Zürich liest 2013

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Dieses Jahr habe ich mir nur gerade einen Literaturanlass am „Zürich liest“-Literaturfestival ausgesucht. Man wird mit der Zeit verwöhnt und geht man jedes Jahr hin, ist es nicht zu vermeiden, dass sich gewisse Anlässe wiederholen, auch wenn andere Autoren eingeladen sind, ein anderer literarischer Spaziergang angeboten wird und aus einem Werk eines verstorbenen Autors auf dem Schiff vorgelesen wird.

Ich habe mich erneut für die Autoren, die für den Schweizer Buchpreis nominiert waren, entschieden: Ralph Dutli, Roman Graf, Jonas Lüscher, Jens Steiner und als einzige Frau Henriette Vásárhelyi. Es war am Freitagabend quasi der Endspurt, bevor die Preisverleihung am Sonntag an der BuchBasel stattfand.

Seit sechs Jahren werden die Autoren und ihre Romane im Literaturhaus vorgestellt. Hinter den Nominierten liegen viele Lesestationen und zwar nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland. Einige von ihnen waren ja bereits für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Das Literaturhaus war gerammelt voll. Die Literaturjournalistin Insa Wilke führte, wie schon letztes Jahr, durch den Abend, fühlte den Autoren mit ihren Fragen, die einen Bogen vom einen zum anderen bilden sollte, nochmals auf den Zahn.

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Sie fragte zum Beispiel, ob die Autoren am Schauplatz ihrer Handlung waren oder ob sie eigene Erfahrungen in ihrem Buch verarbeitet hätten. Jonas Lüscher war für seine Novelle „Frühling der Barbaren“ nicht in Tunesien, aber in der Regel besuche er für seine Recherchen schon gerne den entsprechenden Ort.

ZL_5Ralph Dutli, dessen Roman „Soutins letzte Fahrt“ in Paris angesiedelt ist, erzählte, dass er selbst zwölf Jahre in Paris gelebt habe und wohnte „einen Spaziergang entfernt, wie er sagte, von der Gegend, wo die Künstler verkehrten und ihre Ateliers hatten, so wie der Maler Chaim Soutin. Die Erfahrung eines Magengeschwürs oder von morphinen Träumen habe er aber nicht gemacht. Er habe sehr gute Unterstützung von Fachpersonen erhalten,

Seine Schilderungen im Roman müssen so gut sein, dass in Amerika jemand vermutet habe, er schreibe aus eigener Erfahrung. Er betrachte dies als Kompliment. Das zeige doch, dass ihm die Darstellung gelungen sei.

Roman Graf, der in „Niedergang“ über ein Paar schreibt, das eine Bergtour unternimmt, meinte, dass ihn vor allem die negativen Eigenschaften einer Person interessieren. André, seine Hauptfigur habe gewisse Züge von ihm – also nur einige – wie er dann noch hinzufügt. Denn André ist einem als Leser nicht immer sympathisch.

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Jens Steiner bestätigt, dass er, wie seine Figuren im Roman „Carambole“, in einem Dorf aufgewachsen sei. Ein Dorf, in ländlicher Umgebung, aber nicht allzu weit von der Stadt entfernt, kein Bahn- sondern nur mit Busanschluss. Und in der Tat, auch der Ort, an dem Steiner aufgewachsen ist, ist so ein Dorf.

Henriette Vásárhelyi, die in ihrem ersten Roman „immeer“ über eine Frau schreibt, die versucht über den Tod ihres Freundes hinwegzukommen, hat ihr nahestehende Menschen verloren. Aber das hat wohl jeder von uns.

Eineinhalb Stunden für fünf Gesprächspartner ist sehr knapp bemessen, so kommen dann auch nicht alle gleich zu Wort. Und jeder soll auch noch aus seinem Roman oder seiner Novelle etwas vorlesen. Bei Lüscher darf gelacht werden, bei Graf und Vásárhelyi ist man eher nachdenklich gestimmt. Jens Steiners Kapitel ist komisch und absurd zugleich. Es macht Spass, dem Autor zuzuhören. Insa Wilke erwähnt, dass das Buch auch ernsthaft und alles andere als lustig sei.

