Geschwister des Wassers

Gschwister des WassersNico, Antonio und Julia werden über Nacht zu Waisen, als ein Blitz ins Haus einschlägt und ihre Eltern tödlich trifft. Der Gutsbesitzer der nahen Kaffeeplantage, Geraldo, nimmt Nico zu sich, allerdings tut er dies nicht aus Nächstenliebe, vielmehr sieht er in dem neunjährigen Jungen eine billige Arbeitskraft. Die beiden jüngeren Geschwister werden zu französischen Nonnen ins Waisenhaus gebracht. Eine exzentrische und reiche Araberin ist an Julia interessiert, holt sie bei den Nonnen ab, nachdem sie einige Jahre eine „angemessene“ Erziehung genossen hat. Antonio hingegen will keiner, denn er ist ein Zwerg. Bei den Nonnen hat er es gut und als er etwas älter ist, geistert er heimlich durch die Räume der Klosterfrauen und steckt seine Nase in die Unterwäsche in den Kommoden. Nico wie auch Julia werden zwar ein Dach über dem Kopf haben, aber schamlos ausgenutzt. Ihre engsten Bezugspersonen sind die Haushälterinnen. Bei ihnen finden sie Geborgenheit und Verständnis und werden schon einmal vor ihren „Besitzern“ geschützt, denn was sind sie anderes als deren Sklaven.

„Julia bewohnte ihr Zimmerchen im Nebengelass mit demselben Widerstand, mit dem sie auch das Waisenhaus bewohnt hatte. Des Gesicht lag nie ganz auf dem Kissen auf, zwischen ihr und der Umwelt stets eine kleine Lücke. Sie durfte sich im Haus nur mit Erlaubnis von Leila, ihrer Adoptivmutter, bewegen. Sie ass in der Küche und musste sich abends auf ihr Zimmer zurückziehen.“

Getrennt voneinander werden die Geschwister erwachsen und erst als Nico heiratet, gibt es ein Wiedersehen mit seinem Bruder Antonio. Julias Adoptivmutter hingegen verweigert ihre Erlaubnis, ihre Tochter zur Hochzeitsfeier fahren zu lassen. Heimlich verlässt sie mit dem Geld eines Gönners das Haus und macht sich trotzdem auf die Reise, die auf einem Busbahnhof endet. Während die Reisenden in alle Richtungen aufbrechen, arbeitet Julia eine Zeit lang als Toilettenfrau.

Die Nonnen, die Antonio zur Hochzeit begleitet haben, kehren ohne ihren Schützling ins Waisenhaus zurück. Geraldo ist an Antonio als Arbeitskraft nicht interessiert und hält ihn wegen seiner Statur für einen Dummkopf. Deshalb hilft der klein gebliebene Bruder seiner Schwägerin im Haushalt, während Nico weiterhin seine Arbeit auf der Kaffeeplantage verrichtet. Eines Tages herrscht grosse Aufregung unter den Bewohnern des Tales, als die Botschaft verkündet wird, dass sie ihre Häuser verlassen müssten. Ein Staudamm soll gebaut und die Serra Morena überflutet werden. Die Elektrizität wird die Häuser erhellen, die Wirtschaft ankurbeln und Wohlstand bringen.

„Das Unternehmen würde ihnen die Ländereien abkaufen und den Bau neuer Häuser in der Stadt ermöglichen. Die Zukunft war gekommen.
„Wo kommt das Wasser her?“
„Wie viel Wasser hat in dem Tal Platz?“
„Wird es unsere Häuser überfluten?“
„Mein Haus verlass ich nicht mal als Toter.“
Der Mann hinterliess die Adresse, unter der sie den Preis für ihre Häuser aushandeln konnten, und verabschiedete sich.
„Ich ertrinke zuerst, weil ich kleiner bin“ sagte Antonio.“

Während die halbe Bevölkerung umgesiedelt wird und Nico mit seiner Familie auf die Hügel in ein neues Haus zieht, weigert sich nur einer, sein Land zu verlassen: Eineido gibt sein Haus erst auf, als die Flutwelle kommt.

