Paul Auster zu Besuch in Zürich

Das Literatur-Festival „Zürich liest“ 2014 ist bereits wieder Geschichte. Bereits am Freitagabend durften die Besucher des Festivals ein erstes Highlight der Literatur geniessen. Paul Auster, der bereits wieder mitten in einem neuen Romanprojekt steckt, nahm sich trotzdem die Zeit, und beehrte Zürich mit einem Besuch. Er musste ein Versprechen einlösen, dem er mit seinem Auftritt nachkam, was seine Fans natürlich freute.

An erhöhter Lage, nämlich im Theater Rigiblick, einem Ort über den Dächern von Zürich und mit Blick über die Stadt und in die Berge, fand die Lesung mit anschliessendem Gespräch statt. Elisabeth Bronfen, Professorin für Anglistik und Lehrstuhlinhaberin am Englischen Seminar der Universität Zürich, machte eine Einführung zu einigen Orten, an denen Paul Auster gelebt hat und fand es aufregend neben einem ihrer bevorzugten Autoren zu sitzen. Sie meinte, dass sie die Einzige sei, die ihm heute Abend Fragen stellen könne „we don’t take questions from the audience!“. Bevor Paul Auster die Lesung begann, betonte er jedoch, wenn er Bücher signiere werde er sehr wohl mit dem Publikum sprechen.

Paul Auster

Eigentlich war gemäss Programm vorgesehen, dass er aus einem unveröffentlichten Werk lesen sollte. Da Paul Auster dachte, dass die Veranstaltung zweisprachig durchgeführt würde und der Text ja noch nicht ins Deutsche übersetzt sei, lasse er das Manuskript zuhause. Wenn es einfach gewesen wäre, wäre Auster schnell nach Brooklyn gedüst und in zehn Minuten wieder mit seinem Text zurückgekehrt, wie er meinte. So las er denn aus seinem autobiographischen Werk „Winterjournal“ und aus den „Gesammelten Erzählungen“ den Text „White Spaces“, der im Jahr 1978 entstanden ist.

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Nach der Lesung stellte er sich den Fragen von Elisabeth Bronfen, die ziemlich aufgekratzt wirkte. Die Moderatorin wollte wissen, ob er sagen könne, woran er im Moment arbeite. Nach fünf autobiographischen Werken sitzt Paul Auster wieder an einem Roman, an dem er schon seit eineinhalb Jahren dran ist und es vielleicht noch könne noch weitere zweieinhalb Jahre dauern. Eigentlich seien es vier Bücher in einem. Es soll die Geschichte eines Mannes und seiner Familie erzählen. Der Mann ist jetzt gerade in der High-School und er habe schon fünfhundert Seiten geschrieben. Ob das ein Dreitausend-Seiten Roman geben werde, wollte Bronfen wissen. Nein, nein, vielleicht tausendeinhundert Seiten, meinte Auster. Er habe noch keine Ahnung, wohin ihn die Reise beim Schreiben führen werde. Es sei ein Abenteuer, jeder Tag bringe etwas Neues.

Paul Auster schreibt nach wie vor seine Texte alle von Hand. Im Zeitalter von Computer scheint das eher ungewöhnlich, für ihn ist dies jedoch ganz normal, schliesslich habe jeder von uns einmal angefangen, mit Feder und Bleistift zu schreiben. Seit er ein Teenager von fünfzehn Jahren war und mit Schreiben begann, keine Schreibmaschine zur Verfügung stand, schrieb er von Hand und es füllte sich gut an. Mit einem Keyboard komme er nicht zurecht. Für ihn sind die Hand, die einen Stift führt und das Hirn eng miteinander verbunden. Es sei ein schönes Gefühl zu sehen, wie sich die Buchstaben ins Papier eingraphieren würden. Danach hackt er die Texte noch in seine Schreibmaschine. Jemand tippt dann das Geschriebene für den Verlag noch am Computer. Bronfen wollte ihm unterstellen, dass er im Zweifingersystem schreibe. Da widersprach er vehement,  denn er hat schon an der Junior High-School einen Schreibmaschinenkurs belegt, das sei das Beste gewesen, das er gelernt habe. Es sei doch eigentlich völlig egal, ob ein Text handschriftlich verfasst werde oder am Computer, wichtig sei bloss, dass es funktioniere.

