Winesburg, Ohio

Eine ganz grosse Freude machte mir der Manesse Verlag, als ich im Verlagsprogramm die Neuauflage von einem Erzählband, eines nahezu unbekannten amerikanischen Autors, entdeckte, Sherwood Anderson. Ich erinnerte mich, dass ich vor vielen Jahren bereits einen Roman von ihm gelesen hatte. „Winesburg, Ohio“ ist die erste Neuübersetzung seit über 50 Jahren. Deas Zentrum von Winesburg ist am Anfang des Buches abgebildet und Daniel Kehlmann hat das Nachwort beigesteuert.

Der Autor Sherwood Anderson wurde 1876 geboren und wuchs im Bundesstaat Ohio auf. Im kleinen Dorf Clyde, unweit des Eriesees, wurde wohl der Grundstein zu den Geschichten dieses Buches gelegt. Anderson war unter anderem Soldat und leitete später eine Farbenfabrik. 1912 verliess er, nach einem Nervenzusammenbruch, seine Frau und seine drei Kinder und wurde Schriftsteller. Anderson heiratete noch dreimal. Auf einer Schiffsreise nach Südamerika starb er schliesslich 1941 an einer Bauchfellentzündung.

Der namenlose Erzähler spricht den Leser direkt an und berichtet von den vielen Menschen in der Kleinstadt Winesburg, irgendwann anfangs des 20. Jahrhunderts. Einer Person, dem jungen George Willard, Lokalreporter beim „Winesburg Eagle“ begegnen wir immer mal wieder in einem Kapitel. Es scheint, als würden in dieser Stadt lauter seltsame, teilweise kauzige Leute wohnen. Einer von ihnen ist der Telegraphist, „das hässlichste Wesen in der ganzen Stadt“ wie uns der Erzähler wissen lässt. Wash Williams will nichts zu tun haben mit den Männern in der Umgebung, aber vor allem hasst er die Frauen. Nur einem erzählt er eines Tages seine Geschichte, George Willard.

Die Lehrerin Kate Swift, dreissig Jahre alt und ledig, hat man zu jener Zeit als alte Jungfer bezeichnet, war aber sinnlicher als jede andere Frau in der Stadt. Von Zeit zu Zeit zieht ein Feuer über ihren Körper. So kommt es, dass sie mitten in der Nacht aus dem Haus eilt um einen Spaziergang zu machen.

„Im Gehen verflog die kühne Erregung, die sie aus dem Haus getrieben hatte, doch dann kehrte sie wieder.“

Sie hat ein Auge auf George, ihren ehemaligen Schüler, geworfen, so denkt der Zeitungsmann, als er Kate Swift aufsucht, um ein Buch abzuholen, das diese ihm empfohlen hatte. Sie spricht eindringlich auf ihn ein, doch George versteht den Sinn ihrer Worte nicht ganz. Die Lehrerin glaubt, in George ein Genie erkannt zu haben und versucht ihm zu erklären, dass er das „Leben kennenlernen müsse“, damit er als Schriftsteller arbeiten könne.

Dann ist da Elmer Cowley, der Sohn eines Kaufmanns, wenn man denn so sagen kann. Denn die Waren im Laden verstauben seit einem Jahr, alles ist schmuddelig und wirr. Immer wieder kauft der Vater neue Ware ein und glaubt, irgendwann wird schon einer kommen und etwas kaufen. Als ein Handelsvertreter seinem Vater wieder etwas aufschwatzen will, bedroht Elmer diesen mit einem Revolver.

„Wir kaufen erst wieder, wenn wir auch etwas verkaufen. Wir sind nicht weiter wunderlich und lassen uns auch nicht mehr von den Leuten anstarren und belauschen. Hauen Sie ab.“

Wunderlich, das ist der wunde Punkt. Das ist das Urteil, das die Bevölkerung Winesburgs über die Familie, vor allem über Elmer gefällt hat, glaubt zumindest er. Das hat er satt und  will allen beweisen, dass er es nicht ist. Sein Vater, ein unfähiger Farmer und ein noch unfähiger Kaufmann, mit einem alten und verfleckten Mantel. Warum kauft er sich nicht einmal einen neuen? Zorn erfüllt ihn, auch Sehnsucht – nach Freunden, nach Anerkennung. Er geht zu George, will ihn sprechen, doch nicht einmal dazu ist er im entscheidenden Moment in der Lage. Ein verzweifelter, junger Mann, der schliesslich seinen Vater bestiehlt und nachts den Güterzug besteigen und die Stadt verlassen will. Doch zuvor bestellt er den Zeitungsreporter nochmals auf den Bahnhof, drückt ihm die Dollarnoten in die Hand, dass dieser sie seinem Vater zurückgeben kann. Dann schlägt er auf George ein, springt auf den Zug auf und hat ihm bewiesen, dass er gar nicht wunderlich ist.

