Inseln – Paradies und Hölle

Inseln sind für uns oft Orte der Sehnsucht. Man denkt dabei an Palmen gesäumte Sandstrände, Sonne und Ruhe, tiefblaues Wasser. Ist die Insel vom Festland losgelöst, ticken die Uhren und ihre Bewohner meist anders. Nähert man sich einer Insel auf dem Luft- oder Seeweg, weiss man meistens nicht, was einen erwartet. Es schwebt ein Hauch Abenteuer und Entdeckungslust über ihr.

Denkt man an Inseln in der Literatur, dann kommen einem meistens „Die Schatzinsel“ und „Robinson Crusoe“ in den Sinn, zwei Klassiker der Insel-Literatur. Als Kind mochte ich diese beiden Bücher und die Fernsehserien dazu habe ich geliebt. Mit Jim Hawkins habe ich mich auf der Schatzinsel durch die Wildnis geschlagen und den Atem angehalten, wenn die Schiffsbalken knarrten und das Holzbein des Schiffskochs über seinem Kopf auf den Boden klackte.

„Die Insel – die unentdeckte, an die man kaum geglaubt hatte – lag nun schon ziemlich nah vor ihnen; und Herrick schien es, als habe er selbst in seinen Träumen noch nie etwas derart Fremdartiges und Zartes zu Gesicht bekommen. Der Strand war schneeweiss, der fortlaufende Saum der Bäume unvergleichlich grün, das Land ragte vielleicht drei Meter über dem Meeresspiegel auf, die Bäume zehn Meter höher.“ (aus „Die Ebbe“ von Robert Louis Stevenson)

Robinson Crusoe-Puzzle

Robinson Crusoe-Puzzle

Das Literaturmuseum „Strauhof“ in Zürich hat den Inseln eine Ausstellung mit dem Titel  „Inseln – Paradies und Hölle“ gewidmet. Denn Inseln können nicht nur paradiesisch sein, sondern auch zur Hölle werden.

Man muss nicht weit reisen, um auf eine Insel zu gelangen, dazu reicht schon eine Insel in einem See, wie am Lago Maggiore mit der Isola Bella, die nicht nur in der Musik von Paul Lincke vertont wurde, sondern auch bei Gerhard Hauptmann in der „Stresa Novelle“ bedacht wurde. Hauptmann war von Inseln so angetan, dass er sich auf Hiddensee in der Ostsee niederliess und später auch dort begraben wurde. Hauptmanns wichtigster Insel-Roman war „Die Insel der grossen Mutter“.

Die Inseln Capri und Ischia, wurden vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Orte der Sehnsucht. 1947 besang Rudi Schuricke die „Capri-Fischer“ und manch ein Auto verliess den Norden Richtung Süden, um die „Insel der Glückseligkeit“ wie Ischia auch genannt wird oder Capri zu erreichen und um dort einige schöne Urlaubstage zu verbringen.

Nicht nur Goethe besuchte Inseln, sondern auch Friedrich Nietzsche, der acht Jahre in Italien gelebt hat. Gottfried Benn war ein grosser Anhänger der Nesophilie –welch ein Wort- für „Liebe zu den Inseln“ und prägte den Ausdruck der „Inselsucht“ in „Gefilde der Unseligen“:

Satt bin ich meiner Inselsucht,
des toten Grüns, der stummen Herden;
ich will ein Ufer, eine Bucht
ein Hafen schöner Schiffe werden.
Mein Strand will sich von Lebenden
mit warmem Fuß begangen fühlen;
die Quelle murrt in gebendem
Gelüste und will Kehlen Kühlen.
Und alles will in fremdes Blut
aufsteigen und ertrunken treiben
in eines andern Lebensglut,
und nichts will in sich selber bleiben.

Auch die Brontë-Geschwister erfanden Geschichten, die sich auf Inseln abspielten. Als ihr Vater, ein Pastor, seinen Kindern von einer Reise Holzsoldaten mit nach Hause brachte, ersannen sie für diese fantastische Inselgeschichten und schrieben sie in winzigen Heften nieder.

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Die Inseln können auch zur Hölle werden, vor allem dann, wenn man in einem Straflager auf einer abgelegenen Insel sein Leben fristen muss. Von 1852 bis 1946 wurden französische Verbannte und Kriminelle auf die „Teufelsinsel“ gebracht, die Französisch-Guayana vorgelagert ist. Alfred Dreyfus verbrachte auf dieser Insel fünf Jahre seines Lebens unter strengster Isolationshaft. Den Wärtern war es verboten, mit dem Sträfling zu reden. Dreyfus führte Tagebuch über seine Zeit in Gefangenschaft und skizzierte unter anderem das Bett, an das er nachts gekettet wurde.

Dreyfuss' Hütte

Dreyfuss‘ Hütte zwischen den Palmen

Eindrücklich hat auch Henri Charrière in seinem Roman „Papillon“ über seine Sträflingszeit dort geschrieben. Der Roman wurde mit Steve McQueen und Dustin Hoffman 1973 verfilmt.

Auch Russland hatte seine Inseln für Sträflinge, die Solowezki-Inseln oder Sachalin, im äussersten Osten, wo die Sträflinge zu härtester Zwangsarbeit verdammt waren. 1890 reiste Anton Tschechow für einige Monate auf die Insel, um über das grausame Leben der Gefangenen zu berichten („Die Insel Sachalin“).

Tschechows Bericht

Hütten auf der Insel Sachalin

Sträflinge auf der Insel Sachalin

Hütten auf der Insel Sachalin

Auch in der klassischen Musik fanden Inseln Eingang. Sergei Rachmaninov komponierte „Die Toteninsel“ angesichts Arnold Böcklins „Toteninsel“.

Und Paul Gaugin verzauberte mit seinen Bildern, die er während seiner Zeit auf Tahiti malte.

Auch die Schweiz hatte ihren Robinson, um nicht zu sagen gleich eine ganze Familie. Der Pfarrer Johann David Wyss schrieb den Schweizerischen Robinson für seine Kinder und die Gschichte, die er seinen Söhnen erzählte, handelte von einer Familie die auswanderte und schiffbrüchig auf einer tropischen Insel landete. Das Buch wurde 1821 von einem der vier Söhne erstmals herausgegeben.

Jules Verne, der französische Autor, der selbst fantastische Romane schuf, nannte den „Schweizerischen Robinson“ als sein Lieblingsbuch seiner Kindheit.

