In einem unbekannten Land

Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Es vergeht zurzeit kaum ein Tag, an dem Nordkorea nicht in den Medien erscheint und seinen Nachbarn Südkorea, Amerika und den Rest der Welt provoziert. Ausgerechnet der neueste Roman des amerikanischen Schriftstellers Adam Johnson führt uns in dieses asiatische Land, das sich selbst als das demokratischste Land der Welt bezeichnet.

Jun Do wächst im Waisenhaus „Frohe Zukunft“ auf. Sein Vater ist der Aufseher der Einrichtung und wenn es um Bestrafung geht, fasst er seinen Sohn extra härter an, als die anderen. Von seiner Mutter weiss er einzig, dass sie Sängerin war. Mit vierzehn Jahren wird er zum Tunnelsoldat und lernt im Dunkeln – ohne Licht – zu kämpfen. Er arbeitet sich im Tunnelsystem mit seiner Truppe unter der DMZ bis kurz vor Seoul vor. Wieder acht Jahre später, wird er rekrutiert, um mit einigen Männern mit einem Fischerboot nach Japan zu fahren und Japaner vom Strand zu „pflücken“ – wie sie das Kidnapping von japanischen Bürgern nennen. Auch bei dieser Aufgabe kommt ihm die Erfahrung als Tunnelsoldat zugute.

„Das Kämpfen im Dunkeln funktionierte nicht anders: Man musste seinen Gegner spüren, durfte sich aber auf keinen Fall seiner Fantasie überlassen. Die Dunkelheit im eigenen Kopf füllte sich zu schnell mit Geschichten, die nichts mit der echten Dunkelheit um einen herum zu tun hatten.“

Obwohl die Freiheit zum Greifen nah ist, kehrt Jun Do immer wieder mit den Männern nach Nordkorea zurück.

Nordkorea

Nachdem er ein Jahr lang eine Sprachschule besucht hat, um Englisch zu lernen, wird ihm ein neuer Posten zugeteilt. An Bord des Fischerbootes „Junma“ soll er den Funk anderer Schiffe abhören. Als der zweite Maat türmt, muss sich die ganze Mannschaft eine sehr gute Geschichte einfallen lassen, um für die Flucht des Crewmitgliedes nicht in ein Straflager zu wandern. Jun Do fügt sich selbst eine Hai-Bisswunde zu, um zu einer glaubwürdigen Geschichte beizutragen. Er wird beim Verhör trotzdem auf brutalste Weise misshandelt. Den Schmerz isoliert er vom Körper so, wie er es im Schmerztraining gelernt hat.

„Die Fingerspitze verspürt in der Kerzenflamme Schmerz, aber der ganze restliche Körper befindet sich im warmen Schein ihres Lichts. Der Schmerz bleibt in der Fingerspitze, und dein Körper bleibt im warmen Schein.“

Nachdem er von der Frau des zweiten Maats gepflegt wird und wieder zu Kräften kommt, erlebt er, dank seiner Englischkenntnisse seinen ersten Flug mit einer Delegation nach Amerika, wo der texanische Senator getroffen werden soll. Auch Frauen werden zugegen sein und es wird Jun Do vorausgesagt, dass ihn die amerikanischen Frauen für seine Geschichte bewundern würden.

„Wo wir herkommen, sind Geschichten Realität. Wenn der Staat einen Bauern zum Musikvirtuosen erklärt, dann tun alle gut daran, ihn von da an Maestro zu nennen. Und er selbst täte gut daran, insgeheim Klavier zu üben. Für uns hat die Geschichte grössere Bedeutung als die Person. Wenn ein Mann nicht zu seiner Geschichte passt, dann ist es der Mann, der sich ändern muss.“

Wer aus einem westlichen Land nach Nordkorea zurückkehrt, wird noch genauer untersucht und verhört und Jun Do wandert ohne triftigen Grund in ein Straflager.

Hier endet der erste Teil des Buches und der zweite Teil wird aus der Ich-Perspektive eines Befragers der Abteilung 42 erzählt. Dieser verhört die Verhafteten und schreibt eine Biographie für sie. Das ist das Einzige, das er für diese Menschen, vor ihrem Verschwinden, tun kann.

Jun Do ist inzwischen in die Kleider von Kommandant Ga geschlüpft und hat dessen Identität übernommen. Er tritt als Ehemann an die Seite der beliebtesten Schauspielerin des Landes, Sun Moon, und kümmert sich um sie und deren Kinder, die keine Ahnung haben, was mit ihrem Vater, Kommandant Ga, passiert ist. Ich erfahre Kapitel um Kapitel über die Methoden der Verhöre und wie es dazu gekommen ist, das Jun Do zum berühmten Kommandant Ga geworden ist. Sun Moon ist samt ihren Kindern verschwunden und man vermutet, dass sie von ihrem Ehemann ermordet wurde.

