Als das Cello vom Himmel fiel

Es gibt Bücher, bei denen schon der Titel neugierig macht. „Als das Cello vom Himmel fiel“ gehört ganz sicher dazu. Was muss man sich denn darunter vorstellen? Ganz schön schweres Geschoss, wenn einem ein Cello auf den Kopf fallen würde. Hat einer sein Cello aus Wut aus dem Flugzeug geworfen? Im englischen Original heisst das Buch einfach „Bow grip“.

Spass beiseite, kommen wir zum Inhalt:

Joey, Automechaniker von Beruf, wurde nach fünf Jahren Ehe von seiner Frau Ally verlassen. Mit ihrer neuen Lebensgefährtin ist sie nach Calgary gezogen. Nun sitzt Joey da, geht seinem Arbeitskollegen Franco, seiner Mutter und Schwester so ziemlich auf den Geist. Er ist für seine Mitmenschen seit einem Jahr ungeniessbar. Seine Mutter rät ihm dringend, sich ein Hobby zuzulegen. Da kommt ihm gerade gelegen, als ihm ein Kunde einen Tauschhandel vorschlägt: Occasionswagen gegen Cello, das er zu Hause liegen hat. Warum nicht, sagt sich Joey, und geht auf den Handel ein.

Das Auto des Käufers springt, nach kürzester Zeit nicht mehr an und so bittet der „Cowboy“, wie der Käufer im Ort genannt wird, Joey, das Auto zu reparieren. Joey wundert sich, hat er den Wagen doch total überholt:

„Ich lehnte mich einen Moment zurück. Und da sah ich es. Den Russ. Ein dünner Film aus schwarzem Russ bedeckte das ganze Wageninnere… Dann erschnupperte ich neben dem Benzindunst den stechenden Geruch von Abgasen…..“

Er nimmt das Auto zurück in die Werkstatt. Als er es wieder abliefern will, ist der Mann verschwunden. Seinen Bus, in dem er gehaust hat, hat er stehen lassen. Der einzige Hinweis, den Joey, im Bus findet, ist eine Adresse auf einer Postkarte, die vielleicht zur Ehefrau des Mannes führen könnte.

Was nützt das schönste und kostbarste Cello, wenn man das Instrument nicht spielen kann? Joey möchte Unterricht nehmen, was im kleinen Drumheller kaum möglich ist, aber in Calgary findet sich bestimmt eine Lehrerin. Zudem könnte er auch Allys Sachen mitnehmen, die sie damals zurückgelassen hat. Er muss endlich mit der gemeinsamen Vergangenheit abschliessen. Und die Frau des „Cowboys“ könnte er auch aufsuchen. So macht er sich im Auto auf in die Stadt, checkt in einem billigen Motel ein und begegnet einigen Motel-Bewohnern, wie dem pensionierten Hector, als Türnachbar, und der allein-erziehenden Mutter Kelly mit deren Tochter. Sie hat sich aus einer üblen Beziehung verabschiedet, worüber Hector bestens Bescheid weiss:

„Es gibt keinen Typ Frau, der einem Mann erlaubt, sie zu schlagen. Es gibt nur den Typ Mann, der seine Frau schlägt.“

Für die kommenden Tage hat Joey sich Einiges vorgenommen. Unter anderem steht ihm der Besuch bei seiner Ex-Frau bevor:

„Ich hängte den Hörer heftig ein und wünschte, ich klänge auf dem Anrufbeantworter nicht immer wie der letzte Idiot.“

Als er dann Ally aufsucht und am Tisch sitzt, da kommt seine Welt, im wahrsten Sinne des Wortes, ins Wanken. Er wird ohnmächtig, wird ins Spital gebracht und die Ärztin gibt ihm eine Adresse einer Therapeutin. Eine Panikattacke habe er gehabt.

Als Ally ihn zu einem Gespräch unter vier Augen einlädt und ihm eine grosse Neuigkeit eröffnet, muss er eine Entscheidung treffen, die sein Leben komplett verändern wird.

Das Buch von Ivan E. Coyote ist schnell gelesen und ich habe es mit Freude getan. Wie gesagt, der Titel hat mich neugierig gemacht und als ich las, dass die Schriftstellerin Kanadierin ist, war mein Interesse erst recht geweckt, denn ich mag kanadische Literatur. Die Autorin zeigt viel Gespür für den männlichen Ich-Erzähler Joey. Sie zeigt auf, dass man nach einer Trennung sehr wohl wieder Freude am Leben finden kann und wie wichtig es ist, sich jemandem mitzuteilen. Joey hat sich nicht unbedingt seinen nächsten Angehörigen und Freunden geöffnet, aber er hat fremde Menschen gefunden, die ihm zugehört und die sich für ihn interessiert haben. Sie greift zudem ein wichtiges Thema der heutigen Gesellschaft auf, nämlich das der Homosexualität. Ivan E. Coyote lebt selber mit ihrer Partnerin in Vancouver zusammen. Sie weiss also, wovon sie schreibt.

In der Danksagung, am Schluss des Buches, erwähnt sie einen Cousin, der die Datei, sprich das Manuskript, aus der geschmolzenen Festplatte ihres PCs, gerettet hat. Ihr Haus ist abgebrannt. Ich bin für die Autorin und für uns Leser sehr froh, dass das Manuskript nicht ein Raub der Flammen wurde, denn ein kleiner und feiner Roman wäre verloren gegangen.

Ivan E. Coyote ist im Yukon Territorium, in Kanada, geboren. Sie ist nicht nur Schriftstellerin, sondern in ihrem Land auch eine bekannte Performerin. Dies ist ihr erster Roman, zuvor hat sie fünf Kurzgeschichten-Bände herausgegeben. Und gemäss ihren Angaben liebt sie Trucks, kleine Hunde, guten Kaffee, gescheite Frauen, Lederarbeiten, Tischlern, Geschichten erzählen, Angeln, Hockey, Knoten knüpfen, Kochen, auf Bäume klettern und ihren Mittagsschlaf.

2 Gedanken zu „Als das Cello vom Himmel fiel

  1. Ein absolutes MUSS !Insbesondere für Menschen, die Cello spielen oder zumindest von diesem Instrument berührt werden.Die Cello-spezifischen Passagen stimmen inhaltlich, sowie emotional. Die Autorin ist klasse! Der Erzählstil gefäält mir sehr gut- ich wollte das Buch, einmal angelesen, nicht mehr aus der Hand legen.
    Hoffentlich wird es weitere, schöne Bücher von der Autorin geben!

    • Ach schön, dass es dir auch so gut gefallen hat. Es war wirklich ein wunderbares Leseerlebnis. Von deinen Worten her, gehe ich davon aus, dass du Cello spielst?

      Ich hoffe jedenfalls, dass ich noch weitere Bücher von dieser kanadischen Autorin entdecken darf.

      Liebe Grüsse buechermaniac

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