Kreuzweg

Kreuzweg

Die Ich-Erzählerin entscheidet im Alter von sechzehn Jahren die letzten zwei Schuljahre in einem französischen Internat zu absolvieren. Ihr Vater ist nicht gerade begeistert, willigt aber schliesslich ein, dass seine einzige Tochter auswärts die Schule beenden möchte. Als sie sich mit ihrer Mutter in das Internat begibt, um sich einzuschreiben, erweckt sie bei der Klosterschwester den Eindruck, dass ihr der Abschied von zu Hause schwer falle. Doch sie verspürt keinerlei Heimweh und freundet sich rasch mit einem Mädchen an, das einer Hotellerie-Familie entstammt. Nur am Wochenende kehrt sie nach Hause fort, wo sie ihre Französischkenntnisse gleich anwendet und bald schon besser als ihr Vater, einem Schuldirektor, die Fremdsprache beherrscht.

Wenn ihr Vater Ausflüge vorschlägt, schützt sie vor, noch Hausaufgaben zu haben und für die Rückkehr ins Internat schlägt sie vor, dass die Mutter mitfährt, damit der Vater die fast zweihundert Kilometer nicht alleine zurückfahren müsse.

„Die Ader auf seiner Stirn pochte, als Mama sich bereit erklärte mitzugehen. Nur ich bemerkte das.“

Manchmal hält sie die Schulordnung nicht ein, wenn sie sich Süssigkeiten gönnt, die sie eigentlich mit den anderen teilen müsste. Immer am Dienstag, zieht sie sich mit Schokolade oder ein paar Toffees in ihr Bett zurück und geniesst diesen Augenblick für sich.

„Am Dienstagabend, und nur dann, ass ich sie im Bett auf, nachdem ich vorher unter der Bettdecke das Knisterpapier heruntergerissen hatte. […] Während ich mir die Süssigkeit auf der Zunge zergehen liess, dachte ich ganz intensiv und bewusst an zu Hause. An Mama, die zu ihrer wöchentlichen Chorprobe gegangen war und dort leidenschaftlich den Dirigentenstab schwang. An Papa, der jetzt allein im Haus war, sich durch das Fernsehprogramm zappte oder rastlos umherlief, vielleicht auch an einem Meisterwerk arbeitete.“

Ihr Vater hat mit der Malerei begonnen, kleine Miniaturbildchen, kindlich, akribisch genau gemalen.

Das erste Mal stockt mir als Leserin der Atem, es wird bei der Lektüre schon bald klar, worum es im neuen Roman von Diane Broeckhoven geht.

„Ich glaube, ich war in meinem Leben nie glücklicher, als an jenen Dienstagabenden in meinem Zimmerchen, die nur mir allein gehörten. Von der Aussenwelt nur durch einen dünnen Vorhang abgetrennt und trotzdem vollkommen sicher.“

Sie erwägt hier in dieser Sicherheit, mit einer Schwester zu sprechen und nimmt sich vor, ihrer Mutter einen Brief zu schreiben, auch wenn dieser Brief das Leben der Familie verändern, ja gar zerstören wird. Es kommt jedoch nicht mehr zum Gespräch, das persönliche Glück dauert nur wenige Monate, da wird ihr die traurige Botschaft vom Tod ihrer Mutter mitgeteilt. Sie muss nach Hause zurückkehren, ihrem Vater beistehen. Das letzte Schuljahr wird sie wieder ihre alte Schule besuchen und dort den Abschluss machen.

Nachdem noch einmal der Geburtstag der verstorbenen Mutter, mit einigen Verwandten begangen wird, vergisst die junge Frau, als sie zu Bett geht, die Tür zu ihrem Zimmer abzuschliessen. Der Herzschlag bleibt für Momente aus und man meint, gleich mit dem Mädchen tausend Tode sterben zu müssen, aber der Herzschlag setzt wieder ein, das Leben geht weiter. Beinahe normal sitzen sich Vater und Tochter am nächsten Morgen am Frühstückstisch gegenüber und ihr Vater heischt mit einem Hundeblick um Vergebung, sucht nach einer Entschuldigung.

