… so leben sie noch heute

Es war einmal ein Geschwisterpaar namens Jacob und Wilhelm Grimm. Vor 200 Jahren gaben die Brüder den ersten Teil ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ heraus. Aus diesem Anlass ist den Gebrüdern Grimm und ihren Märchen im Museum Strauhof, in Zürich, eine Ausstellung gewidmet „So leben sie noch heute“ 200 Jahre „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm.

Gebrüder Grimm

Ich trete in den ersten Raum und stehe gleich vor einem Brunnen, auf dessen Rand eine goldene Kugel platziert ist. Man ahnt es, es kann sich nur um den Froschkönig handeln. Und tatsächlich sitzt der Frosch mitten im Brunnen. Von den Decken baumeln Kopfhörer, über welche man Ausschnitten, aus der reichen Sammlung dieser Märchen, lauschen kann. Bei einigen errät man leicht, um welche Erzählung es sich handelt, andere hingegen sind einem weniger geläufig.

Gebrüder Grimm-Ausstellung_10Der Raum ist abgedunkelt. Ich nehme den Weg zwischen bodenlangen dunklen Stoffbahnen, die mit Bäumen bedruckt sind. Der Wald, durch den Hänsel und Gretel gewandert sind? Erleuchtet steht ein schwarzes Schloss, erhaben auf einem Hügel. Wohnt dort Schneewittchens Stiefmutter? Jedes Bild assoziiert man gleich mit einem Märchen.

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Originalmanuskript von „Das Brüderchen und das Schwesterchen“

Im zweiten Ausstellungsraum erfahre ich mehr über die Entstehung der Märchensammlung. Es war nicht so, dass es sich nur um mündliche Überlieferungen handelte, die die Gebrüder Grimm zusammengetragen hatten. Vieles existierte bereits in schriftlicher Form. Aschenputtel, Rotkäppchen, Dornröschen oder der gestiefelte Kater waren bereits beim französischen Schriftsteller Charles Perrault, in “Historie ou contes du temps passé”, 1697, enthalten. Einflüsse kamen auch aus den “Erzählungen aus 1001 Nacht”, die bereits anfangs des 18. Jahrhunderts vom Arabischen ins Französische übersetzt worden waren.

An Weihnachten 1812 sollte der erste Band der “Kinder- und Hausmärchen” ausgeliefert werden. Er erschien dann allerdings erst zu Beginn des Jahres 1813, der zweite Band im Januar 1815. Zu Lebzeiten der Gebrüder Grimm erschienen sieben Auflagen. Die Auflage von 1857 wurde durch Jacob und Wilhelm Grimm selbst betreut und sie enthielt dannzumal zweihundert Märchen. Es ist zu erwähnen, dass es sich dabei nicht nur um Märchen handelte, sondern es waren auch Fabeln, Schwänke und Legenden darunter.

Im Laufe der Zeit wurden die Texte, auch auf Anraten von Freunden und Bekannten, immer wieder überarbeitet und kindergerechter verfasst. Damit wollten sie erreichen, dass die Märchen auch mündlich vorgetragen werden konnten. Die Gebrüder Grimm wurden hauptsächlich von Familien aus gebildeter Schicht bei ihrer Arbeit unterstützt. Zu ihnen zählten die Familien Wild und Hassenpflug oder auch die Schwestern Annette und Jenny von Droste-Hülshoff. Eine der berühmtesten Märchenbeiträgerinnnen war Dorothea Viehmann, die aus einer Hugenottenfamilie stammte. Da sie die französische Sprache beherrschte, kannte sie wahrscheinlich auch viele französische Märchen, die Eingang in die Sammlung erhielten.

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Englische Ausgabe (1846) mit Bild von Dorothea Viehmann

Im Obergeschoss betrete ich einen Raum, in dem verschiedene Märchen als Trickfilm von Walt Disney zu sehen sind: “Der Froschkönig” (The princess and the frog) aus dem Jahre 2009, “Hänsel und Gretel” von 1932 (Babes in the wood) und wohl einer der bekanntesten Trickfilme, nämlich “Schneewittchen” (Snow White and the seven dwarfs), aus dem Jahre 1937.