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Ralph Dutli liest Passagen vor, aus den morphinen Träumen von Chaim Soutil. Ihm könnte man noch lange zuhören, denn er fesselt den Zuhörer mit seiner Art zu lesen. Dutli betont ausdrücklich, dass sein Roman keine Biographie sei, über Chaim Soutil sei sehr wenig bekannt: „Was man nicht weiss, muss man erfinden.“

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Und genau das ist es, was das Lesen immer wieder interessant und abwechslungsreich macht, wenn man Geschichten zu lesen bekommt, die all die Autoren für uns erfinden und uns in eine andere Welt eintauchen lassen.

Dann ist die Zeit auch schon um. Lüscher und Graf atmen auf, es ist endlich geschafft. Jetzt heisst es warten auf den Sonntag. Ich lasse mir die Bücher, die ich mitgebracht habe, von jedem signieren. Jens Steiner erwähnt nochmals, dass sein Buch nicht nur lustig sei und Ralph Dutli zuckt nur mit den Achseln, als ich ihm Glück für die Preisverleihung wünsche.

Und noch während ich diesen Bericht schreibe, höre ich am Radio, dass Jens Steiner den diesjährigen Schweizer Buchpreis gewonnen hat.

Bücher zwischen Weinbergen

Was hat das Schweizer Dorf Saint-Pierre-de-Clages mit Valladolid, in Spanien, oder Kampung Buku in Malaysia zu tun? Genau, es ist eines von etwa insgesamt 31 Bücherdörfern weltweit.

Ein Bücherdorf definiert sich durch die grosse Dichte an Antiquariaten, die sich in Orten ansiedeln, an denen wirtschaftlich sonst nicht viele Alternativen bestehen. Und gerade durch die Fülle an Antiquariaten werden Besucher angelockt, die sonst wegbleiben würden. Auch das Gastgewerbe kann meistens vom Besucherstrom profitieren.

Die Schweiz hat seit 1993 ebenfalls ein Bücherdorf. Saint-Pierre-de-Clages liegt im französischen Teil des Wallis, nur wenige Meter von der Hauptstrasse entfernt und mitten in den Rebbergen. Dieses Dorf haben wir besucht. Es hat etwas mehr als 500 Einwohner, die hauptsächlich im Weinanbau und im Tourismus tätig sind.

Wir hatten den richtigen Tag ausgewählt. Es war Donnerstag und einige Antiquariate waren geöffnet. Eines der Antiquariate befindet sich gleich am Dorfplatz und trägt den schönen Namen „La plume voyageuse“.

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Die Inhaberin, Anne-Laure Berrut, ist eine weitgereiste Frau, und viele Bücher, die sie in ihrem Laden anbietet, hat sie von ihren Reisen in ferne Länder mitgebracht. Viele stammen aus ihrem Privatbestand. Ihr Mann war froh, als es endlich wieder mehr Platz im Wohnhaus gab. Es ist wohl kein Geheimnis, dass dies nur vorübergehend der Fall war, denn Madame Berrut kauft auch immer wieder Bücher hinzu.

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Der Grossteil des Buchbestandes ist in französischer Sprache, aber es gibt auch deutschsprachige Bücher zu kaufen. Madame Berrut hat ein grosses Wissen und gestaltet die Schaufenster alle zwei Monate nach einem neuen Thema um. Als wir vor Ort waren, passte das Thema „ils ont aimé le Valais“ (sie haben das Wallis geliebt) ausgezeichnet zu unserem Aufenthalt in diesem schönen Kanton. Ein Plakat mit bekannten und unbekannten Persönlichkeiten, die im Wallis gelebt oder sich vorübergehend dort aufgehalten haben, war im Schaufenster ausgehängt.