Und so gäbe es noch Vieles über Inseln zu berichten, sei dies über die Insel Pitcairn, auf der Fletcher Christian mit den Meuterern von der „Bounty“ landete oder über Gullivers Reisen zur fliegenden Insel „Laputa“, Shakespeares „Sturm“, ganz zu Schweigen über das Insel-Epos überhaupt, nämlich Homers Odyssee.

Die Ausstellung wurde ergänzt durch einen Filmzyklus im „Filmpodium“, in dem einige dieser bekannten Insel-Filme läuft, wie „Meuterei auf der Bounty“ oder „Il Postino“, der zweifelsohne auch dazugehört.

Einige Insel-Bücher

Autor Titel
Daniel Dafoe Robinson Crusoe
Robert Louis Stevenson Die Schatzinsel
  Die Ebbe
José Saramago Die Geschichte von der unbekannten Insel
Franz Kafka Die Strafkolonie
Anton Tschechow Die Insel Sachalin
Gavino Ledda Padre Padrone
Elsa Morante Arturos Insel
Judith Schalansky Atlas der abgelegenen Inseln
Wassili Golowanow Die Insel
Henri Charrière Papillon

Einige Insel-Filme

Titel Originaltitel Hauptdarsteller
Papillon Papillon Steve McQueen, Dustin Hoffmann
Il Postino Il Postino Massimo Troisi, Philippe Noiret
Cast away Cast away Tom Hanks
Meuterei auf der Bounty Mutiny on the Bounty Marlon Brando, Trevor Howard, Richard Harris
Die Bäreninsel Bear Island Donald Sutherland, Vanessa Redgrave, Richard Widmark
Flucht von Alcatraz Escape from Alcatraz Clint Eastwood
Die nackte Insel The naked island Nobuko Otowa, Taiji Tonoyama, Shinji Tanaka
Der Seemann und die Nonne Heaven knows, Mr. Allison Robert Mitchum, Deborah Kerr
Der Teufel kommt um vier The devil at 4 o’clock Spencer Tracy, Frank Sinatra
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Georg Büchner Revolutionär mit Feder und Skalpell

Was haben Erich Kästner, Friedrich Dürrenmatt, Elfriede Jelinek, Paul Celan oder Felicitas Hoppe gemeinsam, ausser dass sie Schriftsteller waren oder sind? Sie alle haben schon einmal den Georg Büchner-Preis erhalten, den wichtigsten Literaturpreis in Deutschland und dem deutschsprachigen Raum. Er wird seit 1923 an Künstler vergeben, die aus der Heimat Büchners, aus Hessen, stammen, wenigstens bis 1950 war das so. Ab 1951 wurde der Preis in einen allgemeinen Literaturpreis umgewandelt und wird jährlich an Autoren vergeben, die sich mit ihrer Arbeit der deutschen Sprache besonders verpflichtet fühlen. Max Frisch war 1958 der erste ausländische Schriftsteller, der diesen Preis entgegennehmen durfte.

Georg Büchner (1833)

Georg Büchner (1833)

Georg Büchner wurde am 17. Oktober 1813 in Goddelau, dem Grossherzogtum Hessen, geboren. Als er drei Jahre alt war, zog die Familie nach Darmstadt, die zur damaligen Zeit 21’000 Einwohner hatte. 1/3 der Bevölkerung war in der Verwaltung tätig. Und für diese vielen Verwaltungsangestellten wurde eigens ein neues Stadtviertel gebaut, in dem auch die Familie Büchner, die immer grösser wurde, ein Haus in der Grafenstrasse 39 bezog.

Modell des Büchner-Hauses in Darmstadt

Modell des Büchner-Hauses in Darmstadt

Die wichtigsten kulturellen Einrichtungen in dieser Residenzstadt waren das Opernhaus, die Bibliothek und das Museum.

Darmstadt um 1818

Darmstadt um 1818

Georg war acht Jahre alt, als er zuerst die Privatschule des Theologen Carl Weitershausen besuchte. Mit elf Jahren wechselte er ins Gymnasium, dem „Pädagog“, wie es schlicht genannt wurde. Er lernte Latein, Griechisch und Französisch und mit vierzehn Jahre konnte er Shakespeare, der zu jener Zeit sehr populär war, auswendig. Noch lieber jedoch war im Goethes „Dr. Faust“. Ein Mitschüler sagte über ihn: „Er muss beim Lesen etwas zu denken haben.“ Mit 17 1/2 Jahren verlässt er das Gymnasium und im Zeugnis wird ihm unter anderem in Deutsch ein „vorzüglich“ und in Mathematik ein „mangelhaft“ bescheinigt.

Georg Büchners Vater war Mediziner, wie die meisten männlichen Familienangehörigen. So sollte auch der Sohn ein Medizinstudium absolvieren. Mit achtzehn Jahren ging Büchner nach Strassburg und belegte an der Universität Naturwissenschaften. Er bezog ein Zimmer beim evangelischen Pfarrer Johann Jakob Jaeglé und machte so die Bekanntschaft mit dessen Tochter Wilhelmine, kurz Minna genannt, mit der er sich 1832 heimlich verlobte.

Wilhelmine Jaeglé

Wilhelmine Jaeglé

Strassburg war zu jener Zeit, mit 50’000 Einwohnern bedeutend grösser als seine Heimatstadt Darmstadt, deren Umgebung er als „kolossal langweilig“ empfand. Während seines Aufenthaltes erlebte er den Empfang der geschlagenen Generäle aus dem Polenaufstand. Er begann sich für politische Freiheiten einzusetzen und Vorträge zu halten. Nach zwei Jahren, ein längerer Studienaufenthalt ausserhalb Hessens war nicht erlaubt, ging er 1833 an die Universität in Giessen, wo ihm weder die Mitstudenten noch die Lehrkräfte zusagten. Er konnte nun auch aus nächster Nähe sehen wie die Bevölkerung unter der Gewalt des Staates zu leiden hatte und gründete die Geheimorganisation „Gesellschaft für Menschenrechte“. Die Trennung von seiner Verlobten Wilhelmine machte ihm ebenfalls zu schaffen und er schrieb an sie:

„Hier ist kein Berg, wo die Aussicht frei ist. Hügel hinter Hügel und breite Thäler, eine hohe Mittelmässigkeit in Allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen, und die Stadt ist abscheulich.“

Sein Engagement sich für mehr Gerechtigkeit, vor allem für die unterdrückte Landbevölkerung, einzusetzen, bewog ihn, im Hessischen Landboten, der 1834 herauskam, eine Flugschrift mit dem Titel „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ zu verfassen, die die arme Landbevölkerung zur Revolution gegen die Unterdrückung aufrufen sollte. Obwohl der Text von Friedrich Ludwig Weidig, einem Oppositionellen aus Hessen-Darmstadt abgeschwächt wurde, indem er etliche Passagen strich, kam die Schrift bei der Landbevölkerung gut an, da ihr vor Augen geführt wurde, wie sie mit ihren Steuerzahlungen den Hof finanzierte.