Dies sind nur drei von vielen anderen Charakteren. Da ist noch der Pfarrer, der Kate Swift nachts durchs Fenster beobachtet, oder Jesse Bentley, der die Farm seines Vaters übernehmen muss. David Hardy, sein Enkel, der zu seinem Grossvater zieht, weil seine Mutter eine launische, zornige Frau ist, „man sagt, dass sie Drogen nehme„, und …

Ich könnte noch lange berichten, aber jeder soll die Möglichkeit haben, seine Geschichte für sich zu entdecken, denn lesenswert sind alle Erzählungen, die in einer Weise mit einer anderen verknüpft wird. Wer mag, kann hier einmal reinlesen.

Eigenbrötler, kauzige Typen, einsame, verlassene Seelen, normale Menschen – was auch immer man normal nennen will -, die sich in irgendeiner Form nach Liebe sehnen, sie suchen und hoffen, sie zu finden, Menschen die Träume haben, wie wir alle. Die Ehe, Nachbarn und Freunde rundherum sind kein Garant für Glückseligkeit. So packen die Einen ihre Koffer und glauben ihre Sehnsucht in der Grossstadt stillen zu können oder kehren gar nach Winesburg zurück, wie eine Grossmutter mit ihrem Enkel. Oft fehlt in den Familien ein Elternteil und die ledigen Frauen sind kühn und wagen den ersten Schritt auf den Mann ihrer Träume.

Wie eine Spaziergängerin schlenderte ich durch die Strassen, von Haus zu Haus, und dort wo ich stehen blieb und einen Blick durchs Fenster warf, kam eine Geschichte eines weiteren Bewohners zugeflogen, aus Winesburg, Ohio.

9 Gedanken zu „Winesburg, Ohio

  1. Ich habe deine Rezension sehr gern gelesen! Ist doch immer wieder schön, vertraute Bücher durch andere Augen wiederzutreffen. Ich bin wie du durch dieses eindrucksvolle Buch gelaufen. „Spaziergängerin“ trifft’s wirklich! Im Gegensatz zu dir war das Buch meine erste Begegnung mit Sherwood Anderson. So eine, die anfangs ein wenig befremdlich war, doch am Ende ihre schönen Spuren hinterlassen hat. Falls du magst, findest du hier mehr: http://klappentexterin.wordpress.com/2012/02/08/eine-reise-in-die-seele-der-menschen/

    Herzlichst,
    Klappentexterin

  2. Danke für die schöne Rezension!
    Ich habe mir vor einigen Jahren auf dem Bücherflohmarkt eine alte Ausgabe von „Winesburg, Ohio“ aus der Reihe Bibliothek Suhrkamp. Bisher war ich leider noch nicht dazu gekommen, das Buch zu lesen … nach deiner Rezension werde ich aber sicherlich bald dazu greifen. Auch wenn mich die schön gestalteten neuen Auflagen nun eigentlich viel mehr reizen würden …😉

    • Das ist ja toll, dass du noch ein altes Exemplar hast. Aus welchem Jahr ist denn das Buch?

      Lass von dir hören, wie dir das Buch gefallen hat, wenn du es liest. Es gibt einige Personen darin, deren Geschichten mich sehr gerührt haben.

      • Das Buch ist aus dem Jahr 1991 und ich hatte es zufällig auf einem Bücherflohmarkt gefunden. Aufmerksam auf Sherwood Anderson war ich durch ein Interview mit Richard Yates geworden, der Anderson sehr lobend erwähnt. Da war mir klar, dass ich dieses Buch unbedingt haben möchte. Leider bin ich bisher – wie bei so vielen Büchern – noch nicht dazu gekommen es auch zu lesen … wenn ich die nachhole, kann ich hier gerne noch einmal Bericht erstatten!

  3. Aha! Jetzt weiß ich auch, weshalb du dich gerade in den USA im Zweiten Weltkrieg befindest… Klingt nach einem interessanten Buch und ich mag dein Bilder der Leserin als Spaziergängerin sehr… LG Mila (Da bin ich ja mal auf Bosnien gespannt…)

    • Vielen Dank für deine netten Worte, aber du hast falsch getippt. Meine momentane „USA-Reise“ hat nicht mit Winesburg, Ohio zu tun. Du siehst auf der Startseite unter „Ich lese gerade“ warum ich mich in den Staaten befinde.

      Liebe Grüsse
      buechermaniac

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