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Die Namen der abgebildeten Autoren und Künstler, ein Feldherr und Kaiser ist auch dabei, sollten erraten werden und als Preis lockte ein Büchergutschein. Die meisten abgebildeten Gesichter waren mir auf den ersten Blick, abgesehen von Goethe, unbekannt, deshalb verzichtete ich auf die Teilnahme am Wettbewerb. Die Antiquarin gab grosszügig über die Personen Auskunft und hatte das eine oder andere Buch auch gleich zur Hand, sei das aus der Sparte Belletristik oder aus der Malerei. Mit Begeisterung erzählte sie, gab Informationen weiter und zog uns in ihren Bann. Sie schwärmte von einem Dorf im Val d’Anniviers, wo wir sowieso hinwollten und im Gespräch erfuhren wir schliesslich, dass Edmond Bille, der Vater der Schriftstellerin S. Corinna Bille, die Fresken in der Kirche von Chamoson gemalt hatte, einem Dorf, das in wenigen Minuten zu erreichen ist. Die Neugierde war geweckt, deshalb fuhren wir anschliessend dorthin.

Madame Berrut beklagte sich über Besucher, die das Gefühl hätten, sie könnten im Laden um den Preis eines Buches feilschen, wie auf dem Bazar. Die Ladenmiete muss bezahlt, die Bücher müssen beschafft werden und so wolle sie diejenige sein, die das Angebot mache, wenn sie ein Buch günstiger als angeschrieben hergeben wolle.

Jedes Jahr, am letzten Wochenende im August, findet das dreitägige Bücherfest statt, an das bis zu 15‘000 Besucher pilgern, um an den vielen Antiquariats-Tischen und in den örtlichen Läden zu stöbern und ihrer Leidenschaft zu frönen.

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Schlendert man durch die Seitengassen, kommt man an weiteren Antiquariaten vorbei und man sollte bei all den Büchern nicht verpassen, auch einen Blick in die romanische Kirche zu werfen, die im 11. Jahrhundert erbaut wurde und mit ihrem achteckigen Turm einzigartig in der Schweiz ist. Aber Achtung: es führt eine Treppe in den Kirchenraum hinunter, worauf freundlicherweise auf einer Tafel an der Tür hingewiesen wird, sonst könnte es gut sein, dass man in die Kirche reinstürzt.

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Der Abstecher ins Bücherdorf hat sich gelohnt, wir haben eine interessante Frau kennengelernt, die begeistern kann und ihren Laden mit viel Herz führt, haben zwei einzigartige Kirchen besucht und sind dabei an einem sonnigen Tag mitten durch die Rebberge gefahren.

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Durch das Lavaux und Wallis

Die einen haben es vielleicht bemerkt, dass es hier in letzter Zeit etwas ruhig war. Nun, ich war im Urlaub. Für einmal nicht im Ausland, sondern in unserem eigenen Land, das, ich muss es hier einfach erwähnen, auch ganz wunderbare Ecken hat, die sich zu entdecken lohnen. Ein Bild habe ich in meiner Serie „Bild am Samstag“ bereits präsentiert: den Genfer See in diesem einmaligen Licht. Die Aufnahme konnte ich vom Balkon des Hotels machen. Die Stimmung des Sees war mit dem Abendlicht, nach oder vor dem Regen, fantastisch!

Einige Tage residierten wir mitten im Lavaux, einem der schönsten Weinanbau-Gebiete, die es gibt, und zu Recht UNESCO Welterbe ist. Auf den steilen Terrassen, mit ihren Trockenmauern, wird seit dem 12. Jahrhundert Wein angebaut. Wir waren etwas früh dran, deshalb war das Reblaub grün, die Trauben noch an den Rebstöcken. Jetzt dann leuchtet das Laub golden und das macht dieses Gebiet zwischen Vevey und Lausanne, mit Blick auf den See und die Alpen einzigartig. Die schönen Weindörfer, die dem Wein oft auch den Namen geben, haben wir gerne erschlendert.

