Meer unternimmt und auf der Rückfahrt ein Lieferwagen in das Auto kracht. Der Vater macht kein grosses Drama um den beschädigten Wagen, fährt die Nacht durch, mit der Tochter an seiner Seite, mit der er sich in der Dunkelheit unterhält.

„Obwohl wir später selten darüber sprachen, wurde meine Erinnerung an diese Tage am Meer und dieses Glück mit den Jahren sogar stärker, wenngleich ich im tiefsten Inneren immer wusste, dass all das nichts Grosses bedeutete, letzten Endes waren wir ja nur Vater und Tochter, auf dem Weg zurück nach Hause, in einem kaputten Auto.“

Den Gegenständen im Haus des Vaters ordnet sie Geschichten zu: einem Mantel, dem Spazierstock, der Uhr, die stehen geblieben ist. Es sind Momente, in denen die Ich-Erzählerin inne hält und zurückblickt.

“Vielleicht sollte ich Ramón den Herrenmantel jetzt schenken, aber ich weiss nicht, ich hadere noch damit. Letzten Winter, der erste ohne meinen Vater, habe ich ihn machmals als Decke benutzt. In kalten Nächten schlafe ich gern dick zugedeckt. Als ich morgens aufwachte, lag in der Luft der Geruch meines Vaters, der noch immer am Futter haftet – eine Mischung aus Wolle, Naphtalin und Rasiercrème. Derselbe Geruch wie in dem Kleiderschrank, in dem ich den Mantel aufbewahre.”

Das Kapitel „Schauspieler“ lässt mich schmunzeln, denn die beiden alten Herren entpuppen sich beim Bezug ihrer Rente als gute Schauspieler. Um nicht stundenlang vor der Bank Schlange stehen zu müssen, hinkt der Vater mit einem Spazierstock auf die Bank zu, während Ramón ihn stützt. Türsteher und Schalterbeamte tricksen sie so mit ihrer Inszenierung aus und sie amüsieren sich darüber köstlich.

Keines der Kapitel ist länger als zwei bis vier Seiten. Unaufgeregt kommt eine Episode zur anderen und einzelne Momentaufnahmen ergänzen sich zu einem Album. Erstaunt hat mich bei der Lektüre, dass die Mutter kein einziges Mal erwähnt wird. Über sie verliert die Ich-Erzählerin kein Wort.

Einige Geschichten stimmen mich nachdenklich, die anderen lassen mich lächeln. Ángela Pradelli zeichnet auch ein Bild eines argentinischen Quartiers in einem Vorort von Buenos Aires, in dem Menschen verschiedenster Couleur aufeinandertreffen, wie dem Polen, der nichts Anderes möchte, als seine Geschichten loszuwerden oder einer Verrückten, die im Regen tanzt und die „Sintflut“ mit offenem Mund verschlingen will. Die Autorin zeigt mir mit diesem Buch auch einen Weg auf, wie man Abschied von einem lieben Menschen nehmen kann und ich finde, es ist ihr in einfühlsamer Weise gelungen, das mich etwas mit dem Tod versöhnt, mit dem wir alle irgendwann konfrontiert werden.

Ángela Pradelli wurde 1959 in Buenos Aires geboren. Sie schreibt Lyrik, Romane und Essays. Für “El lugar del padre” wie der Roman im Original heisst, erhielt sie 2004 den Premio Clarín de Novela. Von Juni bis November 2012 war die Autorin Writer in Residence des Literaturhauses und der Stiftung PWG in Zürich.

Ángela Pradelli: Das Haus des Vaters
Erscheinungsjahr 2012
Rotpunktverlag
144 Seiten
ISBN 978-3-85869-512-3

Frühzeitig in Pension

Monsieur Bougran in Pension

Monsieur Bougran wird zum Leiter des Büros gerufen. Dieser eröffnet ihm, dass er in den vorzeitigen Ruhestand geschickt werden soll, wegen “Gebrechen, die eine Folge Ihrer Amtsausübung sind”. Der Angestellte, der erst fünfzig Jahre alt geworden ist, kann es kaum fassen, was ihm da sein Chef mitteilt. Er fühlt sich doch überhaupt noch nicht alt - gebrechlich schon gar nicht. Diese Mitteilung muss er erst einmal verdauen, also macht sich der Junggeselle auf, um an der frischen Pariser Luft spazieren zu gehen.

Zurück im Ministerium nehmen seine Kollegen zwar Anteil, aber mehr dahin, dass er sich glücklich schätzen könne, zu tun und zu lassen, was und wann er wolle. Der erste Schreck ist verdaut und macht der Wut Platz. Und er fragt sich, wozu er selbst an Sonn- und Feiertagen pflichtbewusst seine Arbeit getan hat. Er macht sich Gedanken über frühere Zeiten, ehemalige Vorgesetzte, seine Arbeit, das Schreiben – denn, Briefe verfassen, das kann er ausgezeichnet.

