Mit dem letzten Schiff

Mit dem letzten Schiff

Varian Fry, ein junger Amerikaner von dreiunddreissig Jahren, der in Harvard Sprachen und Literatur studiert hat, und erst seit wenigen Jahren verheiratet ist, übernimmt 1940 eine aussergewöhnliche und nicht ungefährliche Aufgabe.

Am 25. Juni 1940 sollte nach einem Aufruf von Thomas Mann, und unter dem Patronat der First Lady, Eleonor Roosevelt, in New York ein Komitee gegründet werden mit dem Zweck verfolgten Künstlern und Intellektuellen die Flucht von Europa nach Amerika zu ermöglichen. Dazu sollte ein Vertreter des Komitees nach Marseille geschickt werden.

Dieser Vertreter ist Varian Fry. Er zögert keinen Augenblick und nimmt diesen Auftrag an, der der schwierigsten seines Lebens werden sollte. Das Einzige, das man ihm auf den Weg mitgibt, ist eine Tasche voller Geld und eine Namensliste.

In Marseille angekommen, quartiert er sich zuerst im Hotel Splendide ein und funktioniert einige Zimmer zu Büros um. Nun muss er nur noch all die Vertriebenen ausfindig machen, ihnen neue Pässe ausstellen und die entsprechenden Visa beschaffen. Doch ohne helfende Hände wäre diese Aufgabe für einen einzelnen Mann praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. So kommen, je länger er seiner Arbeit nachgeht, immer mehr Freiwillige hinzu, die ihn tatkräftig unterstützen. Miriam Davenport spricht für den verängstigten Walter Mehring in Varian Frys Büro vor. Auf ihrer Reise von Paris nach Marseille ist sie bereits einigen anderen Künstlern begegnet und ist sich sicher, dass Fry die Leute in und um Marseille finden wird. Fry bietet ihr einen Job an. Menschen mit Beziehungen und guten Ideen kann er in seinem Team gut gebrauchen.

Es fällt Ihnen also vom Schicksal zu, Ihre Lieblingsautoren zu retten?“ fragte Miriam ein bisschen spöttisch.

Er nickte. „Auch bildende Künstler wie Marc Chagall und Philosophen wie Walter Benjamin… Doch wie soll ich sie retten, wenn sie sich versteckt halten? Das Emergency Rescue Committee in New York konnte mir keine Ratschläge geben. Ich gelte hier bei den französischen Ämtern als naiver Amerikaner, zu Recht, Miss Davenport. Meine Aufgabe erscheint mir in der Tat monströs!“

Aus den Geschichtsbüchern wissen wir, dass Walter Mehring die Flucht in die Staaten geglückt ist, doch bis er endlich mit einem Frachter in New York eintrifft, vergehen noch Monate und der Autor wird noch oft in Angstschweiss ausbrechen, bevor ihm, quasi auf den letzten Drücker, die Ausreise gelingt. Walter Mehring bleibt bis zu diesem Moment Varian Frys Sorgenkind. Nach dem Einmarsch der Nazitruppen in Frankreich gehen auch Offiziere im Hotel Splendid ein und aus. Jederzeit könnte Mehring verhaftet werden, deshalb verkriecht er sich in einem Zimmer des Rettungskomitees.

Zu Varians Helfern gehört auch ein Junge von vierzehn Jahren, namens Justus (Charlie Gussie) Rosenberg. Sein Vater schickt ihn und seinen Freund von Danzig nach Paris, wo er bei einem Lehrer unterkommen soll. Ausser zwei Fahrrädern, die der Lehrer noch für sie bereitgestellt hat, finden sie keinen Unterschlupf mehr. Der Lehrer ist bereits abgeholt worden. So machen sich die beiden Jungen auf und fahren mit den Rädern quer durch Frankreich. Unterwegs verdienen sie sich das Geld, in dem sie Charlie Chaplin-Nummern aufführen. Als die beiden Jungen in Toulouse beinahe verhaftet werden, weil einer der beiden beim Brotdiebstahl erwischt wird, setzt sich Miriam Davenport für die Buben ein und verspricht der Polizei, die Jungen im Kinderheim La Hille abzugeben. La Hille, in dem die Schweizer Rotkreuz-Schwester Rösy Näf arbeitet, sind die beiden Jungen vorerst gut aufgehoben. Justus setzt wenig später, an der Seite von Miriam Davenport, seinen Weg nach Marseille fort.

