Ein Wochenende auf der Alp

Samstag

Für mich gibt es nichts schöneres, als ein Wochenende auf der Alp zu verbringen. Eigentlich hat Mila mich darauf gebracht, dass wir auf die Alp fahren könnten, denn es war nicht für dieses Wochenende vorgesehen. Wir wollten erst im November hoch, ob das aber klappt ist fraglich, einerseits wegen dem Wetter und andererseits muss mein Liebster eventuell den Urlaub abbrechen. Also, warum nicht jetzt? Das Wetter ist mehr als perfekt.

Die Nacht ist vorbei. Es ist halb acht Uhr. Vielleicht sind noch Gämsen zu beobachten. Wir steigen aus dem Bett und huschen leise um die Hütte und tatsächlich – vier Gämsen sind unweit der Hütte am äsen. Während meines Sabbaticals vor zwei Jahren konnte ich zweimal 14 – 15 Gämsen beobachten. Sie kommen gerne auf diese Alpweide. Die Jagd ist vorbei, sie brauchen keine Angst mehr zu haben, dass ein Jäger sie abschiesst. Lange bleiben sie nicht mehr und schon sind sie im Wald verschwunden.

Frühstück gibt es erst um neun Uhr, als bereits die Sonne wärmend auf die Terrasse scheint. Trinkwasser muss noch im ersten Brunnen geholt werden. Das Wasser läuft, bis es bei uns ist, bereits durch zwei Brunnen durch. Zum Abwaschen und Waschen ist das kein Problem, aber zum Kochen und Trinken möchte ich lieber Quellwasser erster Güte. In der oberen Hütte weilt ebenfalls eine Familie, aber es ist genügend Abstand zwischen den Hütten, dass die mich nicht stören. Dieses Jahr wimmelt es anscheinend bei ihnen nur so von Mäusen. Da bin ich froh, in der unteren Hütte zu sein. Einfach die untere Türhälfte immer schön zuziehen, damit keine Maus hineinhüpfen kann.

Nach dem Abwasch streune ich in der Umgebung herum, laufe über Moosteppiche, dass es unter meinen Füssen federt und Pilze – eine Unmenge gibt es dieses Jahr. Da ich die meisten Sorten nicht kenne, mache ich nur Fotos von ihnen.

Der Parasol ist weit geöffnet und macht seinem Namen alle Ehre. Mein Liebster schleppt Tannenäste zum Trocknen zur Hütte. Das gibt irgendwann wieder Brennholz. Sein Bruder kommt zu Besuch und berichtet. Im Sommer war die Quelle fast versiegt und das Wasser musste täglich in Milchkannen auf die Alp gebracht werden. Dann wurde eine weitere Quelle entdeckt, eine neue Brunnenstube aufgestellt und Leitungen verlegt. Und als das Brunnenrohr abgeschraubt wurde, fiel ein verirrter Frosch in den Trog. Der Missetäter hatte noch zusätzlich den Durchfluss des wenigen Wassers verhindert.

Am Nachmittag wandern wir über den Stoos, kein Mensch begegnet uns. Über den etwas verwilderten Weg geht es fast bis wieder bis zum Bauernhof und im schattigen Wald wieder hinauf.

Wie wäre es mit einer Abkühlung? Der Brunnentrog ist gefüllt, Kleider weg, und rein ins kalte Wasser. Zuerst braucht es noch ein wenig Überwindung, dann steigen wir gleich noch ein zweites Mal hinein und jetzt sitzt jeder etwas länger drin. Danach sind wir wieder frisch und die Haut prickelt angenehm. Mit dem Liegestuhl ziehen wir um die Ecke, an einen windgeschützten Platz an der Holzwand. Es ist wie im Sommer – vierundzwanzig Grad warm.

Nach vier Uhr gehe ich in die Küche, Herd einfeuern. Ich will noch bei Tageslicht kochen und den Apéro vorbereiten: Bruschetta und ein Glas Weisswein. Danach kommt der Risotto dran, den darf ich nicht aus den Augen lassen, sonst brennt er an. Auf dem Holzfeuer zubereitet schmeckt er am besten.

Saltimbocca und gebratene Cherrytomaten gibt es dazu und einen feinen Tropfen Rotwein aus dem Südtirol. Wir können das Abendessen in der Sonne geniessen und da guckt jemand um die Ecke – ein Bekannter hat den Weg hierher gemacht, erzählt uns von seiner Arbeit und von Norwegen. Soweit müssen wir nicht, um die Abgeschiedenheit zu geniessen. Der Gast steigt noch im Dämmerlicht den Weg wieder hinunter, sonst wird es gefährlich.

Bei Kaffee und Kuchen lassen wir den prächtigen Herbsttag ausklingen. Stehen in der Nacht nochmals auf und betrachten den Sternenhimmel und ich sehe mehrere Kometen vorbeisausen.

