Der nächtliche Lehrer

Lennart hatte den Namen Sandvika noch nie zuvor gehört und brauchte eine ganze Weile, bis er ihn in seinem alten Schulatlas überhaupt fand: „eine kleine Stadt an einem langgestreckten See, in einer dünn besiedelten Gegend.“

Hier sollte Lennart seine erste Stelle als Religions- und Kunstlehrer antreten. Zuerst nur zum Vorstellungsgespräch, reist er von der Hauptstadt nach Sandvika. Schüler sieht er erst mal keine. Der Schulleiter hat Hitzefrei gegeben. Dieser erzählt ihm so Einiges  und dass er einen schwierigen Sohn habe.

Einige Tage später erhält Lennart die Zusage und so beginnt er seine erste Stelle nach den Sommerferien. Er hält sich oft in der örtlichen Bibliothek auf, wo ihm die Bibliothekarin Elisabeth auffällt und nach nicht allzu langer Bekanntschaft heiraten die Beiden. Das Glück hält nicht lange an. Lennarts Frau kommt bei einem Autounfall ums Leben, sie war ausserdem mit dem gemeinsamen Kind schwanger.

Lennart bleibt, trotz des Unglücks in Sandvika und bereits zwei Wochen später unterrichtet er wieder. „Ich lebe jetzt für uns beide weiter“, sagte er einmal zu Lukas, dem Pfarrer, der ihn jetzt öfters besucht, „oder für uns drei.“

Er führt sein Leben weiter, wie bevor er Elisabeth kennen gelernt hat, auch die Stadtbibliothek sucht er wieder regelmässig auf.

Manchmal begleitet er einen Kollegen Gralsberg, der in derselben Strasse wohnt. Die beiden müssen keine grossen Worte verlieren. Lennart zieht sich immer mehr zurück, lehnt Einladungen ab und so bleiben diese irgendwann aus.

So vergehen eineinhalb Jahre, in denen er den Pfarrer besucht, mit der Aktentasche am Grab seiner Frau sitzt und mit Wanderungen in und um die Stadt, bis er eine Aushilfs-Lehrerin kennenlernt. Diese ist jedoch nur für kurze Zeit an der Schule tätig und als sie in die Stadt zurückkehrt,bricht der Kontakt schon bald wieder ab.  Einige Jahre später wird ein Buch mit dem Titel „Waldgedanken“ veröffentlicht, das Lennart geschrieben hatte. Keiner seiner Lehrerkollegen hatte etwas gewusst. In der Schule sind die meisten Lehrer wenig vom Inhalt des Buches begeistert, weil es an Wissen-schaftlichkeit mangle und trotzdem, seine Schüler lesen das Buch heimlich. Lennart wird zu Lesungen eingeladen. Noch vor der ersten Lesereise hängt er seinen Job an der Schule an den Nagel. Er mochte den Lehrerberuf eh nicht besonders.

Wieder vergehen einige Jahre und Lennart wird von der Umgebung als kauziger Typ wahrgenommen. Seine alte Aktenmappe begleitet ihn auf Schritt und Tritt. Obwohl er nicht mehr am Gymnasium unterrichtet, hat er die Schlüssel zur Schule nie abge-geben. Manchmal taucht er dort auf und unterhält sich mit einigen Lehrern, die er von früher her noch kennt. Und in der Nacht geistert er durch die leere Schule und verbringt Stunden in einem der Klassenzimmer. Nur Gralsberg, der noch seinen Hund ausführt, sieht das nächtliche Treiben seines
ehemaligen Kollegen.

Klaus Böldl hat auf 125 Seiten ein ganzes Leben gepackt und es braucht keine Seite mehr um zu verstehen. Es ist ein kleines Werk, das mit leisen Tönen daherkommt und erzählt das Leben von Lennart in wunderschönen, einfachen und poetischen Sätzen.

„Es entging Lennart in keinem seiner Jahre in Sandvika, wie das Laub sich in den ersten kalten Nächten in Herbstlaub verwandelte und der See an den Ufern eine dünne Eishaut bekam, unter der das Wasser dann schwarz wie ein Kohlenkeller erschien.“

Ob Lennart, ohne den Tod seiner Frau, auch zu diesem Eigenbrötler geworden wäre, wissen wir nicht. Es interessiert ihn nicht, was andere über ihn denken. Seine Lebens-weise ist seine Art, mit dem Verlust und der Trauer umzugehen.

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