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Zum ersten Mal setze ich mich vor einen IPad, um “Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich” als interaktives Buch anzuschauen. Dabei kann ich mich entscheiden, ob ich den Text lesen oder vorgelesen haben will. Mit Harfenklang blättert sich Seite um Seite um, tippt man zusätzlich auf die goldgelben Rädchen, dann bewegt sich noch Einiges auf dem Bild. Es ist eine Spielerei und ich muss gestehen, dass die animierten Bilder komplett vom Text ablenken und mir nicht geeignet für Kinder scheinen, denn auf zwei Dinge kann man sich gar nicht konzentrieren. Deshalb ist dem Papierbuch sicher der Vorzug zu geben.

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„Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“
S. Fischer Verlag, 2012, interaktiv

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Die Tapete des Ausstellungsraumes ist eine Vergrösserung aus „Kinder- und Hausmärchen“ mit handschriftlichen Notizen

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Dann stehe ich vor der Vitrine mit Bilderbüchern. Über Kopfhörer höre ich dem Schweizer Illustrator Felix Hoffmann zu, wie er seinen Kindern das Märchen vom kleinen Däumling erzählen will. Ich sage explizit “will”. Es ist auffallend, dass die Kinder den Erzähler immer wieder unterbrechen, da sie sich wohl sehr intensiv mit den Illustrationen im Bilderbuch auseinandersetzen und deshalb ständig Fragen stellen. Bereits 1932 begann Felix Hoffmann das erste Märchen zu illustrieren. Im Laufe der Jahre kamen etliche Märchenbücher, die er illustriert hat, hinzu und jedes einzelne Märchen wurde von ihm graphisch anders umgesetzt. 1972 umfasste die Gesamtauflage über 600’000 Bücher, die auch international sehr bekannt und erfolgreich waren.

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diverse Bilderbücher
Illustrationen von Felix Hoffmann

Die Wissenschaft befasst sich mit den Märchen, analysiert und interpretiert deren Inhalt und fragt sich, wie wichtig oder gefährlich sind Märchen für Kinder. Selbst in der Ökonomie werden Märchen herbeigezogen, da sie „verschiedene Sozialkompetenzen aufzeigen – die sich auch für Manager als nützlich erweisen sollen.“

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von oben links im Uhrzeigersinn: Aschenputtel, illustriert von Kveta Pacovská, 2010, minedition / Grimms Märchen, illustriert von Klaus Ensikat, 2010, Tulipan Verlag / Hänsel und Gretel, illustriert von Sybille Schenker, 2011, minedition

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Märchenbilder massenhaft verbreitet. Dadurch rückte das Bild teilweise vor den Text. So hat man bei vielen Märchen gewisse Bilder vor Augen wie etwa Aschenputtel vor dem Herd, Schneewittchen im gläsernen Sarg und den versammelten sieben Zwergen, Rotkäppchen mit dem Wolf etc.

Die Illustration hat sich dem Geschmack der jeweiligen Zeit angepasst. Da gibt es die klassische Illustration bis hin zur Kunstform, so gesehen bei Aschenputtel, 2010 illustriert von der tschechischen Künstlerin Květa Pacovská, für die Ausgabe bei minedition. Im Ausstellungsführer ist zu lesen:

“Was sich für Kinderbücher nachweisen lässt, nämlich dass die erwachsene Käuferschaft mit nostalgisch gefärbtem Blick durch die Buchläden geht, gilt für Märchenausgaben erst recht.”

Zu dieser Kategorie muss auch ich mich zählen, denn beim Betrachten der diversen Märchenbücher-Ausgaben gefällt mir die eher klassische Version, illustriert von Tatjana Hauptmann im “Das grosse Märchenbuch” von Diogenes, aus dem Jahre 1987, besser, als die kunstvoll inszenierten Ausgaben.

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Gustav Weise’s Kinderbibliothek
Stuttgart: Weise 1885

Besonders angetan bin ich in der Ausstellung von einem Märchenbuch als kleine und handliche Taschenausgabe aus dem Jahre1885 “Gustav Weise’s Kinderbibliothek”. In einer Sammelmappe, mit Stoffband verschliessbar, sind Märchen als einzelne Hefte herausnehmbar.

In den Märchenbüchern des 19. Jahrhunderts kam vor allem der Kupferstich zur Anwendung. So illustrierte auch der Bruder Ludwig Emil Grimm, der unter anderem Kupferstecher war, die Bücher seiner Brüder.

