Der Sohn

Ein Unglück kommt selten allein. So könnte man es schon nach einigen Seiten sagen, liest man Jessica Durlachers neuen Roman „Der Sohn“. Ich stelle die Familienmitglieder am besten einmal vor:
Herman und Iezebel Silverstein, Herman, Jude und einziger Holocaust-Überlebender seiner Familie, Historiker, Iezebel, seine Frau, Nichtjüdin, Sara, die ältere Tochter und Ich-Erzählerin, Journalistin, Tara, die jüngere Schwester, Jacob Edelmann, erfolgreicher Filmproduzent und Saras Ehemann, die beiden Kinder Mitch, neunzehn Jahre alt und Tochter Tess, dreizehn.

Es fängt alles so harmlos mit Kohlrouladen an, die Opa Hermann Silverstein für seine Familie zubereitet. Doch kurz darauf stürzt Opa Herman im Garten von der Leiter und stirbt an den Folgen eines Bazillus, den er sich im Krankenhaus eingefangen hat. Für die Familie ist der Tod unfassbar und so sinnlos, vor allem Sara hat Mühe, über den Tod ihres Vaters hinwegzukommen. Hermanns Geburtsstadt Baden-Baden lädt die Hinterbliebenen zu einer Gedenkfeier nach Deutschland ein. Der Vater hatte ein Gedenkbuch der jüdischen Familien der Stadt verfasst und schon etliche Vorträge dort gehalten. Die drei Frauen beschliessen hinzureisen, nicht zuletzt will Sara einmal die Stadt kennenlernen, in der ihr Vater seine Kindheit bis 1937 verbracht hatte, bevor sie in die Niederlanden flüchteten.1942 wurden die Eltern von der niederländischen Polizei aus ihrem Haus gezerrt und bald darauf in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Tara fährt zwar zu diesem Anlass mit, doch sie ist furchtbar wütend und hält mit ihren zornigen Äusserungen nicht hinter dem Berg.

„Ich habe doch wohl genauso viel Recht, Deutschland zu hassen oder zu lieben wie Papa, oder etwa nicht? Jeder hat ja wohl das Recht auf seine eigenen Gefühle. Und ich fühle ebenso! Deutschland hat meine Kindheit verpestet und mich traumatisiert!“

Tara reist alleine wieder ab. Mutter Iezebel und Sara lassen den Empfang über sich ergehen und beim Essen erfährt Sara von ihrem Tischnachbar, dass dieser vor vielen Jahren ihrem Vater bei der Aktensuche im Archiv geholfen hat und, dass drei sehr persönliche Original-Briefe verschwunden sind, die zwischen Hermans Mutter Zewa und einer Freundin geschrieben worden sind. Sara hört hier das erste Mal von diesen Briefen, die zu einem späteren Zeitpunkt noch eine wichtige Rolle spielen werden.

Zurück in den Niederlanden, wird Sara eines Morgens beim Joggen zuerst mit dem Auto von der Strasse abgedrängt und schliesslich vom Fahrer angefallen. Der Mann kennt ihren Namen, er beschimpft sie auf übelste Weise und drängt sie gegen einen Baum und der weitere Verlauf ist einfach nur widerlich. Die Frau steht Todesängste aus und vermag sich nicht zu wehren. Wird sie mit dem Leben davonkommen? War’s das jetzt? Als ein Radfahrer das verlassene Auto mitten auf dem Weg stehen sieht, fängt er an zu rufen und der Peiniger lässt von Sara ab und sie kann um Hilfe schreien. Doch „das Tier“, wie Sara ihn später nennt, kann unerkannt entkommen. Jacob bringt Sara ins Krankenhaus, wo ihr lädierter Knöchel, die Schürfungen und Prellungen behandelt werden. Aber wie behandelt man eine geschundene Seele, eine zu tiefst verletzte Würde? Mit einem Vollbad lässt sich dieser Dreck nicht wegwaschen. Was genau im Wald passiert ist, erfährt Jacob zu diesem Zeitpunkt nicht, deshalb ist seine Wut bald wieder verraucht. Sara beschliesst zur Polizei zu gehen, nachdem ihr Jacob dazu geraten hat und dort kann sie der Beamtin nichts verheimlichen.

Es vergehen einige Tage, als Saras Mann sie schonend auf einen Brief des gemeinsamen Sohnes Mitch vorbereitet. Mitch, der an der Berkley Universität ein Jahr lang Filmwissenschaften studiert, teilt seiner Familie in einem Brief mit, dass er sich zur Ausbildung bei den US Marines gemeldet hat. Dazu muss der Leser wissen, dass beide Kinder, Mitch und Tess in den Staaten geboren wurden. Sara ist fassungslos und wütend. Während Saras Mann meint, er wollte, er hätte als junger Erwachsener diesen Mut gehabt, kann und will Sara das nicht akzeptieren. Wie kann eine Mutter diesen Schritt ihres Kindes akzeptieren?

„Unsere Beziehung war so eng, dass ich ihm alles verzeihen würde. Bis auf das Sterben.“

Kurzerhand packt sie ihre Koffer und setzt sich in das nächste Flugzeug. Sie muss alles versuchen, um ihren Sohn von seinem Vorhaben abzubringen und das kann nicht mit Worten am Telefon geschehen, sie muss ihren Sohn sehen, ihm ins Gesicht blicken können, um ihn zur Vernunft zu bringen.

