Kleiner Vogel, klopfendes Herz

Eine grosse Aufgabe, die die 19-jährige Irma Voth, übernommen hat. Zusammen mit ihren beiden Schwestern, der 13-jährigen Aggie und dem Baby Ximena, verlässt sie das kleine Dorf in der mexikanischen Wüste, um in Mexiko City Arbeit und eine Wohnung zu finden.

Aber nun mal der Reihe nach:

Irma’s Familie ist aus Kanada nach Mexiko „ausgewandert“ (warum ich dies in Anführungs- und Schlusszeichen schreibe, sei hier nicht verraten). Die Familie gehört zum Volk der Mennoniten. Um vom Vater loszukommen, heiratet Irma den Mexikaner Jorge, das wird natürlich überhaupt nicht goutiert. Trotzdem überlässt Irma’s Vater den beiden Jungvermählten ein Haus auf seinem Grundstück. Als Gegenleistung müssen sich diese um die Kühe kümmern.

Bald schon haut Jorge nach Chihuahua ab, um angeblich seine Mutter zu besuchen. Er kehrt jedoch nicht so schnell zurück und nun steht Irma da und hat keine Ahnung, wovon sie leben soll. Da kommt die Filmcrew von Diego Nolasco gerade zum richtigen Zeitpunkt in den kleinen Ort. Der Regisseur will hier einen Spielfilm über die Mennoniten drehen. Da eine deutsche Schauspielerin die Hauptrolle spielt und Verständigungsprobleme bestehen, wird Irma kurzerhand als Dolmetscherin engagiert. Eine grosse Chance für die junge Frau. Doch der Film und das ganze Drumherum ist mit vielen Schwierigkeiten belastet. Die Hauptdarstellerin ist depressiv, der Regisseur aufbrausend und launenhaft. Die Mennoniten für das Filmprojekt zu gewinnen, wird ebenfalls zur grossen Herausforderung. Zwar kehrt Jorge nochmals zu Irma zurück, aber die Beiden scheinen sich nicht mehr zu verstehen und er verschwindert endgültig aus Irma’s Leben. Als auch die jüngere Schwester Aggie sich auf dem Filmset herumtreibt und mehr Zeit bei Irma verbringt, als im Elternhaus, da wird’s erst richtig problematisch.

Irma schickt Aggie nach Hause und das ist wohl ihr grösster Fehler, wie sich herausstellen sollte. Irma betritt die Küche, wo ihre Mutter und die beiden Brüder untätig am Tisch sitzen, währenddem der Patriarch Aggie im Nebenraum fürchterlich verprügelt. Mutig stellt sich Irma vor den Vater und schleift ihre Schwester von diesem weg, zu sich nach hause.

Sie weiss, sie müssen weg von hier, es ist schon genug Schreckliches in der Familie passiert. Die älteste Schwester, Katie, lebt nicht mehr und über deren Tod wird rigoros geschwiegen.

Als die Mutter Irma auch noch die neugeborene Ximena übergibt, um sie vor dem Vater zu schützen, verkauft Irma was sie kann, auch Drogen, die Jorge für einen Bekannten aufbewahrt hat und finanziert sich mit dem Geld Flugtickets. Sie „leiht“ sich den Pick Up der Filmcrew aus und fährt mit Aggie und Ximena an den Flughaben von Chihuahua.

In Mexiko City fallen die Mädchen in ihrer Kleidung und den langen Zöpfen auf, aber das ändert sich ziemlich bald. Das Wichtigste ist nur, Arbeit und eine Bleibe für alle zu finden. Ausserdem muss Aggie wieder in die Schule gehen können. Wie sich die ganze Geschichte im Moloch Mexiko City noch entwickelt, das sei hier nicht verraten, ich will niemandem die Lust am Buch nehmen.

Mein Fazit ist etwas zwiespältig. Ich habe mich, beim Auslesen des Buches, überrumpeln lassen und zu wenig genau den Klappentext studiert. Ich las nur, dass Miriam Toews eine kanadische Schriftstellerin ist, und schaute auf das Buchcover. Da war ich auch schon mit dem Buch an der Kasse. Warum? Ich gestehe, ich bin ein Kanadafan, da habe ich doch einige Zeit meines Lebens verbracht.

