Offener Brief an Friedrich Dürrenmatt

Kürzlich ist im Diogenes Verlag eine 960-seitige (!) Biographie über Sie erschienen. Auch das neue Diogenes Magazin widmet Ihnen einen ganzen Sonderteil. Ich lese, dass der Schweizer Journalist, Peter Rüedi, die Darstellung der Biographie, chronologisch gesehen, 1957, mit dem Welterfolg des Theaterstücks „Der Besuch der alten Dame“ enden lässt.

„Der Besuch der alten Dame“, ich komme nicht davon los. Dieses Stück habe ich das erste Mal im Fernsehen gesehen, es wurde damals in einer berndeutschen Dialektfassung aufgeführt. Bis heute sind mir gewisse Szenen daraus, vor allem mit den Eunuchen der Claire Zachanassian, im Gedächtnis haften geblieben, so dass ich sie heute noch teilweise nachsprechen kann. Es waren die komischen Momente in dieser Tragikomödie. Als ich etwas älter war, habe ich die Hollywood-Version mit Ingrid Bergmann gesehen. Der Film wurde kein Knüller, aber das hat Sie nicht gestört.

Und dann kam der ganz grosse Moment: Im letzten Schuljahr haben wir das Stück im Deutschunterricht regelrecht seziert. Der Höhepunkt war dann am Examen unsere Aufführung. Der Deutschlehrer hatte mir sogar die Hauptrolle gegeben. Es hat viel Mühe bereitet, die langen Texte auswendig zu lernen. Dann, eines Tages, entschied der Lehrer anders; die Zweitbesetzung, Silvia, sollte Claire Zachanassian spielen, ich sollte die Rolle des Lehrers übernehmen.

Können Sie sich das vorstellen? Das war für mich zuerst geradezu eine Abwertung. Ich war empört und enttäuscht über seinen Entscheid. Ich konnte nicht nachvollziehen, weshalb unser Lehrer sich anders entschieden hatte. War es, weil Silvia Schülerin in seiner eigenen Klasse war? Keine Ahnung. Ich fand Silvia damals so langweilig und fade. Claire hatte schliesslich grosses Temperament.

Ich muss gestehen, dass die Rolle des Lehrers dann allerdings auch nicht ohne war. Sie haben sich da ziemlich lange Monologe für ihn ausgedacht. Wie Silvia schliesslich die Claire gespielt hat, weiss ich heute nicht mehr, denn ich hatte damals genug zu tun mit meiner Rolle.

Als der grosse Moment, nach vielen Proben, endlich gekommen war, war ich fürchterlich nervös. Ich hatte schreckliches Lampenfieber, stand hinter der Bühne und ging diverse Textpassagen innerlich nochmals durch. Ich war plötzlich nicht mehr sicher, „kommt das jetzt oder erst im 2. oder gar 3. Akt? – was ist, wenn ich nicht mehr weiter weiss?-  -mein Gott, ich habe den Text vergessen! Hilfe!! -“

Dann musste ich raus auf die Bühne und meine Beine zitterten. Eine Souffleuse stand an der Seite, hinter dem Bühnenvorhang. Aber wie von Geisterhand war mir der ganze Text wieder präsent. Ich versichere Ihnen, ich war überglücklich darüber. Allerdings war ich froh, dass die Scheinwerfer eingeschaltet waren und den Saal, ausser den ersten Reihen, im Dunkeln liessen. So konnte ich das Publikum kaum sehen, denn der Kirchgemeindesaal war proppenvoll. Alle Eltern und auch Bekannte sind zur Aufführung gekommen.

Es war nicht nur für mich, auch für die Anderen, ein einmaliges Erlebnis, einmal im Leben auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“ zu stehen. Und es kommt hin und wieder bei einer unserer  Klassenzusammenkünfte vor, dass „Der Besuch der alten Dame“ einmal mehr Gesprächsthema wird.

Jener Abend bleibt unvergessen in meinen Erinnerungen und ich danke Ihnen für dieses grossartige Theaterstück.

Hochachtungsvoll

eine Verehrerin Ihrer Werke

(Anmerkung: Der Zufall wollte es, dass ich am Literaturfestival „Zürich liest“ auf dem Stadtrundgang eine alte Dame aus Zürich kennenlernte, die Friedrich Dürrenmatt persönlich gekannt hat. Er hat, einige Zeit bei ihrer Familie in Zürich gewohnt und sie hat mir ein wenig berichtet. Wir haben uns sehr gut unterhalten und vielleicht ergibt es sich noch, dass ich aus jener Zeit etwas erzählen kann.)

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