Frankie

Diogenes hat in seinem Herbst-Magazin Nr. 8 einen Beitrag über eine der ganz grossen amerikanischen Schriftstellerinnen abgedruckt, Carson McCullers. Die Romane wurden in revidierter Übersetzung neu aufgelegt. Ein schlichtes Cover, ein Faksimile von 1965, ziert die Bücher. Von den Erzählungen gibt es ausserdem ein Hörbuch, vorgelesen von Elke Heidenreich. Die Klappentexterin hat darüber bereits eine hinreissende Rezension geschrieben.

Frankie ist zwölf Jahre alt, für ihr Alter ist sie, mit ihren 1,67 Metern, ungewöhnlich gross. Sie lebt mit ihrem Vater, der Juwelier und Uhrmacher ist, in einer Kleinstadt in den Südstaaten. Wir schreiben das Jahr 1943, der 2. Weltkrieg ist in vollem Gange. Frankies Bruder Jarvis ist als Soldat seit zwei Jahren in Alaska stationiert. Ihre wichtigste Bezugsperson ist die schwarze Köchin Berenice, denn Frankies Mutter ist bei der Geburt gestorben.

Jarvis Heirat steht bevor, deshalb kehrt er mit seiner Braut kurz nach Hause zurück, um danach nach Winter Hill weiterzureisen, wo die Hochzeit stattfinden soll. Jarvis heiratet Janice, beide Namen beginnen mit J-A, da passt Frankie nicht dazu. Das Mädchen liebt das junge Paar und möchte dazugehören. Warum also kann sie nicht Jane oder Jasmine heissen? Sie gibt sich kurzerhand einen neuen Namen, F. Jasmine. Die alte Frankie gibt es nicht mehr. F. Jasmine teilt ihrem Vater und Berenice mit, dass sie nach der Hochzeit nicht in die Stadt zurückkehren, sondern mit Jarvis und Janice leben und reisen werde. Wenn das nicht möglich sei, dann werde sie sich mit der Pistole ihres Vaters erschiessen.

Es ist ein sonderbares Jahr. Seit Frankie zwölf ist, läuft alles anders. Das Frühjahr war schrecklich. Sie wurde in einem Mädchen-Klub nicht aufgenommen, weil sie damals noch zu klein war. Deshalb hasst sie diese „dummen Gänse“ jetzt alle. So hat sie zurzeit keine Freundinnen und geht am Samstagnachmittag allein ins Kino, nicht um sich Liebesfilme anzusehen, wie andere Mädchen in ihrem Alter, nein, sie bevorzugt Gangster- und Cowboyfilme. Ihre Haare hat sie kurz geschnitten und ausgerechnet jetzt soll die Hochzeit ihres Bruders stattfinden. Sie spaziert durch die Stadt und wünscht sich dabei, nicht alleine zu sein, dass man von ihr Notiz nimmt. Manchmal möchte sie die Stadt am liebsten niederbrennen oder im nächsten Moment wünscht sie sich, tot zu sein. Sie begeht Dummheiten, indem sie Messer im Warenhaus klaut, zu Hause den Hampelmann spielt und verbotene Dinge mit Barney in der Garage treibt, die ihr gar nicht gut bekommen. Auf einer leeren Baustelle verballert sie die Patronen aus dem Revolver ihres Vaters.

Im Sommer schliesslich, als es heiss wird und die Luft flirrt, verbringt Frankie die meiste Zeit in der Küche bei Berenice und ihrem sechsjährigen Cousin John Henry. Hier finden lange Diskussionen über das Leben, die Hochzeit, den Krieg und die Liebe statt. Berenice erzählt den Kindern gerne die Geschichten ihrer vier Ehemänner, aber nur Ludie, ihr erster verstorbener Mann hat sie wirklich geliebt. Die weiteren Ehemänner hat sie nur genommen, weil sie ihm in irgendeiner Weise geglichen haben und sei es nur wegen dem Daumen oder einem Mantel. Nach dem Essen spielen die drei oft „Bridge zu dritt“. Frankie darf nicht mehr ins Bett ihres Vaters schlüpfen, dafür ist sie jetzt zu alt und zu gross. So lädt sie John Henry zum Übernachten bei sich ein, obwohl er ihr auf die Nerven geht, und schiebt die Angst, die sie häufig befällt auf ihn. Er fürchte sich in der Dunkelheit. Der kleine Junge hält ihren Launen stand, spendet ihr Trost, wenn sie wieder einmal niedergeschmettert ist. Er ist ihr ein treuer Begleiter.

Frankie rechnet aus, dass sie, wenn sie so weiterwächst, über zwei Meter siebzig gross werden wird und ihr nur noch der Jahrmarkt bleibt, wo man sie als Abnormität in einer Bude ausstellen wird.

“Sie hasste sich, wusste nichts mit sich anzufangen, war zu nichts nütze und lungerte den ganzen Tag über in der Küche herum: schmutzig, gierig, gemein und traurig.“

Wie sie so in der Stadt herumwandert, begegnet sie eines Tages einem Soldaten, der hier einige Tage Urlaub verbringt. Der Soldat hat schon ziemlich einen sitzen als er sich mit Frankie für den Abend verabredet. Ob sie zum Tanzen ausgehen wird, weiss sie noch nicht. Vielleicht sollte sie erst einmal mit Berenice darüber sprechen. Berenice ist zwar der Meinung, dass sich Frankie durchaus einen Verehrer zulegen könne, sie denkt dabei an Barney McKean, dem netten Jungen. Ausgerechnet!