Dann die Frage, wie er zu den Themen für seine Bücher komme. Es fange plötzlich etwas zu Summen in seinem Kopf und er wisse noch nicht was es sei. Dann höre er plötzlich diese Musik, die Musik eines Buches. Das seien weniger gewisse Situationen, als eher Charaktere, die entstehen würden. Irgendwann beginne er zu schreiben und manchmal rufe ihm ein Charakter zu „Gib mir ein Leben, bring mich zu Papier, ich möchte atmen“.

Er erzählt von seiner Liebe zum Film, gibt auch die eine oder andere Anekdote zum Besten, wofür er Lacher erntet, schneidet kurz die Politik und die Wirtschaft Amerikas an, die so sehr mit der Europas gekoppelt ist und nicht alles so läuft, wie es sollte. Ein interessanter und unterhaltsamer Abend mit Paul Auster geht mit der Signierung seiner Bücher – und es sollen doch bitte nicht mehr als fünf Bücher zum Signieren vorgelegt werden – nach fast eineinhalb Stunden zu Ende. Ich gebe mich deshalb mit zwei signierten Büchern zufrieden 😉

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Zu Besuch beim Dörlemann Verlag

Zum Anlass des diesjährigen Literaturfestivals „Zürich liest“ öffnete der Dörlemann Verlag seine Türen und „lädt Freunde und Leser zu Kaffee und Guetzli und einem Blick in sein persönliches kleines Bücherparadies ein. Die Dörlefrauen freuen sich auf Ihren Besuch.“, wie es im Programm hiess.

Nur eine Tramstation vom See entfernt, im obersten Stockwerk eines alten Gebäudes, finden sich die Räumlichkeiten des kleinen, aber feinen Verlages.

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Wir stiegen die Treppen empor und waren schon ausser Atem, als wir im fünften Stock ankamen. Wir drückten die Klingel und eine Verlagsangestellte öffnete uns mit einem Lächeln die Tür und liess uns eintreten.

Ab 14.00 Uhr konnte der Verlag besucht werden und ich hätte nicht gedacht, dass das Lesezimmer schon bald zu eng für die Besucher werden würde und zu meiner Freude waren nicht nur weibliche Leser vertreten, sondern auch männliche.

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Wir wurden ins Lesezimmer geführt, wo auf dem langen Tisch bereits Gebäck, Wasserkaraffe und Gläser bereitstehen und eine kleine Auswahl an Büchern zu vergünstigtem Preis. Im Regal stehen alle Titel alphabetisch aufgereiht, in denen die Besucher blättern und lesen dürfen und natürlich kommt es ziemlich schnell auch zum Kauf.

Dörlemann_7Die Volontärin, die eineinhalb Jahre hier arbeiten kann, erzählte uns Einiges über den Verlag, der 2003 von Sabine Dörlemann gegründet wurde. Angefangen hat alles mit dem russischen Schriftsteller Ivan Bunin, der 1933 als erster Autor Russlands den Literatur-Nobelpreis erhielt. Das schmale Bändchen mit der Erzählung „Ein unbekannter Freund“ wurde zu einem grossen Erfolg und landete auf den deutschen Bestseller-Listen, so dass weitere Werke von Bunin folgten, die teils zuvor noch nicht ins Deutsche übersetzt worden waren. So liegt ein Schwerpunkt des Verlages auf russischer Literatur und immer wieder werden auch vergessene Literaturperlen wiederentdeckt, so diesen Herbst „Das verlorene Wochenende“ von Charles Jackson.

Alle diese Klassiker sind in schönes Leinen gebunden, mit einem Lesebändchen versehen und auch der Vorsatz kann sich sehen lassen. Es macht Freude, diese Bücher in die Hand zu nehmen und noch mehr, sie zu lesen.

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Inzwischen werden auch junge, deutschsprachige Autoren verlegt und auch hier scheint der Dörlemann Verlag ein goldenes Händchen zu haben, waren doch gleich zwei Autoren für den „Schweizer Buchpreis“ 2013 nominiert, nämlich Henriette Vásárhelyi mit „immeer“ und Jens Steiner mit „Carambole“, der den Preis schliesslich auch gewonnen hat.

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Übrigens, der Verlag öffnet auch nach dem Literaturfestival einige Male seine Tür, nämlich am 31.10. / 7.11. / 14.11. / 21.11. / 28.11.2014. Wer in der Nähe ist und Zeit hat, sollte mal einen Blick riskieren, vielleicht ist ja auch einmal die Verlegerin selbst anwesend, was leider bei unserem Besuch nicht der Fall war.