Mit “Aschenputtel” in den verschiedensten Verfilmungsarten, als Trick- oder Spielfilm endet der Rundgang der Ausstellung. Bereits 1899 wurde durch George Méliès der erste Märchenfilm gedreht. Inzwischen gibt es an die 130 Filme über Aschenputtel, Cinderella, Cendrillon. Da schaue ich mir “Cinderella”, von 1922, als Schattenspiel von Lotte Reiniger an oder aus demselben Jahr, aber ganz der damaligen Mode angepasst, oder den Trickfilmvon Walt Disney.

Völlig quer in der Landschaft und ganz und gar nicht mehr mein Geschmack ist“Swing Shift Cinderella” von Ted Avery aus dem Jahre 1945, wenn auch die Musik toller Swing ist. Aschenputtel mutiert zur Revuetänzerin und -sängerin und hat kaum noch etwas mit dem Originalmärchen zu tun.

Den Abschluss bilden diverse Ausschnitte aus Aschenputtel-Spielfilmen, vom Stummfilm von 1911 bis zum College-Film 2004, ob aus den USA, aus der CSSR oder Italien und Frankreich, ist alles vertreten. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu erraten, welcher Aschenputtel-Film gerade läuft, als ich eine mir sehr bekannte Melodie höre – die Sprache ist von “Drei Nüsse für Aschenbrödel” aus dem Jahre 1973. Ich sass damals vor dem Schwarzweiss-Fernseher und nahm die Melodie mit meinem Kassettengerät auf. Ja so umständlich war das mit der fehlenden Technik damals.

Die meisten Kinoproduktionen kamen für das Weihnachtsprogramm heraus, wie es auch heute noch durch das Fernsehen übernommen wird, so auch für “Drei Nüsse für Aschenbrödel”. Ca. 80% der in Europa und Nordamerika herausgekommenen Märchenfilme gehen auf die “Kinder- und Hausmärchen” der Gebrüder Grimm zurück bzw. enthalten Stoffe, die in diesen vorkommen.

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Drei Nüsse für Aschenbrödel (CSSR/DDR) 1973

Beglückt von einem spannenden Rundgang, verlasse ich die Märchenwelt und trete den Heimweg an. Welch wunderbaren Schatz verdanken wir diesen beiden Brüdern! Wie viele wunderbare Stunden haben sie uns mit ihrer Sammlung an Märchen, als wir Kinder waren, geschenkt und noch als Erwachsene. Mit glänzenden Augen haben wir den Geschichten gelauscht und der Erfolg der Märchen ist ungebrochen. Eine Märchensammlung für die Ewigkeit.

Wer die Möglichkeit zu einem Besuch nicht hat und sich trotzdem ausführlicher informieren möchte, kann sich den Ausstellungsführer unten als PDF herunterladen.

Ausstellungsfuehrer_Grimm_Einzelseiten

Ausstellung vom 13.03. – 09.06.2013
Museum Strauhof, Zürich

10 Gedanken zu „… so leben sie noch heute

  1. Wowh! Ich will nach Zürich! Danke, dass du so detailliert berichtest. Das klingt ja mal nach einer wirklich toll präsentierten Ausstellung. (Ich hatte da ein eher frustiges Erlebnis im Bilderbuchmuseum Burg Wissem, in dem alles sehr unsinnlich hergezeigt wurde, u.a. die Rotkäppchen-Sammlung, die ich eigentlich interessant fände…)
    Als Kind habe ich übrigens eher die Andersen-Märchen favorisiert als die Grimms… (okay, heute immer noch)
    LG Mila

    • Liebe Mila

      Schön, dass dir mein Bericht gefällt. Die Ausstellung ist eher für Erwachsene konzipiert. Es waren zwar vereinzelt Erwachsene mit Kindern zu sehen, aber ich finde die Ausstellung für Kinder eher ungeeignet, was ich doch etwas schade finde. Ich kenne einige Märchen von Hans Christian Andersen. Ich hoffe, dass ich diesen Frühling ins Museum finde, wenn wir denn den Weg nach Dänemark einschlagen werden.

      LG buechermaniac

    • Gerne 🙂 Ich hoffe, dass es auch Spass macht, wenn man einige Fotos gesehen hat. Die meisten Trickfilme kann man sich dank Youtube ansehen und das Begleitheft zur Ausstellung ist sehr ausführlich und interessant zu lesen.

      LG buechermaniac

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