Die süsse Einsamkeit

Im Mittelpunkt von „Die süsse Einsamkeit“ steht Hélène Karol, die als einziges Kind in einer grossbürgerlichen Familie aufwächst. Materiell fehlt es Hélène an nichts, nur die mütterliche Liebe wird ihr nicht zuteil. Ganz im Gegenteil, Bella, ihre Mutter, ist weitgehend mit sich selbst beschäftigt und überlässt die Betreuung ihrer Tochter lieber der französischen Gouvernante Rose. Das Kind wünschte sich, Rose wäre ihre Mutter.

Als Hélène acht Jahre alt ist, verliert ihr Vater Boris urplötzlich seine Arbeit. Der Direktor hat ihn entlassen, weil er befürchtet, Boris könnte eines Tages in die Kasse greifen. Er beobachtet, wie Bella, im Verhältnis zu Boris Gehalt, aussergewöhnlich viel Geld ausgibt. Ein weiterer Streit zwischen dem Ehepaar wird ausgetragen, woran sich Hélène inzwischen längst gewöhnt hat. Ihre Mutter ist einmal mehr theatralisch am Jammern und sieht sich bereits am Bettelstab. Versteht sich, ist ihr kapriziöser und ausschweifender Lebensstil doch in Gefahr. Während Boris Karol für zwei Jahre nach Sibirien geht, um dort gutes Geld zu verdienen, vergnügt sich Bella wie eh und je, reist in der Welt herum und ist froh, wenn sie nicht mit irgendwelchen Krankheiten oder anderen Problemen ihrer Tochter behelligt wird.

„Ein Kind, ein lebender Vorwurf, eine lästige Sache…. Sie war gut versorgt… Was wollte sie noch mehr? Würde sie selbst es später nicht besser finden, eine Mutter gehabt zu haben, die jung war und zu leben verstand?“

Nun ist also auch noch der Vater weg. Wie sich doch Hélènes Gesicht erhellt, wenn er nach Hause kommt und sie ihre kleine Hand in die ihres Vaters schieben kann und ein wenig Geborgenheit und Glück verspürt.

Die schönste Zeit des Mädchens ist aber immer dann, wenn die Reise nach Frankreich, ins geliebte Paris geht. Während die Mutter im Grand Hotel absteigt, werden Gouvernante und Tochter in einer billigen Pension einquartiert, doch das tut der Freude Hélènes keinen Abbruch.

„Hélène wurde grösser, man musste sie so weit wie möglich von dem Leben entfernen, das ihre Mutter so gerne führte.“

Den Vater, den Hélène innig liebt, bekommt das junge Mädchen  nur noch selten zu Gesicht. Er spekuliert an der Börse, beteiligt sich an Kupferminen, spielt im Kasino, gewinnt und verliert und gewinnt wieder. Der aufwändige Lebensstil muss auf irgendeine Weise finanziert werden.

„Gleichzeitig begann, über sie hinweg, jenes Gespräch, das nur noch den Klang menschlicher Worte hatte – denn die Bedeutung der Worte waren durch Zahlen erstzt worden – und das in ihrer Nähe, über ihren Kopf hinweg, nicht mehr aufhören würde zu ertönen, […]“

1914 verlassen die Eltern die Ukraine und siedeln nach St. Petersburg über. Bella hat dafür gesorgt, dass ihre Eltern, mit einer Rente versorgt, nicht mitkommen – eine Last weniger. Hélène kommt mit ihrer Gouvernante zu einem späteren Zeitpunkt nach. Auf das Wiedersehen mit ihrer verhassten Mutter könnte sie gut verzichten. Sie zittert vor dieser Frau und hat Angst, ihr wieder gegenübertreten zu müssen. Erstaunt stellt sie fest, dass auch ihr Cousin Max anwesend ist. Der Empfang ist alles andere als herzlich und Hélène ist wie gelähmt in der Gesellschaft ihrer Mutter und dieses arroganten, herablassenden jungen Mannes. Ihre Mutter hat nun noch einen Verbündeten gegen sie, der mithilft herumzukritisieren, zu nörgeln und Befehle zu erteilen.

