Auf den Spuren schwarzer Geschäfte

Seit nun elf Jahren bin ich Mitglied in einem Lesezirkel, der sich etwa alle sechs Wochen trifft. Unsere Gruppe, die aus sieben Frauen besteht, hat letztes Jahr das zehnjährige Jubiläum begangen. Einige von uns, sind seit Beginn dabei. Das war für uns Anlass, auch einmal über eine literarische Reise nachzudenken, die wir dieses Jahr wahr werden liessen.

Schon früh machten wir uns Gedanken, wohin es gehen sollte. Ich schlug schliesslich Neuchâtel vor, eine reizende Stadt in der französischen Schweiz, in dem das Dürrenmatt-Museum beheimatet ist. Freudig wurde die Planung in Angriff genommen und wir stellten uns das in etwa so vor:

Mit dem Zug nach Neuchâtel mit Frühstück im Bistro-Wagen, Stadtführung, Mittagessen und danach einen Abstecher ins Dürrenmatt-Museum.

Ja, so stellten wir uns das vor. Es kam dann allerdings etwas anders, als geplant. Zufälligerweise war ich im Frühjahr auf eine interessante Stadtführung gestossen. Es sollte kein gewöhnlicher Rundgang werden, sondern etwas Spezielles. Zufälligerweise bin ich auf eine Führung gestossen, die es nur auf Anfrage gibt: „Sur les traces des affaires noirs“, zu deutsch „Auf den Spuren schwarzer Geschäfte“. Eine Führung zu den Stätten und Villen von Neuenburgern, die durch den Sklavenhandel zu Reichtum gelangt waren.

Ich vereinbarte einen Termin mit dem Veranstalter. Eine Freundin war für die Reservation von Plätzen im Bistro-Wagen zuständig, eine andere bemühte sich um eine Tischreservation in einem Restaurant in Neuchâtel. Im Verlaufe des Spätsommers recherchierte ich dann noch, wie wir am einfachsten zum Dürrenmatt-Museum kämen und dann fiel mir die Kinnlade runter: „Das Museum ist wegen Bauarbeiten bis anfangs Dezember 2013 geschlossen“ – grossartig! Die Führung war gebucht. Es gab kein Zurück mehr. Bistro-Wagen konnte auch nicht reserviert werden, denn wegen Bahn-Bauarbeiten wurde der Zug umgeleitet und führte keinen Speisewagen ab Zürich mit. Wurde ja immer besser!

Am Tag X, anfangs November, es war ziemlich kalt und das Wetter verhiess nichts Gutes, ging die Reise dann los. Eine Kollegin offerierte uns edle Croissants und mit mitgebrachtem Kaffee genossen wir unser kleines Frühstück im Abteil. In Olten mussten wir umsteigen. Nach wenigen Minuten ging die Reise weiter. Die Sonne zeigte sich durch die dichten Wolken, mit herrlicher Stimmung über dem Bielersee. Das goldene Reblaub leuchtete prächtig.

Bielersee

Bielersee

Am Bahnhof wartete schon die junge Mitarbeiterin von der cooperaxion auf uns und wir marschierten runter an den See, wo sie uns eine Einführung zum Thema des Sklavenhandels gab.

Die Schweizer waren im 17.- 19. Jahrhundert im transatlantischen Sklavenhandel tätig. Das hiess hauptsächlich, dass Firmen der damaligen Helvetischen Konföderation sich am Geschäft mit dem Sklaven- und Warenhandel beteiligten und dadurch profitierten. Lieferten sie bsp.weise Stoffe, sogenannte „Indiennes“ aus der damals noch florierenden Textilindustrie an die afrikanischen Küsten, wurden sie gegen Sklaven getauscht, die auf den Sklavenschiffen nach Amerika und auf die karibischen Insel transportiert wurden und dort auf Zuckerrohr-, Kakao- oder Tabakplantagen arbeiten mussten. Die Produkte wurden von den Händlern gekauft und in Europa verkauft, woraus sie ihren Reichtum aufbauten.

