Das Schweigen einer Familie

Der Sommer hat lange auf sich warten lassenMargarethe sitzt im Zug nach Deutschland. Sie ist anfangs neunzig und möchte noch einmal den Ort wiedersehen, an dem sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hat. Ihre Tochter Lena, die in London lebt und die sie lange nicht mehr gesehen hat, wird sie in wenigen Stunden treffen. Es gibt einiges mit ihr zu bereinigen.

Auf der Fahrt in ihren Heimatort hat die alte Frau genügend Zeit, um über ihr langes Leben nachzusinnen. In der Nähe von Frankfurt, nach dem 1. Weltkrieg aufgewachsen, wird sie als zwölfjähriges Mädchen zu Verwandten nach Wien geschickt. Dort schliesst sie die Schule ab und lernt während des 2. Weltkrieges ihren ersten Mann Max kennen. Max wiederum verbrachte seine Kindheit in der Steiermark und wird nach den Arbeiteraufständen im Jahre 1934, zusammen mit seinem Bruder und anderen Jugendlichen, in die Sowjetunion geschickt. Sein geliebter Grossvater kommt während der Aufstände ums Leben. Die Jahre in der Sowjetunion, fernab seiner Mutter, hinterlassen tiefe Spuren in der Seele des Jungen. Auch der 2. Weltkrieg prägt sein späteres Leben. Er dient als Wehrmachtsoldat und wird nach Griechenland geschickt, wo er fürchterliche Gräuel-Taten mitansehen muss. Nach einer Kriegsgefangenschaft in England, kehrt er nach Wien zurück, wo Margarethe, die während Max‘ Abwesenheit als Hilfsschwester in einem Krankenhaus arbeitet, kurz vor Ende des Krieges, den absoluten Albtraum erlebt.

„Nichts hatte ich Max davon erzählt, wie die Männer mich festhielten und schlugen, wie einer nach dem anderen sein Geschäft brutal an mir verrichtete bis mein Geschlecht blutete und meine Beine wie gelähmt waren. Ich sehe die Bilder aus der Entfernung von fast siebzig Jahren an mir vorüberziehen und möchte nicht wieder in die Haut von damals schlüpfen und fühlen müssen, wie es wirklich war. Davor habe ich Angst, daran will ich nicht erinnert werden, aber ich weiss, all das liegt in meinem Körper begraben.“

Mit ihren fürchterlichen Kriegserinnerungen, die sie tief in ihrem Inneren aufbewahren und vor dem anderen nicht ausbreiten, wagen Margarethe und Max den Schritt in die Ehe. Lena, ihre Tochter, wird geboren und diese Tochter wird der Sonnenstrahl von Max. Nicht verwunderlich also, dass auch Lena sehr an ihrem Vater hängt und nicht begreift, als sie mit ihrer Mutter in eine andere Wohnung ziehen soll – ohne den Vater. Lena kann den Schritt ihrer Mutter nicht nachvollziehen und wird ihn ihr nicht verzeihen. Doch dass es der Wunsch des Vaters war, das verschweigt ihr die Mutter. Max, durch die Kriegsjahre traumatisiert, wird psychisch immer kränker und wird schliesslich in eine psychiatrische Klinik überführt.

„Mutter war nach meinem Empfinden schuld an seinem Suizid gewesen, und ich habe es ihr unmittelbar nach dem Abschied von Vaters Leichnam im Totenzimmer der Klinik unverblümt gesagt. Darauf hat sie mich angeschrien, ich solle meinen dummen Mund halten und mir eine heftige Ohrfeige versetzt. […] Jagbauer hatte am offenen Grab eine Rede gehalten, die mich traf, weil sie Vaters Eigensinn beschrieb, und er liess ihm auch seine Würde bei seiner letzten Entscheidung. Mit dieser Entscheidung war ich ganz und gar nicht einverstanden, denn Vater hatte sich in meinen Augen aus meinem Leben gestohlen. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich Mutters Nähe nicht mehr ertragen.“

Der Tod des Vaters verändert die Beziehung zwischen Lena und ihrer Mutter grundlegend. Als Lena als erwachsene Frau nach London zieht, nimmt auch die räumliche Distanz zwischen Mutter und Tochter noch zu. Lena litt schon als Kind darunter, dass ihre Mutter kaum je körperliche Nähe zuliess.