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Im September 1834 wurde schliesslich ein Kurier mit diesen Flugschriften verhaftet, die fleissig zwischen Darmstadt und Giessen verteilt wurden. Auch Büchners Zimmer wurde in dessen Abwesenheit durchsucht. Er wurde zwar ebenfalls verhört, aber nicht festgenommen, so dass er noch rechtzeitig vor seiner Verhaftung nach Strassburg fliehen konnte. In Hessen wurde er steckbrieflich gesucht.

Steckbrief

Steckbrief

In Strassburg verfasste er in wenigen Wochen das Stück „Dantons Tod“, das erst 67 Jahre später zur Uraufführung kam. Aus dem Französischen übersetzte er Victor Hugo und schrieb die Erzählung „Lenz“, die sich mit dem Schriftsteller Jakob Michael Reinhard Lenz befasste.

Manuskript "Dantons Tod"

Manuskript „Dantons Tod“

Zwischendurch wendete er sich wieder seinen Studien zu und erforschte das Nervensystem der Fische. Er sezierte eine Barbe und schrieb seine Dissertation „Abhandlung über das Nervensystem der Barbe“. Diese Arbeit legte er 1836 auch der Universität Zürich vor. Die Universität wurde 1831 gegründet und war die erste Uni Europas, die durch ein demokratisches Staatswesen gegründet wurde. Büchner wurde nach Zürich eingeladen, um eine erste Probe-Vorlesung zu halten. Der erste Rektor war so entzückt, dass er den jungen Mann noch vom Katheder herunter für eine Anstellung empfahl. Er schickte dann auch seinen eigenen Sohn in die Vorlesungen Büchners.

Aus Briefen an seine Eltern geht hervor, dass Georg Büchner von Zürich und den Dörfern begeistert war, die sauber und schön anzusehen waren, auch die Bürger beschrieb er als angenehm und weltoffen. Noch in Strassburg hatte er begonnen am Stück „Woyzeck“ zu arbeiten, das er unvollendet nach Zürich mitnahm. Es blieb Fragment, denn die Tinte, die er in Strassburg benutzt hatte, verblasste und es war nicht mehr alles lesbar. Trotzdem ist das Drama „Woyzeck“, das im Laufe der Jahre noch stark verändert wurde, das meist aufgeführte Theaterstück deutscher Literatur und wurde auch von Werner Herzog, mit Klaus Kinski in der Hauptrolle, verfilmt. Das Stück basiert auf mindestens zwei Mordfällen, einerseits erstach tatsächlich ein Johann Christian Woyzeck 1821 aus Eifersucht eine Frau in Leipzig und 1830 Johann Diess seine Geliebte in Darmstadt.

Johann Christian Woyzeck

Johann Christian Woyzeck

Uniform aus Werner Herzogs Film "Woyzeck"

Uniform aus Werner Herzogs Film „Woyzeck“

Am 20. Januar 1837 legte sich Büchner erkältet und mit Fieber ins Bett. Es handelte sich jedoch um Typhus. Seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé wurde noch rechtzeitig benachrichtigt, so dass sie anwesend war, als Georg Büchner am 19. Februar 1837, gerade mal 23-jährig starb.

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Wohnhaus und Gedenktafel in Zürich

Totenbuch der Grossmünster Gemeinde

Totenbuch der Grossmünster Gemeinde

Das Literaturmuseum Strauhof in Zürich widmet seine zweite Ausstellung in diesem Jahr Georg Büchner unter dem Titel „Georg Büchner Revolutionär mit Feder und Skalpell“, die noch bis am 1. Juni 2014 besucht werden kann.

Ferdinand Hodler – seine letzten Jahre

Das schöne Frühlingswetter am Sonntag, nutzten wir für einen Ausflug nach Riehen bei Basel, um uns die Ausstellung Ferdinand Hodler in der Fondation Beyeler anzusehen. Schon der Weg durch den Park zum Museum macht Freude bei so prächtigem Wetter.

Fondation Beyeler

In einem Seitengang des Museums laden Sofas zum Verweilen ein, auf Beistelltischen liegen Kataloge zum Schmökern ein und grosse Fenster geben den Blick in die Natur frei, die jetzt üppig blüht.

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Die Natur spielt in den Gemälden von Ferdinand Hodler eine grosse Rolle. Die Alpen, vor allem die des Berner Oberlandes und des Wallis und der Genfersee wurden von Hodler häufig gemalt. Es ist nicht verwunderlich, dass ich den Niesen und das Stockhorn, das wie ein unkorrigierter Zahn aus der Reihe zu tanzen scheint, immer auch mit dem bekanntesten Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts in Verbindung bringe, wenn ich bei einem Spaziergang diese Berge vor mir habe. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler ist seinen Werken von 1913 bis zu seinem Tod, im Jahre 1918, gewidmet.

Stockhornkette mit Thuner See, um 1913

Stockhornkette mit Thuner See, um 1913

Ferdinand Hodler wurde am 14. März 1953 in Bern geboren. Sein Vater Johannes Hodler war Schreiner und starb, als Ferdinand sieben Jahre alt war, an Tuberkulose. Seine Mutter Margarete heiratete wieder und starb 1967 ebenfalls an Tuberkulose. Bereits zwei Jahre davor musste Ferdinand die Werkstatt seines Stiefvaters übernehmen, der Alkoholkrank war, und den Lebensunterhalt für die Familie verdienen. Er hatte sieben Geschwister. Ab 1868 begann er in Thun als Ansichtenmaler eine Lehre bei Ferdinand Sommer. Nachdem er eine kostbare Fahne ruiniert hatte, flüchtete er und ging nach Genf. Dort malte er Firmenschilder und kopierte Bilder im Musée Rath, wo er von Barthélemy Menn entdeckt und sein Schüler wurde.