„Dann, Jahre später, als wir auf der Flucht waren, dachten Fred und ich uns Charlie-Szenen aus. Auf dem Fahrrad. Sie lenkten uns ab von der Angst, im Bombenregen unserer eigenen Landsleute umzukommen. Sie lenkten ab vom Schmerz des Hungers, wenn der Magen richtig wehtat.“

Abenteuerlich gestaltet sich die Flucht von Alma Mahler und ihrem Mann Franz Werfel. Heinrich, Nelly und Golo Mann gehören ebenfalls zur Gruppe, die Varian Fry persönlich bis zur spanischen Grenze begleitet. Während die Teilnehmer zu Fuss über die Pyrenäen geführt werden, reist Fry mit dem Gepäck seiner Schützlinge im Zug über die Grenze. Es wird eine schwierige Wanderung für den schweren Werfel und den alten Heinrich Mann, doch mit vereinten Kräften der anderen schaffen sie das schier Unmögliche und kommen wohlbehalten in Spanien an, bevor ihre Fahrt nach Lissabon und von dort mit dem Schiff nach New York weitergeht.

Lion Feuchtwanger, der nach grossen Schwierigkeiten in Amerika landet, erzählt den Reportern in New York detailliert von seiner Flucht, so dass die spanische Grenze für Emigranten wieder geschlossen wird und die Arbeit von Varian nicht vereinfacht. Je länger sich Varian Fry in Marseille aufhält, desto schwieriger gestaltet sich sein Auftrag, denn Spitzel und Verräter gibt es in der Hafenstadt genügend.

Menschen im Transit. Es lohn sich nicht, Bekanntschaften zu machen. Man hat nur sich und seinen Schatten. Ein Handgepäck in der Absteige. Oft nicht einmal mehr seinen echten Namen. Selten wechselt man an den Tischen ein paar Worte, immer in Angst, Spione könnten mithören.

So wird auch Fry mit seinen Leuten, nach dem Aufmarsch von Pétains Truppen verhaftet und verbringt einige Tage auf einem Gefängnisschiff. Für ihn privat wird auch die Beziehung zu seiner Frau immer schwieriger. Seiner Ehefrau werden unschöne Geschichten zugetragen. Es wird gemunkelt, dass ihr Mann im fernen Europa eine Beziehung zu einem Mann habe. Und statt nur einen Monat in Marseille zu bleiben, wird sein Aufenthalt immer länger, denn er zögert seine Abreise immer wieder hinaus. Es gibt so viele Menschen zu retten und diese kann er doch nicht einfach sich selber überlassen.

Das Buch hat zwei wesentliche Schauplätze: die Arbeit von Varian Fry in Marseille und die Betreuung der Flüchtlingskinder in „La Hille“, die Rösy Näf vom Roten Kreuz anvertraut wurde. Auch diese junge Frau aus dem Kanton Glarus hat eine anspruchsvolle Aufgabe zu erfüllen und setzt für „ihre“ Kinder alle Hebel in Bewegung, um sie vor der Deportierung zu bewahren. Nicht alle Kinder werden überleben, aber einige von ihnen schaffen es, illegal in die Schweiz zu kommen. Dafür setzen mutige Franzosen und Schweizer ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Und was geschah mit den Künstlern und Intellektuellen?

Etliche Schriftsteller, die in Amerika ankommen, landen in den Hollywoodstudios und schreiben Filmdrehbücher, so auch Heinrich Mann oder Walter Mehring.

