„Zürich liest“ 2012 – Teil II

Als mich mein Liebster im Auto an den Bahnhof brachte, fiel Schneeregen auf die Windschutzscheibe. Es war saukalt. Na Prost, da konnte ich nur hoffen, dass das Schiff, das mich auf eine literarische Reise mitnehmen sollte, schön beheizt war.

Eine Reisegeschichte

Zuerst musste ich noch im Schreibbüro am Bellevue vorbei, da ich meine Reisegeschichte abholen wollte. Die drei Autoren vom Literaturbüro Olten Eva Seck, Noemi Lerch und Patric Marino sahen ziemlich durchfroren aus. Gut, haben sie im Rücken gleich das Café, wo sie wärmenden Tee oder Kaffee holen konnten. Die Finger auf der mechanischen Schreibmaschine herumturnen zu lassen wäre nicht schlecht gewesen, aber es kamen relativ wenige Leute.

Literaturbüro Olten mit Eva Seck, Patric Marino und Noemi Lerch

Meine Stichworte, die ich am Freitag gegeben hatte, waren

–        Russland
–        Land Rover
–        Lagerfeuer

Als ich die Geschichte las, war ich etwas überrascht. Fahrräder, aber kein Land Rover, kamen in der Geschichte vor. Aufgabe nur zu 2/3 erfüllt. Ich ging nochmals zu „meiner“ Autorin und sie gestand, dass sie den Land Rover vergessen hatte und mir nochmals ein paar Zeilen schreiben könne. So kam ich noch zu einem Land Rover Gedicht, wofür ich freiwillig nochmals etwas springen liess.

Neben dem Schreibbüro war der Stand der Zürcher Verlage, wie Bilger Verlag, Dörlemann, Rotpunkt, Unionsverlag, Salis Verlag und Diogenes u.a.. Alle schön vereint und auch hier mussten sich die Leute mit warmen Getränken aufwärmen, zogen den Kopf zwischen die Schultern und standen von einem Bein auf das andere.

Das Lachen ist ihnen, trotz Kälte, noch nicht vergangen

Im Festivalzelt war es angenehm warm. Ich wollte gar nicht mehr raus. Auch, und vor allem an diesem Tag, fanden literarische Spaziergänge statt. Franz Hohler war in seinem Quartier bereits das erste Mal unterwegs. Wie mir die Dame vom „Zürich liest“-Personal erzählte, seien, trotz der Kälte, viele Interessierte mit dem Autor mitspaziert.

Mit Robert Walser nach Wädenswil

Dann machte ich mich Richtung Schifflände auf, wo ich auf die Panta Rhei wartete, (griechisch für „alles fliesst“), dem jünsten Motorschiff der Zürichsee-Flotte. Keiner der Teilnehmenden hatte eine Ahnung, wie die Schiffsreise ablaufen würde. Wir dachten eigentlich, wir würden direkt nach Wädenswil fahren. Aber nein – wir fuhren mit dem offiziellen Kursschiff die grosse Rundfahrt auf dem Zürichsee, die uns bis hinauf nach Rapperswil, und erst dann nach Wädenswil bringen würde. So kamen wir auf zweieinhalb Stunden Schifffahrt!

Kaum merkbar setzte das Schiff von der Anlegestelle ab. Die Panta Rhei hat Gott sei Dank eine gute Heizung. Im Schiffsbug sassen sechzig Teilnehmer, bereit dem Schauspieler und Regisseur Klaus-Henner Russius zu lauschen, wie er uns aus Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“ vorlesen würde. Der grösste Teil der Handlung spielt in der Villa „Zum Abendstern“ in Wädenswil, in der Robert Walser 1903 für mehr als ein halbes Jahr gearbeitet hatte.

Klaus-Henner Russius stellte sich als begnadeter Vorleser heraus und gebannt hing ich an seinen Lippen. Ich kam mir vor wie ein Kind, das Märchen vorgelesen bekommt. Es war faszinierend.

Vor zehn Tagen, bei herrlichstem Wetter, hatte Herr Russius die Fahrt schon einmal absolviert, um eine Idee für die Zeiten seiner Lesung zu bekommen. Es stellte sich dann heraus, dass das Schiff nicht mehr alle damaligen Haltestege anlief und so musste er die Texte etwas kürzen.

Draussen regnete es, die Wolkendecke hing tief und doch war das Ufer immer wieder zu sehen und als das Schloss von Rapperswil in der Ferne auftauchte, war das ein schöner Moment.

Zwischen der Lesung sprach Bernhard Echte, ehemaliger Leiter des Robert Walser-Archivs und heutiger Bewohner der Villa „Zum Abendstern“ zu uns. Er gab uns einige biographische Eckdaten zu Walser und erzählte, wie es überhaupt dazu kam, dass er in der Villa lebt.

Zwischen 1898 und 1905 lebte Robert Walser in Zürich. Er war Bankangestellter. 1902 wurde er arbeitslos und stellte sich schliesslich bei Ingenieur Karl Dubler, der damals, mit Frau und vier Kindern, in der Villa wohnte, vor, um als Schreibhilfe im technischen Büro zu arbeiten. Tatsächlich trat er am 31. Juli 1903 diese Stelle an und bezog das Turmzimmer des Hauses. Auf 80 Quadratmeter Grundfläche wohnten schliesslich acht Personen, nämlich die Familie Dubler, die im Roman Tobler heisst, die Hausangestellte Pauline und Robert Walser, im Roman Joseph Marti.