1885 hatte der Maler seine erste Einzelausstellung in Genf. 1889 heiratete er. Die Ehe mit Bertha Stucki hielt nur zwei Jahre. 1908 lernte er Valentine Godé-Darel kennen, die nicht nur sein Modell war, sondern auch seine Geliebte wurde. Mit ihr hatte er eine Tochter, Paulette. Das Mädchen kam am 13. Okotber 1913 zur Welt, damals war Hodlers Freundin bereits krank und erhielt wenige Zeit später den Bescheid, dass sie Krebs habe. Der Tod war in Hodlers Leben ein ständiger Begleiter. Der Tod ist deshalb auch in seinen Gemälden immer wieder ein Thema.

Es mag vielleicht schockierend wirken, dass der Maler seine Geliebte im Kranken- und Sterbebett gezeichnet und gemalt hat. Diese Bilder gingen mir als Besucherin unter die Haut, denn sie sind sehr eindringlich und intim.

Bildnis der sterbenden Valentine Godé-Darel, 1915

Bildnis der sterbenden Valentine Godé-Darel, 1915

Nach dem Tod von Valentine Godé-Darel enstanden eine ganze Reihe von Selbstporträts. Allein 1916 entstanden acht gemalte und elf gezeichnete Selbstporträts, die bei Sammlern sehr begehrt waren. Der Tod seiner Geliebten, die gesundheitlichen Probleme seines einzigen Sohnes Hector und die eigene Lungenkrankheit machten dem berühmten Maler zu schaffen. Er setzte sich durch die Serie der Selbstporträts intensiv mit dem Älterwerden auseinander. Viele Gemälde der Alpen entstanden bei Kuraufenthalten seiner Familie. Als Hodler selbst krank wurde, malte er in seinen letzten Lebensmonaten den Genfersee und den Mont Blanc von seinem Zimmer aus.

Blick auf den Genfersee, 1915

Blick auf den Genfersee, 1915

In einem weiteren Saal ist eines der bekanntesten Werke von Hodler zu sehen „Blick in die Unendlichkeit“. Das Gemälde von der Grösse 4,46 m x 8,95 m nimmt eine ganze Wand ein und hinterlässt einen unglaublichen Eindruck. Die tanzenden Frauen in ihren blauen Kleidern wenden sich ab und blicken in Richtung Unendlichkeit. Die Unendlichkeit verband Hodler auch eng mit dem Gedanken des Todes. Tod durch Lungenkrankheit zog sich wie ein roter Faden durch das Leben seiner Familie.

Blick in die Unendlichkeit, 1916

Blick in die Unendlichkeit, 1916

Das Bild, das ursprünglich für das Treppenhaus des Kunsthauses Zürich bestimmt war, stellte sich als zu gross heraus, als es aufgehängt werden sollte und wurde von Hodler ein zweites Mal kleiner gemalt. Die Studien und das grosse Gemälde sind ein schöner Abschluss für die Ausstellung und fast schwebend tritt man aus dem Museum und kann im Park, mit den blühenden Sträuchern, die Eindrücke in aller Ruhe verarbeiten.

Wer die Ausstellung nicht besuchen kann, sich aber trotzdem dafür interessiert, dem empfehle ich den Rundgang durch die Ausstellung mit dem Kurator Ulf Küster

Ferdinand Hodler Ausstellung

Ausstellungskatalog
212 Seiten
Hatje Cantz Verlag
ISBN 978-3-906053-05-9

… so leben sie noch heute

Es war einmal ein Geschwisterpaar namens Jacob und Wilhelm Grimm. Vor 200 Jahren gaben die Brüder den ersten Teil ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ heraus. Aus diesem Anlass ist den Gebrüdern Grimm und ihren Märchen im Museum Strauhof, in Zürich, eine Ausstellung gewidmet „So leben sie noch heute“ 200 Jahre „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm.

Gebrüder Grimm

Ich trete in den ersten Raum und stehe gleich vor einem Brunnen, auf dessen Rand eine goldene Kugel platziert ist. Man ahnt es, es kann sich nur um den Froschkönig handeln. Und tatsächlich sitzt der Frosch mitten im Brunnen. Von den Decken baumeln Kopfhörer, über welche man Ausschnitten, aus der reichen Sammlung dieser Märchen, lauschen kann. Bei einigen errät man leicht, um welche Erzählung es sich handelt, andere hingegen sind einem weniger geläufig.

Gebrüder Grimm-Ausstellung_10Der Raum ist abgedunkelt. Ich nehme den Weg zwischen bodenlangen dunklen Stoffbahnen, die mit Bäumen bedruckt sind. Der Wald, durch den Hänsel und Gretel gewandert sind? Erleuchtet steht ein schwarzes Schloss, erhaben auf einem Hügel. Wohnt dort Schneewittchens Stiefmutter? Jedes Bild assoziiert man gleich mit einem Märchen.

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Originalmanuskript von „Das Brüderchen und das Schwesterchen“

Im zweiten Ausstellungsraum erfahre ich mehr über die Entstehung der Märchensammlung. Es war nicht so, dass es sich nur um mündliche Überlieferungen handelte, die die Gebrüder Grimm zusammengetragen hatten. Vieles existierte bereits in schriftlicher Form. Aschenputtel, Rotkäppchen, Dornröschen oder der gestiefelte Kater waren bereits beim französischen Schriftsteller Charles Perrault, in “Historie ou contes du temps passé”, 1697, enthalten. Einflüsse kamen auch aus den “Erzählungen aus 1001 Nacht”, die bereits anfangs des 18. Jahrhunderts vom Arabischen ins Französische übersetzt worden waren.

An Weihnachten 1812 sollte der erste Band der “Kinder- und Hausmärchen” ausgeliefert werden. Er erschien dann allerdings erst zu Beginn des Jahres 1813, der zweite Band im Januar 1815. Zu Lebzeiten der Gebrüder Grimm erschienen sieben Auflagen. Die Auflage von 1857 wurde durch Jacob und Wilhelm Grimm selbst betreut und sie enthielt dannzumal zweihundert Märchen. Es ist zu erwähnen, dass es sich dabei nicht nur um Märchen handelte, sondern es waren auch Fabeln, Schwänke und Legenden darunter.

