Nenn es Schlaf

Es hat gedauert, bis ich dieses Buch endlich ausgelesen habe, nun habe ich es also geschafft. Einerseits wollte ich im Urlaub neue Bücher lesen (kam aber fast nicht dazu) und andererseits war es zwischendurch auch etwas anstrengend. Den Leser erwarten knapp 600 Seiten. Ich bin froh, dass ich endlich durch bin und habe mich mit Freuden auf einfachere Lektüre gestürzt.

Worum geht es?

Wir schreiben das Jahr 1906, der kleine David Schearl erreicht mit seiner Mutter Genya, auf einem Einwandererschiff, New York. Sie sind dem Vater Albert aus Galizien nachgereist, der, noch vor der Geburt Davids, nach Amerika ging. David begegnet seinem Vater hier zum ersten Mal und lernt einen mürrischen, jähzornigen Mann kennen, der ihm nur Verachtung entgegenbringt. Umso mehr klammert er sich an seine Mutter.

Die Familie wohnt im Einwandererviertel der East Side. Davids Vater arbeitet in einer Druckerei, die Mutter kümmert sich um den Haushalt. Sie sprechen nicht englisch und demzufolge bleiben sie unter sich, unterhalten sich selten einmal mit Nachbarn, vorwiegend in jiddischer Sprache. Nach einer Tätlichkeit verliert der Vater die Stelle, findet aber schnell wieder Arbeit in einer anderen Druckerei, wo er sich mit dem Vorarbeiter anfreundet. Oft bringt er ihn zum Essen mit nach Hause. David, ein ängstliches Kind, mag diesen Mann nicht. Die Mutter erweist sich in diesem Fall als sein Zufluchtsort. In ihren Armen fühlt er sich sicher.

„Ohne zu wissen warum, hatten ihre letzten Worte ihn berührt. Was er als Gedanken nicht zu erfassen vermocht hatte, das drückte ihre letzte Geste aus, die letzte sanfte Rauheit ihrer Stimme. Sass diese traumartige, flüchtige Traurigkeit in seinem Herzen oder tränkte sie die fedrige Luft der Küche? Er vermochte es nicht zu sagen. Aber wenn die Luft nur immer so wäre und er immer hier allein mit seiner Mutter. Jetzt war er ihr nahe. Er war ein Teil von ihr.“

Albert verlässt diese Druckerei erneut und fängt als Milchmann an zu arbeiten.

Auch Genyas Schwester Bertha, trifft in New York ein und wohnt, trotz Protest des Vaters, bei der Familie. Er findet Bertha eine widerliche Frau, mit einer „spitzen Zunge“. In der Tat, ist Bertha alles andere als einfach und hält mit ihrer Meinung kaum je hinter dem Berg. So kommt es oft zu Wortgefechten und Verwünschungen und dass Albert und Bertha sich nicht an die Gurgel gehen, ist nur der einlenkenden und ruhigen Art Davids Mutter zu verdanken.

David findet nur schwerlich Anschluss zu den anderen jüdischen Kindern. Sobald ihm etwas missfällt oder er sich auf irgendeine Art ängstigt, zieht er sich zurück. Er bleibt introvertiert, lebt in seiner eigenen, nach innen gekehrten Welt.

Auf Wunsch des Vaters, besucht David die jüdische Elementarschule, den Chejder. Die Schüler müssen sich vor dem strengen Rabbi in Acht nehmen und kassieren so manchen Stockhieb, wenn sie nicht aufpassen oder eine falsche Antwort geben: „Und nun komm und lies.“ Er war nun wieder herrisch. „Und ihr anderen Holzköpfe seht euch vor! Wenn ich euch nur blinzeln höre, zerreisse ich euch nicht in Fetzen, sondern in die Fetzen von Fetzen.“

Als sich David gerade wieder einmal von seinen Kameraden abgewandt hat, fällt ihm ein älterer Junge auf, der auf dem Dach des Nachbarhauses seinen Drachen steigen lässt. David sucht dessen Freundschaft. Leo ist tagsüber sich selber überlassen und kann tun und lassen was er will. Das imponiert David. Obwohl Leo nicht wirklich an dem Judenjungen interessiert ist, wird er neugierig, als er von David erfährt, dass dieser zwei ältere Kusinen hat. Leo ist in einem Alter, wo er sich für das weibliche Geschlecht, nur aus einem Grund, brennend interessiert. Als David dies bemerkt, bekommt er es wieder mit der Angst zu tun. Er willigt trotzdem ein, Leo zu seinen Kusinen zu führen. Mehr sei hier nicht verraten.

Die Ereignisse überstürzen sich schliesslich. Es kommt zum Eklat, da der Vater glaubt zu wissen, dass David nicht sein leiblicher Sohn ist. Er hatte es immer vermutet. Die Mutter befiehlt David zu fliehen, um Schlimmeres zu verhindern. So rennt der Junge in panischer Angst und ziellos durch die Strassen und kommt beinahe um, als er einen Kurzschluss bei den Tramschienen auslöst.

Henry Roth, 1908 selbst mit seiner Familie aus Galizien nach Amerika emigriert, legt uns mit seinem ersten Roman ein gewaltiges Werk vor. Ich bin hin und her gerissen, was ich von diesem Buch halten soll. Einerseits ist es sehr spannend geschrieben, dann wieder wird das Lesen sehr mühsam, ist doch die Sprache, vor allem die der Kinder in einem Slang zwischen jiddisch und englisch angesiedelt (natürlich übersetzt). Ist David im Chejder, kommen auch hebräische Passagen vor. Gut, die kann man überspringen, ich verstehe kein Hebräisch. Aber lest mal, diesen Satz, wenn einer der Jungen, mit offenem Gaumen spricht, liest sich das so: „Dla wljar fe sfon.“ „Flon groljf Bwljnn!“. Keine Angst, diese Abschnitte halten sich in Grenzen🙂

Zwischendurch war ich nahe dran, das Buch in die Ecke zu schmeissen. Es war mir manchmal einfach zu anstrengend, auch wenn der Autor uns an Davids Traumwelten teilnehmen lässt. Geräusche, Gelächter usw. werden wörtlich geschrieben. Dann hat meine Neugierde wieder überwogen und ich habe mit Freude weitergelesen. Ich wollte wissen, wie diese Familiengeschichte endet. Aber alles in allem, hätte man den Roman um mindestens hundert Seiten kürzen können. Das hätte dem Buch keinen Abbruch getan, im Gegenteil.

Das Buch wurde erst Mitte des Jahres, in einer neuen Übersetzung von Eike Schönfeld, neu herausgegeben. Als es im Jahre 1934 erschienen ist, war Roth gerade einmal 28 Jahre alt. Das Buch fand zwar Beachtung, aber ging doch etwas unter in der damaligen Depressionszeit. Die meisten Amerikaner hatten andere Sorgen, als Romane zu lesen . Erst 1964 wurde der Roman ein Erfolg und gehört heute zu den Klassikern.

Henry Roth hat während sechzig Jahren nichts mehr geschrieben, er litt an einer Schreibblockade. Er arbeitete als Unternehmer und Farmer. Erst als er achtzig Jahre alt und seine Frau gestorben war, schrieb er an weiteren Romanen. 1995 ist der Schriftsteller gestorben.

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