Zürich liest (Teil II)

Endlich ist es soweit. Das Literaturfestival hat begonnen und ich hab mich frühzeitig in die Stadt aufgemacht, denn heute sollte die Lesung mit dem Literatur-Nobelpreisträger von 2003, J. M. Coetzee stattfinden.

Es ist schon eine besondere Ehre, die der Autor dem Festival erweist. Denn 1. gibt der Mann äusserst selten Interviews und 2. ist es die einzige Lesung in Europa überhaupt. Coetzee gibt ganz selten Interviews, eines war am Freitag in der NZZ abgedruckt. Leider kann ich nicht zur Zeitung verlinken, denn bei dieser Zeitung kostet fast jeder Beitrag etwas und ist deshalb schon nicht mehr online lesbar. Aber was mich sehr freut, dass der Autor in der „New York Review of Books“ ein Essay über den Schweizer Schriftsteller Robert Walser geschrieben hat.  Der Termin ist relativ kurzfristig eingeschoben worden, denn er war nicht geplant. Sicher deshalb auch der ungewöhnliche Ort für die Lesung, das Stadthaus von Zürich. Die Veranstaltung war bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Zuerst machte ich mich aber Richtung Anlaufstation zu „Zürich liest“ auf, wo Programme auflagen und Bücher, von diversen Verlagen vorgestellt wurden.

Hier eine der jüngsten „Leserinnen“, die argwöhnisch das Lesezeichen oder vielmehr den Karton betrachtet.

Auch Musiker scheinen sich für Literatur zu interessieren.

Da die Temperatur angenehm mild war, war es auch kein Problem, längere Zeit vor dem Stadthaus zu warten.

Da kam einer extra vom Bodensee angereist, um noch einen Stehplatz zu ergattern, den hatte er sich anscheinend per E-Mail erworben. Nur war der Ärmste nicht auf der Liste und zog unverrichteter Dinge wieder von dannen. Schade, hätte er nur ein paar Minuten gewartet, dann hätte er von einer Dame ein Ticket erwerben können.

Dann war da noch so ein unmöglicher Zeitgenosse, der der Kartenverkäuferin das Leben mit stupiden Bemerkungen schwer machen wollte. Hat sich verärgert zurückgezogen, stand dann schlussendlich doch in der Halle und hat sich hoffentlich wieder abgeregt.

Das Plakat wurde schon einmal vor die Tür gestellt, aber immer noch mussten wir uns etwas gedulden.

Dann wurden wir eingelassen. Die Einen kauften noch schnell ein Buch, damit der Autor auch etwas zum Signieren hat, sonst würde ihm vielleicht langweilig werden 😉

Die Leiterin des Literaturhauses begrüsste die Gäste und wies auch gleich darauf hin, dass Coetzee keine Fragen zu seinem Werk beantworten würde. Die Dame war so auf den Autor fixiert, dass sie die Erzählung, die Coetzee uns vorlesen würde mit „The old man and the cats“ statt „The old woman and the cats“ ankündigte, sie hat sich dann hastig korrigiert.

Anschliessend sprach Guido Kalberer, Redaktor beim „Tages Anzeiger“, die Einleitung und gab einige Eckdaten zu J.M. Coetzee bekannt. Unter anderem erfuhren wir, dass der Autor seit einigen Jahren in Adelaide, Australien, lebt, und sogar australischer Staatsbürger geworden ist.

Schliesslich trat John M. Coetzee vor das Publikum. Sehr sympathisch war, dass er die einleitenden Worte zu seiner Erzählung auf Deutsch sprach. Mit einer sehr angenehmen und sanften Stimme trug er seine unveröffentlichte Geschichte in Englisch vor. Es hat irgendwie inspiriert, wieder einmal einen Text in englischer Sprache zu lesen. Es ist doch ein Unterschied, ob man eine Übersetzung oder das Original vor sich hat, gerade bei Coetzee, der sehr ausgewählte Worte benutzt.

Mir hat die Geschichte über die alte Frau mit ihren Katzen sehr gefallen. Es ging darum, dass der Sohn aus Amerika seine Mutter besucht, weil er sie ins Altersheim bringen will. Er ist sehr erstaunt, dass sie sicher ein Dutzend halbwilder Katzen in ihrem Haus hat. Die Katzen nahm die alte Dame bei sich auf, weil die Besitzer die Tiere zurückgelassen hatten, als sie aus dem Dorf wegzogen. Auch ein älterer Mann namens Pablo lebt bei der Mutter. Auf diesen müsse sie ebenfalls aufpassen, da er eine schwere Zeit hinter sich habe. Der Sohn führt nun ziemlich philosophische Gespräche mit seiner Mutter, ob die Tiere Gesichter und Seelen haben oder nicht. Auch wie es gewesen wäre, wenn seine Mutter einen Haufen Kinder gehabt hätte oder eben nur ihn und seine Schwester. Wie die Menge der Kinder sein späteres Leben beeinflusst hätte usw. Zwischendurch kamen durchaus witzige Passagen vor, so dass hin und wieder gelacht werden konnte.

Es war auf alle Fälle eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt.

Die Signierstunde durfte anschliessend nicht fehlen. Unglaublich, was die Leute alles anschleppen! Die halbe Bibliothek haben die einen zu Hause ausgeräumt und gleich ein halbes Dutzend Bücher signieren lassen. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass man zügig am Tisch von J.M. Coetzee vorbeigehen solle, damit er nicht bis in die Morgenstunden unterschreiben müsse.

Danach wurde ein Apéro mit Wein, Mineral und einer Suppe offeriert. Das war eine sehr schöne Überraschung. Im wunderschönen Kreuzgang, zwischen dem Stadthaus und dem Fraumünster gelegen, konnten wir die ersten Eindrücke vom Abend diskutieren und geniessen.

Und so sieht die Unterschrift dieses zurückhaltenden und sympathischen Autors aus:

Mein erster Abend war schon ein absolutes Highlight. Auf meinem zwanzig-minütigen Fussmarsch nach Hause, konnte ich den Abend schon ein erstes Mal zufrieden Revue passieren lassen.

Morgen Samstag geht es weiter.

2 Gedanken zu „Zürich liest (Teil II)

    • Das war es ganz bestimmt. J.M. Coetzee kam sehr sympathisch rüber. Er wirkt einfach sehr zurückhaltend, da für ihn das geschriebene Wort wichtiger ist, als das gesprochene, wie er von sich selber sagt.

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