Chagall – der „Malerpoet“

ChagallJa, was denn nun – Maler oder Poet? „Malerpoet“ wurde Marc Chagall in Paris oft genannt, der mit russischem Name Moische Chazkelewitsch Schagalow hiess, und am 7. Juli 1887 in der Stadt Witebsk, das im heutigen Weissrussland, liegt, geboren wurde. Seine Bilder sprechen oft eine poetische Sprache und dann erhielt er diesen Namen nicht zuletzt, weil er sich eher zu den Literaten hingezogen fühlte, als zu den Malern. Er war der Älteste von insgesamt neun Geschwistern und entstammte einer jüdischen Familie aus armen Verhältnissen.

Marc Chagall ist zurzeit eine Ausstellung im Kunsthaus Zürich gewidmet, die ich kürzlich besucht habe. Die meisten Bilder stammen aus den ersten Jahren, die er als junger Künstler, in Paris verbracht hatte, nämlich von 1911-1914 und der Zeit, als er nochmals in Russland lebte (1914 – 1922). Er sprach damals noch kein Französisch, musste sich also eher an die russische Gemeinschaft oder an Russisch sprechende Bekannte halten. So lernte er damals auch den Dichter Blaise Cendrars kennen, der im selben Jahr wie Chagall geboren wurde. Cendrars, der mit bürgerlichem Namen Frédéric-Louis Sauser hiess, in La Chaux-de-Fonds, im Kanton Neuenburg geboren, sprach ziemlich gut Russisch, da er in jungen Jahren durch Russland gereist war. Er wurde einer der engsten Freunde Chagalls und lieferte auch etliche Titel zu dessen Bildern. Cendrars war es auch, der Chagall mit dem Schriftsteller Guillaume Apollinaire bekannt machte.

„Ich war erst zwanzig Jahre alt, da begann ich schon die Menschen zu fürchten. Doch dann kam der Dichter Rubiner, kam Cendrars und tröstete mich mit einem einzigen Aufblitzen seiner Augen.“

Marc Chagalls Bilder zeigen häufig Motive aus seiner Heimat. Er wäre wohl öfters nach Hause gefahren, hätte er das nötige Geld dazu gehabt und wäre seine Heimatstadt nicht so weit entfernt gewesen. 1914 wollte er nur kurze Zeit nach Witebsk zurückkehren, doch der Ausbruch des 1. Weltkrieges machte ihm einen Strich durch die Rechnung und so blieb er bis 1922 in Russland. Während des Krieges und der Russischen Revolution entstanden dann auch Zeichnungen mit Tusche und Feder, die sehr eindrücklich sind, über die kriegsgeplagte Bevölkerung.

Witebsk. Der Bahnhof (1914)

Seine erste Frau, Bella Rosenfeld, heiratete er 1915 und hatte mit ihr eine Tochter, Ida. Mit seiner Familie zog er nach St. Petersburg, später auch nach Moskau, wo er für das Staatliche Jüdische Kammertheater Bühnenbilder gestaltete und er entwarf auch den Zuschauerraum mit Wand- und Deckengemälden auf Leinwand, die in der Ausstellung zu sehen sind. Unter diesen grossformatigen Gemälden befindet sich auch eines mit dem Titel „Die Literatur“. Diese riesigen Bilder sind faszinierend und laden zum Verweilen ein, kein Wunder also, sind davor Sitzbänke aufgestellt.

Bereits 1915 begann er seine Autobiographie „Mein Leben“ zu schreiben. 1922 kehrte er Russland endgültig den Rücken zu und liess sich 1923 erneut in Paris nieder. Als jüdischstämmiger Maler floh er mit seiner Familie 1941, mit Hilfe von Varian Fry, über Spanien und Portugal, in die Vereinigten Staaten. 1944 starb seine geliebte Frau Bella an einer Virusinfektion. Mehrere Monate malte er kein einziges Bild mehr. Seine Beziehung zu Virginia Haggard McNeil, die ihm den einzigen Sohn, David, schenkte, dauerte nur acht Jahre, da der Altersunterschied von 28 Jahren schlussendlich doch zu gross war. 1948 verliess er die USA und kehrte nach Frankreich zurück.

