Hand aufs Herz

Eine Autofirma in London ruft zu einem Wettbewerb auf. Wer am längsten eine Hand an einen neuen Land Rover Discovery, kurz Disco genannt, hält, der hat gewonnen und kann das Auto sein Eigen nennen. Das ist ja super einfach. Denkste!

Denn jeder Teilnehmer glaubt, dass er den längsten Atem hat, somit kann das Tage dauern! Es strömen die unterschiedlichsten Menschen auf das Firmengelände „Back-to-Back“ im Stadtteil Olympia und am Anfang sind weit über hundert Teilnehmer versammelt. Das ist eine unmögliche Angelegenheit, also soll das Los entscheiden und schliesslich können sich vierzig Personen glücklich schätzen, dass ihre Nummer gezogen wird.

Am Anfang müssen zwei Autos, ein Subaru und der dunkelblaue Discovery bereitgestellt werden, sonst zerdrücken sich die Menschen förmlich. Jeder ist guter Stimmung, prahlt, dass er der geborene Sieger sei. Manch einer hat sich bestens vorbereitet und einen Haufen Proviant mitgenommen oder wird von Angehörigen unterstützt.

Die Regeln sind folgende:

  1. Die Ruhepausen werden mit einer Trillerpfeife bekannt gegeben.
  2. Essen darf man jederzeit, vorausgesetzt die Hand bleibt am Auto.
  3. Eine Hand muss das Auto ständig berühren.
  4. Anlehnen oder sich aufstützen und sich setzen ist nicht gestattet.
  5. Der Sieger muss sich einem Bluttest unterziehen, um den Beweis zu erbringen, dass keine Drogen oder Dopingmittel genommen wurden.

Alle zwei Stunden gibt es eine Pause von fünf Minuten, während der man die kostenlose Toilette benutzen kann. Es sind extra drei Dixie-Toiletten von einer Firma gesponsert worden.

So, da steht nun ein Haufen Leute um die zwei Wagen herum und jeder hat seine Gründe, warum er hier ist, weshalb er das Auto haben will. Jeder hat seine ganz eigene, persönliche Geschichte, die irgendwann an die Oberfläche gespült wird.

Da ist zum Beispiel Jess Podorowski, die Politesse, die den lieben langen Tag Strafzettel verteilt und sich so manche Unflätigkeit und Beschimpfung gefallen lassen muss. Zu Hause sitzt ihre Tochter Nat im Rollstuhl. Jess könnte, wenn sie das Auto gewinnen würde, den Rollstuhl einfacher verstauen, um ihre Tochter zur Schule zu fahren.

Dann haben wir Tom Shrift, der hatte eine Firma für Glückwunschkarten, seine Firma ging bachab, weil ein Geschäft mit den Russen nicht geklappt hat, sagt er. Jetzt ist er arbeitslos, hat unbezahlte Rechnungen und würde, wenn er das Auto gewinnen würde, den Wagen gleich wieder verkaufen, er braucht das Geld dringend.

Da gibt es Matt Brocklebank, aus guter Familie, Student. Das Leben ist für ihn einfach, nun möchte er mal erleben, wie es ist, wenn man sich auf ein Abenteuer einlässt. Betsy, die hübsche Frau, die Pech mit den Männern hat, weil sie zu hübsch ist. Vielleicht fällt ihr ja hier „Mr. Right“ in den Schoss?

Walter längst pensioniert, hatte Kinderlähmung, was man an seinem Bein ansieht, zu hoher Blutdruck, muss dagegen Tabletten nehmen. Besser gesagt müsste, denn die setzt er ab, weil Statine im Medikament enthalten sind und wenn er der glückliche Gewinner wäre, könnte er das Auto verlieren (siehe Pkt. 5). Tayshawn, der schwarze, viel zu dicke Junge, der einfach von der Gang loskommen möchte und da käme ihm das Auto gerade recht. Hausfrauen, Transvestiten, ein ehemaliger Autodieb, ein Asylbewerber aus Zaïre, der Schlaflose und ein Soldat. Eine kunterbunte Mannschaft und alle wollen den Disco.

