Das lange Lied eines Lebens

1834 wird die Sklaverei auf Jamaika offiziell abgeschafft. Zu dieser Zeit lebt auch Miss July, eine Haussklavin, auf der Zuckerrohrplantage namens Amity. Inzwischen eine alte Frau, wird sie von ihrem Sohn Thomas Kinsman, einem angesehenen Verleger auf Jamaika, gebeten, ihre Lebensgeschichte zu Papier zu bringen.

„Das Buch, das Sie in Händen halten, ist aus einem Bedürfnis heraus entstanden. Meine Mutter hatte eine Geschichte – eine Geschichte, die ihr so dick und fett in der Brust sass, dass sie dank einer Kraft, die mächtiger war, als ihr eigener Wille, gezwungen sah, sie mir, ihrem Sohn, anzuvertrauen.“

Thomas hält ein wachsames Auge auf seine Mutter, muss sie immer wieder dazu anhalten, nichts wegzulassen oder zu beschönigen, auch wenn die Wahrheit zu erzählen schwer fällt und verheilt geglaubte Narben aufreissen und schmerzlich ins Bewusstsein rücken.

July wird als Tochter einer Feldsklavin geboren. Ihr Vater ist einer der brutalen Plantagen-Aufseher, der ihre Mutter Kitty immer wieder in ihrer Hütte aufsucht und vergewaltigt. July wird bereits als kleines Mädchen ins Herrenhaus wechseln, um dort als Zofe von Caroline Mortimer, der Schwester des Plantagenbesitzers, zu dienen.

„Darf ich sie wirklich mitnehmen?“ fragte Caroline. Kitty versuchte ausreichend Luft zu holen, um atmen zu können. „Ja, wenn sie dich amüsiert. Sie wird ihr ohnehin bald weggenommen. Das wird sie ermutigen, noch ein Kind zu bekommen. Schreckliche Mütter, diese Negerinnen.“

So tauche ich in die Welt der Sklaverei ein, von der heute kaum je die Rede ist, die aber eines der dunkelsten und tragischsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit ist. Ich bin entsetzt über die Abscheulichkeiten, denen die Sklaven ausgesetzt sind. Ihr Alltag ist geprägt von Unmenschlichkeit und ihr Leben ist weniger wert als das eines Tieres. Die Aufseher gehen mit äusserster Brutalität gegen faule und ungehorsame Sklaven vor, so dass es einen nicht verwundert, dass so viele umkommen. Das Verlies ist das letzte Mittel, um die Sklaven gefügig zu machen und zum Gehorsam zu erziehen. Auf Druck einer Gruppe von Sklaven kann sich Caroline Mortimer selbst ein Bild davon machen:

„Der Gestank – wie der einer verwesenden Ratte- legte sich um sie, und doch glaubte sie, dass die winzigen gemauerten Zellen leer seien. Erst als ihre Augen sich allmählich an die Düsternis gewöhnten, entdeckte sie, dass die schwarzen Wände sich bewegten, so wie man Fledermäuse in einer Höhle eher ahnt denn sieht. Die schlängelnden Bewegungen in diesem Dunkel stammten jedoch nicht von fliegenden Nagetieren, sondern von den vielen Negern, die Insassen dieser Zellen waren und sich in ihren Ketten wanden.“

Wie July ihr Leben und das ihrer Mitmenschen zu Papier bringt, bedient sie sich häufig einer derben Sprache und macht sich oft auch über die weisse Herrschaft lustig, wobei ich nicht umhin komme vor mich hin zu schmunzeln. Nicht immer werden die Befehle, die man ihr oder den anderen Haussklaven erteilt, auch pflichtbewusst ausgeführt und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Sie bilden eine eingeschworene Gemeinschaft und wenn sich die Gelegenheit ergibt, wird manche Flasche Rum in die Küche umgeleitet, statt auf dem Tisch der geladenen Gäste zu stehen. Und es bereitet mir ein diebisches Vergnügen, wie Caroline von ihrer Dienerschaft vor der geladenen Gesellschaft bloss gestellt wird.