Im Laufe der Zeit wurden die Texte, auch auf Anraten von Freunden und Bekannten, immer wieder überarbeitet und kindergerechter verfasst. Damit wollten sie erreichen, dass die Märchen auch mündlich vorgetragen werden konnten. Die Gebrüder Grimm wurden hauptsächlich von Familien aus gebildeter Schicht bei ihrer Arbeit unterstützt. Zu ihnen zählten die Familien Wild und Hassenpflug oder auch die Schwestern Annette und Jenny von Droste-Hülshoff. Eine der berühmtesten Märchenbeiträgerinnnen war Dorothea Viehmann, die aus einer Hugenottenfamilie stammte. Da sie die französische Sprache beherrschte, kannte sie wahrscheinlich auch viele französische Märchen, die Eingang in die Sammlung erhielten.

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Englische Ausgabe (1846) mit Bild von Dorothea Viehmann

Im Obergeschoss betrete ich einen Raum, in dem verschiedene Märchen als Trickfilm von Walt Disney zu sehen sind: “Der Froschkönig” (The princess and the frog) aus dem Jahre 2009, “Hänsel und Gretel” von 1932 (Babes in the wood) und wohl einer der bekanntesten Trickfilme, nämlich “Schneewittchen” (Snow White and the seven dwarfs), aus dem Jahre 1937.

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Zum ersten Mal setze ich mich vor einen IPad, um “Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich” als interaktives Buch anzuschauen. Dabei kann ich mich entscheiden, ob ich den Text lesen oder vorgelesen haben will. Mit Harfenklang blättert sich Seite um Seite um, tippt man zusätzlich auf die goldgelben Rädchen, dann bewegt sich noch Einiges auf dem Bild. Es ist eine Spielerei und ich muss gestehen, dass die animierten Bilder komplett vom Text ablenken und mir nicht geeignet für Kinder scheinen, denn auf zwei Dinge kann man sich gar nicht konzentrieren. Deshalb ist dem Papierbuch sicher der Vorzug zu geben.

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„Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“
S. Fischer Verlag, 2012, interaktiv

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Die Tapete des Ausstellungsraumes ist eine Vergrösserung aus „Kinder- und Hausmärchen“ mit handschriftlichen Notizen

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Dann stehe ich vor der Vitrine mit Bilderbüchern. Über Kopfhörer höre ich dem Schweizer Illustrator Felix Hoffmann zu, wie er seinen Kindern das Märchen vom kleinen Däumling erzählen will. Ich sage explizit “will”. Es ist auffallend, dass die Kinder den Erzähler immer wieder unterbrechen, da sie sich wohl sehr intensiv mit den Illustrationen im Bilderbuch auseinandersetzen und deshalb ständig Fragen stellen. Bereits 1932 begann Felix Hoffmann das erste Märchen zu illustrieren. Im Laufe der Jahre kamen etliche Märchenbücher, die er illustriert hat, hinzu und jedes einzelne Märchen wurde von ihm graphisch anders umgesetzt. 1972 umfasste die Gesamtauflage über 600’000 Bücher, die auch international sehr bekannt und erfolgreich waren.

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diverse Bilderbücher
Illustrationen von Felix Hoffmann

Die Wissenschaft befasst sich mit den Märchen, analysiert und interpretiert deren Inhalt und fragt sich, wie wichtig oder gefährlich sind Märchen für Kinder. Selbst in der Ökonomie werden Märchen herbeigezogen, da sie „verschiedene Sozialkompetenzen aufzeigen – die sich auch für Manager als nützlich erweisen sollen.“

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von oben links im Uhrzeigersinn: Aschenputtel, illustriert von Kveta Pacovská, 2010, minedition / Grimms Märchen, illustriert von Klaus Ensikat, 2010, Tulipan Verlag / Hänsel und Gretel, illustriert von Sybille Schenker, 2011, minedition

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Märchenbilder massenhaft verbreitet. Dadurch rückte das Bild teilweise vor den Text. So hat man bei vielen Märchen gewisse Bilder vor Augen wie etwa Aschenputtel vor dem Herd, Schneewittchen im gläsernen Sarg und den versammelten sieben Zwergen, Rotkäppchen mit dem Wolf etc.

Die Illustration hat sich dem Geschmack der jeweiligen Zeit angepasst. Da gibt es die klassische Illustration bis hin zur Kunstform, so gesehen bei Aschenputtel, 2010 illustriert von der tschechischen Künstlerin Květa Pacovská, für die Ausgabe bei minedition. Im Ausstellungsführer ist zu lesen:

“Was sich für Kinderbücher nachweisen lässt, nämlich dass die erwachsene Käuferschaft mit nostalgisch gefärbtem Blick durch die Buchläden geht, gilt für Märchenausgaben erst recht.”

Zu dieser Kategorie muss auch ich mich zählen, denn beim Betrachten der diversen Märchenbücher-Ausgaben gefällt mir die eher klassische Version, illustriert von Tatjana Hauptmann im “Das grosse Märchenbuch” von Diogenes, aus dem Jahre 1987, besser, als die kunstvoll inszenierten Ausgaben.

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Gustav Weise’s Kinderbibliothek
Stuttgart: Weise 1885

Besonders angetan bin ich in der Ausstellung von einem Märchenbuch als kleine und handliche Taschenausgabe aus dem Jahre1885 “Gustav Weise’s Kinderbibliothek”. In einer Sammelmappe, mit Stoffband verschliessbar, sind Märchen als einzelne Hefte herausnehmbar.

In den Märchenbüchern des 19. Jahrhunderts kam vor allem der Kupferstich zur Anwendung. So illustrierte auch der Bruder Ludwig Emil Grimm, der unter anderem Kupferstecher war, die Bücher seiner Brüder.

Mit “Aschenputtel” in den verschiedensten Verfilmungsarten, als Trick- oder Spielfilm endet der Rundgang der Ausstellung. Bereits 1899 wurde durch George Méliès der erste Märchenfilm gedreht. Inzwischen gibt es an die 130 Filme über Aschenputtel, Cinderella, Cendrillon. Da schaue ich mir “Cinderella”, von 1922, als Schattenspiel von Lotte Reiniger an oder aus demselben Jahr, aber ganz der damaligen Mode angepasst, oder den Trickfilmvon Walt Disney.

Völlig quer in der Landschaft und ganz und gar nicht mehr mein Geschmack ist“Swing Shift Cinderella” von Ted Avery aus dem Jahre 1945, wenn auch die Musik toller Swing ist. Aschenputtel mutiert zur Revuetänzerin und -sängerin und hat kaum noch etwas mit dem Originalmärchen zu tun.