„Wissen Sie, ich schreibe, trotz Verbot, heimlich an meinem neuen Buch“, verriet Mann. „Ab der dritten Woche wird man Ihnen eine Romanvorlage bringen, um daraus ein Drehbuch zu machen. Es ist immer derselbe Roman, und es gibt nun schon fünfundachtzig Vorschläge für das Drehbuch. Inzwischen ist kein Geld mehr da, den Film zu realisieren. Unsere Arbeit ist eine Beschäftigungstherapie.“

Stefan Zweig wurde im Exil nicht glücklich und wählte den Freitod. Walter Benjamin, der Philosoph, nahm sich in Portbou mit Kokain das Leben, als er hörte, dass man ohne Exit-Visum zurück müsse. Mehring kehrte nach dem Krieg nach Europa zurück und war rast- und heimatlos. Auch Thomas Mann oder Marc Chagall kehrten Amerika den Rücken und trafen wieder in Europa ein, um nur einige von ihnen zu nennen.

Eveline Hasler hat einen bemerkenswerten Roman vorgelegt, der mir umso mehr unter die Haut ging, da ich ihn zum Zeitpunkt des Jahrestages der Bücherverbrennung vor mir liegen hatte. Viele Namen von Schriftstellern und Künstlern, die auf der Schwarzen Liste standen, sehe ich durch diesen Roman in einem ganz anderen Licht. Neben Varian Fry, den kaum einer kennt, sind da noch all die Menschen, die ihn so grossartig in seiner Arbeit unterstützt haben. Dasselbe gilt für Rösy Näf und die Menschen, die ihr geholfen haben und zu ihr standen.

All die Helfer haben viel riskiert und sich über Paragraphen, Regeln und Anweisungen der Behörden und ihrer Vorgesetzten hinweggesetzt, um den Verfolgten zu helfen, sie zu schützen und deren Leben zu retten. Sie waren wie ein Uhrwerk, in dem jedes einzelne Rädchen ins andere greift und dazu beiträgt, dass die Uhr auch wirklich funktioniert. Wie frustrierend muss es für die Helfer gewesen sein, zu erfahren, dass nicht alle gerettet werden konnten.

Eveline Hasler gibt einigen dieser mutigen Personen einen Namen und ein Gesicht und trägt mit ihrem Roman dazu bei, dass man sich wieder erinnert oder erstmals überhaupt von ihnen erfährt. Diese Menschen dürfen nicht vergessen gehen.

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff
218 Seiten
Erscheinungsjahr 2013
Nagel & Kimche
ISBN 978-3-312-00553-6

Ich möchte an dieser Stelle auf ein SJW-Heft hinweisen, das ich hier vorgestellt habe „Retten Sie wenigstens mein Kind“ Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges berichten. Darin erzählt eine Fluchthelferin, die im Roman erwähnt wird, von ihrer Zeit in La Hille und ihren illegalen Einsätzen. Das Büchlein, das auch Schwarzweiss Fotos beinhaltet, ist eine bereichernde Ergänzung zu Eveline Haslers Roman.

Die Autorin hatte ausserdem die Gelegenheit, Justus Rosenberg in Amerika zu treffen. Der einstige Helfer von Varian Fry ist heute 86 Jahre alt und arbeitet als Professor für Linguistik in New York, wie Eveline Hasler in einem Interview zu berichten weiss. Das Interview findet ihr hier

weiterführende Links

Varian Fry

Fernsehfilm „Varian’s war“ mit William Hurt und Julia Ormond

Justus Rosenberg im Originalton

10 Gedanken zu „Mit dem letzten Schiff

  1. Pingback: Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff (2013) | buchpost

  2. Pingback: Schweizer Literatur zum Nationalfeiertag | lesewelle

    • Liebe Mila

      Das wird vielen anderen Lesern auch so gehen. Ich habe Varian Fry zuvor auch nicht gekannt und bin Eveline Hasler äusserst dankbar, dass sie seiner Arbeit ihren neuen Roman gewidmet hat.