Die Tochter zieht die Konsequenzen, packt einige Sachen und sucht Zuflucht bei ihrer fast blinden Oma Gleis, die ganz in der Nähe des Bahnhofs wohnt. Kleider holt sie nur, wenn sie weiss, dass sie ihrem Vater nicht begegnen wird. Kleider von ihrer Mutter, Fotos und Souvenirs nimmt sie mit in ihr neues Zuhause und baut sich ihren persönlichen Mutter-Altar auf.

In ihrer neuen, alten Schule bleibt sie alleine, wird nicht zu Partys eingeladen. Man weiss nicht, wie man der Mitschülerin begegnen soll, die die Mutter verloren hat. Nur mit dem anderen neuen Mitschüler freundet sie sich an und der gibt schon bald freimütig zu, dass er sich nicht für Mädchen interessiert. Darüber ist die Ich-Erzählerin mehr als froh. Und froh ist sie auch, als ihr Vater eine neue Beziehung eingeht. Es ist die Frau auf einem Tryptichon ihres Vaters, die sie „Geisha“ nennt, weil sie einen weissen Teint und ein fast japanisches Aussehen hat. Die neue Frau an der Seite ihres Vaters ist eine Erleichterung, aber bald gerät die vermeintlich heile Welt erneut aus den Fugen oder sagen wir, sie fällt aus allen Nähten. Das siebzehnjährige Mädchen beginnt ihren Körper in den Kleidern ihrer Mutter zu verstecken.

„In ihren Röcken und Hosen hatte mein Körper wieder Platz. Alles an mir war rundlicher, voller geworden, sogar meine Wangen. Wenn ich voller Entsetzen in den Spiegel von Omas Wäscheschrank sah, blickte mir manchmal meine Mutter entgegen. Ich erkannte etwas von ihrer warmen Molligkeit wieder. Es war, als habe sie sich unter meiner straffen Hauf eingenistet.“

Diane Broeckhoven, 1946 in Antwerpen geboren, hat zahlreiche Kinder- und Jugendbücher geschrieben und mit dem Roman „Ein Tag mit Herrn Jules“ gelang ihr ein absoluter Bestseller, der das Herz berührte. Mit ihrem neuen Roman „Kreuzweg“, der von Isabel Hessel ins Deutsche übersetzt wurde, berührt sie mich erneut.

Das Buch wird nicht in Kapitel, sondern in Stationen gegliedert, es sind die fünfzehn Stationen auf dem Kreuzweg von Jesus. So trägt die erste Station den Titel „J. wird zum Tode verurteilt“ und die letzte Station „J.s Wiederauferstehung aus dem Grab“. Den Roman könnte man als Gleichnis zu Jesus Kreuzweg verstehen, denn es ist auch der Kreuzweg der Ich-Erzählerin, von der der Leser erst am Schluss den Namen erfahren wird. Unglaubliches Leid, das ihr in jungen Jahren zugefügt wurde, trägt sie als schwere Last alleine, ohne sich jemandem anvertrauen zu können und wäre beinahe daran zerbrochen. Immer wenn sie sich entscheidet, auch als erwachsene Frau, ihr schreckliches Geheimnis jemandem anzuvertrauen, ist es bereits wieder zu spät. Die Autorin hat es erneut geschafft, mit wenigen Worten fast ein ganzes Leben, das so tragisch ist, zu umschreiben. Die Lektüre hat mich aufgewühlt und erschüttert zurückgelassen.

Diane Broeckhoven: Kreuzweg
Verlag C. H. Beck
ISBN978-3-406-63941-8
124 Seiten

4 Gedanken zu „Kreuzweg

    • Liebe Mara

      Es ist wirklich ein Buch, das unter die Haut geht. Ich bin diese Woche in der Buchhandlung darüber gestolpert und musste es mir sofort besorgen, denn Diane Broeckhoven überzeugt mich sehr als Autorin. Wenn du es liest, bin ich natürlich gespannt, wie du das Buch findest.

      LG buechermaniac

    • Liebe Susanne

      Das Buch ist sehr interessant, aber es geht ganz schön unter die Haut. Auch wenn das Thema traurig war, habe ich das Buch gerne gelesen. Diane Broeckhoven versteht es gekonnt, schwierige Themen in Worte zu fassen.

      Dir auch eine schöne Woche

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