David de Pury

David de Pury

So standen wir auf unserem Stadtrundgang vor etlichen herrschaftlichen Häusern, die aus diesem Profit gebaut wurden. Einige Herren hatten keine Nachkommen und vermachten ihr Vermögen der Stadt, bauten das erste Hospital, Schulen etc.

Hôtel du Peyrou

Hôtel du Peyrou

Nicht nur Neuenburg profitierte von diesem Dreieckshandel, auch Städte wie Genf, Basel, Bern oder Zürich waren beteiligt. Je länger ich persönlich zuhörte, desto mehr machte mich das Thema neugierig. Ich finde es wichtig, dass wir von diesem unrühmlichen und düsteren Kapitel der vergangenen Jahrhunderte erfahren. Die cooperaxion, die ihren Sitz in Bern hat, bemüht sich sehr, hier Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie engagiert sich aber auch mit Projekten, unter anderem in Liberia, um jungen Menschen eine Ausbildung zu ermöglichen und sie von der Strasse wegzuholen. In dem Land, an dessen Küsten einst viele Sklavenschiffe ankerten, auf denen Vorfahren auf dem Weg nach Übersee qualvoll ihr Leben verloren oder später auf Plantagen, unter unmenschlichen Bedingungen, zur Arbeit gezwungen wurden.

Sklavenschiff

Sklavenschiff

Einige wenige Kaufleute brachten schwarze Diener und Dienstmädchen mit in unser Land. Allerdings weiss man nur wenig über ihr Schicksal, da sie kaum in der Öffentlichkeit zu sehen waren. Wer weiss, was eventuell noch in privaten Archiven schlummert.

Nach der spannenden Führung verabschiedeten wir uns von unserer kompetenten Begleiterin. Der Spaziergang, der bei trockenem Wetter über die Bühne gegangen war, hatte Hunger gegeben. Wir zogen in ein Lokal, das gut besetzt war und typische Gerichte der Region auf der Speisekarte hatte.

Nach dem Essen schlenderten wir durch die Altstadt, entdeckten hübsche Ecken, stiegen zum Schloss und zur Kirche hoch, wo der Blick über den See und die Berge schweifen konnte. Dann noch ein Bummel dem See entlang und die letzten Strahlen der Sonne geniessen, bevor der Weg Richtung Bahnhof und die Heimreise, reich beschenkt an neuen Eindrücken und Wissen, angetreten werden musste.

In der Altstadt

In der Altstadt

Aussicht über Neuenburg

Aussicht über Neuenburg

Bei unserem Ausflug hielt ich ständig meinen Fotoapparat gezückt, um die schönsten Momente einzufangen. Nach der Reise gestaltete ich am Computer ein Fotoalbum, das ich als Überraschungs-Geschenk bei unserem letzten Lesezirkel-Treffen überreichen konnte. Ein Andenken an unsere erste Reise, die sich mehr als gelohnt hat und sich hoffentlich an andere Orte fortsetzen wird.

Neuenburger-See

Neuenburger-See

Weiterführende Informationen:

www.cooperaxion.org

Sachbuch:

Reise in Schwarz-Weiss

Belletristik:

Die Mohrin

6 Gedanken zu „Auf den Spuren schwarzer Geschäfte

    • Das Dürrenmatt-Museum werden wir bestimmt irgendwann noch besuchen, auch wenn es diesmal nicht geklappt hat. Im Lesezirkel finde ich vor allem interessant, dass jeder von uns einmal auf Bücher aufmerksam gemacht wird, von denen er keine Ahnung hatte und die er vielleicht nie gelesen hätte.

    • Lukas Hartmann kommt einem immer mal wieder unter. Seine historischen Romane sind immer wieder lesenswert.

      Ich wünsche dir ebenfalls einen guten Rutsch ins neue Jahr!

      Herzlich grüsst dich
      buechermaniac

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