Brot und Unwetter

Was wäre ein italienisches Dorf ohne Bar, wo man jeden trifft, ob für den morgendlichen Caffè, einen Schwatz oder um  Karten zu spielen und Fussball zu schauen? Undenkbar!

Genau um eine solche Bar geht es im Roman „Brot und Unwetter“ des italienischen Autors Stefano Benni. Die „Bar Sport“ soll wegen eines geplanten Einkaufszentrums abgerissen werden. Die Dorfbewohner von Montelfo versuchen dies auf jeden Fall zu verhindern und so beginnt eine phantastische Reise durch ein urkomisches Buch, das vor Absurdität und Komik sprüht.

Beinahe alle Protagonisten haben einen Spitznamen, der eine Charaktereigenschaft oder den Beruf seines Trägers beschreibt. Da ist zum Beispiel Opa Seher, der so scharf sieht wie ein Falke oder Frida Fon, die Coiffeuse, Carmela Dusella, erfahrene und glückliche Spielerin, Simona Bell’Eugele, die Schneiderin mit den scharfen Augen oder Rettganso, der Tierarzt und Diogenes, Tankwart und Poet und viele mehr.

Die Brüder Trincone geben so manche Geschichte her, so auch der sanfteste unter ihnen, der Lehrer ist, genannt Trincone der Liebende, der seine grosse Liebe, wegen misslicher Umstände und Irrtümer verpasst.

Der Bürgermeister Velluti versucht bei Ansprachen die Bevölkerung zu überzeugen, dass das mit dem Einkaufszentrum eine gute Sache sei. Die Bar solle sogar Stein für Stein abgetragen und im neuen Supermarkt wieder aufgebaut werden. Dabei ist der Bürgermeister von sich selber am meisten überzeugt:

„Mit den Jahren hatte Velluti die Bauchrednerei gelernt und streute in seine Reden nun selbst den Beifall ein.“

Das Kapitel über Tore, den Hirten, der das Web entdeckt, ist ebenso köstlich und fantasievoll, wie alle anderen auch. Den Käse, den er von seinen Ziegenschafen herstellt ist fürchterlich und der Gestank bleibt auch an ihm haften.

 „Legenden beiseite, wenn der Wind blies, füllte jener spezielle und beunruhigende Käse den Himmel mit seinen Ausdünstungen, er liess die Adler im Flug in Ohnmacht fallen und die Steinböcke am Abhang zerschellen.“

 
So beschliesst er, sich einen Computer zuzulegen und surft kreuz und quer durchs Internet. Dann gibt er eine Annonce auf, um eine Frau kennenzulernen. Fleissig werden Mails ausgetauscht und es wird gelogen, dass die Balken krachen. Mit wem er schlussendlich korrespondiert hat, das sei an dieser Stelle nicht verraten.

Eines Tages ist die Bar dann tatsächlich geschlossen. Trincone hat einen Zettel an der Tür befestigt und hat sich verzogen um nachzudenken, wie er schreibt.

„[…] Manchmal denke ich, dass das Leben wie ein Zug ist, dass du im mittleren Waggon reist. Plötzlich bremsen die hinterten Wagonns, um anzuhalten, und die vorderen beschleunigen. Die Vergangenheit und die Zukunft ziehen von zwei verschiedenen Seiten an dir. Du spaltest dich in zwei Lager und weisst nicht, was du tun sollst. […]“

.Wie sich später herausstellt, wurde er von den Investoren gekauft.

Archivio, der Alte im Rollstuhl, ist krank und sein grösster Wunsch ist es, noch einmal ans Meer zu fahren. Seine Freunde tun alles, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Die Reise im ausgeliehenen Schulbus ist abenteuerlich und was sich da an einem Tag alles ereignet, ist  ein Brüller.

Was Stefano Benni in seinem Roman, der im Verlag Wagenbach auf Deutsch erschienen ist, berichtet, sucht seinesgleichen, schräger geht’s nicht. Schon als ich beim dritten Kapitel angelangt war, konnte ich mich kaum mehr halten vor Lachen. Meine Mundwinkel zog es beinahe bis hinter die Ohren. Ich musste das Lesen im Zug unterbrechen, sonst hätte ich losgeprustet. Die einzelnen Kapitel lassen sich als in sich abgeschlossene Geschichten lesen. Da es sich um einen satirischen Roman handelt, sind viele Situationen und Schilderungen völlig übertrieben, aber oft steckt ein Quäntchen Wahrheit dahinter, auf die Benni den Leser, auf seine Art, aufmerksam macht, sei das Sensations-Journalismus, Bestechung, Freundschaft und Zusammenhalt. Hier noch ein Beispiel: Alice und ihre Kumpels sind im Wald unterwegs und müssen dringend telefonieren, als sie, unter Brombeersträuchern, eine alte Telefonzelle entdecken. Das Telefon funktioniert noch, aber wie benützt man das Ding, das noch keine Tasten hat? Und wie bringt man es in Gang? „Jetons“ hat sein Vater immer benützt, erinnert sich Giango. Die guten alten „Gettoni“. Wer kennt die noch im Zeitalter des Handys?

