Hinter dem Paradies

Ich muss zugeben, dass ich in der arabischen Literatur hauptsächlich Romane von Schriftstellern gelesen habe, mit wenigen Ausnahmen, unter anderem von Assia Djebar. Mit dem vorliegenden Buch erweitere ich meinen Horizont um eine ägyptische Schriftstellerin, Mansura Eseddin.

„Hinter dem Paradies“ ist Esedinns erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde und im Unionsverlag erschienen ist. Der Leser begleitet Salma, eine junge Ägypterin, in ihr Heimatdorf im Nildelta. Sie kehrt in ihr Elternhaus zurück und es ist gerade ein Jahr vergangen, seit ihr Vater Raschid gestorben ist. Salma hat Mühe, den Tod des Vaters zu verkraften, sie steckt in einer seelischen Krise, denn auch die kurze Ehe mit Sija, einem Briten pakistanischer Herkunft, ist gescheitert.

Die Psychologin ermuntert Salma, ihre Vergangenheit und ihre Beziehungen aufzuschreiben. Sie schreibt zwar, aber ihr schwebt ein Roman vor, ist sie doch Literaturredaktorin bei einer Zeitung. Sie fängt an Reales und Träume miteinander zu vermischen. In ihren Sitzungen fragt sie die Psychologin um Rat, wie sie die eine oder andere Figur ändern könnte.

Salma stammt aus einer wohlhabenden Familie, die in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ihr Vermögen mit einer Lehmziegelei gemacht hat. Für die Arbeiter in der Fabrik war dies nicht ungefährlich, manch einer verlor sein Leben, weil er in den Brennkessel gefallen war oder beim Abtragen des Lehms verschüttet wurde. Gamila, beste Jugendfreundin Salmas, verliert ihren Vater auf tragische Weise bei einem Arbeitsunfall in der Ziegelfabrik. Gamila sieht, wie andere Dorfbewohner auch, wie sich ihre Mutter die Kleider vom Leibe reisst, als sie am Unglücksort, das was von ihrem Mann übrig blieb, erblickt.

Salma war der Liebling ihres Vaters Raschid. Sie hat von ihm den Schlüssel zur Truhe mit persönlichen Dokumenten erhalten. Sie versucht bei ihrer Mutter Soraja und ihrer Tante Nasla ihr Leben zu ordnen, doch zieht sie sich meistens in ihr Zimmer zurück, schreibt und liest in den Papieren ihres Vaters und schwelgt in Gedanken und in Träumen in der Vergangenheit. Das „weisse Haus“ am Nil, hat nichts mehr von früher. Ihre Mutter und Tante Nasla sitzen den ganzen Tag vor dem Haus am Tratschen und ihre Schwester, die mit ihren Kindern ebenfalls zu Besuch ist und herumkreischt, geht ihr schrecklich auf die Nerven. Gamila, beste Jugendfreundin Salmas, führt ein modernes Leben in der Stadt und der Kondolenzbesuch, den sie der Familie abstattet, fällt kurz und knapp aus. Die beiden Frauen sind sich fremd geworden und haben sich nicht mehr viel zu sagen.

Die Protagonistin bringt uns das Leben in diesem ägyptischen Dorf näher. In Rückblenden tauchen wir in die Geschichte ein, lernen allen voran die Grossmutter Rachma kennen, die mit ihrem Geschäftssinn nicht unwesentlich zum Wohlstand der Familie beigetragen hat. Auch über Tante Nasla, die frisch verheiratet, nach nur einer Nacht im Haus des Ehemannes ins Elternhaus zurückkehrt, erfahren wir einiges. Da ist Gabir, ihr Onkel, der nach dem schrecklichen Tod von Gamilas Vater, so häufig bei der Witwe ein und ausgeht, bis er sie schliesslich zur Frau nimmt und seine eigene Ehefrau mit dem gemeinsamen Sohn das Dorf verlässt. Die geistig behinderte Badr, die von ihrem Vater angekettet wird, damit sie keine Dummheiten macht oder von anderen Männern nicht belästigt wird, ist eines Tages plötzlich verschwunden und der Heizer Risk, einziger Kopte im Dorf, der zum Islam bekehrt werden soll, lernen wir ebenfalls kennen.

In diesem Dorf passieren Dinge, wie in vielen anderen auch. Es gibt Untreue, uneheliche Schwangerschaften, westliche Werte prallen auf arabische, Tradition und Moderne stehen sich gegenüber, kleine und grosse Träume werden begraben.

Der Roman hat mich gefesselt, immer wieder auch sehr verwirrt. Teilweise stürzten so viele Namen auf mich ein, dass ich beinahe den Überblick verloren habe, aber ich bin dran geblieben. Ich habe am Anfang alle Namen aufgeschrieben und viel zu spät bemerkt, dass sich der Verlag die Mühe gemacht hat, am Schluss des Buches die wichtigsten Protagonisten mit Namen und Beziehungsgrad aufzuführen. Von dem her lohnt es sich manchmal, zuerst das Buch auch hinten aufzuschlagen. Auch ein Anhang von Worterklärungen ist angefügt, der einem Begriffe aus der ägyptischen Geschichte und dem Alltag erläutert, was sehr hilfreich ist . Es war interessant, in den Alltag dieser Familien einzutauchen, vor allem in den der Frauen und deren Schicksal.

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