Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte

Rafik Schamis neuestes Werk haben wir im Lesezirkel ausgewählt und das trifft sich insofern sehr gut, da der Autor in zwei Wochen am Literatur-Festival „Zürich liest“ anwesend sein wird.

Das Buch lag bereits auf meinem SuB und so konnte es also heute losgehen. Mit seinen 169 Seiten gehört es zu den schmalen Bändchen. Der Titel macht schon ausgesprochen neugierig. Beim Leser kann man das Fragezeichen förmlich auf der Stirn geschrieben sehen, was es wohl damit auf sich hat. Auch das Buchcover mit den bunten und schönen Stoffen zieht einen magisch an.

Wie auf der Rückseite des Umschlags zu lesen ist, ist dies das persönlichste Buch von Rafik Schami. Er nimmt uns mit in seine Kindheit in Damaskus. Erzählt uns eben auch die Titelgeschichte, von seiner Familie und vor allem auch von seinem Grossvater, den er „den besten Grossvater der Welt“ nennt. Und ich kann ihn sehr gut verstehen. Wie spannend musste es damals für einen siebenjährigen Jungen sein, an der Hand seines Grossvaters durch die Souks zu gehen und zu staunen, riechen und den Erzählungen der Menschen zu lauschen.

Ausserdem erzählt uns Rafik Schami von seiner Mutter, wie er mit ihr während mehr als zwei Jahren im Radio nachts die Geschichten von Scheherasad und „Geschichten aus 1001 Nacht“ verfolgte. Als er von Ali Baba berichtet, musste ich gleich aufspringen, um nachzusehen, ob ich wohl den Erzählband aus meiner Kindheit noch habe, in dem diese Geschichte auch drin vorkommt. Meine Grossmutter hat sie mir erzählt. Auch sie konnte wunderbare Geschichten, vor allem Märchen vorlesen und noch mehr aus früheren Zeiten frei erzählen. Und genau ein Kapitel des Buches widmet Rafik Schami auch den Märchen „Eine zauberhafte Brücke nur für Kinder“. Da erzählt er dem Leser alles Wissenswerte über die Märchen: „Wer aber Märchen ganz dringend braucht, sind die Erwachsenen. Für sie sehe ich eine grosse Chance, damit wieder Kind zu werden.“

„Murmeln meiner Kindheit“ ist ein anderes Kapitel, da erzählt er uns über das Murmelspiel, die Beschaffenheit der kleinen Kugeln und was das Kind sein dürfen anbelangt, ich sag es ehrlich, da spricht Schami mir aus der Seele. Diesen Teil des Buches würde ich manchen Eltern zu lesen geben: „Vielleicht waren wir als Kinder nie so satt, so gehätschelt und vor jedem Schaden sicher und versichert wie die Kinder heutzutage, doch wir hatten die Strasse. Wir dehnten die Kindheit aus, so lange es ging…..“

Die Geschichte, die mich am meisten berührt hat, ist „Grossvaters Brille“, ich finde sie sehr persönlich und zeigt, wie sehr er seinen Grossvater geliebt hat.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn vielleicht das Kapitel „Eine zauberhafte Brücke nur für Kinder“ etwas lang geraten ist und sicher nicht jedermanns Sache ist. Ich habe das Buch meiner Mutter in die Hand gedrückt, weil mir die Titelgeschichte so sehr gefallen hat. Sie hat es mir nach zwei Tagen zurückgegeben und gemeint, das Buch hätte ihr nicht zugesagt. Das kann ich verstehen. Aber es ist nicht nötig, dass man alle Kapitel der Reihe nach liest. Wer will, kann etwas überspringen und zuerst ein anderes Kapitel lesen. Trotzdem, Rafik Schami hat mich gerade mit seinen Schilderungen der Gassen Damaskus‘ wieder zum Träumen verführt und vor meinem inneren Auge sind meine eigenen Reisen, die mich, zwar nicht nach Syrien, aber doch nach Algerien und Marokko geführt haben, aufgetaucht und die orientalischen Düfte der Gewürze und Parfüms, die Händler, der Muezzin…, all das hab ich noch einmal durch ihn gespürt.

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