Rilkes Sonnenplätzchen

Rainer Maria Rilke muss ich an dieser Stelle wohl kaum mehr vorstellen, wer mehr über ihn erfahren möchte, der kann auch hier Informationen über ihn lesen und jene Leser, die Lyrik mögen, kennen sicher auch einige seiner Gedichte.

Nach dem Ersten Weltkrieg zog es Rilke von München in die Schweiz, unter anderem hielt er sich in der Südschweiz im Tessin (Locarno) und im Bergell, in Soglio, auf und für eine Weile war er auch Gast im Schloss Berg, in Berg am Irchel (Kanton Zürich).

Schloss Berg - Vorderansicht

Schloss Berg – Vorderansicht

Schloss Berg

Schloss Berg

Seinen letzten Wohnort hatte er im französischsprachigen Teil des Wallis, auf Château de Muzot, in der Nähe von Sierre gelegen. Seine letzte Ruhestätte, die er sich zu Lebzeiten selbst ausgesucht hatte, befindet sich in Raron auf dem Burghügel, obwohl er nie dort gelebt hat.

Lässt man die Hauptverkehrsachse, die sich durch das Rhonetal zieht, hinter sich, kommt man in den alten historischen Teil der Ortschaft, den man sich schon genauer ansehen sollte. Verschlafen liegt er da und wartet auf Besucher, die den Weg hierher finden. Der älteste Briefkasten der Schweiz befindet sich hier, der noch aus napoleonischen Zeit stammt, als Raron zum französischen Kaiserreich gehörte. Dem Südhang entlang können schöne Wanderungen gemacht werden, die auch durch die Rebberge führen.

Maxenhaus mit dem ältesten Briefkasten der Schweiz

Maxenhaus mit dem ältesten Briefkasten der Schweiz

Einige Schritte weiter führt eine gerade mal autobreite Strasse zwischen den sonnenverwöhnten Häusern zur Burgkirche (seit 1512) hoch.

Raron

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Daneben liegt das Pfarrhaus aus dem 16. Jahrhundert, in dem ein Museum mit einer Ausstellung zur Familie von Roten, einer Aristokraten-Familie aus dem Ort (vor allem Iris von Roten ist in der Schweiz als Frauenrechtlerin ein Begriff) und leider nur wenig über Rilke untergebracht ist. Wer mehr von Rilke sehen will muss nach Sierre, zur Stiftung Rilke pilgern. Daneben befindet sich der Museums-Shop, in dem es u.a. Bücher zu den von Rotens und Rilke zu kaufen gibt. Die einzige Angestellte gibt freundlich und bereitwillig Auskunft und hat auch einige Anekdoten über Besucher auf Lager, die uns schmunzeln lassen. Im Winter ist das Museum geschlossen, da sich kaum jemand hierher verirrt.

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Auch ein Blick in die Kirche lohnt sich.

Burgkirche

Spaziert man um die Kirch herum auf die Südseite, liegt Rilkes Grab vor einem. Nicht nur zu Lebzeiten hat er sich die sonnigsten Orte zum Verweilen ausgesucht, auch sein Grab, abgelegen vom eigentlichen Friedhof, ist ein Ort der Ruhe und ein absolutes Sonnenplätzchen.

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Rilkes Grab

Zu Besuch bei Ella Maillart (Teil 2)

Ella Maillart, die Reisepionierin liess sich 1945 in Chandolin nieder, einem kleinen Dorf auf 2000 Metern Höhe, im Val d’Anniviers. Auch die Schriftstellerin Corinna S. Bille zog sich in einem Seitental in ihr Maiensäss zurück.

Wir waren im einzigen Bücherdorf der Schweiz, im Antiquariat „La plume voyageuse“, wo uns die Antiquarin mit einer Begeisterung riet, unbedingt den Wohnort von Ella Maillart zu besuchen, es erinnere sie stark an den Tibet. Die Dame musste es ja wissen, ist sie doch selbst weit in der Welt herumgekommen.

Da wir einige Tage im ältesten Hotel des Tales verbringen wollten, bot sich ein Abstecher ins höher gelegene Dorf geradezu an. Den Eingang ins Val d’Anniviers erreicht man vom Rhonetal bei Sierre. Die Strasse ist sehr kurvenreich und schraubt sich, den Felswänden entlang, langsam in die Höhe.

Strasse ins Val d'Anniviers

Als Beifahrer blickt man tief in die Schlucht hinunter. Da kommt manch einer ins Schlucken. Immer weiter stösst man nach hinten, bis sich das Tal öffnet und einen traumhaften Blick auf die Bergwelt freigibt, vor allem auf den Berg des Wallis, auf das Matterhorn. Allerdings zeigt sich der Berg von ungewohnter Seite – von hinten. Das tut der Faszination jedoch keinen Abbruch.

