Wie viel Literatur steckt drin?

Im „Literaturclub“ vom 5. März 2013 hat Elke Heidenreich eine Äusserung gemacht, was Literatursendungen im Radio anbelangt und mir damit aus dem Herzen gesprochen:

Ich bin froh, dass Sie auch einmal sagen, dass man den Leuten nichts mehr zumutet. Diese Sendung, die wir in 75 Min. hier mit dem Literaturclub machen, die sich nur mit Literatur beschäftigt, ist ja schon eine Rarität. Im Radio muss eine Literatursendung ja schon dauernd durch diese dusselige Musik unterbrochen werden. Wer will denn das? Das will doch niemand. Wenn ich etwas hören will über Bücher, will ich etwas über Bücher hören und nicht irgendwelche blöden Schlager. Also man mutet den Menschen nichts mehr zu. Das finde ich ganz schlimm.“

Wir waren mit dem Auto unterwegs und ich hätte gerade so schön Musse gehabt, mir auf Radio SRF1 die Sendung „Buchzeichen“ anzuhören. Ich habe mich dann aber hauptsächlich geärgert, dass von knapp einer Stunde, ständig mit Musik unterbrochen wurde. Die Literatur fand nur am Rande statt und nichts Zusammenhängendes entstand. Deshalb habe ich die ganze Sendung nachträglich unter die Lupe genommen und finde das Resultat einfach beschämend:

Die Sendung, wird mit 54 Minuten 44 Sekunden angegeben. Es wurden zwei Romane vorgestellt, nämlich Linus Reichlin „Das Leuchten in der Ferne“ und Andrea Sawatzki „Ein allzu braves Mädchen“. Auf Literatur kamen insgesamt gerade einmal 27 Minuten und 56 Sekunden! In dieser Gesamtzeit „Literatur“ waren auch eine Zusammenfassung der vorgestellten Titel, eine Vorschau auf die nächste Sendung und ein Schlusswort von einigen Sekunden, des Schweizer Schriftstellers Hansjörg Schneider, enthalten. 26 Minuten und 48 Sekunden lang wurde die Sendung mit einem oder gar zwei Musiktiteln, zwischen den Literatursequenzen, und mit Verkehrsmeldung unterbrochen.

Buchzeichen_1

Da macht man doch besser wenigstens dreissig Minuten eine Literatursendung ohne irgendwelchen Unterbruch. Die Diskussion bei der „SWR-Bestenliste“ hingegen enthält durchgehend fast eine Stunde Literatur ohne Musikunterbruch. Das lob ich mir. Wenn Elke Heidenreich die Schweizer Literatursendung gemeint hat, dann verstehe ich ihre Empörung durchaus. Da höre ich mir in Zukunft die Sendung lieber nachträglich im Internet an, dann kann ich, auch wenn ich Musik mag, die Unterbrüche gleich überspringen.

Hat jemand mit anderen Literatursendungen ähnliche Erfahrungen gemacht? Stört euch das oder ist das für euch okay?

Auf eure Meinung bin ich gespannt.

16 Gedanken zu „Wie viel Literatur steckt drin?

  1. Schade finde ich das auch. Manchmal gibt es Matineen, bei denen Musik und Inhalte wunderbar aufeinander abgestimmt sind, aber bei diesen doch insgesamt eher kurzen Buchempfehlungen ist das vielleicht zu aufwändig. So richtig verstehen tue ich das allerdings nicht …

  2. Liebe buechermaniac,

    da ich kein Radio besitze, habe ich bisher kaum Literatursendungen im Radio gehört – als ich noch in Dresden gelebt habe, habe ich aber ab und an in die Sendung mdr figaro hineingehört – da ist mir dieses eklatante Ungleichgewichheit aber nicht so massiv aufgefallen. Wie auch immer finde ich schade, dass die Literatur in einer eigentlichen Literatursendung so wenig zur Geltung kommt.😦

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara

      Jetzt verstehe ich immer mehr, warum du so viel zum Lesen kommst – kein Radio und kein Fernsehen, alle Achtung! Hört man dann die Sendung im Internet, kann man die Musiktitel einfach überspringen.