Andréa del Fuego beschreibt in ihrem Debütroman mit grosser Lakonie über einen Landstrich Brasiliens und seiner Bevölkerung, anfangs des 20. Jahrhunderts. Dabei zeigt sie ungeschönt den harten Alltag der armen Bauern, die von den Grossgrundbesitzern abhängig sind und bis aufs Blut ausgesogen werden. In dem die Autorin die verstorbene Mutter Geraldos als Geist durch die Handlung schweben und lässt, erhält der Roman auch etwas Magisches und Phantastisches und lässt ihn eine ganz eigene Atmosphäre ausstrahlen.

„Zu diesem Zeitpunkt hatte Geraldina bereits ihre Autonomie und ihren Verstand wiedererlangt. Noch immer in der Lampe, hörte sie den Namen des Sohnes und erzitterte bei der Nennung ihrer Brut. Sie war um die Glühspirale gewickelt und breitete sich nun langsam aus, durchdrang das feine Glas der Glühlampe. Sie mischte sich unter die Luft, ohne je von jemandem im Wohnzimmer eingeatmet zu werden. Substanzen unterscheiden sich durch Zahlen, sie war gerade, die Luft ungerade. Die Lungen erkennen das.“

Die Autorin versteht es, mich zum Schmunzeln und Staunen zu bringen, lässt mich aber gleichzeitig auch etwas ratlos zurück, denn einige Szenerien muten für mich märchenhaft an und ich weiss nicht so genau, was ich damit anfangen soll. Trotz dieser Unsicherheit habe ich mich in den Sog der Erzählung ziehen lassen, denn die Sprache hat mir sehr gefallen, die durchaus auch poetische Momente hat. Aus diesem Grund, empfehle ich diese neue Stimme aus Brasilien gerne weiter und wer die diesjährige Frankfurter Buchmesse besuchen wird, kann Andréa del Fuego vielleicht bei ihrer Lesung kennenlernen.

Andréa del Fuego wurde 1975 in São Paulo, Brasilien, geboren und studierte Journalismus. Sie ist als Fimproduzentin tätig und arbeitet für das literarische Fernsehformat Entrelinhas. Sie hat ausserdem mehrere Kinderbücher veröffentlicht. Für ihren Debütroman „Geschwister des Wassers“ erhielt sie 2011 den José Saramago Preis und war Finalist des Prêmio São Paulo de Literatura 2011 sowie des Prêmio Jabuti 2011. Andréa del Fuego lebt in São Paulo.

Andréa del Fuego: Geschwister des Wassers
erschienen im Hanser Verlag, 2013
Übersetzung Marianne Gareis
208 Seiten
ISBN 978-3-446-24331-6

3 Gedanken zu „Geschwister des Wassers

  1. Es kommen dieses Jahr so viele interessante Autoren zur Buchmesse aber ich schaffe es nicht😦 Auf del Fuego hätte ich wirklich große Lust gehabt. Du hast mir ja zumindest schon mal einen kurzen Einblick geliefert😉
    Danke schön!

    Liebe Grüße von der Bücherliebhaberin

  2. In Deiner Rezension hast Du ja schon viele Wörter benutzt, die auf den magischen Realismus hindeuten, der in der südamerikanischen Literatur ja häufig eine Rolle spielt. So schreibst Du, dass da jemand herumgeistert (allerdings lebt er ja auch ganz normal, macht halt nur etwas „Verbotenes“), da gibt es die Geister der Verstorbenen, da scheint etwas magisch zu sein, da gibt es märchenhafte Elemente. Vielleicht steckt da ja wirklcih eine große Portion magischer Realismus hinter, den die Kinder, das könnte man gut verstehen, brauchen, um ihre prekäre Situation überleben zu können.
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia

      Es ist vor allem der kleinwüchsige Antonio, der „magische“ Momente erlebt. Eine Szene hat mir besonders gut gefallen: als sein Bruder Nico eines Morgens verschwunden ist, glaubt er, dass er in der Kaffeekanne verschwunden ist. Ein herrlicher Moment dieses feinen Romans.

      Liebe Grüsse
      buechermaniac

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