Adam Johnson beschreibt etliche Folterszenen, dass es mir das Blut in den Adern gefrieren lässt und es erweckt fast den Eindruck, dass der Autor bei diesen Szenen daneben gestanden hätte. Dies wiederum spricht für die Arbeit des Schriftstellers, denn die Beschreibungen sehe ich wie einen Film vor mir ablaufen und erschüttern mich zu tiefst.

Nie hat sich Sun Moon Filme von anderen Schauspielern angesehen, um ihr Schauspiel nicht zu verfälschen und zu beeinflussen. Als sie sich eines Tages „Casablanca“ als DVD anschaut, ist sie fasziniert. Sie hat Blut geleckt und möchte diese Schauspielkunst ebenfalls erlernen, doch dazu braucht sie die Freiheit. So fassen Kommandant Ga und Sun Moon einen Plan.

Adam Johnson, geboren 1967, der Creative Writing an der Stanford University unterrichtet, hat einen unglaublichen Roman geschrieben. Er sass bereits zweieinhalb Jahre an der Arbeit seines Buches, als er 2007 die Möglichkeit erhielt, in das Land seines Romanhelden zu reisen. Dass er über Nordkorea schreiben würde, erwähnte er wohlweislich mit keinem Wort, sonst hätte er das Land kaum besuchen können, das für jeweils eine gewisse Zeit seine Türen für amerikanische Touristen öffnet. Schwer bewacht besuchte er ausgewählte Orte, die explizit für Touristen vorgesehen sind,

Stellenweise hatte ich Mühe mit dem Buch, das gebe ich ganz ehrlich zu, vor allem schreckten mich die Folterszenen ab. Aber es lohnt sich, dran zu bleiben und damit man den Faden nicht verliert, sich intensiv der Lektüre zu widmen. Adam Johnson berichtet von Menschen, in einem, vom Rest der Welt, abgeschotteten Land, von denen die meisten ähnliche Träume und Wünsche haben, wie wir im Westen. Doch diese auszusprechen ist unmöglich, nicht einmal der eigenen Familie können sie sich offen mitteilen und vertrauen. Die Geschichte der Bevölkerung wird nur von einem Mann geschrieben und vom Regime umgesetzt. Er hält alle Fäden in der Hand und führt seine Bürger wie Marionetten, die für ihn tanzen. Das einzelne Individuum existiert nicht. Nicht das Ich ist entscheidend, sondern nur das Wir.

„Es gibt ein Gespräch, das jeder Vater mit seinem Sohn führt, in dem er dem Kind klarmacht, dass es Dinge gibt, die wir tun oder sagen müssen, auch wenn wir trotzdem tief drinnen immer noch wir selbst und eine Familie sind. […] Er erzählte mir, dass es einen Weg gibt, der uns vorbestimmt ist. Auf diesem Weg müssen wir alles tun, was uns die Vorschriften sagen und alle Verbotsschilder befolgen. Und auch dann, wenn wir diesen Weg Seite an Seite beschreiten, sagte er, muss äusserlich jeder für sich handeln, während wir uns innerlich an den Händen halten.“

Ich habe die Bilder der Massentrauer, nach dem Tode des „Geliebten Führers“ Kim Jong-il, im Jahre 2011, noch vor Augen. Diesem Mann kommt im Buch eine grössere Rolle zuteil, ist doch Sun Moon seine persönliche Entdeckung und eine enge Vertraute. Entsetzt hat mich, dass jede Wohnung der Bürger mit Lautsprechern verkabelt ist, um jederzeit die Menschen mit Propaganda beschallen zu können. Sie dringt in jede Ritze im Alltag der Bevölkerung ein.

Adam Johnson hat mich auf eine Reise in ein Land mitgenommen, das völlig irreal scheint und das mir bis jetzt völlig unbekannt war. Doch dieses Land gibt es wirklich. Er erzählt von einem Mann namens Jun Do, den es unter den 24 Millionen Bürgern tatsächlich geben könnte, auch wenn die Geschichte fantastisch erscheint. Setzt man sich aber mit Fakten auseinander, dann gelangt man zur Überzeugung, dass es, das was Johnson beschreibt tatsächlich so oder ähnlich gibt. Jun Do hatte keinen Einfluss auf sein Leben. Trotz brutalster Folter, die er am eigenen Leib erfährt und schrecklicher Aufgaben, die er auszuführen hat, bleibt er in seinem Innersten ein mitfühlender und aufrichtiger Mensch, der die Sehnsucht nach Liebe in sich trägt.