Mitch ist nicht gerade begeistert, seine Mutter auf dem Uni-Gelände zu sehen, obwohl er sie von Herzen liebt. Mutter und Sohn stehen sich sehr nahe. Mitch ist wild entschlossen, die Ausbildung bei den Marines, die dreizehn Wochen dauern soll, anzutreten. Wie froh ist Sara, als wider Erwarten Jacob vor ihr steht, den sie noch kurz zuvor am Telefon sprach und ihn in Amsterdam wähnt. Moralische Unterstützung und eine Schulter zum Anlehnen kann sie jetzt dringend gebrauchen. Ihr Mann hat sich aber eher auf die Seite von Mitch geschlagen und Sara muss einsehen, dass die Gespräche Mitchs Entschluss nicht erschüttern können. Die Eltern werden mit Tess noch einmal nach Kalifornien zurückkehren, um mit Mitch die letzten drei Tage, vor dem Einzug ins Boot Camp, zu verbringen.

Der Sohn lässt seine Jugend hinter sich und tritt durch das Tor einer anderen Welt, wo man gedrillt und zusammengebrüllt wird, um eventuell nach dreizehn Wochen, sofern man die übersteht, mit der Graduation abzuschliessen, um danach an irgendeinen Kriegsschauplatz dieser Welt geschickt zu werden. Mitch möchte nach Afghanistan.

Während der Sohn seine Ausbildung beginnt, bricht in Europa die Hölle über die Familie herein. Nachts dringen Einbrecher ins Haus ein, überraschen zuerst die dreizehnjährige Tess und drängen sie anschliessend ins Schlafzimmer der Eltern. Was dann passiert, sei hier nicht verraten, aber nun wird der Roman vollends zum Thriller. Wie ein unheilbares Krebsgeschwür, das sich durch den Körper frisst, dringt das Unheil in diese Familie ein und die Qualen, die die Beteiligten durchmachen und aushalten müssen, kann man sich gar nicht vorstellen.

Was neben den Verletzungen Jacobs das Schlimmste ist, keiner weiss genau, was die Eindringlinge mit Tess angestellt haben, als man sie wieder aus dem Schlafzimmer zerrte. Sara und Jacob können es nur ahnen und gehen fast zugrunde, denn Tess zieht sich nur in ihr Schneckenhaus zurück und spricht nicht einmal offen mit der Polizei über das Erlebte. Keiner dringt zu diesem Mädchen, das mehr und mehr nur noch ein Schatten seiner selbst ist, vor. Diese Ohnmacht ist schrecklich, wenn man nur daneben stehen kann und einem die Hände gebunden sind.

„Und da denke ich an Tess, die oben sitzt, allein mit ihrem Computer. Diese ganze Zärtlichkeit macht mich plötzlich rasend. Ich darf nicht weinen, ich sollte knurren, ich sollte böse sein. Wenn ich weine, verrate ich Tess. Weinen bedeutet, dass man dem nachtrauert, was kaputt und weg ist, weinen bedeutet Kapitulation, Jämmerlichkeit, und das gönne ich ihnen nicht, diesen Schweinen. Wir sind noch da.“

Und was hat Opa Herman Silvestein, der im Krankenhaus gestorben ist, mit der ganzen Geschichte überhaupt zu tun? Das kommt Puzzleteil um Puzzleteil zu Tage, als Iezebel anfängt, das Büro ihres verstorbenen Mannes aufzuräumen um sich auf diese Weise von ihrem Ehemann zu lösen, als sie von einem Prozess erzählt, den Herman wegen des Wintergartens, bei dem gepfuscht wurde, gewonnen hat. Als Tess und danach Sara einen Ordner ihres Vaters nochmals durchblättern und etwas sehen, das sie erstarren lässt und der 2. Weltkrieg spielen eine gewichtige Rolle. Und Mitch, der von den Ereignissen zu Hause lange nichts weiss, ihm ist vielleicht zu verdanken, dass ein junges Pflänzchen, wie Tess, nicht frühzeitig verdorrt und zugrunde gegangen ist.

Schluss, Klappe, Aus. Mehr kann und will ich nicht verraten.

Ich gestehe, dass dies der erste Roman ist, den ich von der niederländischen Autorin, Jessica Durlacher, gelesen und buchstäblich verschlungen habe. Vielleicht ist es gut so, denn was die Autorin da vorlegt, hat mich wirklich umgehauen und all meine Erwartungen übertroffen. Der Roman ist schlichtweg grandios. Ein Marathon könnte nicht anstrengender und qualvoller sein, wenn die Muskeln verhärten und schmerzen. So litt ich mit Sara, denn was heisst es für eine Mutter, wenn der Sohn mitteilt, dass er in die Armee will, wenn man die vielen grausigen Kriegsbilder kennt, die einen ohnmächtig machen? Wie furchtbar ist es für eine Mutter mitansehen zu müssen, wie die Tochter innerlich aufgefressen wird und sie ihr nicht helfen kann? Zeitenweise krampfte sich mir das Herz zusammen und hin und wieder löste sich eine Träne aus meinen Augen. Ich war erschüttert, dann wieder überrascht, wie sich wieder ein Puzzleteil passend in das nächste fügte. Wie bei einem Erdbeben wird die ganze Familie durchgeschüttelt und gerüttelt, um irgendwann, irgendwie wieder auf festen Boden zu stehen zu kommen. In diesem Roman wird Geschichte und Thriller perfekt miteinander verbunden. Absolut empfehlenswert!

2 Gedanken zu „Der Sohn

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