Lavaux

1,6 Kilometer in den Berg hinein, mit dem Stollenzug, ging es in der einzigen Salz-Mine der Schweiz, in Bex. Eine aussergewöhnliche und spannende Exkursion war das für uns, bei der wir viel über den Salzabbau, der seit dem 17. Jahrhundert betrieben wird, erfahren durften. Wie frustrierend musste es unter anderem für die Minenarbeiter gewesen sein, während zwanzig Jahren mit Hammer und Meissel Stollen zu hauen, nur um feststellen zu müssen, dass es dann doch kein salzhaltiges Gestein gab.

Salzmine Bex

Auch das Schloss Chillon, das auf einem Felsen im Genfer See steht, haben wir besucht. Lord Byron hat sich im Kerker an einer Säule verewigt. An der Stelle, an der sehr wahrscheinlich François Bonivard von den Savoyern angekettet wurde. Bonivard war der Prior in Genf und hat sich für die Reformation und die Unabhängigkeit Genfs stark gemacht. Byron hat das Gedicht „Der Gefangene von Chillon“ geschrieben und Bonivard somit zur Legende gemacht.

Schloss Chillon

Lausanne, das San Francisco der Schweiz, liegt am Hang und es geht treppauf und treppab. Selbst der Markt ist auf den Treppenstufen aufgebaut. Die Stadt ist ein Besuch wert, nicht zuletzt wegen der Kathedrale Notre Dame, an der bereits im 12. Jahrhundert gebaut wurde.

Lausanne

Im Nachbarkanton, dem Wallis, haben wir uns auf ausgedehnte Wanderungen begeben. Auf die Gemmi hinauf führte uns der Weg, den man vom Dorf unten kaum sieht, ausser man war oben. Knapp haben wir den Alpabtrieb von achthundert Schafen verpasst, der kurz vor unserer Ankunft stattgefunden hat. Das Bergpanorama mit den 4000er-Gipfeln ist gewaltig und wir konnten uns kaum satt sehen.

Gemmi_Walliser Berge

Nach einigen Tagen im deutschsprachigen Wallis, haben wir uns verabschiedet und sind in den französischen Teil des Kantons gefahren, ins Val d’Anniviers. Die Dörfer, vor allem am Südhang, ziehen sich bis auf zweitausend Meter hinauf. Eines der schönsten Walliser Dörfer, Grimentz, liegt in diesem Tal, und das Matterhorn, hat auch eine ansehnliche Rückseite, die mich immer wieder magisch anzog. Auf unseren Bergtouren, konnten wir immer noch Heidel- und Preiselbeeren naschen. Der Wacholder trug üppig Beeren, verschiedene Enziane blühten und in den Lärchen- und Arvenwäldern roch es herrlich nach Harz. Der Spätsommer hat uns nochmals mit viel Sonne und Wärme verwöhnt.

Val d'Anniviers

Während dem Urlaub, man glaubt es kaum, komme ich eher wenig zum Lesen. Es gibt so viel zu unternehmen und das Reisetagebuch schreibt sich auch nicht von selbst. Was aber zu jeder Reise gehört, sind einige Streifzüge, die sich der Literatur widmen. Über einiges werde ich hier noch berichten, so über das Bücherdorf, den letzten Ruheort von Rainer Maria Rilke, den Vater von S. Corinna Bille und die Reisejournalistin und Weggefährtin von Annemarie Schwarzenbach, Ella Maillart – einer aussergewöhnlichen Frau des 20. Jahrhunderts.

