Auf Amerika

„Meine Sprache ist keine Seilervatersprache und keine Seilermuttersprache, sondern eine Lammermuttersprache. Und in der Sprache, die also nicht die Sprache meiner Eltern ist, sagt man auf Amerika“ […],

das erklärt schon einmal den Titel des neuen Romans von Bernd Schroeder. Der junge Ich-Erzähler ist am 6. Juni 1944 geboren, also am Tag als die Allierten in der Normandie landeten, und hat die ersten zwei Jahre im Flüchtlingslager gelebt, bevor er mit seinen Eltern, die aus Berlin stammen, in das bayrische Dorf namens Hausen gezogen ist. Die ersten Jahre hat die Familie zwei Zimmer beim Lammerbauer bewohnt, danach konnte sie eine „Schuhschachtel“ von Haus beziehen. Es wird rasch klar, was der Bub von seinem Vater hält – nicht allzu viel. Der Seiler ist ein Möchtegern, Angeber und Besserwisser, die meisten Dorfbewohner hält er sowieso für dumm oder einfältig, aber vor allem seine Frau und den Veit. Veit ist beim Ich-Erzähler hingegen hoch im Kurs, immerhin hat dieser am gleichen Tag Geburtstag wie er und lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen, vom Vater Seiler schon gar nicht.

Die Mutter, die aus gutem Hause stammt, ist oft mit ihrem Fotoapparat unterwegs und hält alles in Schwarz-Weiss-Fotos fest, ausser Menschen. Das ist auch der Grund, weshalb es vom Veit, dem Knecht, keine Fotos gibt. Das macht nichts. Der Leser erfährt auch so, wie der Veit ausschaut, denn er wird wunderbar beschrieben. Ja der Veit, von dem man nicht recht weiss, woher er stammt und eines Tages plötzlich im Dorf und nun seit ewig bei den Wirtsleuten als Knecht angestellt ist. Den Seiler würde es zwar brennend interessieren, wie der Veit mit Nachnamen heisst und woher er stammt, doch da beisst er bei diesem gutmütigen Mann auf Granit. Der Vater, der Viehhändler und der Hochzeitslader sind der Meinung, dass es den Veit offiziell gar nicht gibt.

„Sie waren die Herren aller Wirtshausgespräche der Gegend. Angesehen, geachtet und belächelt oder verachtet gleichermassen, verkauften sie Brautleute, Vieh und Geschichten, waren Alleinunterhalter, Seiltänzer des Wortes, Artisten und Jongleure der Wahrheit, berüchtigt über die Zwiebeltürme der Dörfer hinaus, bis in die Kleinstadt hinein.“

Der Ich-Erzähler führt uns durch dieses Hausen, einem Dorf während der Nachkriegszeit, wo jeder jeden kennt. Die Bauern schwadronieren am Stammtisch, die Frauen tratschen bei der Kramerin. Die Luft daheim wird manchmal dick, wenn der Vater wieder mit der Mutter schimpft, die sich nur selten wehrt. Der Junge ist dann froh, wenn er raus kann. Das schöne Leben hört für ihn schlagartig auf, als er in die Schule kommt, zum Geissreiter, der ein Bein in Russland gelassen hat. Der lässt seinen Zorn und Missmut dann an den Schülern aus.

„Manchmal waren seine Krücken sein Schlagstock, aber einen Rohrstock hatte er auch, den zur Züchtigung zu gebrauchen ihm die bayerische Regierung noch ausdrücklich erlaubte.“

