Buch des Flüsterns

Buch des Flüsterns

„Diese Geschichte, die wir das Buch des Flüsterns nennen, ist nicht meine Geschichte. Sie begann lange vor meiner Kindheit, als man im Flüsterton sprach. Ja sie begann sogar lange bevor sie ein Buch wurde. Und begann auch nicht im Focșani meiner Kindheit, sondern in Siwas, in Diarbekir, in Bitlis, in Adana und in der Region Klikien, in Wan in Trapezunt, in allen Wilajeten des östlichen Anatolien, wo die Menschen meiner Kindheit geboren wurden, die zu den Helden dieses Buches zählen.“

Varujan Vosganian ist nicht nur Autor des vorliegenden Romans „Buch des Flüsterns“ sondern auch Politiker in Rumänien. Von 2007 bis 2008 bekleidete er das Amt des Finanzministers, heute ist er Wirtschaftsminister. Aufgewachsen ist er in Focșani, einer Stadt mit heute ca. 74‘000 Einwohnern und ca. 180 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bukarest gelegen.

Der Roman beginnt in den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts, zurzeit als der Autor ein Kind ist. Etwa 39‘000 Menschen bevölkern die Stadt. Er hält sich gerne in der Nähe der Alten auf lauscht ihren Geschichten, nicht zuletzt auch den Erzählungen seines Grossvaters Garabet, der eine zentrale Rolle im Buch einnimmt. Er ist nicht nur Hüter vieler Namen und bewahrt für den einen oder anderen wichtige Zeugnisse auf, sondern er ist auch Fotograf. Die wichtigen Momente lassen die Armenier von ihm auf Fotos bannen.

„Ich spielte unter dem Tisch im Hof, wenn die Alten sich Geschichten erzählten oder schöne Lieder traurigen Inhalts summten … Schickt das Kind hier weg, sagte manchmal eine der Tanten. Lass es da, sagte Grossvater. Immer bleibt einer übrig, der erzählt. Vielleicht wird gerade er einmal der Erzähler sein.“

Was sich zuerst wie die Erinnerungen an eine Kindheit liest, entpuppt sich schon bald als die Geschichte eines ganzen Volkes. So nimmt mich Varujan Vosganian mit an ferne Schauplätze in Anatolien, in die Heimat seiner Vorfahren, wo im April 1915 Völkermord an den Armeniern begangen wurde, Unruhen jedoch bereits Ende des 19. Jahrhunderts ihren Anfang hatten. Vosganians Aufzeichnungen mäandern von einem Jahrhundert ins andere und wieder zurück, was das Lesen etwas erschwert. Er erzählt die Geschichten von Menschen, die den Genozid überlebt haben und darüber berichten können oder die noch zur rechten Zeit davor in den Westen flüchten konnten. Er nimmt mich mit auf den Todesmarsch von Sahag Seitanians Familie, durch die „sieben Kreise des Todes“, wie die einzelnen Stationen des Marsches von Anatolien bis zum Ziel in der Wüste Syriens genannt werden.

Die meisten Menschen haben diesen Marsch nicht überlebt. Sie wurden von ihren Bewachern in Höhlen getrieben, wo Feuer gelegt wurde und sie qualvoll verbrannten. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, Männer erschossen und anschliessend in die Schlucht geworfen, wo sie im Fluss davontrieben und ihre Körper das Wasser rot färbte. In diesen Momenten wird das „Buch des Flüsterns“ zum „Buch des Grauens“.

„In Meskene, an der Grenzlinie des vierten Kreises, trafen die Konvois wieder auf den Euphrat, das bewegte Grab vieler Tausender Deportierter. An der Flussbiegung jenseits von Meskene wurden die Leichen aus dem Norden angeschwemmt, die von Fluten noch nicht unterspült und von den Fischen gefressen worden waren.“

Bei solchen Kapiteln stockt mir buchstäblich der Atem und ich halte mir die Hand vor den Mund, so entsetzt bin ich, was ich hier zu lesen bekomme.

Hunger und Durst quält die Menschen, lässt sie krank und schwach werden und so kommt es, dass verzweifelte Mütter ihre Kinder für einen Kanten Brot oder einen Schluck Wasser hergeben.

Auch jenen Menschen, denen die Flucht übers Meer nach Rumänien gelingt, sind noch längst nicht gerettet. Denn als der Kommunismus Einzug im Land hält, müssen viele wieder um ihr Leben bangen und verlieren ihre aufgebaute Existenz erneut. So passiert es auch Hartin Fringhian, den alle nur den „Zuckerkönig“ nennen. Er hat sich ein Imperium von Zuckerfabriken geschaffen und legt sein Geld in Aktien, Staatsanleihen und Immobilien an. Da er selbst keine Familie hat, nimmt er die Namen seiner Arbeiter in seinem Testament auf. Doch dann muss er vor der rumänischen Miliz in die Berge flüchten, wo er mehrere Jahre unter Hirten lebt. Am Leib trägt er einzig seinen Smoking, den er bis zur Rückkehr ins Tal nie ablegen wird. Er kehrt zurück zu einer seiner Fabriken, die längst dem Staat gehört und sammelt im Obstgarten Nüsse auf. Die Arbeiter werden ihn nicht an die Miliz verraten und empfehlen ihm, nicht wieder zu kommen. Auch deren Namen setzt Hartin in seinem Testament ein.

