Für immer, Deine Agnes

“Für immer, Deine Agnes” ist das letzte Buch der Auswanderer-Trilogie von Toril Brekke, das im Droemer Knaur Verlag erschienen ist. Wie die Autorin selber schreibt, lassen sich die Bücher unabhängig voneinander lesen, was mir recht war, da ich die ersten beiden Romane “Elises Traum” und “Die Reise nach Westen” nicht gelesen habe. Einzig Brenda ist die Durchgangsgestalt in allen drei Bänden. Im dritten Teil ist sie bereits eine ältere Frau. Der Abschluss der Trilogie befasst sich mit Agnes und Lasse. Wir machen eine Zeitreise, zurück in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach Norwegen.

Agnes verliert ihre Mutter bereits als vierjähriges Kind. Auch ihre Stiefmutter, die ihr Vater Thomas zur Frau nimmt, stirbt im Wochenbett. So muss das kleine Mädchen, gerade einmal sieben Jahre alt, einen grossen Teil der Hausarbeiten übernehmen.

Lasse hingegen ist ein Findelkind. Er wird von Margot, genannt Sonnentanz, als Baby, festgeschnallt auf einem Rentierschlitten, gefunden. Die Frau überredet ihren Mann, das Kind anzunehmen und er willigt mürrisch ein. Die beiden vermuten, dass der Knabe aus Schweden kommt. Die arme Bevölkerung gab damals seine Kinder oft Samen mit, wenn diese nach Norwegen ans Meer zogen. Dort konnten sie sich an gutem Fisch satt essen. Lasse arbeitet auf dem Hof wie ein Knecht. Er arbeitet auf dem Feld und am liebsten fährt er mit dem Boot raus, zum Fischen.

Agnes und Lasse begegnen sich das erste Mal, als Thomas mit seiner Tochter zu Besuch kommt. Lasse schämt sich für den Dreck, der bei seinen Eltern herrscht, denn Agnes mit ihrem goldenen Haar ist sauber und adrett gekleidet. Später, im Konfirmandenunterricht, begegnen sie sich wieder im Pfarrhaus. Als die Konfirmanden einen Choral singen, fällt Agnes auf, welch wunderschöne Stimme Lasse hat.

“Sie traf Agnes tief im Leib; sie war blau, so empfand sie es, dunkelblau wie die Tiefe in einem Brunnen. Sie enthielt ein Zittern von Sonnenschein in warmer Luft, [..]“

Der Pastor stellt Lasse nach der Konfirmation als Knecht ein. Als er Agnes später wieder begegnet, ist für beide klar, dass sie füreinander bestimmt sind. Vater Thomas ist strikte gegen eine Heirat, denn schliesslich ist Lasse ein Verwandter. Dass der junge Mann ursprünglich aus Schweden stammt, interessiert ihn nicht im Geringsten. Argwöhnisch beobachtet er seine Tochter in den nächsten Monaten und ist heilfroh, dass Agnes nicht schwanger ist. Sie wird einem anderen Mann versprochen.

Als Lasse eines Tages leicht bekleidet unterwegs ist, findet er am Wegrand einen Mantel, inklusive eines Geldbeutels. Leider gehören die Fundgegenstände dem Vogt, der sich hinter den Büschen gerade am erleichtern ist. Lasse nimmt seine Füsse in die Hände und stürmt davon, denn der Besitzer wird ihm kaum glauben, dass er nicht stehlen wollte, und ihn als Dieb in die Festung stecken und vermodern lassen.

Ungewollt wird der junge Mann zum Auswanderer nach Amerika. Noch vor der Überfahrt lernt er Kjartan kennen, mit dem er als Bruder Rudolf und Johannes in Bergen an Bord eines Segelschiffes geht, um die Reise nach New York anzutreten. Schon auf der Passage fällt den anderen Passagieren Lasses göttliche Stimme auf und wird oft um Rat gefragt und Beichtvater in Anspruche genommen, denn man vermutet, er sei Pastor. Auch mit dem Zimmermann Peder Andersen unterhält er sich gelegentlich. Dieser vertraut ihm an, dass er gerne vom Schiff gehen würde, aber der Kapitän ihn bestimmt hindern werde, da er für Hin- und Rückreise angeheuert habe. Lasse nimmt das Gepäck des Seemannes entgegen und nimmt es in seiner Kiste mit von Bord.

Bei der Einreise wird aus Lasse Frühlingsschön Les Spring. Einem Matrosen gibt er für Agnes einen Brief mit auf die Rückfahrt, in dem er ihr erklärt, dass er in Red Hook, New York, zu finden sei.

Das Schicksal will es, dass Agnes‘ Verlobter nach einem Unfall stirbt. Durch die junge Stiefmutter, die ihr Vater geheiratet hat, ergibt sich schliesslich die Gelegenheit, dass Agnes doch noch nach Amerika aufbrechen kann. Bei einem verwitweten Onkel mit Kindern wird eine Haushälterin dringend gebraucht.

Dass es unmöglich ist, Lasse in New York zu finden, ist klar. Man könnte auch nach einer Nadel im Heuhaufen suchen. Agnes setzt ihre Reise deshalb nach Dakota fort.