Die Geschichte wäre sicher noch etwas spannender geworden, wenn die Autorin mehr Informationen zum Volk der Mennoniten einfliessen hätte lassen, schliesslich ist sie selber mennonitischer Abstammung. Und mir ging alles etwas zu glatt in der riesigen Hauptstadt. Da ist der hilfsbereite Taxifahrer, der die gestrandete Familie kreuz und quer durch die Stadt chauffiert und wie selbstverständlich auch noch auf’s Baby aufpasst. Da sind Studenten, die die drei bei sich aufnehmen und gleich auch noch eine Adresse für eine Stelle zur Hand haben. Und wie schnell die jungen Frauen zu „richtigen“ Mexikanerinnen mutieren, Aggie sogar schon als Punkerin …? Nein, das nehme ich der Autorin einfach nicht ab.

Auf der anderen Seite hat mich das Buch gefesselt, als Irma ihrer Schwester endlich die wahre Geschichte über die tote Katie erzählte und was da geschehen war, das kann ich mir eher als wahrscheinlich vorstellen. Schlussendlich muss jeder für sich selber entscheiden, ob er das Buch mag oder nicht.

4 Gedanken zu „Kleiner Vogel, klopfendes Herz

  1. Aber solchen Taxifahrer und Studenten, oder ganz einfach ausgedrückt: solchen hilfsbereiten Menschen begegnet man in Mexico, selbst in Mex-City durchaus!
    Zitat: wie schnell die jungen Frauen zu „richtigen“ Mexikanerinnen mutieren, Aggie sogar schon als Punkerin …?
    das verstehe ich nun nicht: was hat ein Punker-Stil mit „richtigen“ Mexikanerinnen zu tun?
    Und nun weiss ich immer noch nicht, ob ich mir dieses Buch kaufen sollte….?
    LG

    • Mit „richtigen“ Mexikanerinnen meine ich, die Mädchen haben die ganze Kindheit in einer ziemlich abgeschotteten Gemeinschaft mit strengen Regeln, in einsamen Gegenden (ob in Kanada oder Mexiko kommt etwa auf dasselbe heraus) verbracht, und schwups in der Grossstadt, wir sprechen immerhin von einer Stadt mit etwa 9 Mio. Einwohnern, läuft alles wie am Schnürchen und die beiden sind gleich völlig angepasst. Diesen Wandel in Rekordzeit nehme ich der Autorin nicht ab. Mir ist auch bewusst, dass es hilfsbereite Taxifahrer und Studenten gibt, vielleicht bin ich einfach „schlechte Nachrichten geschädigt“. Ob du das Buch kaufen willst, das musst du entscheiden, aber wie wär’s mit der Ausleihe in der Bibliothek?
      LG

      • Nun, erst mal schätzt !! man Mex-City offiziell auf irgendwo um die 20 bis 30 Millionen Einwohner.
        Daraus dürfte sich schon mal, nicht zuletzt durch die ethnische Buntheit dieser Stadt, wie im übrigen auch Mexikos als Nationalstaat, ergeben, dass Regeln relativ einseitig sein können. Und eben alle 112 Millionen Mexikaner haben ihr höchst eigenes Strickwerk, welches wiederum davon abhängt, welche Wurzeln ihre Familie hat: spanisch, maya, azteca, huichol, tarahumara, etc pp. Regeln, ja, die gibt es. Manche strenger als andere. Aber auch manche, die kaum einer kennt!
        Ich würde NIE den Fehler machen, Mädchen, die in Kanada und México aufgewachsen sind, mit einander zu vergleichen! (Frag einfach die Kanadierinnen, die als meine Nachbarinnen hier in Mexiko schon einige Jahre leben!
        Fazit: Weniger vorgefertigte (deutsche) Vorurteile tut oft gut!
        Ach ja, die Bibliothek: nirgends so so verbreitet wie in der deutschen Provinz!

      • Ich gehe einfach mal von den offiziellen Zahlen aus, was die Einwohnerzahl betrifft. Dass du keinen Zugang zu einer Bibliothek hast kann ich nicht wissen, das tut mir leid. Ich lebe in der Schweiz und hier bemüht sich manch kleines Dorf, auch in Bergtälern, um eine Bibliothek, was ich hier sehr schätze.

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