Literatour mit „Die Kranzflechterin“ von Hugo Lötscher

„Die Kranzflechterin“ des Schweizer Schriftstellers Hugo Lötscher (1929 – 2006), erschienen im Diogenes Verlag, haben wir uns beim letzten Lesezirkel-Treffen ausgesucht, nicht zuletzt, weil der Roman in Zürich angesiedelt ist.

„Jeder soll zu seinem Kranze kommen“, pflegte Anna zu sagen; sie flocht Totenkränze.“

Mit diesen Worten beginnt der Roman. Anna lebt in einem kleinen Ort im Schwarzwald, bevor sie nach Zürich aufbricht. Der Grund ist die geplatzte Hochzeit mit dem Steinacherfranz, der sie vor dem Altar sitzen lässt. Schwanger ist sie und macht sich, nach der Geburt ihres Kindes, mit einem Koffer und ihrer Tochter Richtung Schweiz auf.

am Hauptbahnhof kam Anna an

Im Arbeiter- und Ausländerviertel findet sie eine Bleibe bei ihrer Schwester und ihrem Schwager. Anna mietet sich ein Ladenlokal mit einem Zimmer und einer Küche dahinter, und hat vor, Gemüse zu verkaufen.

In der Luisenstrasse wohnte Anna

Anna kommt mit dem Leiterwagen oft an der Kaserne vorbei

Mit ihrem Leiterwagen, zieht sie auf den Grossmarkt und zu den Bauernhöfen in der Umgebung und richtet das Gemüse liebevoll zum Verkauf in ihrem Laden her. Ihre kleine Tochter sitzt oft zwischen dem Gemüse im Wagen.

„Als es greifen lernte, griff es nach Bohnen und streute sie auf die Strasse. Streckte das Kind die Arme zwischen dem Suppengrün aus, dann waren es zwei lebendige Lauchstengel,  die in die Luft ragten; und schlief es zwischen Blumenkohlköpfen, war das Kindergesicht so rund wie ein Blumenkohl; und wie der Blumenkohl ein Häubchen trug, trug auch Annas Kind ein Häubchen, nur dass der Blumenkohl, der Anna gehörte, manchmal weinte.

Die Idee mit einem Gemüseladen haben vor ihr schon etliche andere Einwanderer, nicht zuletzt die Italiener, und bald sattelt sie auf das Flechten von Totenkränzen um, als eine Kundin, die bestellten Kartoffeln nicht mehr will, denn ihr Mann ist gestorben.

Anna legt viel Gefühl in ihre Arbeit, die Kränze werden sehr persönlich und müssen zum Verstorbenen passen.

„Anna wollte sehen, wohin ihre Kränze kamen. Sie setzte sich für den Besuch des Hauptfriedhofes Sihlfeld den Hut mit den wippenden Kirschen auf. Das Portal liess sie erstaunen; solche Portale hatte sie bisher nur am Bahnhof in Stuttgart und am Bahnhof in Zürich gesehen.“

vor dem Friedhof Sihlfeld verkaufte sie ihre Kränze


Die geschäftstüchtige Frau zieht fortan an Allerheiligen vor den Friedhof, wo sie ihre Kränze aufstellt und an die Trauernden verkauft. Den erfolgreichen Tag beschliesst sie, indem sie alle Jahre den Kastanienbrater, den Totengräber und ihren eingemieteten Zimmerherrn zum Festschmaus einlädt.

Der Steinacherfranz sucht Anna noch einmal in Zürich auf, um sie erneut zu verlassen, indem er seine sehr persönlichen Spuren hinterlässt. Der erste Weltkrieg kommt und vergeht. Eine schwere Grippe, die wiederum viele Tote fordert, bringt Anna viel Arbeit und plötzlich hat sie zu wenig Kränze vorrätig. Ihre Tochter prügelt sie buchstäblich gesund, als Else sich auch ins Bett legt.

Die Glocken hörte sie vom Grossmünster

und auch vom St. Peter

Wir werden über die Jahre hinweg Zeugen der Wirtschaftskrise, die der schwarze Montag nach sich zieht, des ersten elektrischen Schalters in einer Wohnung und der Jahre vor dem 2. Weltkrieg. Die Welt wandelt sich und mit ihr auch Anna.

