Die Donnerstagswitwen

Argentinien steht in diesen Tagen wieder in den Schlagzeilen, die Bevölkerung demonstrierte zu hunderttausenden gegen die Regierung und die Präsidentin Christina Kirchner. Die Kriminalität steigt, die Korruption nimmt immer schlimmere Ausmasse an und mit der Wirtschaft steht es auch nicht zum Besten. So gehen die Menschen, vor allem Mittelstand und Oberschicht, mit ihren Töpfen und Pfannen auf die Strassen, um ihrer Unzufriedenheit mit viel Lärm Luft zu machen.

Die argentinische Schriftstellerin Claudia Piñeiro nimmt den Leser in „Die Donnerstags-witwen“ in eine ähnliche Zeit mit, wie sie erneut vorherrscht, doch das Zeitrad wird in die 1990er-Jahre zurückgedreht.

„Ich benutzte so wenig Geschirr wie möglich. Schon seit ein paar Jahren hatte ich mich damit abgefunden, dass wir uns keine Vollzeithaushaltshilfe mehr leisten konnten, inzwischen kam bloss noch zweimal pro Woche eine Frau, die die gröbsten Arbeiten erledigte. Seither benutzte ich also kaum noch Geschirr, wie ich mir auch angewöhnt hatte, meine Kleidung möglichst nicht zu zerknittern und nur selten das Bett neu zu beziehen. Nicht, weil ich die damit verbundene Arbeit als anstrengend empfunden hätte, aber wenn ich Geschirr spülte, Betten machte oder bügelte, musste ich daran denken, was ich früher gehabt hatte, jetzt aber nicht mehr hatte.“

Das sind die Worte von Virginia Guevara, deren Mann Ronie vor sechs Jahren die Arbeit verloren hat und nun mehr oder weniger den ganzen Tag zu Hause hockt. Die Familie wohnt in einem Country, einer abgeschlossenen Siedlung namens Altos de la Cascada, ausserhalb von Buenos Aires. Ein zwei Meter hoher Drahtzaun umgibt das Gelände, Überwachungskameras sind installiert. Die Schranke hebt sich nur für die Bewohner die ihre Magnetkarten ans Lesegerät halten, für die Hausangestellten, Arbeiter und Besucher, die angemeldet sind. Ausser zur Arbeit oder für die Schule muss man das Country nicht verlassen. Alles ist hier vorhanden: Läden, Kinos, Sport- und Freizeitplätze. Es ist geregelt wie die Gärten angelegt werden dürfen, Zäune und Mauern sind verboten. Alles ist mehr oder weniger reglementiert. Es ziehen Familien her und auch wieder weg. Trennt sich ein Paar oder stirbt ein Ehepartner, bleibt der andere Partner selten im Country. Dann kommt Virginia oder wie sie sich geschäftlich nennt, Mavi, ins Spiel. Eher durch Zufall rutscht sie in die Immobilienbranche und betreibt nun ihr eigenes Maklerbüro. An ihr kommt keiner vorbei, der in La Cascada ein Haus kaufen oder verkaufen will. Und ihr rotes Heft, in das sie alles notiert, was mit Kunden und dem Immobilienhandel zu tun hat, ist berüchtigt.

Die Familie Guevara lebt seit Ende der 1980er-Jahre im Country und ist eine der ersten, die dauerhaft in Altos de la Cascada einzieht und der Stadt den Rücken zukehrt.