„Alle diese und noch viele weitere tauschten ihre Geschichten über die zwei Autos hinweg aus, und jeder von ihnen hatte seinen ganz persönlichen Vorteil, aber auch seine verborgenen Schwächen, die ihnen entweder zum Sieg verhelfen oder diesen Sieg gerade verhindern würden.“

Irgendwann sind die ersten zwei Stunden um, der erste Toilettengang ist angesagt, Schlangen bilden sich vor dem WC und fünf Minuten sind ziemlich schnell um. Dann passiert auch den ersten Teilnehmern das Missgeschick, dass die Hand am Auto abrutscht oder sonst ein Malheur. Matt kommt die Idee, man könnte zur Abwechslung zu „Burger King“ um die Ecke spurten, um Verpflegung zu organisieren. Der Student ist durchtrainiert und rast in der nächsten Pause los. Die Anderen gucken gespannt auf die Uhr. Schafft er es in dieser kurzen Zeit?

Tom und Jess unterhalten sich darüber, wer der härteste Gegner sein könnte.

 „Nein, mein Hauptgegner wird ein Mann sein, ein älterer Mann. Studien beweisen, dass Frauen zwar zäher sind als Männer, aber es fehlt ihnen die Hartnäckigkeit, mit der Männer sich ganz auf ein Ziel konzentrieren, und ein älterer Mann ist bei dieser Art von Härtetest ausdauernder als ein jüngerer.“

Jeder macht sich so seine eigenen Gedanken, beobachtet den anderen heimlich. Sympathien oder Abneigung werden entwickelt. Das Radio fängt an über den Wettbewerb zu berichten, die ersten Journalisten tauchen auf.

„Achtundzwanzig Menschen; das war alles. Hände auf Metall. Zwei Autos, ihre Verbindung zum Leben. Schon eine ganze Weile war niemand mehr ausgeschieden, und inzwischen war allen klar, dass die gesamte Teilnehmerschaft nur noch aus Sturköpfen bestand, von denen jeder bereit war, mit allem zu kämpfen, was er hatte.“

Eine Nacht vergeht, dann ein Tag. Noch eine Nacht, noch ein Tag. Die Muskeln fangen an zu schmerzen, die Lider sind schwer, Halluzinationen, das Gedächtnis hat Aussetzer, die Lippen sind trocken, der befürchtete Mikroschlaf stellt sich ein. Dieser Irrsinn hat die Zähen in den Klauen. Andere geben auf, haben die Schnauze voll und dann – dass Unfassbare – es gibt einen Toten. Der Autofirma-Besitzer „Hatch“ hat auch seine Probleme. Eigentlich ist er pleite, die Ehe ist am Nullpunkt, die beiden Mitarbeiter haben ebenfalls genug, denn sie haben ihren letzten Lohn nicht erhalten und wollen gehen. Irgendwie geht es aber doch weiter.

Zusätzlich geht es auch um einen Weltrekord und somit um einen Eintrag ins „Guinnessbuch der Rekorde“, der „Guinness-Man“ muss auch beigezogen werden:

„Er hatte mit angesehen, wie Leute tauchten, auswendig lernten, hoben, hungerten, überwanden, aushielten, aufbauten, buken, zerrten, froren, sich verrenkten, schluckten, hielten, balancierten, wie sie strebten, siegten, sich zerstörten, ihren Körper so behandelten, als würden sie morgen einen neuen bekommen, nur um die Nase ein Stückchen höher zu tragen, als alle anderen.“

Es gibt Bücher wie dieses von Anthony McCarten, bei denen stimmt von Anfang an einfach alles. Der Plot ist hervorragend, die Spannung steigt von Seite zu Seite. Mein Partner meinte, dass es zu viele Figuren im Roman hätte. Aber bei einem Wettbewerb ist das so üblich. Zudem ist dies nur zu Beginn so. Es lohnt sich dran zu bleiben. Der Leser muss mit den Figuren warm werden, sie kennenlernen. Der Roman ist eine fantastische Gesellschaftsstudie. Er zeigt das Leben, wie es für viele ist, mit all seinen Höhen und Tiefen, mit Liebe und Hass. Wahrnehmungen werden den einen ins Gesicht geschleudert, die die Seele verletzen. Im Laufe der Tage verändert sich jeder Einzelne der Teilnehmer. Die Dialoge sind grossartig und das Ende? Fast wie im Krimi, was da für ein Geheimnis zu Tage befördert wird – zufällig – einfach der Hammer. Unglaublich, aber wahr, eben so wie im richtigen Leben.

Ich bin begeistert und habe das Buch verschlungen und sage nur eins: Lesen!

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