Es ist erstaunlich was Hugo Lötscher in diesen Roman, der gerade einmal 183 Seiten dick ist, alles packt. Das ganze Leben von Anna steckt zwischen diesen Buchdeckeln. Es ist sehr poetisch, wie er über das Gemüse schreibt und geradezu umwerfend, wie er Anna mit Else sprechen lässt, als das Mädchen zur Frau wird. Der Autor gibt einer Frau mit einem unehelichen Kind eine Stimme, zudem einer Immigrantin, zu einer Zeit, als es eine ledige Mutter noch um einiges schwerer hatte als heute. Anna muss Mutter- und Vaterrolle in einem übernehmen und oft Härte zeigen, wenn sie sich vielleicht lieber an einen Freund anlehnen und gehalten werden würde. Sie muss funktionieren. Deshalb gibt es in diesem Roman kaum Platz für grosse Gefühle. Anna ist eine starke Frauenfigur, eine Kämpferin, die uns die Geschichte ihrer Zeit mit einer Wucht näher bringt.

Nachdem ich den Roman gelesen hatte, habe ich mein ganz persönliches Projekt gestartet und mich auf die Spurensuche der Anna begeben. Ich habe die Original-Schauplätze besucht und fotografiert und gleichzeitig über die vielen Orte Historisches recherchiert und zusammengetragen. Meine Wanderungen führten mich, wie für Anna auch, zu Fuss quer durch die Stadt. Ich musste allerdings keinen Leiterwagen hinter mir herziehen. Die meisten Handlungsorte sind mir, seit meiner Kindheit vertraut, vor allem das Quartier Zürich-Aussersihl. Das Quartier der in- und ausländischen Einwanderer, wo Anna, die Protagonistin, gelebt hat, ist mir, durch die Jahre als Lehrling dort, noch sehr präsent und die Innenstadt, wo ich schon als kleines Mädchen an der Hand meiner Mutter, alles bestaunte und aufregend fand.

Meine Wanderungen waren spannend, ich habe gestaunt und geschaut, wie sich die Quartiere entwickelt haben, ob zum Guten oder Schlechten lassen wir hier im Raume stehen. Gebäude und Plätze haben sich teilweise stark verändert, wurden umgebaut und Einiges gibt es nicht mehr. So habe ich auch auf historische Fotos zurückgreifen müssen oder diese mit meinen Aufnahmen verglichen. Ich habe meine Stadt als „Literatour“ nochmals anders wahr genommen, viel gesehen und neu erleben dürfen, bin in Gegenden marschiert, die ich selten oder nie aufsuchen würde. 18 Kilometer zu Fuss sind es geworden, das Wetter hat an diesen drei Tagen immerhin mitgespielt, da bin ich schon sehr dankbar. Durch diese Wanderungen wird „Die Kranzflechterin“ noch lange in mir nachklingen und wahrscheinlich nie wieder vergessen gehen.

6 Gedanken zu „Literatour mit „Die Kranzflechterin“ von Hugo Lötscher

  1. Vielen Dank für diese wunderschöne Beschreibung einer Litera-Tour.🙂 Dein Bericht hat mir sowohl das Buch von Hugo Lötscher, das ich bisher noch nicht kannte, als auch die Stadt Zürich näher gebracht. Etwas vergleichbares habe ich leider noch nicht gemacht. Aber vor einiger Zeit habe ich mich für meine Masterarbeit sehr intensiv mit Tellkamps Turm auseinandergesetzt und zu diesem Zweck auch Handlungsorte des Romans aufgesucht (damals wohnte ich aber auch noch in Dresden).
    Viele Grüße
    Mara

    • Ist das nicht eine tolle Erfahrung, wenn man die Handlungsorte aufsucht und mehr über sie erfährt? Mir ist es so ergangen. Bei meinen langen Wanderungen durch die Stadt, beim Recherchieren zu den Strassennamen und Gebäuden, und der Vorstellung, wie weit die Kranzflechterin mit dem Leiterwagen zu Fuss marschiert ist, hat sich mir der Roman von Hugo Lötscher ganz anders offenbart. Hier auf meinem Blog ist es ja nur ein kleiner Ausschnitt geworden, den ich mit Bildern dokumentiert habe. Für die Mitglieder unseres Lesezirkels ist es eine gebundene Dokumentation von über 55 Seiten geworden, bebildert mit Aufnahmen von damals und im Vergleich mit Fotos von mir. Historisches zu den Strassen und Gebäuden und jeweils der Stelle aus dem Buch, wo Hugo Lötscher den Ort erwähnt hat. Als ich darüber in der Buchhandlung erzählt habe, meinte die Buchhändlerin, das müsste man direkt dem Tourismusbüro als Tour anbieten. Ich habe es gerne getan und habe nochmals mehr über ein ganz spezielles Quartier erfahren, in dem auch der Autor aufgewachsen ist und ich später meine Lehrstelle hatte und viele andere Quartiere sind hinzugekommen. Es war eine tolle und spannende Erfahrung.

      Liebe Grüsse
      buechermaniac

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