Ist schon in Ordnung

Viel Zeit zum Lesen blieb mir im Urlaub nicht, denn es gab so viel Sehenswertes und Anderes zu erleben und zu geniessen. Wenigstens einen Roman habe ich vollständig geschafft.

Audun, ein 13-jähriger Junge, ist mit seiner Mutter vom Land in eine Arbeitersiedlung in Oslo gezogen. An seinem ersten Schultag in der neuen Schule steht er mit Sonnenbrille vor dem Rektor. Als der Rektor von ihm verlangt, die Brille abzunehmen, verteidigt er sich instinktiv mit seinen Fäusten, als dieser sie ihm wegnehmen will. Die Abwehrhaltung des Jungen wird einem verständlich, je mehr man in die Geschichte eintaucht.

Der ältere Bruder kommt bei einem Autounfall ums Leben, die Schwester ist ausgezogen und lebt mit ihrem Freund auf dem Land. So verbringt Audun viel Zeit mit Lesen, vor allem von Jack London, Hemingway und Tolstoj. Sein neuer Freund Arvid bringt ihn der Politik näher und immer wieder, wenn er in eine schwierige Situation kommt, ist das Haus des Freundes etwas wie ein Rettungsanker. Audun hat keine guten Erinnerungen an seinen Vater, der irgendwo in der Gegend mit seinem Akkordeon unterwegs ist und hin und wieder auftaucht und die Familie in Angst und Schrecken versetzt. Er war gegen die Kinder, wie auch die Mutter gewalttätig und oft ein Prügler. Er konnte seelenruhig zu den Söhnen ins Zimmer marschieren, ihnen ein Geldstück in die Hand drücken und nachdem sich der eine Sohn freudig für das unerwartete Geldgeschenk bedankt hat, dieses hämisch lachend wieder einstecken „ihr habt euch jetzt genug gefreut“.

Ein Jahr vor Abschluss schmeisst Audun die Schule hin und fängt einen Knochenjob in einer Druckerei an. Trotz aller Widrigkeiten, die ihn dort erwarten, hält der Junge, durch. Er bewältigt Pannen an den Maschinen, sieht Unfälle von anderen Angestellten und als er einem Kollegen zu Hilfe eilt, will ihn der Werkmeister entlassen, weil er seinen Arbeitsplatz verlassen hat. Aber obwohl er einen äusserst mürrischen Gruppenleiter hat, setzt sich dieser für Audun ein. Der „Querulant“, wie ihn einer bezeichnet, ist im entscheidenden Moment für seine Schwester, wie auch für Arbeitskollegen hilfsbereit zur Stelle.

Per Petterson, der vor allem durch seinen grossartigen Roman „Pferde stehlen“ bei uns bekannt geworden ist und danach auch durch „Im Kielwasser“ und „Ich verfluche den Fluss der Zeit“ sicher seine Leserschaft gefunden hat, liefert hier erneut eine Aussenseiter-Story ab, die im Original bereits 1992 (!) in Norwegen veröffentlicht wurde. Wieder geht es um eine zerrüttete Familie. Das Buch ging mir zu Herzen und gleichzeitig war ich schockiert, vor allem bei den Passagen, in denen Petterson den Umgang des Vaters mit seinen Söhnen beschreibt. Der Autor schildert anschaulich die Zeit Mitte der 1960er- und anfangs 1970er-Jahre,  die Zeit von Bob Dylan, den Beatles oder den Hollies, von Pepita-Hosen und Schmalztollen oder halblangen Haaren. Es ist die berührende Geschichte eines Heranwachsenden, der so oft auf sich allein gestellt ist und der sich, trotz aller Widrigkeiten in seinem jungen Leben und die die Pubertät so an sich haben, nicht so leicht unterkriegen lässt und seinen Weg bestimmt geht.

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