Chagall illustrierte unter anderem die Bibel und reiste dazu eigens nach Palästina. Später entstanden für einige Kirchen Glasfenster, wie für die Kathedrale in Metz oder auch für das Fraumünster in Zürich, das ein grosser Tourismusmagnet ist.

Fraumünster, Zürich

Die Bilder, die er von der jüdischen Landbevölkerung aus seiner Heimat gemalt hat, haben mich speziell beeindruckt und schon fast magisch angezogen.

Chagall 003

Der Jude in Rot (1915)

Durch die Ausstellung schlendernd, musste man oft aufpassen, dass man nicht über die Kinder stolperte, die mit Farbstiftschachteln und Malbögen auf dem Boden kauerten und eifrig Chagall-Bilder ausmalten oder ergänzten. Dabei konnte ich beobachten, dass die richtigen Farben aus der Schachtel geklaubt wurden, um dem grossen Meister exakt nachzueifern. Für die kleinen Besucher gibt es für die Ausstellung extra einen kindergerechten Audioguide. Eine tolle Sache, dass heute bereits Kindern der Zugang zu Kunst vermittelt wird. Gerne hätte ich einige Fotos hier gezeigt, aber in Sonderausstellungen ist Fotografieren verboten.

Am „Poeten“ Chagall muss was Wahres dran sein, denn ich stiess beinahe mit einem Schriftsteller zusammen😉 Der Schweizer Buchpreisträger 2011 schlenderte nämlich auch durch die Ausstellung.

Chagall 004

Übrigens, über den Mann, dem Chagall und viele weitere Künstler die Flucht aus Frankreich in die Staaten zu verdanken haben, ist gerade der neue Roman von Eveline Hasler erschienen „Mit dem letzten Schiff“ Der gefährliche Auftrag von Varian Fry.

Die Fotos der Gemälde stammen aus dem Katalog.

Katalog zur Ausstellung „Chagall, Meister der Moderne“
Simonetta Fraquelli
195 Seiten
ISBN 978-3-906574-82-0

Marc Chagall „Mein Leben“
Hatje Cantz Verlag
200 Seiten
ISBN 978-3-7757-0054-2

5 Gedanken zu „Chagall – der „Malerpoet“

  1. Guten Morgen, liebe buechermaniac,
    Chagall ist ein eindrucksvoller Maler. In Berlin gab es eine Kinder – Ausstellung zu den Fenstern im Fraumünster Zürich. Kinder scheinen also generell von Chagalls Kunst angezogen zu werden. Die Ausstellung ist sicher 15 Jahre her und trotzdem ist sie mir in guter Erinnerung. Neben mir auf dem Schreibtisch steht eine Postkarte vom Jakobsfenster, der Engel auf der Himmelsleiter, die mag ich besonders.
    Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

    • Liebe Susanne

      Das ist ja schön, dass dich Chagall begleitet. Wenn das Fraumünster offen ist, gehe ich, obwohl ich die Fenster kenne, manchmal hinein und schaue sie mir erneut an. Kann es sein, dass die Kinder Chagalls Malerei mögen, weil viele Bilder sehr kräftig in den Farben sind oder weil auch immer wieder Tiere und darin vorkommen? Was meinst du?

      Ich wünsche dir ebenfalls einen schönen Tag
      buechermaniac

      • Das kann gut sein. Meinem Sohn geviel damals der Raum mit den Diaprojektoren, die immer wieder neue Fensterausschnitte in einem kleinen Raum an allen Seiten zeigten.
        Die Farbe, das Geheimnissvolle und sicher auch die Darstellung, die auch für Kinder zu entschlüsseln ist.

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