Matterhorn Von Vissoie aus geht es nochmals achthundert Höhenmeter hinauf. Die Strasse wird immer schmaler. Und schliesslich sind wir auf einem grossen, etwas öden Platz, wo auch für das Postauto Endstation ist. Ich mache einen Abstecher ins Tourismusbüro und erkläre, dass ich mich für Ella Maillart interessiere. Die Dame übergibt mir einen Schlüssel für das Museum, das im alten Dorfkern liegt. Das Dorf ist vom Platz aus nicht zu sehen. Einige Minuten Fussmarsch und wir erblicken erst einmal die Kirche.

Kirche Chandolin

Die typischen Walliser Häuser, deren Holz durch Jahrzehnte intensiver Sonneneinstrahlung schwarz geworden ist, kleben wie Schwalbennester am Steilhang. Und nun verstehe ich auch, was die Antiquarin mit Tibet meinte. Ob Tibet oder Ladakh, es geht einfach nur runter. Es erstaunt mich immer wieder, dass die Gebäude nicht abrutschen.

Chandolin

Im Dorf ist keine Menschenseele anzutreffen und schon stehen wir vor dem kleinen Museum, das in der alten Kapelle untergebracht ist. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss, der tatsächlich passt und wir haben ein Museum ganz für uns allein. Keiner der uns den Blick vor den Vitrinen versperrt. Und in aller Ruhe können wir uns die Fotos, Dokumente, Bücher und Reise-Accessoires, die im einzigen Raum ausgestellt sind, ansehen und die Begleittexte lesen.

Notizbuch

Museum Ella Maillart

Eine Treppe führt ausserhalb der Kapelle ins Obergeschoss, wo ein kleiner Teil von Ellas Bibliothek untergebracht ist. Und dann wartet auf uns auch noch ein 45 minütiger Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens. Ein Journalist besuchte die Autorin wenige Jahre vor ihrem Tode und liess sie erzählen. Auch im Alter von 93 Jahren hatte die Frau eine sehr bestimmte Art aufzutreten und noch immer blitzte der Zorn aus ihren Augen, als sie berichtete, wie sie in der Schweiz als Kommunisten-Sympathisantin abgestempelt wurde, weil sie Russland intensiv bereist hatte. Es ist spannend, der Frau beim Erzählen zuzuhören.

Museum Ella Maillart

Im Tourismusbüro sagte man mir, dass ich den Schlüssel vor zwölf Uhr wieder abgeben müsste. Es ist zehn vor Zwölf – eilig schliessen wir hinter uns die Türen und hetzen den steilen Weg hinauf. Völlig ausser Atem, stürze ich noch rechtzeitig ins Büro, um meine Identitätskarte abzuholen und mich nach dem Laden zu erkundigen, wo Postkarten und Bücher von Ella Maillart zu kaufen sind. Der ist Gott sei Dank gleich vis à vis und ich stürme auf den letzten Drücker auch dort rein, denn es ist nicht sicher, dass am Nachmittag der Laden nochmals geöffnet wird. Es ist kein Ansturm von Kundschaft zu erwarten. Aber die Ladenbetreiberin wartet wohl gerne noch einige Minuten, wenn schon mal jemand vorbeikommt, um etwas zu kaufen.

Chandolin Umgebung

Die Einkäufe sind getan. Wir nehmen den Fussweg wieder zurück ins Dorf runter, machen Halt beim winzigen Alpenmuseum, das auch nur ein grosser Schaukasten ist und Flora und Fauna der Alpen präsentiert und erklärt.

Wir suchen das Häuschen von Ella Maillart, namens „Atchala“, wo sie bis zu ihrem Tod gelebt hat. Aber da ist niemand und doch scheint es mir, als müsste die alte Dame gleich um die Ecke kommen. Ihr Geist begleitet uns auf unserem Rundgang, auch als wir auf den Kalvarienberg steigen, wo sie sich gerne auf einer Bank niederliess und sicher den atemberaubenden Blick ins Rhonetal genossen hat. Kein Wunder, hat sich diese bemerkenswerte Frau hier oben wohl gefühlt, denn es ist ein schönes Fleckchen Erde. Reich beschenkt an Eindrücken kehren wir von unserem Ausflug zurück ins Hotel und haben noch viel zu diskutieren über eine Reisepionierin, die nur noch wenige kennen.