„Sie bewahrte immer Haltung, was für mich in manchen Situationen unerträglich war, hätte ich ihr doch gerne bereits als kleines Mädchen, wenn sie traurig war, zum Trost einen Kuss auf die Wange gedrückt. Das gelang mir nur selten, weil sie rasch wieder zur Tagesordnung überging, sich wegdrehte und mit gefasster Stimme etwas von sich gab, das ablenken sollte.“

Telefonate und gegenseitige Besuche enden immer wieder in heftigen Streitereien und werden zu einem Desaster. Den Versuch Lenas, durch künstliche Befruchtung ein Kind zu bekommen, lehnt Margarethe entschieden ab. Falsch gewählte Worte der Mutter führen zu tiefsten Kränkungen und lassen Lena sich nur noch mehr zurückziehen. Jede lebt ihr Leben und nun, im Spätsommer ihres Lebens, will Margarethe diese Differenzen ausräumen und sich bei ihrer Tochter entschuldigen.

Melitta Breznik hat einen Epochenroman geschrieben, der aufwühlt und ohnmächtig macht. Manchmal wäre ich am liebsten ins Buch reingehüpft und hätte die beiden Frauen schütteln wollen und ihnen zurufen mögen, dass sie miteinander reden sollten, denn sie haben doch nur sich. Wie können sich Menschen verstehen, wenn sie nicht miteinander über Erlebtes, auch Schreckliches, und über ihre Gefühle reden? Vielleicht wäre die Beziehung zwischen Mutter und Tochter anders und vor allem verständlicher verlaufen. Margarethes Generation, anfangs des letzten Jahrhunderts, musste meist selbst mit den Kriegserlebnissen fertig werden und gerade die Vergewaltigung war kein Thema, worüber sich eine Frau äusserte, denn zu beschämend und erniedrigend war solch ein Erlebnis. Keiner getraute sich Fragen zu stellen, keiner erzählte von sich aus. Es wurde kollektiv geschwiegen. So schwieg man auch in Lenas Familie und jeder litt für sich allein. Die Kriegserlebnisse haben so gravierende Folgen, die das weitere Leben von Margarethe und Max geprägt hat und nicht nur ihres – auch die Nachkriegsgeneration, zu der Lena gehört, hat mit den Folgen fertig zu werden.

„Ein Bild zeigte ihn in Uniform mit kurzen Hosen […] den Blick in die Ferne gerichtet. Vielleicht hatte er gerade an Mutter gedacht, was ich ihr auch sagte, worauf sie still wurde, um nach einer Weile, als wir stumm weitergeblättert hatten, zu sagen, dass er bevor er nach Griechenland verlegt worden war, ein unglaublich unbeschwerter und hübscher Bursch gewesen sei, die Sanftmut in Person, eine Beschreibung von Vater, die mir aus dem Mund von Mutter fremd klang. Mich erstaunte ihre Wortwahl, und ich beobachtete ihr Gesicht, das die Härte um den Mund verloren hatte, und verstand mit einem Mal, wie sehr meine Eltern einander verbunden gewesen waren.“

Die Familiengeschichte wird nicht nur aus der Sicht Margarethes erzählt, sondern auch Lena kommt zu Wort und ich erfahre wie die Beziehung zu ihrer Mutter aus ihrer Perspektive aussieht. Das Leben von Max, von dem weder Ehefrau noch Tochter allzu viel wissen, erfahre ich als Erzählform in dritter Person. Max Erlebnisse sind nicht weniger beklemmend. Die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts widerspiegelt sich in dieser Familie in all seiner Tragik. Ein leises aber starkes Buch, das mich sehr bewegt hat und in dem ich zudem über ein dunkles Kapitel der österreichischen Geschichte erfahre, das, wie die Autorin in einem Interview selber sagte, während ihrer Schulzeit nicht thematisiert wurde: dem Österreichischen Bürgerkrieg.

Melitta Breznik wurde 1961 in Kapfenberg, Steiermark, geboren. Sie studierte Medizin in Graz und Innsbruck und promovierte in diesem Fach. Als Oberärztin arbeitete sie an diversen psychiatrischen Kliniken und führte von 2004 – 2009 eine Praxis als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Chur.1995 erschien ihre Erzählung „Nachtdienst“, 2010 wurde ihr erster Roman „Nordlicht“ veröffentlicht. Sie erhielt 1996  den Kunstpreis der Stadt Innsbruck, 2001 den Literaturpreis des Landes Steiermark und 2002 wurde sie mit dem Werkbeitrag der Stiftung Pro Helvetia ausgezeichnte. Heute lebt sie in Basel und Zürich.

Melitta Breznik: Der Sommer hat lange auf sich warten lassen
Luchterhand Verlag
Erscheinungsjahr 2013
251 Seiten
ISBN 978-3-630-87398-5

12 Gedanken zu „Das Schweigen einer Familie

  1. Meine Oma weint heute noch, wenn sie vom Krieg erzählt, und sie erzählt nur wenig. Ich glaube kaum, dass es so stark traumatisierten Frauen möglich ist, mit jemandem darüber zu sprechen, und verstehe die Mutter in dem Buch sehr gut.