„Als sie sie verliess, fragte sich Hélène furchtsam, ob dieser Unbekannte ihr Glück oder Unglück bringen werde, denn sie wusste sehr wohl, dass er von nun an der eigentliche Herr ihres Lebens wäre.“

Hélène, die für ihr Alter sehr reif ist, behält ihre klugen Gedanken meist für sich und gibt sich kindlicher in der Redensart, als sie ist. Bald ist ihr klar, dass ihr Cousin der Liebhaber ihrer Mutter ist. Doch dies laut zu denken, verbietet ihr Mademoiselle Rose.

Die Februarrevolution, während der Zar Nikolaus II. abdanken muss, ist vorbei, die Oktoberrevolution im selben Jahr hat noch nicht begonnen, aber sie liegt bedrohlich in der Luft. Die Gespräche der Erwachsenen drehen sich hauptsächlich ums Geld. Jeder, der sich während des Krieges bereichert hat, versucht sein Vermögen in Sicherheit zu bringen. Inzwischen macht sich Hélène ernsthafte Sorgen um ihre geliebte Gouvernante, die durch den Krieg von ihrer Familie in Frankreich abgeschnitten und in Russland sehr einsam ist. Ausgerechnet durch eine Unbedachtsamkeit, veranlasst sie ihre Mutter, ihrer Weggefährtin und engsten Vertrauten zu kündigen. Beim gemeinsamen Spaziergang in den unsicher gewordenen Strassen der Stadt, verlieren sich Hélène und Rose im dichten Nebel. Das Mädchen ist untröstlich und hat nur noch ein Ziel vor Augen: sich an ihrer Mutter und deren Liebhaber zu rächen. Für ihre Einsamkeit, die Angst, dafür dass man ihr ihre geliebte Rose genommen hat, sollen Bella und Max büssen müssen.

Der bevorstehende Bürgerkrieg zwingt die Familie Karol schliesslich St. Petersburg zu verlassen. Mit vielen anderen Familien flüchten sie nach Finnland. Doch bald wird auch dieses Land von Russland in den Krieg verwickelt und angegriffen. Während die Frauen um ihre Männer und Söhne bangen, blüht Hélène auf:

„Wieviel Angst sie haben, wie unglücklich sie alle sind! Ich habe keine Angst! Ich zittere für niemanden! […] und auf einmal fühlte sie eine Kraft, eine gleichgültige, freudige Ausgelassenheit, wie sie sie in ihrem Leben nie mehr empfinden sollte.“

Sie trifft sich mit einem verheirateten Mann. Zuerst lockt das kindliche Spiel im Schnee, bald jedoch wird aus der Ausgelassenheit die erste Liebelei. Es ist nicht zu übersehen, dass Hélène kein kleines Mädchen ist. Die Familie bricht erneut auf und reist weiter nach Frankreich. Kreuz und quer ziehen sie durch das Land. Bella widmet ihrer in die Jahre gekommenen Schönheit noch mehr Aufmerksamkeit. Die Jahre haben im Gesicht ihre Spuren hinterlassen und der Putz bröckelt wie der einer Hausfassade. Und Max – der bemüht sich immer mehr um Hélène. Es ist nicht zu übersehen, dass er ihr Avancen macht. Genau dies, versuchte Bella immer zu vermeiden. Die Streitereien nehmen zu, wie einst zwischen Vater und Mutter. Hélène scheint ihrem Ziel, das sie verfolgt, immer näher zu kommen. Sie hat eine einzige, grosse Trumpfkarte gegen ihre Mutter in der Hand – ihre Jugend.

Irène Némirovsky hat wiederum eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung in den Fokus dieses Romans gestellt, wie sie das schon in „Jesabel“ tat. Nicht von ungefähr ist dies immer wieder ein Thema in ihren Büchern, hatte sie doch selbst als Kind unter ihrer Mutter gelitten, von der sie nicht geliebt wurde und durch die Tochter ständig ans Älterwerden erinnert wurde. Die Erzählung erzeugt eine Spannung, dass ich glaubte, das Knistern zu hören. Sehr bildlich werden Bellas Bemühungen beschrieben, wie sie sich gegen das Altern wehrt. Ich stellte mir die aufgetakelte Frau vor, wie sie sich versucht, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, ihre einstige Schönheit zurückzuholen und sich dabei immer lächerlicher macht. Es verwundert nicht, dass sich Hélènes Hass gegen ihre Mutter mit der Zeit in Mitleid verwandelt. Der Roman ist 1935 im Original erschienen, aber diese Schilderung einer Frau aus grossbürgerlichem Milieu, die sich die ewige Jugend erhalten will, ist zeitlos aktuell. Nur würden heute noch ganz andere Mittel zur Verfügung stehen.