„Hierauf legte Virginia jedes Mal besonderen Wert, wenn sie jemandem ein Haus zeigte: Fledermäuse und Beutelratten. Neue Bewohner der Siedlung, die bei der Ankunft in ihrer Ahnungslosigkeit und ohne Vorwarnung dem Glauben verfielen, im Paradies gelandet zu sein, und dann unversehens auf eins dieser Tiere stiessen, würden sich nie mehr von diesem Schreck erholen. Fledermäuse und Beutelratten lassen sich aber nun einmal weder von den drei Durchgangsbarrieren noch vom ringsum aufgespannten Maschendraht abhalten. […] „Und wer jemandem ein Haus verkaufen oder vermieten will, sollte dafür sorgen, dass den Kunden ihre Traumvorstellungen erhalten bleiben; ihre Ängste dagegen sollten sich so schnell wie möglich in Luft auflösen.“ So steht es in Virginias Heft, im Kapitel „Fledermäuse, Beutelratten und andere Mitglieder der Fauna von La Cascada“. Und in Klammern hat sie hinzugefügt: „Zumindest, bis alle Verträge unterschrieben sind.“

Der Leser begleitet nicht nur die Familie Guevara durch deren Alltag mit ihren Freuden und vor allem Sorgen, sondern auch die Scaglias, die Urovichs, Andrades, Insúas und Masottas. Denn nicht nur die Fledermäuse und Beutelratten überwinden die Barrieren des Country, sondern auch die alltäglichen Probleme der Paare und die der pubertierenden Kinder. Eines Tages wird Virginia nämlich in die Schule gebeten, da Sohn Juani anscheinend Probleme macht. Ein Aufsatz über „Die Nachbarn“ ist Anlass zur Sorge. Juani scheint Dinge über den Nachbarn zu erfinden, der sich nachts nackt vor den Computer setzt und seine Hand immer wieder zwischen den Beinen verschwinden lässt. Ausserdem hat der Junge auch noch ein Bild gezeichnet, auf dem der Nachbar rittlings auf dem Hund zu sehen ist. Das Bild haben einige Klassenkameraden bereits gesehen. Was damals die Runde noch als Zeichnung machte, wäre heute eine Handyaufnahme. Auch wenn der Junge die Wahrheit schreibt und die Situation zeichnet, wie er sie beobachtet hat, ist er es, der eine Therapie beim Psychologen machen soll, wie die Schulleitung der entsetzten Mutter empfiehlt.

Später befreundet sich Juani mit der Tochter der Andrades, Romina, die vor ihrer Adoption Ramona hiess. Sie fühlt sich nie wirklich wohl in ihrer neuen Familie und ihr Bruder Pedro wird ihr bereits als Baby entzogen und wie sie vermutet schmiert ihm die Adoptivmutter Crème zur Hautaufhellung ins Gesicht. Die Mutter lehnt sie ab und vom Vater hält sie ebenfalls nicht viel.

„Romina weiss nicht, was Ernesto beruflich macht. In der Schule soll sie einen Aufsatz darüber schreiben, welcher Arbeit der Vater nachgeht. Aber Romina weiss das nicht. Sie weiss, was die anderen sagen, aber das stimmt nicht. […] In Altos de la Cascada glauben alle, er sei Anwalt […] Mariana müsste es auch wissen. Schliesslich ist sie seine Frau. Doch Mariana lügt. In einem Aufsatz lügt man nicht. Wenigstens erzählt man nicht anderer Leute lügen, da erfindet man besser selber welche.“

Juani und Romina ziehen durch die Strassen der Siedlung, klettern auf Bäume und schauen durch fremde Fenster oder rauchen Marihuana. Was wieder ein Grund zur Sorge ist.