Ich fand den Roman nicht durchgehend komisch, zwischendurch musste ich diese Lektüre beiseitelegen, um etwas Abstand zu bekommen. Gegen Ende des Buches kam nochmals ein Feuerwerk an Buntem und Skurrilem über die Seiten geschossen, dass es dann wieder Spass machte, das Kopfkino in Gang zu setzen. Die ins Deutsche übersetzten Spitznamen sind teilweise gewöhnungsbedürftig und haben mich am Anfang etwas verwirrt, da sie halb deutsch, halb italienisch zusammengesetzt sind. So wurde aus Simona BelloSguardo Simona Bell’Eugele. Märchen, Fabel, Komik, Satire, alles in einem Buch vereint, wer Verrücktes und Phantastisches mag, ist mit „Brot und Unwetter“ bestens bedient.

Wer Italienisch versteht und den Autor bei einem Auftritt erleben möchte, der kann das hier tun:

oder schaut sich das Buch in Kurzfassung einmal als Zeichentrickfilm an

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6 Gedanken zu „Brot und Unwetter

  1. Benni war meine erste Begegnung mit italienischsprachiger Literatur, das war im Sprachkurs für Anfänger, und schon damals habe ich mir vor Lachen gekrümelt. Der Herr schreibt ungeheuer absurde Geschichten – das wiederholt sich dann auch schnell, eins-zwei Bücher sind völlig ausreichend (er hat – zumindest gefühlt – fünfzig geschrieben), aber ein Vergnügen ist es allemal. Ich habe Benni übrigens auch mal „live“ erlebt, er las aus seiner Nacherzählung des Cyrano de Bergerac: http://www.youtube.com/watch?v=DvTVbkXWarc.

    • Ein Kurs für Anfänger? Also, wenn ich die Wortspiele von Benni in deutscher Übersetzung sehe, wie sieht die auf Italienisch aus? Habt ihr das verstanden? Aber schön, wenn man quasi lachend an eine Fremdsprache herangeführt wird. Ich habe mir übrigens beim Lesen einen Hotelier und Philosoph, in der Nähe Roms, vorgestellt, der ebenfalls so komische Geschichten erzählen kann. Bei dem habe ich mich schon gekugelt vor Lachen. Das Buch von Benni müsste er einmal seinen Gästen vorlesen, ich glaube ich würde mich auf dem Boden wälzen. Benni kannte ich überhaupt nicht, der ist irgendwie an mir vorbeigerauscht.

      Hab vielen Dank für deine Eindrücke und den Link. Den werde ich mir noch in aller Ruhe ansehen.

      Herzlich buechermaniac

      • Jetzt wo du’s sagst, habe ich auch so meine Zweifel, dass wir Benni wirklich im Anfängerkurs gelesen haben sollen. Aber ich glaube, es war tatsächlich so. Und zwar Die Bar auf dem Meeresgrund. Die Wortspiele und ähnliche Feinheiten gingen uns damals sicher verloren, nichtsdestotrotz bekommt man natürlich die Absurdität der Geschichten mit. Sicher, ein tiefgründiges Lesen ist nicht drin, aber es ist – wie du schon sagst – eine schöne, leichtfüßige Art, eine Sprache zu erlernen. Zumindest kann ich behaupten, es hat sich gelohnt, mittlerweile kann ich fließend Italienisch 🙂

      • Egal, ob Anfänger oder Fortgeschrittener, das Schönste ist doch schlussendlich, dass man danach die Sprache kann. Wunderbar 🙂

    • Nun, ich finde das Cover passt schon dazu, es geht schliesslich um eine typische italienische Bar, wie man sie in so manchem Ort antreffen kann. Würde man nur nach dem Cover gehen, würde man so manch tolles Buch verpassen. Aber, es ist alles wirklich sehr überdreht. Wenn du so etwas auch magst, dann schlag das Buch auf und geniesse die komischsten Geschichten.

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