Das Mädchen überträgt ihre Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung auf den Vater, der dieser Anforderung nur teilweise gerecht wird, da er häufig auf Geschäftsreisen ist und selten präsent, seine Zeit am Spieltisch verbringt und darüber glatt seine Tochter vergisst. Ihr stummer Schrei nach elterlicher Liebe wird nicht gehört. Ich litt mit ihr, wenn sie ihrer Mutter gegenübertreten musste und nie ein zärtliches Wort oder ein Lob zu hören bekam. Der Egoismus und das Gejammere Bellas waren häufig schwer zu ertragen und manchmal hätte ich diese Frau gerne einmal durchgeschüttelt. Während Hélènes ganzer Kindheit und Jugendzeit hat sich in der Familie alles nur ums Geld und um die Befindlichkeiten der Mutter gedreht, deshalb ist es mehr als verständlich, dass sich die junge Frau nur noch die Freitheit wünscht, mit oder ohne Geld.

Irène Némirovsky: „Die süsse Einsamkeit“
Knaus
ISBN 978-3-8135-0377-7
272 Seiten

10 Gedanken zu „Die süsse Einsamkeit

  1. Aufgrund des Umfangs hatte ich die Biografie weggelegt. Ich hatte zur selben Zeit ein interessantes Buch geschenkt bekommen und wollte dies unbedingt zuerst lesen und danach habe ich nicht mehr zur Biografie zurückgefunden. Das wird aber nachgeholt.

    • Da bin ich aber beruhigt. Ich hatte schon gedacht, dass die Biographie nicht gut geschrieben wäre. Ich werde mir das Buch ganz sicher besorgen. Ich danke dir nochmals für den wertvollen Hinweis.

      Eine schöne Woche wünscht dir
      buechermaniac

  2. Schön, dass du bei deiner Besprechung auch die historischen Hintergründe darstellst. Hattest Du schon Gelegenheit ihre Biografie zu lesen?
    Mir ist bei der Lektüre mal wieder bewusst geworden, dass Frauen wie Bella keine Kinder bekommen sollten. Hélène ist durch ihre nicht existierende Kindheit für immer geprägt. Wird sie es jemals schaffen eine harmonische Beziehung führen zu können? Wohl eher nicht. Eigentlich wäre ja eine Fortsetzung sehr spannend.

  3. Jaja, die bösen Mütter und die Väter-Töchter, beides kenne ich aus meiner Umgebung. Ich habe eine sehr enge Beziehung zu meiner Tochter, aber als beste Freundin würde weder sie mich noch ich sie bezeichnen. Diese Rolle füllt eine andere gleichgestellte Person aus.
    Deine Besprechung habe ich mit großem Gewinn gelesen. Das wäre sicher eine Lektüre für den Literaturkreis. Wenn ich wieder an der Reihe bin, gibt es vielleicht schon die TB-Ausgabe.

    Viele Grüße,
    Atalante

    • Das wäre allerdings ein gutes Buch für den Lesekreis. Némirovskys Romane eignen sich ausgezeichnet für Diskussionen. Wir haben vor einigen Jahren „Suite française“ besprochen und das war der Anfang meiner Liebe zu dieser Autorin.

      Herzlich buechermaniac

  4. Danke für deine spannende Zusammenfassung.
    Ja, Mutter und Tochter, es ist immer ein ganz besonderes Verhältnis, egal wie herum.
    Annette Pehnt stellt sich diesem Thema mit Ihrer „Chronik der Nähe“, sie hat für das Buch sowohl den Solothurner als auch den Herman Hesse Preis erhalten.

    • Gerne🙂. Die Mutter-Tochter-Beziehungen sind in der Tat immer speziell. Was ich nicht so ganz nachvollziehen kann wenn Mütter sagen, dass sie die beste Freundin ihrer Tochter seien. Aber vielleicht gehöre ich nicht zur richtigen Generation, oder was meinst du?

      Dass Annette Pehnt auch noch den Hermann Hesse-Preis erhalten hat, wusste ich noch nicht, aber es freut mich sehr, denn der Roman hat mir sehr gefallen.

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