    Der Roman ist jetzt auf meiner Wishlist. Danke für den Tipp!

    • Gerne🙂 Du wirst es nicht bereuen, den Roman zu lesen. Ich verstehe, dass man über schreckliche Erlebnisse nicht gerne spricht, aber manchmal wäre es gut, man würde sich jemandem anvertrauen, um über das Erlebte reden zu können. Ich weiss aber, dass das einfacher gesagt ist als getan.

      Einen schönen Tag wünsche ich dir
      buechermaniac

  2. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #03 – Januar 2014 | Bücherphilosophin.

  3. Liebe buechermaniac,

    das Lesen Deiner Besprechung hat mich ziemlich bewegt und war fast wie ein Déjà vu für mich.
    Ich habe gerade meine 76-jährige Mutter in den Tod begleitet und dabei kamen dann natürlich noch einmal viele Fragen hoch, die die Vergangenheit und die gestörten familiären Beziehungen betreffen.

    Und auf der anderen Seite erlebe ich ähnliches mit meinen beiden 86-jährigen Schwiegereltern, die es deren Tochter (was meine Frau ist) aus Gründen, die jetzt erst so richtig deutlich werden, auch nicht einfach gemacht haben, geliebt zu werden und zu lieben.

    Fast alle diese Verwerfungen und Brüche scheinen in Kindheitserlebnissen, in Kriegserlebnissen und in, ich nenne es mal ‚Kriegsfolge-Erlebnissen‘ begründet zu liegen – und allzu häufig entstand daraus Entfernung zwischen dieser und der Folge-Generation.

    Die Bücherliebhaberin hat in Ihrem Kommentar oben sicher recht: Diese ganzen Traumatisierungen wurden, zumindest von meiner Generation, die das stete ‚Wir haben das nicht gewusst‘ nicht mehr hören konnte und gnadenlos hinterfragt hat (und das war absolut notwendig und richtig), sehr lange einfach unterschätzt oder sogar ignoriert. Das hat, zumindest in meinem Fall, die Verständigung sehr erschwert.

    Erstaunlicherweise kommt aber am Ende dann doch das Bedürfnis, wieder eine Nähe zu finden, die dann wohl nur noch in Glücksfällen möglich ist. Weil es einfach Zeit braucht, die man am Ende eines Lebens nicht mehr hat. Schade.

    Danke für die Besprechung, Kai

    • Lieber Kai

      Ich danke dir herzlich für deinen ausführlichen und sehr persönlichen Kommentar. Die Situation für die Nachkriegsgeneration in Deutschland oder Österreich ist sicher schwieriger gewesen als für jene in der Schweiz, da wir hier ja grösstenteils von den Kriegsgeschehnissen verschont geblieben sind. Das spürt man schon dadurch, dass meine Mutter und auch die Grossmutter immer sehr offen über jene Jahre gesprochen haben. Meine Grossmutter hat zudem beide Weltkriege miterlebt. Das Essen war rationiert, die Pferde wurden für den Militärdienst eingezogen. Bomben hat man zwar an der nahen Grenze gehört, aber man blieb verschont. Ich schätze es sehr, dass meine Eltern und Grosseltern sehr offen waren mit uns und ich wünschte, es wäre auch für andere so. Durch das Schweigen glaubt man, vergessen zu können. Aber wir wissen alle, das dem nicht so ist.

      Am Ende eines Lebens möchte man in Frieden von der Welt gehen. Und dies hat auch Margarethe im Roman gemerkt. Die verschwendeten Jahre sind zwar verloren und man kann sie nicht zurückholen und es nochmals richtig machen, aber wenigstens noch die Missverständnisse aus dem Weg räumen und sich entschuldigen, das ist wichtig. Und vielleicht bleibt noch ein ganz wenig Zeit, um sich nochmals anzunähern.

      Es grüsst dich herzlich
      buechermaniac

  4. Den Krieg – egal welchen – überlebt und doch trotzdem gekennzeichnet für immer. Die Traumatisierungen, die du hier beschreibst und die im Roman thematisiert werden, werden oft unterschätzt. Dass diese aber ganze Familien zerstören kann, ist bis heute nur wenigen bewusst. Vielen Dank für die Vorstellung des Romans

    Liebe Grüße von der Bücherliebhaberin

    • Liebe Bücherliebhaberin

      Das ist sicher so, dass auch die nachfolgende Generation, mitunter leidet. Und ich gebe dir vollkommen recht, dass dieser Fakt den wenigsten bewusst ist. Melitta Breznik hat dies, sicher durch ihre Arbeit als Ärztin, sehr gut verstanden, im Roman auszudrücken.

      Herzliche Grüsse
      buechermaniac

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