Ich empfehle jedem, der das Buch lesen möchte, sich zuerst Hintergrundinformationen zu Nordkorea zu beschaffen und vielleicht das ein oder andere Interview mit Adam Johnson zu lesen oder im Internet anzuhören. Denn er berichtet sehr spannend von seiner Reise in dieses, für uns unfassbare Land. Es ist faszinierend, seinen Schilderungen zu lauschen oder diese zu lesen. Ich bin überzeugt, danach kann man sich intensiver auf dieses ganz spezielle und einmalige Leseerlebnis einlassen, das einen nicht so schnell wieder loslässt.

Das geraubte Leben des Waisen Jun Do_1

Weiterführende Links:

Nordkorea Wikipedia
Radiointerview in „The Diane Rehm Show“
Interview American Abroad Media
Sonderseite Suhrkamp Verlag
Buchtrailer Randomhouse
Buchtrailer Suhrkamp Verlag
Adam Johnsons Lektüreempfehlungen zu Nordkorea

Adam Johnson: „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“
Verlag Suhrkamp Nova
Seiten 685
Erscheinungsjahr 2013

7 Gedanken zu „In einem unbekannten Land

  1. Pingback: Filmperlen im März | lesewelle

  2. Liebe buechermaniac,
    ich habe es als sehr interessant empfunden, auch deine Besprechung zu diesem außergewöhnlichen Roman zu lesen. Mir hat der Roman von Adam Johnson ja sehr gut gefallen, auch wenn er zwischendurch natürlich einige Längen hat. Dennoch habe ich den Ansatz, als einer der ersten Schriftsteller über Nordkorea zu schreiben, als sehr mutig empfunden. Ich bin gespannt, ob und wann wir weiteres von ihm lesen werden, mich konnte er mit seiner Art zu erzählen auf jeden Fall begeistern.
    Faszinierend fand ich auch, dass parallel zu meiner Lektüre, ja auch gerade politische Entscheidungen in Nordkorea getroffen wurden – ich las das Buch und wenn ich es zuklappte, um in die Zeitung zu schauen, las ich darüber, dass Nordkorea eine Telefonleitung gekappt hat oder mit Anschlägen droht. Da hat sich Realität und Fiktion stellenweise förmlich verknüpft.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara

      Der Roman ist wirklich zur rechten Zeit in der deutschen Übersetzung herausgekommen. Jeden Tag schlage ich die Zeitung auf und wundere mich nur über die Meldungen zu Nordkorea, die da zu lesen sind. Gerade gestern konnte man lesen, dass es bereits wieder unmöglich ist, mit dem Handy zu telefonieren. Touristen müssen es für die Zeit ihres Aufenthaltes sogar abgeben. Es ist also wirklich der ideale Zeitpunkt, um sich mit diesem seltsamen Land einmal mehr zu beschäftigen.

      Als sehr bereichernd und faszinierend fand ich auch Adam Johnsons Reiseberichte. Alleine, was er, wenn auch streng bewacht, dort erlebt und gesehen hat, wäre ein Buch wert. Es wäre natürlich schön, wenn wir auch seine Kurzgeschichten und seinen vorgängigen Roman noch zu lesen bekämen.

      Liebe Grüsse
      buechermaniac

  3. Ein Roman zwar, aber vermutlich dicht an der nordkoreanischen Realität. Furchtbar und auch sehr besorgniserregend, wenn man sich vor Augen führt, was gegenwärtig auf der koreanischen Halbinsel vor sich geht. – Du hast Dir ja zuletzt nicht gerade leichte Bücher vorgenommen …
    Grüße, Ingrid

    • Liebe Ingrid

      Du hast absolut Recht, was mein Lesestoff in den vergangenen Wochen angeht – alles ziemlich happig. Deshalb ist es langsam an der Zeit, wieder einmal etwas Leichtes in Händen zu haben, leicht wie eine frühlingshafte Brise. Aus den Fingern hat sich Adam Johnson das wahrlich nicht gezogen. Er hat viel Recherche betrieben und Dokumente und Bücher von Nordkoreanern gelesen. Deshalb kann ich mir mehr als nur vorstellen, dass es tatsächlich so zu geht. Wenn ich mir nur die Gesichter der Machthaber ansehe, wird mir ganz mulmig zumute. Seine Reiseerfahrungen zu lesen und auch zu hören sind auf jeden Fall sehr beeindruckend.

      LG buechermaniac

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