Sonntag

Ich steige früh wieder aus den Federn. Heute sind keine Gämsen auf der Alpweide. Etwas erhöht sehe ich, wie die Sonne über den Berggipfeln aufgeht. Die Strahlen sehen aus wie man sie als Kind gezeichnet hat.

Noch ist der Himmel von Wolken überzogen. Ob es heute auch so schön wird? Ich muss mir aber keine Sorgen machen, das Frühstück essen wir wieder auf der sonnigen Terrasse. Ich bin noch beim Abwasch, da steht der Bekannte schon wieder da. Heute passt es gar nicht. Ich wollte noch etwas lesen und komme nicht dazu. Mein Liebster wollte sich noch etwas hinlegen, das wird auch nichts. Stattdessen wettert der Bekannte über seine Ex-Frauen, untreue Geschäftspartner und erzählt zum x-ten Mal von seinen Patenten und Produkten. Zuzuhören ermüdet und die ständige Leier mögen wir nicht mehr hören. Lange dauert es, bis er sich heute verabschiedet und inzwischen ist es fast Mittag. Noch eine Runde sonnenbaden und endlich wieder die Ruhe geniessen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit und dann müssen wir zusammenpacken und die Hütte fegen. Ein letztes Bad im Brunnen, Kamin und Fensterläden schliessen und traurig nehme ich Abschied. Ich bin so gern hier oben, denn für mich ist das ein grosses Stück Lebensqualität, die ich zu schätzen weiss.

Auf dem Bauernhof sitzen die drei Töchter des einen Bruders auf der Terrasse, lesen und schreiben. Wir unterhalten uns noch ein wenig, kaufen Käse, bevor es definitiv heisst, ins Tal zu fahren. Die Temperatur am Südhang beträgt 26 Grad, unten am Thunersee, im Schatten, reicht es nicht einmal mehr für zwanzig. Alles wird wieder an seinen Platz geräumt, die Koffer des Motorrades bepackt und dann geht die Fahrt in umgekehrter Richtung über den Brünig und zusätzlich über den Glaubenberg, zurück in die Agglomeration von Zürich.

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11 Gedanken zu „Ein Wochenende auf der Alp

    • Jederzeit, liebe Briddy. Es ist jedes Mal einfach fantastisch, selbst wenn es einmal schlechtes Wetter wäre. Denn dann machen wir es uns im Stübli, bei knisterndem Feuer, gemütlich

      Liebe Grüsse an alle

  1. es kommt halt immer auf den kontext drauf an. in unserer hütte (ob habkern wars, ist mir eben eingefallen) mochte ich das holzfeuerkochen und wo immer sich die gelegenheit bietet. ich möchte das einfache leben nicht verlernen, auch wenn ich im alltag elektroherd und spülmaschine habe.
    die bilder rühren heimweh nach dem oberland an, wo ich früher mal gewohnt habe (allerdings nur in der region thun, nicht „höher oben“). ich mag den dialekt und die lebensart.
    *wehmütigseufz*

    liebe grüsse, soso

    • O làlà, das klingt nach schwerstem Heimweh, liebe soso. Aber deine Gefühle kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich freue mich auf jeden Tag, jede Stunde, die ich im Berner Oberland verbringen kann. Wir blicken, wenn wir nicht auf der Alp sind, direkt auf den Thunersee und gerne bummle ich immer wieder durch Thun selbst. Jedes Mal ist es wie ein bisschen Ferien. Das einfache Leben auf der Alp – es ist wunderbar, wenn man es selber wählen kann. Vor allem, dass das Einfache einem so beglücken kann und zufrieden stimmt, das finde ich am schönsten. Es zeigt mir, dass der Mensch eigentlich gar nicht so viel braucht, wenigstens für mich ist es so.

      Liebi Grüess us de Schwiz

  2. Wie lustig dass ich dich drauf gebracht habe… Wenn das nicht der Beweis für die Interaktionsfähigkeit von Blogs ist… Aber ich wäre definitiv auch auf die Alp gefahren. Das ist so schön – allein von den Bildern und der Beschreibung her. Und dieser Herd!!! Ein solcher Ofen ist ja mein großer Traum (nicht dass er in einer Stadtwohnung praktisch wäre…)
    Ich hoffe nur, dass es im November trotzdem noch mal klappt mit euch und der Alp…

    • Siehst du, was du mit deinem Kommentar ausgelöst hast?! Ich schwör dir, wenn ich ein Haus hätte, dann würde ich, neben dem Elektroherd auch einen Holz-Herd wollen. Viele Gerichte schmecken einfach leckerer wie eben Risotto oder auch Polenta. Den alten Herd mochte ich auch, aber er war völlig ausgebrannt und die Gusseisenabdeckung war an einigen Stellen kaputt, so dass man ständig darauf achten musste, dass nicht einer der Ringe ins Feuer fiel. Ich koche gerne auf diese Weise und finde nicht, dass man deswegen stundenlang in der Küche stehen muss, und wenn – es wäre mir egal, denn diese Tätigkeit ist mir nie zuwider.

      Liebe Grüsse

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