      LG buechermaniac

  3. Liebe Büchermaniac,
    habe herzlichen Dank für die Vorstellung dieses Buchs, das dunkle Zeiten etwas erhellt. Ich kannte es noch nicht, werde es mir aber sicher kommen lassen und es eifrig durcharbeiten.
    Mit herzlichen Grüßen vom kleinen Dorf am großen Meer
    Klausbernd

    • Lieber Klausbernd

      Das freut mich sehr, dass ich dir das Buch durch meine Besprechung schmackhaft machen konnte. Ich habe es sehr gerne gelesen, auch wenn es, wie du sagst, dunkle Zeiten zum Inhalt hat.

      Schöne Grüsse ins kleine Dorf am grossen Meer
      buechermaniac

  4. Liebe buechermaniac,
    das Buch habe ich mir mehr zufällig gekauft, bisher aber noch nicht gelesen. Nun freue ich mich sehr darüber, auf deine Worte und EIndrücke zu der Lektüre stoßen – das Buch werde ich sicherlich bald in Angriff nehmen und ich freue mich schon sehr auf die Lektüre. 🙂

    • Liebe Mara

      Nur zu, du wirst die Lektüre bestimmt nicht bereuen. Und du wirst auf viele Namen aus der Literatur stossen, die dir bekannt sein werden. Es ist gut, dass Varian Fry endlich einmal ein Buch gewidmet wird, obwohl ich gerne noch mehr über ihn erfahren hätte.

      Liebe Grüsse
      buechermaniac

  5. Liebe buechermaniac,
    ein grosses Dankeschön für diese Besprechung! Den Roman von Eveline Hasler werde ich bestimmt lesen.
    Natürlich wegen Deiner schönen Besprechung aber auch, weil mich das Thema seit meinem Studium immer wieder umtreibt. Ich habe mich besonders darüber gefreut, dass die Autorin die Geschichte des Varian Fry und damit ja auch die Geschichte der Emigration, des Exils, und der Exil-Literatur mal wieder ins Bewusstsein ruft.
    Falls es Dich interessiert, es gibt ein autobiographisches Buch von Varian Fry, das heisst:
    Auslieferung auf Verlangen, Fischer Taschenbücher Bd.18376 und es ist soweit ich weiss auch noch lieferbar. Das habe ich vor Jahren gelesen und sehr faszinierend gefunden.
    Ausserdem fällt mir zum Thema noch der Roman Transit von Anna Seghers ein. Das geht es auch ums Thema Emigration, die Geschichte spielt in Paris und Marseille und Seghers hat den Roman 1941/42, selber im Exil lebend, geschrieben. Es gibt auch noch eine lieferbare Ausgabe:
    Aufbau Taschenbücher Bd.5153, ISBN 3-7466-5153-0 Ich fand die Lektüre dieses Romans sehr bewegend, und sicher das beste, was Anna Seghers geschrieben hat ( http://de.wikipedia.org/wiki/Transit_(Anna_Seghers ).
    So, jetzt hör ich aber auf, Dich mit Zeux zuzuschmeissen, ich war gerade bloss so begeistert von dem Déja vu, da kommt bei mir gleichzeitig der Germanist und der Bibliothekar durch, furchtbare Mischung…
    Liebe Grüsse, Kai

    • Lieber Kai

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und die Hinweise auf die diversen Bücher. Anna Seghers‘ „Transit“ liegt seit einiger Zeit auf meinem SuB. Ich habe das Buch antiquarisch gefunden und wusste natürlich noch nicht, dass ich ihr später im besprochenen Roman auch noch begegnen würde. Ich werde ihren Roman auf alle Fälle auch noch lesen.
      Varian Fry hat einige Bücher veröffentlicht. Ich werde mich erkundigen, ob es das autobiographische Werk von ihm noch gibt. Bestimmt wird die Lektüre sehr interessant sein. Doch zuerst lasse ich das Gelesene einmal setzen.

      Ich wünsche dir schon jetzt einige schöne Stunden „Mit dem letzten Schiff“.

      Herzliche Grüsse
      buechermaniac

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