© lesewelle

Doch auch wenn hin und wieder etwas Amüsantes zu lesen ist, hat July in ihrem langen Leben einige Schicksalsschläge wegzustecken. Als die Liebe auch an Julys Türe klopft, halte ich den Atem an und freue mich für sie. Doch die Liebe oder die Umstände erteilen ihr bald eine heftige Ohrfeige und es kam mir vor, als hätte man auch mich geschlagen. Ihr Weg und der der Anderen aus der Sklavenschaft in die Freiheit ist lang und blutig. Mut und Tapferkeit, Überlebenswille und Zusammenhalt haben July und ihre Mitsklaven dorthin geführt. Von dem berichtet sie und so wird ihr Sohn Thomas und der Leser erfahren, warum sie ihn als Baby vor die Tür eines Baptistenpfarrers gelegt hat. Wie sie sich schliesslich wieder gefunden haben, möchte ich hier nicht erörtern, denn diese Geschichte soll jeder, sofern es ihn interessiert, aus der Feder von July selber erfahren.

Die britische Autorin Andrea Levy, die von jamaikanischen Eltern abstammt, konnte für ihren Roman nicht auf Erzählungen aus ihrer eigenen Familie zurückgreifen. Ihre Eltern haben nie etwas über ihre Vorfahren erzählt. So reiste sie denn für ihre Recherchen nach Jamaika und suchte in Archiven nach Zeitdokumenten und besuchte restaurierte Plantagen. Sie stiess hauptsächlich auf Aufzeichnungen und Erfahrungsberichte aus der weissen Bevölkerung und von Missionaren. In einem Interview meinte sie, dass dies Fluch und Segen zugleich gewesen sei. Sie musste versuchen sich vorzustellen, wie es für die Schwarzen damals gewesen sein könnte, denn sie wollte ein Buch aus der Sicht einer ehemaligen Sklavin schreiben. Das ist ihr, wie ich finde, ausgezeichnet gelungen und ich bin froh, dass ich über diesen lesenswerten und aussergewöhnlichen Roman gestolpert bin, der im btb Verlag als Taschenbuch erschienen ist. Ich kann „Das lange Lied eines Lebens“ jedem ans Herz legen.

Bei meinen Recherchen im Internet bin ich auf einen Brief gestossen, den ein amerikanischer ehemaliger Sklave an seinen früheren Herrn geschrieben hat und der sehr lesens- und bewundernswert ist. Wer diesen Brief ebenfalls lesen möchte, der klicke hier 

6 Gedanken zu „Das lange Lied eines Lebens

  1. Nichtsdestotrotz finde ich das Bild sehr beeindruckend und passend. Ich habe den Erstling von Andrea Levy gelesen, der mich damals sehr beeindruckt hat. „Das lange Lied eines Lebens“ steht bereits in meinem Regal, doch kennst du das sicherlich auch, dann schieben sich doch immer noch andere Bücher dazwischen. Deine Leseeindrücke und vor allem auch der Brief – ein faszinierendes Dokument – haben bei mir dazu geführt, dass ich das Buch möglichst bald beginnen möchte!

    • Ja, das kenn ich, nicht zuletzt auch wegen deinen Rezensionen😉 Heute habe ich mir soeben „Der Duft des Regens“ besorgt, ich konnte einfach nicht wiederstehen.

      Ich hoffe, dass Andrea Levys Roman nun zuvorderst in dein Regal rutscht.

      LG buechermaniac

  2. Vielen Dank für Deinen ausführlichen Bericht zum Buch und besonders für den Fund am Ende, den ich auch sehr lesenswert fand. Erstaunlich, was und vor allem wie der Brief erzählt.
    Wo hast Du denn das Foto aufgenommen?

    Viele Grüße!

    • Freut mich, dass dir der Brief auch gefallen hat🙂
      Das Foto stammt von meinem Urlaub auf der Insel Mauritius. Ich dachte, das Zuckerrohrfeld und der alte Schornstein passen wunderbar zum Buch. Denn im Roman ist auch die Rede, dass man Inder anheuern wolle, die schon auf Mauritius auf den Plantagen gut arbeiten würden. Das Bild ist allerdings nicht optimal, stammt es doch noch aus der guten alten Zeit, als Digital noch ein Fremdwort war.

      Herzlich buechermaniac

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