Nach nur neun Monaten verlässt Agnes, nur mit einem Bündel, fluchtartig ihre Stelle, denn der Bauer tritt ihr eines Tages zu nahe. Mit Hilfe der grossen norwegischen Gemeinschaft findet sie erneut ein Plätzchen und verrichtet ihre Arbeit als Haushälterin beim Schneider, Farmer und Schriftsteller Samson A. Eagle und seinen Kindern. Die kranke Ehefrau, die sie sehr mag, stirbt nach kurzer Zeit.

Lasse ist das Glück nicht immer hold. Er arbeitet im Hafen in Red Hook, Brooklyn, das damals noch nicht zu New York gehörte. Später begleitet er die Schwester Elisabeth Fedde auf ihren Betteltouren, um Nahrung für die Bedürftigen im Spital zu beschaffen. Er fängt an in einem Chor zu singen und erhält Einladungen zu Privatanlässen, wegen seiner wunderschönen Stimme, die alle Menschen so sehr berührt. Später begleitet er Fedde auch nach Minneapolis, Minnesota. Man möchte ihm gerne zuflüstern, dass er sich hier nach Agnes erkundigen sollte, die hier schon durch die Strassen spaziert ist.

Als er nach Red Hook zurückkehrt begegnet er Peder Andersen doch noch, der ihn aus einer Schlägerei zieht. Zusammen begeben sie sich auf eine Odyssee durch Amerika. Auf verschiedenen Schiffen gelangen sie nach New Orleans. Auf einem der Schiffe sind bei der Besatzung die Blattern ausgebrochen. Sie versuchen an einem Ort Hilfe zu erhalten und flüchten von Bord, als man sie zwingen will, weiterzufahren. Zu Fuss kommen sie in Texas an, weiter geht es mit einem Maultier, das ihnen gestohlen wird und wieder auftaucht. Dank Peder, der genügend Geld hat, können sie sich zwei Pferde und Gewehre kaufen.

„Lasse dachte an die Diebe, die Schwarzen, die ihm alles gestohlen hatten, was er besass, abgesehen von den Kleidern, die er trug und dem Brief auf seiner Haut. Der Rest gehörte jetzt Peder. Beide Pferde. Proviant und Decken. Gewehre. Alles, was sie für Peders Geld gekauft hatten. Und auf diese Weise war er fast zum Knecht des anderen geworden.“

Auf einer Baumwoll-Plantage steht die Ernte bevor und hier finden sie Arbeit. Obwohl die Sklaverei inzwischen verboten ist und an die Stelle von Sklavenhaltern andere Besitzer getreten sind, ist diese üble Zeit noch zu spüren, zu riechen, und nicht zuletzt wegen der Sklavenhütten, auch zu sehen. Das Unglück klebt an Lasse wie zäher Leim und er macht Bekanntschaft mit den üblen Machenschaften des Ku-Klux-Klans, der ihn in einen Lynchmord mitreisst. Erneut muss er sich mit nichts als seinen Kleidern, die er auf dem Leib trägt, davon machen.

„Wie ein Hund. Zwischen den Schlafhütten hindurch. Mit eingezogenem Kopf wie nach einer Tracht Prügel. Widerwillig an den abgeernteten Baumwollfeldern entlang. Gekrümmt, wie unter einer schweren Last. [..]“

Wieder begegnet er einem freundlichen Menschen, diesmal einem Juden, Simeon. Wie der barmherzige Samariter in der Bibel, teilt er das Essen mit diesem Unglücksraben und nimmt ihn auf seinem Ochsenkarren mit nach Waco. Erneut wird Lasse bestraft, als er denkt, endlich etwas gefunden zu haben, woran er sich festhalten kann. Wie der Schatten verfolgt ihn das Böse auf seinem Weg und mit den Habseligkeiten, die nicht ihm gehören, wird er weiter auf seiner Reise geschickt, die irgendwie nie enden will, so dass er endlich zur Ruhe käme. Ein Tornado könnte nicht tödlicher sein, der seine Schneise durch das Land reisst.

Können sich in einem so grossen Land wie Amerika, zwei Seelen, die füreinander bestimmt zu sein scheinen, überhaupt finden? Kann Lasse das Pech, das ihn verfolgt irgendwann abschütteln?

Toril Brekke erzählt die Geschichte von Lasse und Agnes sehr abwechslungsreich, wobei die Kapitel, in denen es um Lasse geht äusserst spannend zu lesen sind, und ich sehe, vor meinem inneren Auge, bereits den Kinofilm abspulen. Die Aufenthaltsorte der beiden kann man im Buch wunderbar mitverfolgen, denn im Vorsatz ist eine Amerika-Karte abgedruckt. Ob Flucht oder Abenteuer das Motiv zur Auswanderung nach Amerika waren, die Autorin gibt uns einen Einblick in die norwegischen Gemeinden, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts sehr stattlich und überall in den Bundesstaaten zu finden waren. Neben Schönheit und Nächstenliebe wird auch über Hässlichkeit und Gewalt berichtet. Geschickt verknüpft Brekke fiktive Personen, mit solchen, die tatsächlich gelebt haben. Nach dem letzten Teil der Trilogie kann ich mir gut vorstellen, dass ich auch zu den ersten beiden Romanen greifen werde, um zu erfahren, was die norwegischen Auswanderer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts alles erwartete.

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