Motorradfahrt in den Herbst

Das Wetter für eine Fahrt mit dem Motorrad ist perfekt. Es ist mitte Oktober und das Thermometer zeigt 21 Grad an. Wir sind relativ früh dran, für die Fahrt ins Berner Oberland. Ich telefoniere noch auf dem Bahnhof mit meinem Liebsten, er solle doch einmal seine Schwägerin anfragen, ob die Alphütte frei sei. Eigentlich wollten wir erst im November in die Hütte, aber das Wetter könnte nicht schöner sein und irgenwie hat mich Mila noch drauf gebracht. Im Haus ist jedoch nur die Enkelin, Grossmutter und Grossvater sind irgendwo draussen. Als wir losfahren wissen wir also noch nicht, ob wir auf die Alp können.

Die Fahrt Richtung Zentralschweiz ist herrlich und als Sozius kann ich meinen Gedanken nachhängen. Die Spitzen der Berge sind weiss überzuckert, der erste Schnee ist am Montag gefallen und hat seine Spuren hinterlassen.  Wir fahren dem Alpnacher See entlang und auf einer Wiese mache ich weisse Flecken aus, es sind aber keine Schafe oder Ziegen. Ich würde mir die Augen reiben, hätte ich nicht das Helmvisier davor, denn wie die Kühe hockt eine Menge Schwäne im Gras. So etwas habe ich noch nie gesehen.

Das Buchenlaub schimmert golden und bronzefarben in der Sonne, die sich zu dieser Jahreszeit früher auf den Weg macht, hinter dem nächsten Bergkamm zu verschwinden.

Die verfärbten Bäume spiegeln sich im Lungernsee, ein Fischerboot schaukelt im Wasser.

In den Tunnels, die wir passieren, ist es angenehm warm und wie wir wieder hinausfahren und uns Kurve um Kurve den Brünigpass hochschrauben, wird es frischer. Auf der Passhöhe machen wir noch einen Kaffeehalt und setzen uns in die Sonne. Wir telefonieren zum dritten Mal auf den Hof und jetzt ist die Nichte am Apparat und verkündet, nachdem sie ihre Mutter gefunden hatte: „Hütte frei“.

Zahlen, Aufbruch. Jetzt geht es schnell. Auf dem Motorrad gehe ich im Kopf die Liste durch, was wir daheim alles einpacken und danach noch an Lebensmittel einkaufen müssen. Unten im Tal glänzt die Aare in ihrem begradigten Bett und fliesst Richtung Brienzersee. Durch die Bäume sehe ich das Dorf Iseltwald, wo eine Kollegin ihr Elternhaus hat. Es liegt malerisch am See. Dann schaue ich zum Niederhorn hoch, wo wir schon übernachtet haben und Steinböcke beobachten konnten. Die Pyramide des Niesens schaut mich an und der Zahn des Stockhorns ragt wie ein Weisheitszahn rechts raus. Vor dem Rugen-Tunnel werfe ich einen Blick nach hinten und sehe das imposante Trio von Eiger, Mönch und Jungfrau, tief verschneit. Wenn ich die Dreiergruppe sehe muss ich immer an den Song von Florian Ast denken, der innerhalb zwei Stunden, so glaube ich, über diese drei Berge ein Liebeslied schreiben musste. Der Eiger war in die Jungfrau verliebt, doch der Mönch stand halt immer dazwischen, so kamen die zwei nie zusammen.

Zu Hause, im Oberland angekommen, Motorradkleider weg, Schlafsäcke, Klamotten und Lebensmittel, die im Haus sind, einpacken. Wie praktisch, dass wir die Wechselnummern dabei haben, für das zweite Auto, das in der Garage wartet. Nun noch im nächsten Dorf frische Lebensmittel besorgen und ab ins Simmental. Die Dämmerung setzt bereits ein. Die Kurven den Berg hoch kennt mein Liebster im Schlaf, er ist schliesslich hier aufgewachsen. Auf dem Bauernhof stürzen uns die bellenden Hunde entgegen. Noch schnell die Angehörigen begrüssen und einige Worte wechseln. Abfahrt, Geländewagen rein und den steilen Weg hoch, den einige Freunde und Verwandte, nachdem sie ihn das erste Mal gesehen haben, lieber zu Fuss hochsteigen.

Alles auspacken, es ist längst Routine, wir sind ein eingespieltes Team. Ofen einfeuern, denn es soll noch etwas Warmes zu essen geben. Der neue Holz-Herd zieht gut und schon bald sitzen wir bei Pasta à la Bolognese und Salat am Tisch. In der Höhe schmeckt es nochmal so köstlich. Die Nacht ist mild und der Himmel ein einziges Sternenmeer, an dem ich mich kaum satt sehen kann. Das Licht der Petrollampen ermüdet die Augen, so geht man eher mal mit den Hühnern ins Bett. Bald schlüpfen wir in die warmen Schlafsäcke und dämmern unseren Träumen entgegen.

Advertisements

8 Gedanken zu „Motorradfahrt in den Herbst

    • Die Tage scheinen mir auf der Alp besonders intensiv und lang, weil man sich den Grossteil des Tages im Freien aufhält. Nach einem Wochenende wie diesem versucht man noch so lange wie möglich davon zu zerren.

  1. hach, ist wie heimkommen für mich … zwar war „unsere hütte“ auf der andern seeseite, doch auch im simmental war ich schon oft.
    heimweh(exil)bernerin ich. die strecke kenn ich bestens, die du beschreibst.
    geniesst die hüttenzeit!

    herzlich, sofasophia (eine stille mitleserin)

    • Die Hüttenzeit ist leider schon wieder vorbei und der Alltag hat uns wieder. Aber es war fantastisch. Ein Bericht mit Fotos folgt noch.

      Wo war denn eure Hütte? Vielleicht im Justital?

      Herzliche Grüsse
      buechermaniac

      • Oberhalb vom Beatenberg wäre bereits das Niederhorn, aber ich nehme an, dass die Alp anders heisst. Das ist natürlich auch eine sensationelle Aussicht.

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s