Chalet Atchala

Museum:
Espace Ella Maillart
CH-3961 Chandolin

Website: http://www.ellamaillart.ch

Photographien sind ausgestellt im Musée de l’Elysée, Lausanne
Website: http://www.elysee.ch

Ella Maillart_7

Auf den Spuren schwarzer Geschäfte

Seit nun elf Jahren bin ich Mitglied in einem Lesezirkel, der sich etwa alle sechs Wochen trifft. Unsere Gruppe, die aus sieben Frauen besteht, hat letztes Jahr das zehnjährige Jubiläum begangen. Einige von uns, sind seit Beginn dabei. Das war für uns Anlass, auch einmal über eine literarische Reise nachzudenken, die wir dieses Jahr wahr werden liessen.

Schon früh machten wir uns Gedanken, wohin es gehen sollte. Ich schlug schliesslich Neuchâtel vor, eine reizende Stadt in der französischen Schweiz, in dem das Dürrenmatt-Museum beheimatet ist. Freudig wurde die Planung in Angriff genommen und wir stellten uns das in etwa so vor:

Mit dem Zug nach Neuchâtel mit Frühstück im Bistro-Wagen, Stadtführung, Mittagessen und danach einen Abstecher ins Dürrenmatt-Museum.

Ja, so stellten wir uns das vor. Es kam dann allerdings etwas anders, als geplant. Zufälligerweise war ich im Frühjahr auf eine interessante Stadtführung gestossen. Es sollte kein gewöhnlicher Rundgang werden, sondern etwas Spezielles. Zufälligerweise bin ich auf eine Führung gestossen, die es nur auf Anfrage gibt: „Sur les traces des affaires noirs“, zu deutsch „Auf den Spuren schwarzer Geschäfte“. Eine Führung zu den Stätten und Villen von Neuenburgern, die durch den Sklavenhandel zu Reichtum gelangt waren.

Ich vereinbarte einen Termin mit dem Veranstalter. Eine Freundin war für die Reservation von Plätzen im Bistro-Wagen zuständig, eine andere bemühte sich um eine Tischreservation in einem Restaurant in Neuchâtel. Im Verlaufe des Spätsommers recherchierte ich dann noch, wie wir am einfachsten zum Dürrenmatt-Museum kämen und dann fiel mir die Kinnlade runter: „Das Museum ist wegen Bauarbeiten bis anfangs Dezember 2013 geschlossen“ – grossartig! Die Führung war gebucht. Es gab kein Zurück mehr. Bistro-Wagen konnte auch nicht reserviert werden, denn wegen Bahn-Bauarbeiten wurde der Zug umgeleitet und führte keinen Speisewagen ab Zürich mit. Wurde ja immer besser!

Am Tag X, anfangs November, es war ziemlich kalt und das Wetter verhiess nichts Gutes, ging die Reise dann los. Eine Kollegin offerierte uns edle Croissants und mit mitgebrachtem Kaffee genossen wir unser kleines Frühstück im Abteil. In Olten mussten wir umsteigen. Nach wenigen Minuten ging die Reise weiter. Die Sonne zeigte sich durch die dichten Wolken, mit herrlicher Stimmung über dem Bielersee. Das goldene Reblaub leuchtete prächtig.

Bielersee

Bielersee

Am Bahnhof wartete schon die junge Mitarbeiterin von der cooperaxion auf uns und wir marschierten runter an den See, wo sie uns eine Einführung zum Thema des Sklavenhandels gab.

Die Schweizer waren im 17.- 19. Jahrhundert im transatlantischen Sklavenhandel tätig. Das hiess hauptsächlich, dass Firmen der damaligen Helvetischen Konföderation sich am Geschäft mit dem Sklaven- und Warenhandel beteiligten und dadurch profitierten. Lieferten sie bsp.weise Stoffe, sogenannte „Indiennes“ aus der damals noch florierenden Textilindustrie an die afrikanischen Küsten, wurden sie gegen Sklaven getauscht, die auf den Sklavenschiffen nach Amerika und auf die karibischen Insel transportiert wurden und dort auf Zuckerrohr-, Kakao- oder Tabakplantagen arbeiten mussten. Die Produkte wurden von den Händlern gekauft und in Europa verkauft, woraus sie ihren Reichtum aufbauten.

David de Pury

David de Pury

So standen wir auf unserem Stadtrundgang vor etlichen herrschaftlichen Häusern, die aus diesem Profit gebaut wurden. Einige Herren hatten keine Nachkommen und vermachten ihr Vermögen der Stadt, bauten das erste Hospital, Schulen etc.