Frankie, kein Kind mehr und noch nicht Frau, gerät in einen schönen Schlamassel, als sie den Soldaten trifft, der nach einigen Gläsern Alkohol das Mädchen mit seinen Andeutungen völlig verwirrt.

„Der Soldat beugte sich vor; und währen er sie weiter anstarrte, liess er die Zeige- und Mittelfinger seiner beiden Hände über die Tischplatte zu ihr hinüberspazieren.“

Trotzdem geht sie mit auf sein Hotelzimmer. Dieser unbedachte Schritt wird ihr beinahe zum Verhängnis. Noch am gleichen Abend möchte Frankie zur Hochzeit abreisen. Der grosse Tag fällt dann anders aus, als erwartet. Sie hat nicht die Worte herausgebracht, die sie eigentlich sagen wollte.

„Ich liebe euch beide so sehr. Ihr seid mein Wir. Bitte nehmt mich mit nach der Hochzeit, denn wir gehören zusammen.“

Das frisch vermählte Ehepaar reist im Auto ab – zurück bleibt ein in Tränen aufgelöstes Mädchen. Da will sie nur noch eines, weglaufen. In der Stadt will sie nicht mehr bleiben. Alles ist ein einziger Alptraum.

Inzwischen ist es Winter, Frankie ist dreizehn Jahre alt. Es ist in den vergangenen Monaten viel passiert, die Küchengemeinschaft löst sich auf, die gemeinsamen Momente und die Gespräche sind Vergangenheit.

Es ist lange her, seit ich „Das Herz ist ein einsamer Jäger“, „Die Ballade vom traurigen Café“ oder „Uhr ohne Zeiger“ gelesen habe. Bereits von der ersten Seite an, habe ich mich in diesem Roman wie zu Hause gefühlt. Die Worte von Carson McCullers haben mir laufend ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Manchmal hat mich das Buch an „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee erinnert, das viele Jahre später veröffentlicht wurde. Dort war allerdings der Vater viel mehr präsent, als hier bei Frankie, wo er eher eine Nebenrolle einnimmt. Auch das Rassenproblem wird nicht ignoriert, kommt immer mal wieder zur Sprache, selbst optisch, denn Bernice hat ein Glasauge; sie hat ein blaues gewählt.

Bei „Frankie“ trat ich in die Küche der Addams ein und nahm als Gast Platz am Küchentisch. Ich hörte Frankie, ihrem kleinen Cousin John Henry und Berenice bei ihren Gesprächen zu. Manchmal waren sie alltäglich, dann wieder philosophisch, es wurden Wünsche geäussert und Träume offenbart. John Henry, der noch nicht alles verstand, warf manchmal einfach ein „Wie so?“ in die Runde. Die drei lachten miteinander, gemeinsam wurde geweint und wieder getröstet. Ich erlebte ein Gespann von Menschen, die in ihrem ganz eigenen Mikrokosmos lebten, die nichts auseinanderzubringen schien. Doch als die Blätter von den Bäumen fielen und die Kälte einkehrte, musste ich, mit einer Träne im Auge, Abschied nehmen, von drei Figuren, die mir auf ihre Weise so sehr ans Herz gewachsen waren. McCullers hat es einmal mehr verstanden, mich mit ihren Worten und Schilderungen in ihren Bann zu ziehen und tief zu berühren.

Wer mehr über Carson McCullers erfahren möchte, dem kann ich das booklet empfehlen, das als Download bei Diogenes zur Verfügung steht. Abtauchen kann der Leser auch in der Autobiographie der Autorin, deren Leben von einigen Schicksalsschlägen durchzogen war.

.

4 Gedanken zu „Frankie

  1. Wie schön! Ja, das ist Carson McCullers! Du hast sie so wunderbar eingefangen! Ich hatte tatsächlich das Gefühl, als würde ich auf eine alte Bekannte treffen. (Was ja auch stimmt.) Wieder kreist die Geschichte um eine Außenseiterin – eine bemerkenswerte, wie ich finde -, die ihr Glück sucht und dazu gesellen sich nachdenkliche Töne, bei denen man länger sitzen bleiben möchte. Ich freue mich über deine schönen Worte (auch die über meine Rezension) und schreibe das Buch nun auf meine lange Wunschliste. Vielen lieben Dank!

    Liebe Grüße
    Klappentexterin

    • Liebe Klappentexterin

      Danke für deine lieben Worte🙂
      In der Tat ist Frankie eine ganz spezielle Aussenseiterin, mal Kind, mal Frau, mal stark, dann wieder schwach. Du wirst es ganz sicher nicht bereuen, wenn du auch zu diesem fantastischen Roman greifst.

      Herzlichst
      buechermaniac

  2. Da ist sie ja die Rezension. Wie schön. Carson McCullers kannte ich noch gar nicht. Nicht einmal gehört hatte ich von ihr. Mit deinen Sätzen darüber, wie du mit den Figuren am Tisch sitzt, hast du mich sehr neugierig auf das Buch gemacht. Danke. LG Mila

    • Danke liebe Mila
      Dann notiere dir unbedingt diesen Namen. Carson McCullers ist das Lesen wirklich wert und es war gut, habe ich dieses Buch nach Sherwood Anderson gewählt, es war ein sanfter Übergang. Antiquarisch, allerdings kaum berührt, hatte ich das Glück, letzte Woche zu einer Novelle von Carson McCullers zu kommen „Der Marsch“. Und darauf bin ich mehr als gespannt, denn davon habe ich noch nie gehört.

      Liebe Grüsse
      buechermaniac

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s