Den Abschluss bilden diverse Ausschnitte aus Aschenputtel-Spielfilmen, vom Stummfilm von 1911 bis zum College-Film 2004, ob aus den USA, aus der CSSR oder Italien und Frankreich, ist alles vertreten. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu erraten, welcher Aschenputtel-Film gerade läuft, als ich eine mir sehr bekannte Melodie höre – die Sprache ist von “Drei Nüsse für Aschenbrödel” aus dem Jahre 1973. Ich sass damals vor dem Schwarzweiss-Fernseher und nahm die Melodie mit meinem Kassettengerät auf. Ja so umständlich war das mit der fehlenden Technik damals.

Die meisten Kinoproduktionen kamen für das Weihnachtsprogramm heraus, wie es auch heute noch durch das Fernsehen übernommen wird, so auch für “Drei Nüsse für Aschenbrödel”. Ca. 80% der in Europa und Nordamerika herausgekommenen Märchenfilme gehen auf die “Kinder- und Hausmärchen” der Gebrüder Grimm zurück bzw. enthalten Stoffe, die in diesen vorkommen.

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Drei Nüsse für Aschenbrödel (CSSR/DDR) 1973

Beglückt von einem spannenden Rundgang, verlasse ich die Märchenwelt und trete den Heimweg an. Welch wunderbaren Schatz verdanken wir diesen beiden Brüdern! Wie viele wunderbare Stunden haben sie uns mit ihrer Sammlung an Märchen, als wir Kinder waren, geschenkt und noch als Erwachsene. Mit glänzenden Augen haben wir den Geschichten gelauscht und der Erfolg der Märchen ist ungebrochen. Eine Märchensammlung für die Ewigkeit.

Wer die Möglichkeit zu einem Besuch nicht hat und sich trotzdem ausführlicher informieren möchte, kann sich den Ausstellungsführer unten als PDF herunterladen.

Ausstellungsfuehrer_Grimm_Einzelseiten

Ausstellung vom 13.03. – 09.06.2013
Museum Strauhof, Zürich

Chagall – der „Malerpoet“

ChagallJa, was denn nun – Maler oder Poet? „Malerpoet“ wurde Marc Chagall in Paris oft genannt, der mit russischem Name Moische Chazkelewitsch Schagalow hiess, und am 7. Juli 1887 in der Stadt Witebsk, das im heutigen Weissrussland, liegt, geboren wurde. Seine Bilder sprechen oft eine poetische Sprache und dann erhielt er diesen Namen nicht zuletzt, weil er sich eher zu den Literaten hingezogen fühlte, als zu den Malern. Er war der Älteste von insgesamt neun Geschwistern und entstammte einer jüdischen Familie aus armen Verhältnissen.

Marc Chagall ist zurzeit eine Ausstellung im Kunsthaus Zürich gewidmet, die ich kürzlich besucht habe. Die meisten Bilder stammen aus den ersten Jahren, die er als junger Künstler, in Paris verbracht hatte, nämlich von 1911-1914 und der Zeit, als er nochmals in Russland lebte (1914 – 1922). Er sprach damals noch kein Französisch, musste sich also eher an die russische Gemeinschaft oder an Russisch sprechende Bekannte halten. So lernte er damals auch den Dichter Blaise Cendrars kennen, der im selben Jahr wie Chagall geboren wurde. Cendrars, der mit bürgerlichem Namen Frédéric-Louis Sauser hiess, in La Chaux-de-Fonds, im Kanton Neuenburg geboren, sprach ziemlich gut Russisch, da er in jungen Jahren durch Russland gereist war. Er wurde einer der engsten Freunde Chagalls und lieferte auch etliche Titel zu dessen Bildern. Cendrars war es auch, der Chagall mit dem Schriftsteller Guillaume Apollinaire bekannt machte.

„Ich war erst zwanzig Jahre alt, da begann ich schon die Menschen zu fürchten. Doch dann kam der Dichter Rubiner, kam Cendrars und tröstete mich mit einem einzigen Aufblitzen seiner Augen.“

Marc Chagalls Bilder zeigen häufig Motive aus seiner Heimat. Er wäre wohl öfters nach Hause gefahren, hätte er das nötige Geld dazu gehabt und wäre seine Heimatstadt nicht so weit entfernt gewesen. 1914 wollte er nur kurze Zeit nach Witebsk zurückkehren, doch der Ausbruch des 1. Weltkrieges machte ihm einen Strich durch die Rechnung und so blieb er bis 1922 in Russland. Während des Krieges und der Russischen Revolution entstanden dann auch Zeichnungen mit Tusche und Feder, die sehr eindrücklich sind, über die kriegsgeplagte Bevölkerung.

Witebsk. Der Bahnhof (1914)

Seine erste Frau, Bella Rosenfeld, heiratete er 1915 und hatte mit ihr eine Tochter, Ida. Mit seiner Familie zog er nach St. Petersburg, später auch nach Moskau, wo er für das Staatliche Jüdische Kammertheater Bühnenbilder gestaltete und er entwarf auch den Zuschauerraum mit Wand- und Deckengemälden auf Leinwand, die in der Ausstellung zu sehen sind. Unter diesen grossformatigen Gemälden befindet sich auch eines mit dem Titel „Die Literatur“. Diese riesigen Bilder sind faszinierend und laden zum Verweilen ein, kein Wunder also, sind davor Sitzbänke aufgestellt.

Bereits 1915 begann er seine Autobiographie „Mein Leben“ zu schreiben. 1922 kehrte er Russland endgültig den Rücken zu und liess sich 1923 erneut in Paris nieder. Als jüdischstämmiger Maler floh er mit seiner Familie 1941, mit Hilfe von Varian Fry, über Spanien und Portugal, in die Vereinigten Staaten. 1944 starb seine geliebte Frau Bella an einer Virusinfektion. Mehrere Monate malte er kein einziges Bild mehr. Seine Beziehung zu Virginia Haggard McNeil, die ihm den einzigen Sohn, David, schenkte, dauerte nur acht Jahre, da der Altersunterschied von 28 Jahren schlussendlich doch zu gross war. 1948 verliess er die USA und kehrte nach Frankreich zurück.

Chagall illustrierte unter anderem die Bibel und reiste dazu eigens nach Palästina. Später entstanden für einige Kirchen Glasfenster, wie für die Kathedrale in Metz oder auch für das Fraumünster in Zürich, das ein grosser Tourismusmagnet ist.