Hôtel du Peyrou

Hôtel du Peyrou

Nicht nur Neuenburg profitierte von diesem Dreieckshandel, auch Städte wie Genf, Basel, Bern oder Zürich waren beteiligt. Je länger ich persönlich zuhörte, desto mehr machte mich das Thema neugierig. Ich finde es wichtig, dass wir von diesem unrühmlichen und düsteren Kapitel der vergangenen Jahrhunderte erfahren. Die cooperaxion, die ihren Sitz in Bern hat, bemüht sich sehr, hier Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie engagiert sich aber auch mit Projekten, unter anderem in Liberia, um jungen Menschen eine Ausbildung zu ermöglichen und sie von der Strasse wegzuholen. In dem Land, an dessen Küsten einst viele Sklavenschiffe ankerten, auf denen Vorfahren auf dem Weg nach Übersee qualvoll ihr Leben verloren oder später auf Plantagen, unter unmenschlichen Bedingungen, zur Arbeit gezwungen wurden.

Sklavenschiff

Sklavenschiff

Einige wenige Kaufleute brachten schwarze Diener und Dienstmädchen mit in unser Land. Allerdings weiss man nur wenig über ihr Schicksal, da sie kaum in der Öffentlichkeit zu sehen waren. Wer weiss, was eventuell noch in privaten Archiven schlummert.

Nach der spannenden Führung verabschiedeten wir uns von unserer kompetenten Begleiterin. Der Spaziergang, der bei trockenem Wetter über die Bühne gegangen war, hatte Hunger gegeben. Wir zogen in ein Lokal, das gut besetzt war und typische Gerichte der Region auf der Speisekarte hatte.

Nach dem Essen schlenderten wir durch die Altstadt, entdeckten hübsche Ecken, stiegen zum Schloss und zur Kirche hoch, wo der Blick über den See und die Berge schweifen konnte. Dann noch ein Bummel dem See entlang und die letzten Strahlen der Sonne geniessen, bevor der Weg Richtung Bahnhof und die Heimreise, reich beschenkt an neuen Eindrücken und Wissen, angetreten werden musste.

In der Altstadt

In der Altstadt

Aussicht über Neuenburg

Aussicht über Neuenburg

Bei unserem Ausflug hielt ich ständig meinen Fotoapparat gezückt, um die schönsten Momente einzufangen. Nach der Reise gestaltete ich am Computer ein Fotoalbum, das ich als Überraschungs-Geschenk bei unserem letzten Lesezirkel-Treffen überreichen konnte. Ein Andenken an unsere erste Reise, die sich mehr als gelohnt hat und sich hoffentlich an andere Orte fortsetzen wird.

Neuenburger-See

Neuenburger-See

Weiterführende Informationen:

www.cooperaxion.org

Sachbuch:

Reise in Schwarz-Weiss

Belletristik:

Die Mohrin

Zürich liest 2013

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Dieses Jahr habe ich mir nur gerade einen Literaturanlass am „Zürich liest“-Literaturfestival ausgesucht. Man wird mit der Zeit verwöhnt und geht man jedes Jahr hin, ist es nicht zu vermeiden, dass sich gewisse Anlässe wiederholen, auch wenn andere Autoren eingeladen sind, ein anderer literarischer Spaziergang angeboten wird und aus einem Werk eines verstorbenen Autors auf dem Schiff vorgelesen wird.

Ich habe mich erneut für die Autoren, die für den Schweizer Buchpreis nominiert waren, entschieden: Ralph Dutli, Roman Graf, Jonas Lüscher, Jens Steiner und als einzige Frau Henriette Vásárhelyi. Es war am Freitagabend quasi der Endspurt, bevor die Preisverleihung am Sonntag an der BuchBasel stattfand.

Seit sechs Jahren werden die Autoren und ihre Romane im Literaturhaus vorgestellt. Hinter den Nominierten liegen viele Lesestationen und zwar nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland. Einige von ihnen waren ja bereits für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Das Literaturhaus war gerammelt voll. Die Literaturjournalistin Insa Wilke führte, wie schon letztes Jahr, durch den Abend, fühlte den Autoren mit ihren Fragen, die einen Bogen vom einen zum anderen bilden sollte, nochmals auf den Zahn.