Die Polizei wird nie hinzugezogen. Schwierigkeiten regelt man selber, Verbrechen gibt es keine, höchstens Verstösse und dafür gibt es von einem Rat Verwarnungen und die Vergehen werden in einer Liste eingetragen. Für die meisten Bewohner ist alles mehr oder weniger im grünen Bereich bis zur Jahrtausendwende. Argentinien schlittert in eine Wirtschaftskrise, längst stehen weitere Männer auf der Strasse, so auch Tano Scaglia, der Geschäftsführer bei einer holländischen Firma ist. Zu Hause verschweigt er, dass er seinen Job verloren hat und fährt weiterhin in sein Büro in Buenos Aires, das ihm noch eine Zeit lang zur Verfügung gestellt wird. Seine Frau Teresa plant nichtsahnend die nächsten Ferien im Ausland, die sich die Familie inzwischen gar nicht mehr leisten kann. Der Hausherr rechnet, wie lange das Ersparte noch reichen wird um den Lebensstil unverändert aufrecht zu erhalten. Die Urovichs sind inzwischen beinahe pleite. Die Ehefrau pumpt eine Bekannte an, um einen Hund für ihren Sohn kaufen zu können. Der Umzug nach Miami wird geplant, wo man in der spanischen Community nicht mal Englisch können muss und sich schon irgendeine Arbeit finden wird. Und der seltsame Neue, Gustavo Masotta, der überstürzt eine neue Bleibe bei Virginia kauft, stellt sich als Schläger seiner Frau heraus. Einige Herren versuchen auf zweifelhafte Art noch Geld zu scheffeln.

„In La Cascada ist es nichts Besonderes, wenn man nichts über den anderen weiss, nicht was er gemacht hat, bevor er hierhergezogen ist, und auch nicht, was er jetzt eigentlich so macht, wenn er in seinen eigenen vier Wänden ist.“

Dann ist wieder Donnerstag – Herrenrunde – und Tano macht seinen Freunden einen unglaublichen Vorschlag.

Die Autorin Claudia Piñeiro, wurde 1960 in Buenos Aires geboren. Nach dem Wirtschaftsstudium wandte sie sich dem Schreiben zu, arbeitete als Journalistin, schrieb Theaterstücke, Kinder- und Jugendbücher und führte auch Regie fürs Fernsehen. Für den Roman „Donnerstagswitwen“ erhielt sie 2005 den Premio Clarín.

Zuerst glaubte ich nicht so recht, dass mich die Schilderungen von dieser reichen oder sagen wir mal vermeintlich reichen Bevölkerungsschicht interessieren könnte. Denn was ist spannend an Frauen, die sich aus lauter Langeweile zu irgendwelchen Mal- oder Feng Shui-Kursen treffen, den Nachmittag beim Burako-Turnier verbringen, Sport treiben oder Männer die sich zum Tennis- und Golfspiel treffen, Parties veranstalten und über Aktien sprechen? Doch allmählich nehmen die Einzelschicksale Fahrt auf, die heile Welt hinter den Fassaden ist alles andere als in Ordnung. Der kostspielige Lebenswandel lässt die Vermögen schrumpfen, die Kinder begehren auf und mit Schrecken müssen die Eltern feststellen, dass auch im Country Drogen die Runden machen. Auch innerhalb des „Paradieses“ wird gelogen und betrogen. Die Freundschaften erweisen sich in vielen Fällen meistens als oberflächlich, denn Keiner weiss so richtig über den anderen Bescheid.

Der Zaun um die Siedlung garantiert keine Sicherheit und bietet keinen Schutz vor den Unannehmlichkeiten, die das Leben mit sich bringen kann. Es stellt sich heraus, dass die Bewohner des Countrys als unfähig erweisen, die einfachsten Dinge des Lebens, zu bewältigen, wie die richtige Buslinie zu nehmen oder eine Fahrkarte zu lösen. Der Putz beginnt zu bröckeln. Und schlussendlich muss auch die Familie Guevara über ihren Schatten springen und eine folgenschwere Entscheidung treffen.

All dies beschreibt Claudia Piñeiro auf eindrückliche Weise und mit Biss. Der Roman wird als Krimi angepriesen. Ich betrachte es eher als eine Gesellschaftsstudie über die obere Mittelschicht, die sich in Krisenzeiten verheddert wie ein Garnknäuel und nicht mehr weiter weiss. Die Geschichten der Menschen zogen mich mit sich. Ich wurde, wie Romina und Juani, die nachts durch die Strassen von Altos de la Cascada streifen, zum Voyeur, der durch fremde Fenster schaut und der Blick fördert einige Überraschungen ans Licht, die nichts mehr mit dem Paradies gemein haben.

