Mit Franz Hohler spazieren gehen


Im Jahre 2010 hat sich der Schweizer Autor Franz Hohler entschlossen, jede Woche einen Spaziergang zu machen. Herausgekommen ist ein Buch mit 52 Aufzeichnungen seiner Spaziergänge, die am 12. März 2010 beginnen und am 4. März 2011 enden. Kein Kapitel ist länger als drei Seiten.

Seine Spaziergänge führen an die unterschiedlichsten Orte. Ich würde behaupten, teilweise sind das schon Wanderungen, von den Routen und der Zeit her, aber nennen wir sie einfach Spaziergänge.

Der Leser sitzt bequem im Sessel und begleitet Franz Hohler auf seinen wöchentlichen Ausflügen. Diese führen oft von seinem Haus, im Stadtquartier Zürich-Oerlikon, u.a. zum Seebad Tiefenbrunnen, quer durch die Stadt, zu einer Matinée in einem anderen Quartier, oder in eine andere Gemeinde um Zürich, bsp.weise an den Egelsee, einem Weiher, mitten im Wald, auf den Skulpturenweg, zum Künstler Franz Weber. Dabei sind beachtliche Strecken zusammengekommen. Die Spaziergänge finden aber auch in anderen Gegenden der Schweiz statt, wie im Kanton Solothurn, wo er aufgewachsen ist oder im Tessin. Er ist unterwegs mit Schneeschuhen zu einer Alphütte und sieht auf dem Rückweg nur eine einzige Spur im Schnee, nämlich seine. Er läuft auf der Loipe im Oberengadin zum Morteratsch-Gletscher, um zu sehen, wie weit sich der Gletscher in den vergangenen Jahrzehnten zurückgebildet hat.

Irgendwann kauft sich Hohler einen Kompass und dann führen ihn die Spaziergänge von daheim in alle Himmelsrichtungen. Richtung Westen möchte er den Sonnenuntergang sehen und ist schlussendlich zurück bevor er diesen betrachten kann. Trotzdem hat er seiner Frau einiges zu erzählen. Im Osten ist er erstaunt, wie früh gewisse Büroangestellte schon am Computer sitzen und der Arbeit nachgehen und sieht um sechs Uhr früh die ersten Grossraumflugzeuge, die wie Rieseninsekten zur Landung ansetzen. Als er in Zürich Richtung Süden unterwegs ist, nascht er in einer Seegemeinde von Feigen, die über einen Gartenzaun hängen, also ist er im Süden angekommen.

Er ist alleine unterwegs oder mit seiner Frau, besucht mal Freunde oder auch Bekannte. Seine beiden Söhne begleiten ihn einmal in die Vergangenheit, auf den Spuren des Grossvaters bzw. Urgrossvaters. Sie gehen den Weg vom Wohnort des Vorfahren zu dessen Arbeitsstelle als Weber, ennet dem Rhein und müssen feststellen, dass die Fabrik da nicht mehr steht und dass der Arbeiter einen Weg von eineinhalb Stunden hin und eineinhalb Stunden zurück unter die Schuhsohlen nehmen musste. Dann begleitet ihn sein Vater nach Luzern, einmal gar ins Spital. Nach einer Operation muss sich der Autor einige Wochen schonen und unternimmt einen Spaziergang durch seine „Weltbibliothek“ daheim. Er ist ein aufmerksamer Betrachter seiner Umgebung. Was er auf gewissen Werbeplakaten und Schildern sieht, beschreibt er genauso, wie ein Denkmal oder einen gesprayten Spruch auf einer Hauswand, die Arbeiten auf einer Baustelle oder die Flaggen in den Schrebergärten. Zwischendurch wird auch gerastet und gepicknickt und damit der Leser, der einen Ort oder eine historische Begebenheit nicht kennt, wird dazu auch eine Erklärung geliefert.

Die Spaziergänge finden nicht nur in der Schweiz statt. Da marschiert er in Seoul, der Hauptstadt Koreas los, kaum ist er richtig angekommen oder er beschreibt, was alles auf dem„Königsberg“ läuft, dem Mont Royal in Montreal, Kanada. Als er von seinem Verlag an die Frankfurter Buchmesse eingeladen wird, findet er noch genügend Zeit, um über das Messegelände, zu anderen Ständen, einen Spaziergang zu machen.

Viele Orte sind mir bekannt, da Zürich meine Heimatstadt ist. Selbst mein Wohnort kommt im Buch vor, deshalb war es gleich nochmals so interessant, seine Beobachtungen nachzulesen. Die Berichte sind kurzweilig und stimmen manchmal nachdenklich, dann wieder sind sie amüsant und man kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Da für jede Woche des Jahres ein Spaziergang aufgezeichnet ist, könnte man sich vornehmen, jede Woche nur einen Text zu lesen und spaziert so mit den Augen durch die vier Jahreszeiten. Auch als Vorbereitung für eine Reise in die Region Zürich und die Schweiz, ist Hohlers Buch eine Alternative oder Ergänzung zu den üblichen Reiseführern. Nach der Lektüre bekommt der Leser Lust, ebenfalls die Welt zu erkunden, steht auf, zieht sich bequeme Schuhe an (sonst gibt’s Blasen an den Füssen!) und macht sich zu einem ersten Spaziergang auf.

Warum nicht gleich hier und jetzt beginnen? Es gibt manch Spannendes und  Aussergewöhnliches, auch ums Haus, zu entdecken, man muss nur mit offenen Augen und Ohren losmarschieren.  Das hat Franz Hohler wunderbar vorgemacht und mit diesem Buch bewiesen.

„Spaziergänge“ Franz Hohler
erschienen im Luchterhand Literaturverlag, München, 2012 (154 Seiten)

Ein Gedanke zu „Mit Franz Hohler spazieren gehen

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