Der Alte beginnt ein Geschäft mit Nüssen, in dem er die Nüsse salzt und röstet und sie in den Kneipen oder nach dem Gottesdienst im Innenhof der Kirche an Armenier verkauft. Bis zu seinem Tod geht er diesem Handel nach und jammert keinen Augenblick über sein Schicksal. Er lebt sehr bescheiden fällt niemandem zur Last. Nach seinem Tod findet man genug an Ersparnissen bei ihm, so dass die Gemeinde nicht für sein Begräbnis aufkommen muss.

„Er knackte die Nüsse sehr vorsichtig mit einem kleinen Schusterhammer, den er sich von Anton Merzian ausgeliehen hatte, dann entnahm er ihnen das ganze Innere, die Hälften noch fest miteinander verbunden. Auch heute, da ich das Buch des Flüsterns schreibe, ein halbes Jahrhundert nach jenen armenischen Festen und den Gesprächen nach dem Gottesdienst, die von den Armeniern im Kirchhof stets noch in die Länge gezogen wurden, gibt es nicht wenige Bukarester, die sich noch gut an Hartin Fringhian erinnern. Wie er die Kirche betrat, aus der Manteltasche ein paar Kerzenstummel nahm, die er wahrscheinlich von Arsag dem Glöckner aus Focsani, bekommen hatte, sie anzündete und dann hinausging, um reglos am Ausgang des Kirchhofs zu verharren, allerdings auf der Hofinnenseite, damit er nicht von der Miliz verjagt werden konnte. Dort verkaufte er seine wunderbaren Nusskerne, rund waren sie wie Taubeneier.“

Eine andere Geschichte im „Buch des Flüsterns“ ist Virginica gewidmet, die keinen Mann, der an ihre Tür klopft, auswählt, um zu heiraten, sondern sich in einen Häftling verliebt, der Soldat in der Roten Armee ist. Ihm bringt sie das feinste Essen in die Garnison und erzählt ihm auf ihren bewachten Spaziergängen ihre Träume und Erlebnisse bis ins kleinste Detail. Obwohl sie weiss, dass der Mann Frau und Kinder hat, hält sie diese Tatsache von weiteren Besuchen nicht ab. Als der Soldat einige Jahre nach dem Krieg in einem Militärtransport in die Sowjetunion zurückkehrt, fliegt auch Virginica auf und muss selbst drei Jahre im Gefängnis absitzen. Damit sie ihrem Liebsten all die erlesenen Essenspakete bringen konnte, wurde sie kurzerhand zur Diebin.

Und so reiht sich eine Geschichte an die andere. Viele von ihnen sind erschütternd und verlangen einem sehr viel ab. Auch die armenischen Namen prägen sich nicht so leicht ein. Doch immer wieder gibt es auch poetische Momente, vor allem wenn der Autor über das Essen berichtet und wie es zubereitet wird. Das Rösten und Mahlen des Kaffees ist geradezu sinnlich und der Duft setzt sich in der Nase von ganz alleine fest:

„[…] Vor allem kauften meine Grosseltern keinen gerösteten Kaffee oder – Gott bewahre! -gemahlenen. Wir hatten eine Kupferpfanne, die vom vielen Rösten schwarz geworden war. Im Deckel befand sich ein bestimmter Mechanismus, den man mit einer Kurbel in Bewegung setzte und der dafür sorgte, dass die Bohnen gleichmässig geröstet wurden. Auf kleiner Flamme dauerte dieser Vorgang etwa eine Stunde. Alles was wir Kinder bekamen, waren die gerösteten Bohnen. Wir lutschten daran, als wären es Bonbons, und wenn das Aroma sich verlor, knackten wir sie mit den Zähnen auf und zerkauten sie. […]“

Es gab Momente, wo ich nahe dran war, das Buch zuzuklappen, um es nicht wieder zu öffnen und ich hätte mir gewünscht, wenn es etwas zäh wurde, dass es etwa hundert Seiten weniger gehabt hätte. Schlussendlich habe ich mich aber immer wieder überwunden, Seite um Seite mit diesen Menschen weiterzugehen, den Schmerz, den sie erlitten haben und der sich wie ein Mahnmal in schwarzen Buchstaben in die Seiten einbrennt, als Leserin zu ertragen. Hätte ich nicht weitergelesen, wären mir Menschen entgangen, wie der „Zuckerkönig“ Hartin Fringhian, dessen Geschichte so sehr zu Herzen geht. Ich hätte Grossvater Garabet nicht kennengelernt, dessen Tod mich zu Tränen gerührt hat oder ich hätte Misak Torlakian nicht getroffen, der seine Familie rächen wollte, gekämpft und die Freiheit erhalten hat und trotzdem einsam und verloren in der Welt herumirrte und verzweifelt hoffte, nach Jahren, als ein Flüchtlingsschiff in Constanța einlief, seinen kleinen Bruder wiederzufinden.

Doch, wer die Geschichten dieser und anderer Menschen des armenischen Volkes erfahren möchte und sich nicht scheut, sich auf eine lange Reise, zu begeben, wo sich tragische und erschütternde, schöne und poetische Momente die Hand reichen, muss das „Buch des Flüsterns“ selbst in die Hände nehmen, einmal tief Luft holen und sich dem Erzählstrom von Varujan Vosganian anvertrauen, der ein unglaubliches Stück Geschichte vor uns ausbreitet.

Die Originalausgabe „Cartea soaptelor“ erschien 2009, wurde von Ernest Wichner aus dem Rumänischen ins Deutsche übersetzt und war an der Leipziger Buchmesse für den Übersetzerpreis nominiert.

Varujan Vsoganian: „Das Buch des Flüsterns“
Paul Zsolnay Verlag Wien, 2013
511 Seiten
ISBN 978-3-552-05646-6

Hier gibt’s mehr zu Armenien:

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