Claudia Piñeiro: „Die Donnerstagswitwen“
aus dem Spanischen von Peter Kultzen
erschienen im Unionsverlag

6 Gedanken zu „Die Donnerstagswitwen

  1. Das hört sich ja so an als hätte sich ein ziemlich wilder Haufen in La Cascada zusammen gefunden. Nach einem Krimi hört sich der Roman für mich allerdings auch nicht an, eher wie du schon sagst ein Gesellschaftsroman, vielleicht sogar eine Satire. Obwohl das natürlich davon abhängt in welchem Ton die Eskapaden der Country Bewohner dargebracht sind.
    Deine Rezension macht mich auf jeden Fall neugierig darauf, wie sich die Familie um Virginia aus dem Schlamassel zu ziehen schafft oder ob sie es überhaupt schafft.

    LG, Katarina🙂

    • Vor allem ist es ein spezieller Haufen, liebe Katarina. Wenn man hinter die Fassaden der Häuser blickt, mit ihren Bewohnern, sieht eben nicht mehr alles so glänzend aus und ist für die einen weit entfernt vom Paradies. Schlussendlich kann keine Mauer die Alltagssorgen aufhalten, die auch jene Leute erwischt, die alles Materielle zu haben scheinen: Ehebruch, Probleme mit den Kindern, Arbeitslosigkeit und den damit verbundenen Geldsorgen. Doch das Problem ist natürlich bei dieser Bevölkerungsschicht, dass es schwieriger wird, die Ansprüche zurückzuschrauben und bescheidener zu leben. Das gelingt den Menschen besser, die eh schon nicht viel haben.

      Wenn du dich für das Buch entscheidest, würde es mich auf jeden Fall freuen, von dir zu erfahren, was du von der Lektüre hältst.

      Liebe Grüsse
      buechermaniac

  2. Liebe buechermaniac,

    ich erinnere mich noch recht gut an die Lektüre der Donnerstagswitwen. Das der Roman als Krimi angepriesen wird, ist sicher aus Marketinggründen geschehen. Wohl sind einige Elemente enthalten aber auch ich sehe eher eine kritische Auseinandersetzung mit einer Entwicklung, die nicht nur in Argentinien immer mehr zunimmt. Die beschriebenen „Festungen“ habe ich selbst sowohl in Mexiko als auch in Dubai gesehen. Es ist schon erschreckend, dass man sich sein eigenes Gefängnis erbauen will und damit einige Opfer in Kauf nimmt. Natürlich ist auch die Fragestellung wichtig, warum es mehr und mehr Menschen in abgeschlossene Siedlungen zieht. Oft spielt dabei die Angst ein nicht zu unterschätzender Faktor.
    Die Auflösung des Romans fand ich übrigens grandios. Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet.
    Liebe Grüße von der Bücherliebhaberin

    • Liebe Bücherliebhaberi

      Natürlich hat die Angst etwas damit zu tun, dass solche „Festungen“, wie du es nennst, errichtet werden. Fehlt nur noch der Wassergraben mit Zugbrücke, dann sind wir bei der Burg des Mittelalters wieder angekommen. Das soziale Gefälle zwischen Arm und Reich ist einfach immer grösser geworden und die, die es sich leisten können, ziehen dann in solche Siedlungen, wo mehr oder weniger alles vorhanden ist. Ich habe schon Schweizer Auswanderer gesehen, die sich ins „Paradies“ auf eine Insel vor Venezuela absetzten, weil dort meistens die Sonne scheint und der Strand lockt, bauten ein Haus mit einer hohen Mauer ringsherum, um sich zu schützen und wurden trotzdem überfallen. Das müsste ich dann auch nicht haben und bleibe lieber hier. Der Schluss ist tatsächlich sehr gut und war eine echte Überraschung für mich, die natürlich nicht verraten wird.

      Danke für deinen ausführlichen und bereichernden Kommentar

      Liebe Grüsse
      buechermaniac

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