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Sie fragte zum Beispiel, ob die Autoren am Schauplatz ihrer Handlung waren oder ob sie eigene Erfahrungen in ihrem Buch verarbeitet hätten. Jonas Lüscher war für seine Novelle „Frühling der Barbaren“ nicht in Tunesien, aber in der Regel besuche er für seine Recherchen schon gerne den entsprechenden Ort.

ZL_5Ralph Dutli, dessen Roman „Soutins letzte Fahrt“ in Paris angesiedelt ist, erzählte, dass er selbst zwölf Jahre in Paris gelebt habe und wohnte „einen Spaziergang entfernt, wie er sagte, von der Gegend, wo die Künstler verkehrten und ihre Ateliers hatten, so wie der Maler Chaim Soutin. Die Erfahrung eines Magengeschwürs oder von morphinen Träumen habe er aber nicht gemacht. Er habe sehr gute Unterstützung von Fachpersonen erhalten,

Seine Schilderungen im Roman müssen so gut sein, dass in Amerika jemand vermutet habe, er schreibe aus eigener Erfahrung. Er betrachte dies als Kompliment. Das zeige doch, dass ihm die Darstellung gelungen sei.

Roman Graf, der in „Niedergang“ über ein Paar schreibt, das eine Bergtour unternimmt, meinte, dass ihn vor allem die negativen Eigenschaften einer Person interessieren. André, seine Hauptfigur habe gewisse Züge von ihm – also nur einige – wie er dann noch hinzufügt. Denn André ist einem als Leser nicht immer sympathisch.

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Jens Steiner bestätigt, dass er, wie seine Figuren im Roman „Carambole“, in einem Dorf aufgewachsen sei. Ein Dorf, in ländlicher Umgebung, aber nicht allzu weit von der Stadt entfernt, kein Bahn- sondern nur mit Busanschluss. Und in der Tat, auch der Ort, an dem Steiner aufgewachsen ist, ist so ein Dorf.

Henriette Vásárhelyi, die in ihrem ersten Roman „immeer“ über eine Frau schreibt, die versucht über den Tod ihres Freundes hinwegzukommen, hat ihr nahestehende Menschen verloren. Aber das hat wohl jeder von uns.

Eineinhalb Stunden für fünf Gesprächspartner ist sehr knapp bemessen, so kommen dann auch nicht alle gleich zu Wort. Und jeder soll auch noch aus seinem Roman oder seiner Novelle etwas vorlesen. Bei Lüscher darf gelacht werden, bei Graf und Vásárhelyi ist man eher nachdenklich gestimmt. Jens Steiners Kapitel ist komisch und absurd zugleich. Es macht Spass, dem Autor zuzuhören. Insa Wilke erwähnt, dass das Buch auch ernsthaft und alles andere als lustig sei.

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Ralph Dutli liest Passagen vor, aus den morphinen Träumen von Chaim Soutil. Ihm könnte man noch lange zuhören, denn er fesselt den Zuhörer mit seiner Art zu lesen. Dutli betont ausdrücklich, dass sein Roman keine Biographie sei, über Chaim Soutil sei sehr wenig bekannt: „Was man nicht weiss, muss man erfinden.“

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Und genau das ist es, was das Lesen immer wieder interessant und abwechslungsreich macht, wenn man Geschichten zu lesen bekommt, die all die Autoren für uns erfinden und uns in eine andere Welt eintauchen lassen.

Dann ist die Zeit auch schon um. Lüscher und Graf atmen auf, es ist endlich geschafft. Jetzt heisst es warten auf den Sonntag. Ich lasse mir die Bücher, die ich mitgebracht habe, von jedem signieren. Jens Steiner erwähnt nochmals, dass sein Buch nicht nur lustig sei und Ralph Dutli zuckt nur mit den Achseln, als ich ihm Glück für die Preisverleihung wünsche.

Und noch während ich diesen Bericht schreibe, höre ich am Radio, dass Jens Steiner den diesjährigen Schweizer Buchpreis gewonnen hat.

Bücher zwischen Weinbergen

Was hat das Schweizer Dorf Saint-Pierre-de-Clages mit Valladolid, in Spanien, oder Kampung Buku in Malaysia zu tun? Genau, es ist eines von etwa insgesamt 31 Bücherdörfern weltweit.

Ein Bücherdorf definiert sich durch die grosse Dichte an Antiquariaten, die sich in Orten ansiedeln, an denen wirtschaftlich sonst nicht viele Alternativen bestehen. Und gerade durch die Fülle an Antiquariaten werden Besucher angelockt, die sonst wegbleiben würden. Auch das Gastgewerbe kann meistens vom Besucherstrom profitieren.