“Alles strotzte vor Förmlichkeiten; die Varianten von Grussformeln an Briefenden gingen ins Unendliche, wurden sorgfältig dosiert, schöpften eine Skala aus, die den Büropianisten aussergewöhnliche Fingerfertigkeit abverlangte.[...] Welcher Angestellte wusste heute noch die heikle Klaviatur der Briefschlüsse zu gebrauchen oder sich jemandem auf eine oft schwer zu bestimmende Weise zu empfehlen [...]“

Monsieur Bougran wird von einem Tag auf den anderen aus seiner geordneten Welt herausgerissen und weiss vorerst nicht, was er mit der neuen Freiheit, die sich ihm wie ein Monster entgegenstellt, anfangen soll. Seine ehemaligen Kollegen, die er besucht, haben keine Zeit mehr für ihn. Er gehört nicht mehr zu ihnen. Sein altes Büro ist komplett umgestellt und ein junger Mann hat bereits seinen Platz eingenommen. Das macht ihn fürchterlich wütend und bringt ihn gleichzeitig auf eine fabelhafte Idee. Er baut sich sein altes Büro in einem Zimmer seiner Wohnung nach und beginnt wieder zu arbeiten, in dem er an sich selber Briefe schreibt. Als er einen ehemaligen Boten, der ebenfalls in Rente ist, im Park trifft, stellt er diesen kurzerhand ein, damit ihm ein anderer die Post, die er an sich adressiert, bringt und versendet.

Joris-Karl Huysmans, der selber im Innenministerium als Beamter gearbeitet hat, hat diese Novelle bereits 1888 geschrieben. Es war eine Vertragsarbeit, welche für die Veröffentlichung in der Zeitschrift “Universal Review” vorgesehen war. Der britische Anwalt Harry Quilter, der ein grosser Literaturliebhaber war, hatte verschiedene Autoren angeschrieben und um „eine kleine Geschichte von ein paar Seiten Länge“ gebeten. Allerdings schickte er die Novelle mit einem Brief an den Autor zurück, da ihm die Geschichte zu kurz und für die Zeitschrift ungeeignet schien. Das britische Publikum hätte zu wenig Zugang zu einem französischen Büroalltag, zudem sollten hauptsächlich Frauen angesprochen werden.

„Unsere Zeitschrift ist, soweit ich sehe, auf dem Weg zum Erfolg, und ich bin ganz sicher, dass Sie mir dereinst dafür danken werden, Sie um eine andre Novelle gebeten zu haben statt derjenigen, die ich Ihnen zurückschicke.“

Huysmans wollte diese Novelle zuerst einer anderen Zeitschrift anbieten, legte sie aber dann beiseite und wollte sie zu einem späteren Zeitpunkt gar vernichten, als er seine Papiere vor seinem Tode durchsah. Es ist seinem Sekretär zu verdanken, der die zerrissenen Seiten wieder zusammenklebte und aufhob. Erst 1964 wurde diese kleine und feine Geschichte erstmals veröffentlicht, die mich auch an Robert Walsers Kurzgeschichten ”Im Bureau” erinnert.

Scheint mir die Erzählung vorerst äusserst amüsant – wird es in meinem Inneren immer stiller, denn die Novelle hat nichts an Aktualität eingebüsst, auch wenn sie aus dem Büroalltag des 19. Jahrhunderts stammt. Leute werden entlassen und nicht mehr oder durch jüngere und billigere Arbeitskräfte ersetzt. Da gehört man von einem Tag auf den anderen zum alten Eisen. Bei Monsieur Bougran nennt sich dies frühzeitige Pensionierung, läuft aber auf das selbe heraus, denn die Pension hat ihn aus heiterem Himmel getroffen. Er wird nicht mehr gebraucht. Er wurde seiner Würde, Arbeit zu haben, beraubt. Das ist damals wie heute schmerzhaft und schwer zu verkraften, wenn man nicht darauf vorbereitet wird. Huysmans hat ein kleines und grossartiges Meisterwerk geschrieben und ich bin froh, hat Elke Heidenreich im “Literaturclub” darauf hingewiesen.

Joris-Karl Huysmans: Monsieur Bougran in Pension
30 Seiten
Friedenauer Presse
ISBN 978-3-932109-72-0

Der Urlaub ist vorbei

Skagen Leuchtturm

Liebe Leser

In nächster Zeit wird hier hoffentlich wieder mehr los sein, denn ich bin zurück aus Dänemark. Insgesamt 4010 Kilometer haben wir hinter uns gebracht und viele tolle Eindrücke gesammelt – auch literarische. In loser Folge werde ich also hier über unsere Reise-Erlebnisse berichten. Und nur eins vornweg: Regenbilder kann ich keine liefern, denn ausser an einem Tag war Dänemark trocken und mit Bestimmtheit wärmer, als was wir auf unserer Rückreise durch Deutschland und die Schweiz an Temperatursturz und Regen erlebt haben.

Ich wünsche schon einmal eine angenehme neue Woche!