Aber auf der anderen Seite hat die Schule auch sein Gutes, denn in der Bankreihe vor dem Erzähler sitzt die Rosa. Sie malt die schönsten „Hakelstecken“, in die Rosa ist der Bub verliebt. Es gefällt ihm auf dem Lande viel besser als in der Stadt, wo die Familie manchmal zum Onkel Karl zu Besuch ist. Den mag er von der Verwandtschaft noch am liebsten, die anderen sind alles Wichtigtuer. Er hört es aus den Gesprächen heraus, wie sie vor allem gegen die Handwerker auf dem hohen Ross sitzen. Zur Grossmutter nach Berlin geht er auch höchst ungern. Sein Paradies ist Hausen, da kann er beim Holzer in der Schreinerei werkeln und sich mit seinen Kameraden auf dem Gelände des Messmer-Ludwig austoben. Dem machen es die Dorfbewohner auch nicht leicht und umso erschreckender ist, was infolge Gerüchten und Behauptungen mit diesem passiert. Des Vaters Handwerkstalent lernt der Junge beim Bau des eigenen Hühnerhauses kennen und lässt ihn ganz schön auflaufen beim Zimmern.

Aufruhr kommt auf, am Tag als die Postlerin dem Veit einen eingeschriebenen Brief zustellen soll. Die Postlerin, diese neugierige Person, die jede Ansichtskarte liest, muss dem Knecht den Umschlag persönlich übergeben, so will es das Gesetz. In all den Jahren hat der doch noch nie einen Brief erhalten und jetzt ausgerechnet von einem Notar! Das kann nur eine Erbschaft sein. Als der Seiler dann zu wissen glaubt, dass es sich um eine siebenstellige Summe handle, ist die Wirtin plötzlich viel netter zu ihrem Knecht. Wer weiss, was dafür für die Wirtsleute rausschaut. Der Knecht ist ein ganz schlauer, tut so, als hätte er gar nie einen Brief bekommen. Die Postlerin ist doch durchgedreht. Und dann, ist der Veit verschwunden, keiner im Dorf weiss, wo der Mann abgeblieben ist. Der hat bestimmt in Amerika geerbt. Und dann steht er nach zehn Tagen wieder im Stall, als wäre nichts gewesen, nur seinem jungen Freund erzählt er, wo er angeblich war.

In späteren Jahren, der Ich-Erzähler ist inzwischen ein gestandener Mann, kehrt er noch einmal an die Stätte seiner Kind- und Jugendzeit zurück und mit Wehmut muss er erkennen, dass sich alles verändert hat, so wie es halt im Leben sein soll, auch wenn man darüber manchmal ganz schön melancholisch wird. Den Lauf der Zeit kann man nicht aufhalten.

Der Autor Bernd Schroeder, selbst Jahrgang 1944, im heute tschechischen Aussig geboren und im oberbayrischen Fürholzen aufgewachsen, beschreibt in seinem neuesten Roman aus der Sicht eines Jungen, wie es war, nach dem Krieg auf dem Land, in einem katholischen Dorf erwachsen zu werden. Ich konnte beim Lesen den bayrischen Dialekt förmlich im Ohr hören. Mit scharfem Blick werden die Menschen und ihre Eigenarten beschrieben. In einem Moment wird man ganz nachdenklich und das Herz schreit auf und wird schwer, vor allem wenn der Ich-Erzähler über die Zeit, die er bei den Nonnen im katholischen Waisenhaus verbringen muss, berichtet. Sehr präzise wird beschrieben, wie unmenschlich die Kinder damals behandelt wurden, dass es einen innerlich fröstelt. Dann wieder kann man sich ein Grinsen nicht verkneifen oder lacht gerade heraus. Herrscht bei den einen Bewohnern Aufbruchstimmung, wird bei den anderen Neues und Veränderung misstrauisch beäugt und bekämpft. Die Zuwanderer müssen sich mit den Bauern arrangieren und ihren Platz finden und die katholische Kirche kommt schlecht weg. Der Autor versteht es meisterhaft, den Leser einzufangen und ihm die Menschen mit all ihren Schwächen und Stärken zu vermitteln. So fällt es einem leicht, das Buch in einem Zug durchzulesen. Denn, ist der Veit jetzt auf Amerika gegangen oder nicht?

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