Auf den Spuren von Hamlet

Hamlets Grab

Navigationsgeräte haben manchmal an sich, dass sie den Fahrer über seltsame Wege ans Ziel führen wollen. Sei’s drum, diesmal war das sogar okay. Meine Augen schweifen umher und bleiben an einer leicht zu übersehenden Beschilderung hängen, wo ich was von Hamlet lese, doch das Hirn transportiert die Information nicht sofort zu meinem Stimmorgan. Deshalb fährt mein Partner schon zügig an der Abzweigung vorbei, als ich endlich „Stopp“ rufe. Bitte umdrehen, ich will wissen, was dort zu sehen ist. Der Weg führt uns an einem Bauernhof vorbei, die Strasse ist gerade einmal Autobreit und dann stehen wir da vor einem mächtigen Stein:

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Dann lesen wir die Informationstafel, auf der Folgendes geschrieben steht:

„Willkommen am „Hamlets Grab“, das eigentlich ein Hügelgrab der Bronzezeit ist. Der Ortsname „Ammelhede“ tritt in einer Sage als Grabstätte des Eisenzeitkönigs Amled auf, die von dem ersten grossen dänischen Historiker Saxo um das Jahr 1200 herum, niedergeschrieben wurde. Diese Sage inspirierte Shakespeare zu seinem berühmten Schauspiel „Hamlet“. Auf diesem Hintergrund erfolgte 1933 die Errichtung des Gedenksteins auf dem Hügel. Das Gebiet birgt reiche Funde aus fast der ganzen Urzeit – u.a. eine grosse Siedlung aus der Steinzeit bei Stavnsager 1 km in südliche Richtung. Es ist deshalb nicht undenkbar, dass hier früher einmal, sehr mächtige Menschen angesiedelt waren.“

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Von diesem Platz hat man einmal mehr einen schönen Blick über das Land. Weit und breit kein Mensch zu sehen, nur Natur und Vogelgezwitscher.

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Das Hamlet-Schloss in Helsingør

Beabsichtigt war das nicht, dass wir ausgerechnet in Helsingør, auf Seeland, Station machen würden. Schon vor dem Hotel werden wir von einer Hamlet-Statue begrüsst. Unser Blick reicht über den Öresund nach Schweden und rechts von uns sehen wir das Schloss Kronborg, das Hamlet-Schloss.

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Das Schloss und Helsingør bieten eine grossartige Kulisse für die Tragödie des Prinzen Hamlet von Dänemark. Weshalb aber hat Shakespeare Kronborg für sein Stück gewählt? Der Name Kronborg wird darin nicht erwähnt, doch das Geschehen ist auf dem Schloss von Helsingør angesiedelt. Die Tragödie von Prinz Hamlet basiert auf Dänischen Quellen. Die Geschichte datiert zurück bis zu Saxos Chroniken über die Heldentaten der Dänen „Gesta Danorum“, die um 1200 niedergeschrieben und 1514 gedruckt wurden. Es ist unwahrscheinlich, dass Shakespeare diese gelesen hat. Doch die Geschichte über den Dänischen Prinzen, der den Mord an seinem Vater rächt, wurde in ganz Europa gelesen und entsprechend ausgeschmückt. Um 1590 gab der Dramatiker Thomas Kyd dem Werk den Charakter eines Rache-Dramas, das Shakespeare inspiriert haben muss, dass er 1600 „Die tragische Geschichte Hamlets; Prinz von Dänemark“ schrieb.

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Gerüchte vom neu erbauten Schloss Frederiks II. und dessen prächtige Feste, die dort stattfanden, hatten sicher auch England erreicht. Nach 1600 wurde Helsingør in der ganzen Welt bekannt, nachdem das prächtige Renaissance Schloss vollendet war. Die Festung und die eindrucksvolle königliche Residenz sollten die Macht und die Position des Königs vor Freunden und Feinden gleichermassen demonstrieren.

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Wie kam es nun dazu, dass Shakespeare von diesem Schloss gehört hatte? War er selber hier? Hat er es mit eigenen Augen gesehen? Im Stück sind viele Details des Lebens im Schloss und in der Stadt beschrieben, so dass der Eindruck entsteht, dass Shakespeare in Helsingør war. Man weiss, dass einige Schauspieler, die später zu seiner Theatertruppe stiessen, 1585 und 1586 im Schloss spielten. Ab 1590 gibt es einige Jahre in Shakespeares Leben, in denen kaum etwas über seinen Aufenthaltsort bekannt ist. Die Experten sind sich uneinig, ob Shakespeare nun tatsächlich in Helsingør war. Aber schlussendlich spielt das für uns keine Rolle.