Fraumünster, Zürich

Die Bilder, die er von der jüdischen Landbevölkerung aus seiner Heimat gemalt hat, haben mich speziell beeindruckt und schon fast magisch angezogen.

Chagall 003

Der Jude in Rot (1915)

Durch die Ausstellung schlendernd, musste man oft aufpassen, dass man nicht über die Kinder stolperte, die mit Farbstiftschachteln und Malbögen auf dem Boden kauerten und eifrig Chagall-Bilder ausmalten oder ergänzten. Dabei konnte ich beobachten, dass die richtigen Farben aus der Schachtel geklaubt wurden, um dem grossen Meister exakt nachzueifern. Für die kleinen Besucher gibt es für die Ausstellung extra einen kindergerechten Audioguide. Eine tolle Sache, dass heute bereits Kindern der Zugang zu Kunst vermittelt wird. Gerne hätte ich einige Fotos hier gezeigt, aber in Sonderausstellungen ist Fotografieren verboten.

Am „Poeten“ Chagall muss was Wahres dran sein, denn ich stiess beinahe mit einem Schriftsteller zusammen 😉 Der Schweizer Buchpreisträger 2011 schlenderte nämlich auch durch die Ausstellung.

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Übrigens, über den Mann, dem Chagall und viele weitere Künstler die Flucht aus Frankreich in die Staaten zu verdanken haben, ist gerade der neue Roman von Eveline Hasler erschienen „Mit dem letzten Schiff“ Der gefährliche Auftrag von Varian Fry.

Die Fotos der Gemälde stammen aus dem Katalog.

Katalog zur Ausstellung „Chagall, Meister der Moderne“
Simonetta Fraquelli
195 Seiten
ISBN 978-3-906574-82-0

Marc Chagall „Mein Leben“
Hatje Cantz Verlag
200 Seiten
ISBN 978-3-7757-0054-2

Bücherhimmel – Bücherhölle

„Lesen und Sammeln, zwischen Lust und Wahn“

„Bücher sind leidenschaftliche Verführer. Eine packende Lektüre, eine reich bestellte Bibliothek, exquisite Editionen lassen das Herz des Bibliophilen höher schlagen.

Im Lesen und Büchersammeln steckt aber auch der Keim zur regellosen Sucht. Für die eigene Bücherliebhaberei hat der Pariser Arzt Guy Patin 1654 den Begriff der „Bibliomanie“ geprägt, frei nach einer berühmten Sentenz des Erasmus von Rotterdam: „Der Umgang mit Büchern führt zum Wahnsinn“.

Dies sind die einleitenden Worte zur Ausstellung im Museum Strauhof, die ich noch kurz vor Ihrem Ende (die Ausstellung dauert nur noch bis 25.11.2012) besucht habe.

Für jeden der gerne liest, sind Bücher eine schöne Sache. Die einen lesen ein Buch und geben es wieder weg. Die anderen können sich nicht von ihren Lieblingen trennen und stellen sie ins Regal, um sie immer wieder zu betrachten, sie in die Hand zu nehmen und nachzuschlagen – vielleicht sogar, um sie wieder einmal zu lesen. Dann gibt es die Sammler, die hinter Erstausgaben herjagen, bibliophile Schätze suchen oder alles und jeden Schnipsel zu einem speziellen Genre oder einem Thema sammeln und bewahren. Wo es auch nicht mehr um die Lektüre geht, sondern nur noch um das Buch. Das Buch kann auch zum Kunstobjek werden. Es kann verrissen und zerrissen werden oder wird zur verbotenen oder unerwünschten Lektüre. Um all diese Themen und noch viel mehr, kreist die Ausstellung „Bücherhimmel – Bücherhölle“.

Ich trete in den ersten Raum, wo in diversen Filmen Kinder aus ihrem Lieblingsbuch vorlesen und über den Inhalt erzählen. Die Kinder müssen von Klein auf an die Lektüre herangeführt werden. Zuerst sind es die Bilderbücher, wo auch die Finger über die Bilder streichen und das Neue fasziniert. Später kommt das tolle Gefühl hinzu, wenn man die ersten Worte selber lesen kann und dann der Moment, wo man sich von der Umwelt verabschiedet und stundenlang zwischen den Buchdeckeln eintaucht.

Ein Diaprojektor projiziert Bilder von lesenden Menschen aus Fotografie und Malerei an die Wand.

Im ersten Stock trete ich in eine Ecke und ich wähne mich in einem Wohnzimmer der 1950er-Jahre. Über die Mattscheibe des Fernsehers im Holzgehäuse flimmert die Episode „Time enough at last“ der amerikanischen Serie „Twilight Zone“ von 1959.

Ich setze mich in den Sessel und schaue mir den Film an, wo ich dem Bankkassier Henry Bemis begegne, der selbst unter der Schaltertheke einen Blick in sein Charles Dickens-Buch wirft und dadurch einen falschen Betrag auszahlt. Er versucht überall in der Bank zu lesen, weil er zu Hause nie dazu kommt. Seine Frau nimmt ihm selbst die Zeitung weg – sie kann seine Freude am Lesen in keinster Weise nachvollziehen. Eines Tages, er liest gerade im Banktresor, wird die Welt durch eine Atombombe zerstört und unser Bankkassier ist der einzige Überlebende und findet in den Trümmern der öffentlichen Bibliothek haufenweise Bücher. Nun ist er im Bücherhimmel – die gesammelten Werke von Dickens, Shakespeare, Shelley usw. versorgen ihn über Jahre hinweg mit Lesestoff. Was für ein Glück – endlich hat er Zeit, Zeit und nochmals Zeit und keiner nimmt ihm die Bücher weg. Doch was dann passiert, schaut ihr euch am besten auf YouTube selber an. Bücherhimmel und -hölle liegen da sehr nahe beieinander.

Teil 1

Teil 2

Das Ende

Ich trete in den nächsten Raum und lande in einem Archiv. Neben Zeitungsausschnitten, diversen Lesezeichen, steht da auch ein Zettelkasten, in dem alphabetisch Karteikarten eingereiht sind, die alles beinhalten, was mit Buch oder Literatur zu tun hat. Schon nur um all die Karteikarten zu lesen, müsste ich mich stundenlang hier aufhalten, so spannend sind die Kärtchen.

