Meistererzählungen

Die Schriftstellerin Irène Némirovsky, deren Werk vor einigen Jahren wiederentdeckt wurde, muss ich wohl kaum mehr im Detail vorstellen, nicht zuletzt dank der Veröffent-lichung des letzten und unfertigen Manuskriptes „Suite française“. Der Knaus Verlag hat nun erneut ein Buch mit dem Titel „Meistererzählungen“ veröffentlicht. Es sind alles Erzählungen, die zwischen 1934 bis 1941 in verschiedenen französischen Zeitschriften und in der Zeitung „Le Figaro“ veröffentlicht wurden. Einige Erzählungen erschienen unter dem Pseudonym Pierre Némery.

Von neun Edelsteinen, ist „Monsieur Rose“ mein Diamant. Die Geschichten sind alle vor oder kurz nach Ausbruch des 2. Weltkrieges geschrieben worden, so ist es nicht verwunderlich, dass auch im erwähnten Titel der Krieg eine Rolle spielt. So entwickelt sich Monsieur Rose, ein lediger und reicher Herr, der sich aus Paris in Sicherheit bringen will, vom unsympathischen und herrischen, zu einem mitfühlenden Mitmenschen. Der Krieg macht keinen Unterschied zwischen Reich und Arm.

In der Erzählung „Der Unbekannte“ verabschieden sich zwei Brüder auf dem Bahnhof voneinander. Nur die Hochzeit ihrer Schwester hat sie für kurze Zeit vom Militär entbunden und zusammengeführt. Vor der Abfahrt des Zuges erzählt der eine dem anderen eine fast unglaubliche Geschichte ihres Vaters. Der totgeglaubte Vater, der im 1. Weltkrieg gefallen sein soll, ist auf irgendeine Weise nach Deutschland geraten und hatte dort eine zweite Familie.

Und so gibt es noch sieben weitere funkelnde Edelsteine zu finden und jeder glitzert auf seine Weise einzigartig. Der Titel des Buches ist hier richtig gewählt. Irène Némirovsky erweist sich einmal mehr als eine Meisterin des geschriebenen Wortes. Sehr genau und bis ins kleinste Detail schildert sie menschliche Gefühle, Situationen und Orte, dass vor dem inneren Auge ein Kurzfilm nach dem anderen abläuft.

Ich wäre gerade so richtig in Schwung gewesen, als ich auch schon auf der letzten Seite angelangt war und das Buch mit einem Seufzer aus der Hand legte. Was hätten wir von dieser grossartigen Schriftstellerin nicht noch alles erwarten können, hätte sie länger leben dürfen? Wir werden es leider nie erfahren.

5 Gedanken zu „Meistererzählungen

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