Die Villa erlebte im Laufe der Jahrzehnte etliche Handänderungen. Zuletzt lebte eine türkische Familie mit ihren vier Kindern darin, die einen Mietvertrag hatte, der monatlich kündbar war. Das Haus sollte abgerissen werden und das Grundstück verdichtet bebaut werden. „Mit solchen Schmuckstücken, wie Sie sie hier überall sehen“, sagte Bernhard Echte. Das Publikum lachte, denn nicht alles, was man hier an Architektur zu sehen bekommt ist reizvoll. Nun, Herr Echte fand es schade, dass das Haus abgerissen werden sollte. Das Robert Walser-Archiv hatte kein Geld, er auch nicht, ausserdem fand es das Archiv zu riskant, dort sein Domizil aufzuschlagen. Das Haus, das einer Erbengemeinschaft gehörte, die sich nicht einigen konnte, war der Auslöser, dass der Besitzer zu Echte meinte „Dann kaufen Sie es halt“. Der ging zu seiner Frau und sprach mit ihr. Das Nebengrundstück wurde gleich mitübernommen. „Sie können mir glauben, ich bin heute höher verschuldet, als damals Karl Dubler“, meinte er.

In Horgen verliess Bernhard Echte das Schiff, um nach Hause zu eilen und seiner Frau bei den Vorbereitungen für den Apéro zu helfen. Wir hingegen lauschten wieder Herrn Russius, der sich immer mal wieder in Fahrtrichtung drehte, um zu checken, wo wir denn gerade waren. „Wir überlegten, ob ich in Fahrtrichtung stehen sollte, um zu lesen. Aber, dann würde es sechzig Teilnehmern schlecht, das wäre nicht gut. So wird nur einem schlecht, dafür opfere ich mich gerne“, sagte er.

In Wädenswil erwartete uns dann Bernhard Echte und wir machten einen Spaziergang dem Ufer entlang. Die Bahnhofunterführung war bereits leicht überflutet. Es war eisig kalt und zügig bewegten wir uns zur Villa „Zum Abendstern“, die ganz einfach zu ihrem Namen gekommen war, weil am anderen Ende der Ortschaft eine Villa „Zum Morgenstern“ existierte. Nur in kleineren Gruppen konnten wir ins Haus. Eigentlich war der Anlass für vierzig Personen konzipiert. Der Präsident des Festivals habe, ohne Wissen von Bernhard Echte, sechzig Tickets verkauft. Wir stiegen ins technische Büro hinunter, wo Walser an einem einfachen Tisch gearbeitet hatte. Faksimile der Patente von Karl Dubler waren zu sehen und Fotos wie die Gegend damals ausgesehen hatte. Wir traten ins Esszimmer, dem damaligen Raum, wo die grosse Familie jeweils zusammen kam. Und hinauf ging es ins Turmzimmer mit der Dachterrasse, von der Walser so geschwärmt hatte. Noch kann man auf den See hinunter sehen.

Ein Teilnehmer wollte dann noch wissen, was denn aus Karl Dubler geworden sei. Nach seinem Konkurs versuchte er noch einmal eine Firma im Bremgarten aufzubauen, kam dann aber wegen Betrug und Urkundenfälschung ins Gefängnis, wo er auch starb. Seine Erfindungen waren kein Erfolg. Die Ehe zerbrach. Robert Walser hatte sich 1925 nochmals mit Dubler in Bern getroffen. Ob Dubler wusste, dass Walser inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller war? „Gerne wäre ich bei diesem Gespräch dabei gewesen“, sagte Bernhard Echte.

Auf dem Grundstück, neben dem Haus, ist der Verlag Nimbus Kunst und Bücher, in einem separaten Kubus, untergebracht. Hier erwartete uns noch ein Glas Wein und Apérogebäck und viele Walser-Bücher und natürlich die Titel aus dem Nimbus Verlag.

Es ist beachtlich, dass Bernhard Echte sich so sehr für den Erhalt dieser Villa „Zum Abendstern“ eingesetzt hat, die eher klein und unscheinbar ist. Ich verneige mich vor diesem Mann, der viel Herzblut in dieses Abenteuer steckt.

Inzwischen schneite es richtig. Jeder trat individuell seine Heimreise mit dem Zug an und für mich war es ein beglückender Nachmittag. Der Roman „Der Gehülfe“, den ich vor einigen Jahren gelesen habe, ist durch den Anlass sehr persönlich geworden. Durch den Vorleser Klaus-Henner Russius, der den wunderbaren Text Walsers, mit einer solchen Hingabe gelesen hat, hat er mir diesen Schweizer Schriftsteller wieder ganz nahe gebracht, so dass ich grosse Lust verspüre, weitere Romane von Robert Walser zu lesen.

2 Gedanken zu „„Zürich liest“ 2012 – Teil II

    • Bernhard Echte nennt es nicht unbedingt Villa und von der hinteren Seite sieht man erst das wahre Alter des Hauses. Die Dachterrasse Richtung Süden ist grandios und der Blick vom Turmzimmer ist auch nicht zu verachten. Mehr oder weniger alle Räume sind mit Bücherregalen ausgestattet, aber bei einem Verleger ist das auch kein Wunder. Mir hat das Haus sehr gefallen und man spürt, wie viel Liebe in dieses Projekt gesteckt wurde.

      Liebe Grüsse

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