Die Schweiz hat seit 1993 ebenfalls ein Bücherdorf. Saint-Pierre-de-Clages liegt im französischen Teil des Wallis, nur wenige Meter von der Hauptstrasse entfernt und mitten in den Rebbergen. Dieses Dorf haben wir besucht. Es hat etwas mehr als 500 Einwohner, die hauptsächlich im Weinanbau und im Tourismus tätig sind.

Wir hatten den richtigen Tag ausgewählt. Es war Donnerstag und einige Antiquariate waren geöffnet. Eines der Antiquariate befindet sich gleich am Dorfplatz und trägt den schönen Namen „La plume voyageuse“.

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Die Inhaberin, Anne-Laure Berrut, ist eine weitgereiste Frau, und viele Bücher, die sie in ihrem Laden anbietet, hat sie von ihren Reisen in ferne Länder mitgebracht. Viele stammen aus ihrem Privatbestand. Ihr Mann war froh, als es endlich wieder mehr Platz im Wohnhaus gab. Es ist wohl kein Geheimnis, dass dies nur vorübergehend der Fall war, denn Madame Berrut kauft auch immer wieder Bücher hinzu.

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Der Grossteil des Buchbestandes ist in französischer Sprache, aber es gibt auch deutschsprachige Bücher zu kaufen. Madame Berrut hat ein grosses Wissen und gestaltet die Schaufenster alle zwei Monate nach einem neuen Thema um. Als wir vor Ort waren, passte das Thema „ils ont aimé le Valais“ (sie haben das Wallis geliebt) ausgezeichnet zu unserem Aufenthalt in diesem schönen Kanton. Ein Plakat mit bekannten und unbekannten Persönlichkeiten, die im Wallis gelebt oder sich vorübergehend dort aufgehalten haben, war im Schaufenster ausgehängt.

Bücherdorf

Die Namen der abgebildeten Autoren und Künstler, ein Feldherr und Kaiser ist auch dabei, sollten erraten werden und als Preis lockte ein Büchergutschein. Die meisten abgebildeten Gesichter waren mir auf den ersten Blick, abgesehen von Goethe, unbekannt, deshalb verzichtete ich auf die Teilnahme am Wettbewerb. Die Antiquarin gab grosszügig über die Personen Auskunft und hatte das eine oder andere Buch auch gleich zur Hand, sei das aus der Sparte Belletristik oder aus der Malerei. Mit Begeisterung erzählte sie, gab Informationen weiter und zog uns in ihren Bann. Sie schwärmte von einem Dorf im Val d’Anniviers, wo wir sowieso hinwollten und im Gespräch erfuhren wir schliesslich, dass Edmond Bille, der Vater der Schriftstellerin S. Corinna Bille, die Fresken in der Kirche von Chamoson gemalt hatte, einem Dorf, das in wenigen Minuten zu erreichen ist. Die Neugierde war geweckt, deshalb fuhren wir anschliessend dorthin.

Madame Berrut beklagte sich über Besucher, die das Gefühl hätten, sie könnten im Laden um den Preis eines Buches feilschen, wie auf dem Bazar. Die Ladenmiete muss bezahlt, die Bücher müssen beschafft werden und so wolle sie diejenige sein, die das Angebot mache, wenn sie ein Buch günstiger als angeschrieben hergeben wolle.

Jedes Jahr, am letzten Wochenende im August, findet das dreitägige Bücherfest statt, an das bis zu 15‘000 Besucher pilgern, um an den vielen Antiquariats-Tischen und in den örtlichen Läden zu stöbern und ihrer Leidenschaft zu frönen.

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Schlendert man durch die Seitengassen, kommt man an weiteren Antiquariaten vorbei und man sollte bei all den Büchern nicht verpassen, auch einen Blick in die romanische Kirche zu werfen, die im 11. Jahrhundert erbaut wurde und mit ihrem achteckigen Turm einzigartig in der Schweiz ist. Aber Achtung: es führt eine Treppe in den Kirchenraum hinunter, worauf freundlicherweise auf einer Tafel an der Tür hingewiesen wird, sonst könnte es gut sein, dass man in die Kirche reinstürzt.

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Der Abstecher ins Bücherdorf hat sich gelohnt, wir haben eine interessante Frau kennengelernt, die begeistern kann und ihren Laden mit viel Herz führt, haben zwei einzigartige Kirchen besucht und sind dabei an einem sonnigen Tag mitten durch die Rebberge gefahren.

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