      Schöne Grüsse
      buechermaniac

  3. Wir in Österreich haben das Ö1, einen sehr guter Kultursender mit Nachrichten und viel Musik und auch ein paar Literatursendungen, eine am Sonntag um vier ist das „Ex Libris“, da gibt es auch Musik und in etwa sechs bis sieben Buchbesprechungen und manchmal einen Moderator, was mich am meisten ärgert, die Musik zwischendurch ist mir eigentlich egal, der vorher eine philosophische Abhandlung hält, wo ich denke, soll er das in einer eigenen Sendung machen und sich bei Ex Libris auf Bücher zentrieren. Ich höre mir die Sendung, wenn ich nicht gerade unterwegs bin aber ganz gerne an.
    Wahrscheinlich ist die Literatur ein Minderheitenprogramm und die die das wollen müssen laut schreien, wir wollen keine Musik, keine philosophischen Standpunkte, sondern Berichte über Bücher.
    Mir ist das eigentlich egal, weil ich meine Buchempfehlungen ohnehin von woanders herbekomme, von den Veranstaltungen zu denen ich gehe und auch zunehmend von Blogs.
    Ich brauche keine Büchersendungen und mir sind Bücher wichtig und ich blogge ohnehin sehr viel darüber, aber allgemein ist es wahrscheinlich gut, wenn sich die Bücherfreunde melden und sagen, wir wollen mehr Aufmerksamkeit, weil es sonst wahrscheinlich den Bach hinunter geht.

    • Liebe Eva

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Bei mir ergibt es sich häufig, dass wir gerade am Sonntag mit dem Auto unterwegs sind und die Sendung „Buchzeichen“ wurde vom Freitag- auf den Sonntagnachmittag verlegt. Da hätte ich also endlich einmal Zeit die Beiträge zu hören, die wirklich gut sind, werden aber ständig von Musik und Zusammenfassungen unterbrochen, das finde ich dann einfach schade.

      LG buechermaniac

  4. Im RBB gibt es sonntags 2 Stunden (18 – 20 Uhr) die Sendung „Literaturagenten“. Von den zwei Stunden sind 47 Minuten Beiträge zur Literatur, der größere Teil ist Musik. Daher mache ich es auch so, dass ich mir die Sendung nachträglich im Netz anhöre, wenn mich die Beiträge interessieren, was nicht immer der Fall ist.

    Ich habe früher immer den Schweizer „Literaturclub“ gesehen (mit Cohn-Bendit, Roger Willemsen), dann eine Pause gemacht (Iris Radisch), jetzt sehe ich mir die Sendung wieder an. Für mich die beste Literatursendung.

    • Vielen Dank für deinen Kommentar. Das ist auch nicht gerade viel Literatur, wenn ich das so lese. Ja, ich bin froh gibt es denn Literaturclub, denn Literatur im Fernsehen ist auch immer dünner gesät und mir gefällt der Literaturclub auch sehr. Zwischendurch darf es auch einmal noch etwas mit Humor sein, das lockert das Ganze etwas auf. Das gefällt mir sehr.

      Herzliche Grüsse
      buechermaniac

  5. Im Radio höre ich nur Literatursendungen vom SWR 2- und HR 2- da kommt nichts mit U-Musik oder so. Ansonsten schaue ich im Bayernfernsehen „Lesezeichen“, in der ARD „Druckfrisch“ und manchmal im SWR „Literatur im Foyer“, also kann ich dazu weiter nichts sagen. Gruß von Sonja

    • Liebe Sonja

      Hab vielen Dank für deinen Beitrag zu meiner Frage. „Lesezeichen“ ist doch auf so einen späten Sendetermin verlegt worden. Da bin ich inzwischen froh, dass ich mir die Sendung mit Replay anschauen kann, nämlich dann, wenn mir die Augen nicht schon zufallen.

      Liebe Grüsse
      buechermaniac

  6. Es gibt im Radio noch Sendungen, die sich länger als 30 Sekunden mit Büchern beschäftigen? Das ist tatsächlich eine Rarität. Doch selbst diese besagte Sendung wird augenscheinlich verwässert. Was mich noch interessieren würde; wurde die Werbung in der Musik verrechnet oder nicht berücksichtigt?
    Klasse Beitrag!

  7. Mir geht es ähnlich wie Dir, liebe Buechermaniac, und wie Frau H.. Aus diesen Gründen bevorzuge ich schon seit langem Podcasts, da sie wegen der Gema ohne Musikeinlagen auskommen müssen. Allerdings senden meine bevorzugten Literaturprogramme sowieso ohne „Geduddel“. Es handelt sich um den täglichen Büchermarkt des Deutschlandfunks und die Büchersendungen von SWR2: Forum Buch am Sonntag, die monatliche Diskussion zur Bestenliste und die tägliche Buchkritik. Alles höre ich als Podcast unabhängig von Sendezeiten.

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