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Festspiele im Schloss

Alljährlich im Monat August finden die Hamlet-Festspiele auf Schloss Kronborg statt, einerseits wird das Theaterstück aufgeführt und auch die Verfilmungen werden gezeigt. Über die Jahre hinweg, haben Stars dem Stück „Hamlet“ immer wieder Leben eingehaucht, wie Laurence Olivier, John Gielgud, Richard Burton, Kenneth Brannagh oder Jude Law.

Das Schloss sollte man aber nicht nur wegen Hamlet besuchen. Es lädt auch sonst zu einer Besichtigung ein, nicht zuletzt wegen der Tapisserien, der Schlosskapelle oder dem Ballsaal, der 1585 der grösste seiner Art in Nordeuropa war, er misst 62 x 12 m. Die Grösse des Baus wird einem erst bewusst, wenn man in der Anlage zu Fuss unterwegs war und die Treppen rauf und runter gestiegen ist. Ein Besuch des Schlosses und der Stadt kann ich jedem, der in der Gegend ist, wärmstens empfehlen.

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Der grosse Märchenerzähler

„Die Prinzessin auf der Erbse“, „Des Kaisers neue Kleider“, „Das hässliche Entlein“, „Die Nachtigall“ sind nur einige Märchen des grossen dänischen Märchenerzählers, Hans Christian Andersen.Andersen_11

Wir sind in Dänemark unterwegs und fahren auf die Insel Fünen nach Odense, einer Stadt mit rund 170‘000 Einwohnern, mitten auf der Insel. Hier, im damaligen Armenviertel, wurde Hans Christian Andersen im Jahre 1805, als einziger Sohn eines armen Schuhmachers und einer Wäscherin geboren. Heute schlendert man durch die alten Gassen mit seinen bunten und herausgeputzten Fachwerkhäusern, so dass man sich kaum vorstellen kann, dass hier einst die Armut zu Hause war. Das Haus, in dem der Märchenerzähler geboren wurde, ist ins Hans-Christian Andersen-Museum mit einbezogen.

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Hans Christian Andersen war erst elf Jahre alt, als sein Vater im Alter von 34 Jahren starb. Mit vierzehn Jahren verliess er das Elternhaus und ging nach Kopenhagen, wo er als Schauspieler zum Theater gehen wollte. Da ihm dies nicht gelang, versuchte er es als Sänger. Grossartig, dass er weder als Schauspieler, noch als Sänger reüssierte und die ersten Gedichte schrieb. Was hätten wir Leser in der ganzen Welt verpasst, gäbe es seine Märchen nicht!

Andersens Reisen

Andersen war zeit seines Lebens auf Reisen. Wenn man weiss, wie umständlich das Reisen und wie schwer das Gepäck damals war, ist es beachtlich, dass der Dichter 30 Reisen unternahm. Der Mann hatte dabei auch eine spezielle Marotte. In seinem Reisegepäck führte er ein neun Meter langes Seil mit sich, für den Fall, dass die Herberge brennen und er sich im Notfall abseilen könnte.

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Andersens Reisegepäck

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sein 9-Meter Seil für Notfälle

Er fuhr viele Male nach Dresden, wo er Freunde hatte. Während dem Zweiten Schleswig-Holsteinischen Krieg wurden seine Reisen für eine Weile unterbrochen. Er kam bis nach Italien und Spanien, selbst ins Osmanische Reich und eine Reise führte ihn nach England, wo er mehrere Wochen im Hause von Charles Dickens weilte. Im Gegensatz zu Andersen, der gerne mit Dickens in Kontakt geblieben wäre und vom britischen Autor sehr angetan war, stiess seine Begeisterung nicht auf Gegenliebe. Da Andersen nur leidlich Englisch sprach, schleppten sich die Gespräche dement-sprechend dahin und die Dickens fanden den dänischen Gast ziemlich anstrengend.