In Schaukästen neben dem Buch der Bücher – der Bibel – sind auch die Thora auf Pergament aus dem Jahre 1491, der Koran oder Dante Alighieris „Die Göttliche Komödie“ ausgestellt. Werke von Herrschern liegen in einer anderen Vitrine daneben, so die „Mao-Bibel“  von Mao Tse-tungs oder „Mein Kampf“ von Adolf Hitler – Bücher der verschiedenen Religionen, auch die der Herrscher über eine Gesellschaft.

In einer weiteren Vitrine sehe ich das kleinste Buch der Welt, das 2,9 x 2,4 mm misst und in Leder gebunden ist, Asterix in Blindenschrift, das E-book und das Pop-up Buch.

„Die göttliche Komödie“ von Dante Alighieri, Ausgabe von 1491

Das Buch kann zum Objekt und vom Literaturkritiker verrissen werden und wie in der Zeitschrift „Der Spiegel“ durch Marcel Reich-Ranicki auch zerrissen, als er über Günter Grass‘ Roman „Ein weites Feld“ hart ins Gericht ging. Allerdings handelt es sich hier um eine Fotomontage.

Bücher können verbrannt werden, was wohl das Schreckliste für den Bücherliebhaber überhaupt ist oder auf einen Index für verbotene Bücher kommen oder auf eine Warnliste, wie in Amerika.

Ausschnitt aus der Warnliste „Parents against bad books in school
„Besorgte eltern kämpfen in den USA seit Jahren aktiv gegen ihrer Meinung nach schädliche, unmoralische Bücher in den Schulbibliotheken sowie im Schulunterricht. Ihre Warnlisten führen vor allem in den Provinzen immer wieder zu privaten Säuberungsaktionen.“ Text aus der Ausstellung

Als ich in die Bücherhölle trete, stehe ich in einem dunklen Raum, die Regale sind mit Einkaufstüten, Schachteln und überquellendem Papier und Büchern vollgestopft. Die Bücherliebe gerät aus den Fugen und wird zum Wahn.

Ich begegne Bücherfressenden Monstern in Kinderbüchern und nicht nur in diesem Raum, sondern auf dem ganzen Stockwerk ist das Heulen eines indianischen Schamanen aus dem Film „The black robe“ zu hören, in der die Szene des Jesuitenpaters gezeigt wird, der in seinem Buch liest. Dies ist dem Schamanen fremd und deshalb heult er wie ein Wolf und  verflucht den Pater:“Dämonen fürchten sich vor Lauten. Du bist ein Dämon!“

Schliesslich trete ich noch in den Raum ein, in dem ich in Filmen verschiedenen Sammlern begegne wie in einem Video ohne Worte, einem alten Antiquar aus Bern. Liebevoll reiht er seine Schätze in die Regale ein, nachdem er sie sorgfältig katalogisiert hat. Ein Lächeln zieht über mein Gesicht, als ich ihm zusehe, wie er diese alten und auch weniger alten Bücher behutsam in die Hände nimmt, als wären sie filigran und zerbrechlich.

Eine alte Dame sammelt ein besonderes Genre der Literatur, nämlich all jene Romane des Herz-Schmerzes, die immer ein Happy End haben, wie Arztromane oder all die Bücher von Hedwig Courts-Mahler und viele mehr.

Alberto Manguel wird in einem Film porträtiert, in dem er über seine Liebe zu den Büchern erzählt: “ In meiner Bibliothek fühle ich mich am meisten zu Hause. Die Küche gehört auch dazu, da fühle ich mich auch heimisch, denn ich koche auch gerne. In der Bibliothek fühle ich mich am besten aufgehoben, wie unter Freunden.“ Seine Bibliothek von 35’000 Büchern hat der Autor nicht katalogisiert. Er hat sie alle im Kopf. Sie sind nach der Sprache, in der sie geschrieben sind, eingereiht, und er weiss ganz genau, wo er was findet.

Und zu guter Letzt kann ich einen Selbsttest machen, welcher Typ Leser ich bin, in dem ich von einer Gruppe vorgeschlagener Bücher immer eines auswählen soll. Ich klicke also jene Titel an, die ich am ehesten lesen würde. So stand bei mir schlussendlich Folgendes:

„Sie sind eine prosaische Denkerin, die häufig liest, um sich mit andern auszutauschen.“

Was für ein schöner Abschluss für mich in dieser faszinierenden Ausstellung!

Sternzeichen

Als ich die Rezension zu Annette Pehnts „Chronik der Nähe“ aufschaltete, erhielt ich eine Mitteilung von Frank Koebsch. Er wies darauf hin, dass mit der Autorin, im Zusammenhang mit einer Kunstausstellung, eine Zusammenarbeit entstanden sei. Vier Künstler, nämlich Susanne Haun, Frank Koebsch, Kerstin Mempel und Petra Rau, haben das Thema Sternzeichen, auf ihre Art, in Aquarellen und Zeichnungen umgesetzt. Aus diesem Projekt ging schliesslich eine Ausstellung hervor und zusätzlich wurde ein Buch gestaltet. Annette Pehnt erklärte sich bereit, die Texte dazu zu liefern und so sind ganz eigenwillige kürzere oder längere Texte zu den Sternzeichen entstanden.

In „Tief durchatmen“ zum Sternzeichen Jungfrau heisst es:

„Noch Jungfrau. Immer Jungfrau geblieben. Sich aufgespart bis zuletzt, bis niemand mehr kam. Warten ist süss, niemanden heranlassen, aber locken schon, komm zu mir, komm mir näher, rühr mich nicht an.“

die Bilder im Uhrzeigersinn von links oben: Petra Rau, Kerstin Mempel, Susanne Haun, Frank Koebsch

… oder das Sternzeichen Wassermann. Die Umsetzung, hier von Frank Koebsch, gefällt mir ausgesprochen gut.

Dazu schrieb Annette Pehnt in „Nassliebe“: „Wenn wir uns lieben, legt er mir Seetang um die Brüste und eine Muschel auf den Nabel. Er umschlingt mich mit seinen kühlen Armen und ich sinke mit ihm auf den Grund ….“

Zur Zeit kann man die Bilder noch bis zum 10. August 2012 in der Sternwarte Schwerin sehen, danach wandert die Ausstellung nach Hamburg. Leider wohne ich nicht in der Nähe, sonst würde ich mir die Ausstellung sehr gerne anschauen, denn die Sternzeichen wurden von jedem einzelnen Künstler grossartig interpretiert.

Wer sich über weitere Termine zur Ausstellung und zu Lesungen informieren möchte, kann dies direkt auf dem Blog der Künstler tun.