Geschwisterkinder

Kennt man sich, ist man miteinander vertraut, nur weil man Bruder und Schwester ist und die Kindheit in der gleichen Familie verbracht hat?

In fünf Kapiteln erzählt uns die Autorin Hanna Lemke vom Alltag der Geschwister Milla und Ritschie, die in derselben Stadt leben, nicht weit voneinander entfernt. Unaufgeregt und auf leise Weise erleben wir, wie die beiden jungen Menschen ihr Leben bewältigen. Der Alltag scheint banal zu sein und viel passiert nicht, wie es bei anderen auch der Fall ist. Milla arbeitet in einem Spielzeugladen, Ritschie in einer Zeitungsredaktion. Die beiden sehen sich nicht oft. Wenn man sie als Aussenstehender belauscht, könnte man kaum glauben, dass sie Bruder und Schwester sind. Es könnten auch zwei Fremde sein, die sich erst kennengelernt haben. Die Sätze sind knapp, man tauscht nur das Nötigste miteinander aus, vieles bleibt ungesagt.

Zwei Ereignisse veranlassen die beiden, wieder mehr aufeinander einzugehen, sich einander anzunähern:
Doktor Charles meldet sich bei Ritschie unverhofft per Telefon zu Besuch an. Doktor Charles ist ein alter Bekannter der Eltern. Wenn er in der Stadt weilt, dann kommt er Ritschie besuchen. Es schaudert den jungen Mann jetzt noch, wenn er an den letzten Besuch zurückdenkt. Der Gast machte sich breit, wie in seinen eigenen vier Wänden. Doktor Charles ist ein neugieriger Mensch und begierig darauf zu erfahren, ob denn Ritschie inzwischen eine Freundin hat. So erfährt Milla mehr zufällig, dass ihr Bruder seit einigen Wochen mit Fabienne zusammen ist. Die Geschwister gehen mit Doktor Charles zum Essen, Milla ist froh, als sie sich von den beiden wieder abnabeln kann. Ritschie zieht sich am nächsten Morgen zurück, überlässt seinem Gast die Zweitschlüssel seiner Wohnung und eilt zu seiner Freundin.

„Er spürte, wie ihm der Schweiss in die Handflächen schoss, kribbelnd, als er die Wohnungstür hinter sich zuzog und die Treppen hinunterlief. Es kam ihm lächerlich vor, dass er vor Charles davonlief, wie als Kind vor dem schwarzen Mann […]“

Fabienne ist es, die sich Ritschie geangelt hat. Er glaubt, dass sie ihn nur zum Herzeigen bei ihren Freunden braucht, die ihm nicht sympathisch sind. Er spürt, dass diese Beziehung nicht von Dauer sein wird. Sie bedeutet ihm zu wenig.

Und Milla? Sie trifft sich hin und wieder mit Simon. Fühlt sie sich im einen Moment in seinen Armen geborgen, stösst sie seine Nähe beim nächsten Mal ab und sie kann sich nicht erklären weshalb.

Bei der Hochzeit von gemeinsamen, aber flüchtigen Bekannten, fragt sich Ritschie in der Kirche, ob seine Schwester überhaupt an Gott glaubt. Nie haben sie darüber geredet. Still sitzt sie da, mit den Händen in ihrem Schoss. Milla fühlt sich nicht wohl auf der Hochzeit, sie steht zwischen all den Menschen, wie ein verirrtes Reh und scheint völlig verloren. Sie erzählt Ritschie, dass sie Angst hat, aber nicht weiss wovor. Der Bruder versucht sich zu erinnern, wie Milla als Kind war und wie er selbst.

„Er erinnerte sich genau an die Angst, die er früher manchmal gehabt hatte. Einfach Angst, dachte er; nicht vor etwas Bestimmtem, immer nur als Gefühl, das ihn umgebe hatte. Wie ein schwerer Mantel, zu eng und fest zugeknöpft, als dass Ritschi ihn mal eben hätte ablegen können.“

Als bei Millas Nachbarn eines Tages die Möbelpacker kommen, stellt sich Milla vor, wie die Möbelpacker ihre Wohnung leerräumen, bis nichts mehr da ist und dieser Gedanke gefällt ihr. Sie hat sich nicht einmal getraut, als sie den Nachbarn längere Zeit nicht gesehen hat, bei ihm zu klingeln.

Eines Tages holt Ritschie seine Schwester im Laden ab. Milla erinnert sich an die Kindheit, als sie mit ihrem Bruder auf den Autofahrten manchmal gestritten haben und der eine „Nein“ und der andere “Doch“ gesagt hat. Wenn es dann eine Weile still war, fragte der eine den anderen „Geht deine Maschine noch?“ So kommt sich Milla auch jetzt vor.

„Ich muss gar nichts mehr machen“, sagte Milla. Ich bin im Grunde gar nicht mehr da. Da ist diese Maschine, die übernommen hat und die alles für mich regelt.“

Ritschie nimmt Milla mit zu sich nach Hause, hier in der Küche reden sie weiter. Der Leser nimmt Abschied von den Geschwistern, denn es stellt sich eine Vertrautheit zwischen den beiden ein, die sich wie eine Blütenknospe langsam öffnet und wir brauchen uns keine Sorgen mehr zu machen, die der Betrachter zuvor beklemmend gespürt hat.

Hanna Lemkes Erzählung kommt auf leisen Sohlen daher, so wie die Angst, die keinen Lärm macht. Die Geschichte berührt dennoch. Man spürt förmlich, wie die Einsamkeit, wie ein kalter Wind, diese jungen Menschen umweht. Sie hält Bruder und Schwester in ihren Klauen, wie der Adler seine Beute. Banal plätschert das Leben der beiden dahin, nichts passiert. Auch die Liebe geht an den Türen der Geschwisterkinder vorbei und klopft anderswo an. Milla ist ihre eigene Zuschauerin, steht irgendwie neben dem Leben und Ritschie, der schafft es, er ist der grosse Bruder. Ritschie und Milla, Bruder und Schwester, sie kommen mir vor wie Hänsel und Gretel, die sich im Wald verirrt haben, bis ihnen ein Lichtschimmer den Weg aus dem Dunkel weist und sie zurückführt ins helle Leben.

2 Gedanken zu „Geschwisterkinder

  1. Hallo liebe Buechermaniac,

    wir müssen die Erzählung „Geschwisterkinder“ ja fast gleichzeitig gelesen haben – da bietet sich ja schon fast eine Diskussion an.
    Mir hat die Erzählung ganz gut gefallen, auch wenn sie mich nicht komplett überzeugen konnte. Manches Mal kam sie mir vielleicht doch schon fast ein Stückchen zu banal daher. Und auch die Namen haben mich ein bisschen gestört … aber ansonsten ist „Geschwisterkinder“ sicherlich eine gut erzählte Geschichte.

    Literarische Grüße
    Mara

    • Ich habe soeben bei dir auch kommentiert und eine Diskussion bietet sich da wirklich an. Müssten wir mal über die private E-Mail machen, was meinst du?

      Das mit den Namen hat mich nicht so gestört, der Richard wäre bei uns allenfalls der Richi und die einen würden sich sicher auch eingedeutscht Ritschie nennen.

      Herzliche Grüsse
      buechermaniac

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