H.C. Andersens Reisevisum

Der Scherenschnitt-Künstler

Andersen war nicht nur ein Meister im Erzählen, sondern auch ein Künstler im Umgang mit der Schere. Er fertigte Scherenschnitte an und bebilderte damit seine Geschichten. Für die Kinder einer Freundin, Jonna Stampe, fertigte er insgesamt drei Bilder-Bücher an und vervollständigte sie mit seinen Scherenschnitten.

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Scherenschnitt (Mai 1864) den Andersen dem Basar für dänische Gefangene im Krieg gegen Deutschland, zugutekommen liess

Jonna Stampe schrieb an ihn:

“Danke lieber Andersen

Sie haben den Kindern eine große Freude mit den Dingen, die Sie für sie ausgeschnitten haben, gemacht … viele der kleinen Verse in den Kinder-Büchern, die Sie geschrieben haben, werden bereits von der kleinen Christine aufgesagt, die über „Arnsen“ spricht, als ob sie sich an Sie erinnern könnte.”

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Dieses Buch stammt aus dem Jahre 1852 und war Astrid Stampe gewidmet (1853 – 1930)

Andersen war sehr häufig bei Freunden zu Gast. Überall wo er hinkam, fiel er mit seiner grossen Statur (1 Meter 85) auf. Galt er auch nicht als schöner Mann, die Kinder mochten ihn, weil er ihnen immer Geschichten erzählte, sie mit ins Theater nahm oder seine Bücher mit Bildern bereicherte. Oft verteilte er Kopien seiner Geschichten, wenn diese gedruckt waren.

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Hans Christian Andersen lebte ab seinem vierzehnten Lebensjahr, als er von zu Hause wegging, alleine. Er war nie verheiratet. Als er ein junger Mann war, hatte er die finanziellen Mittel nicht, um sich eine Frau zu nehmen. Als er genug Geld hatte, war er bereits ein älterer Mann und es war zu spät für ihn, eine Familie zu gründen. Sein einziges richtiges Domizil hatte er mit einem Zimmer in Kopenhagen. Dieses Zimmer ist im Museum mit all seinen persönlichen Gegenständen originalgetreu nachgebaut und eingerichtet.

In einem Raum des Museums reiht sich Regal an Regal. Märchenbücher in Übersetzungen aus aller Herren Länder stehen hier: von Afrikaans über Schweizerdeutsch, Russisch oder Urdu ist fast jede Sprache vertreten.

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„Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ (1845) Kalligraphie von Cheng Xu Xie
(links) / „Das hässliche Entlein“ in Urdu (rechts)

Der Besucher kann sich Märchen in einigen Sprachen anhören, eine Geschichts-Reise in Andersens Epoche machen, Bilder betrachten, die Künstler aus Andersens Märchen umgesetzt haben usw.

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Künstler setzen seine Bücher und Märchen um
„Die wahre Geschichte meines Lebens“ / „Die Nachtigall“

Und dann müssen wir uns beeilen, in wenigen Minuten schliesst das Museum. Mit vielen neuen Eindrücken verlassen wir das Gebäude und schlendern noch durch die Gassen mit Häusern aus dem 17. Jahrhundert. Einige Strassen weiter stehen wir vor dem Haus, in dem Hans Christian aufgewachsen ist und nur einen Steinwurf entfernt, um die nächste Ecke, stehen wir vor der Kirche des Heiligen Knud, wo Andersen konfirmiert wurde.

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In diesem Haus ist H.C. Andersen aufgewachsen

Noch schnell huschen wir hinein und staunen in die Höhe des Gotteshauses, bevor auch hier die Türen geschlossen werden.

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Portal zur Kirche „Heiliger Knud“ / Gedenkstein in der Kirche