„Zürich liest“ 2012 – Die Schweizer Buchpreis Nominierten 2012

Am 11. November 2012 wird an der BuchBasel der Schweizer Buchpreis verliehen. Auf der Shortlist in diesem Jahr stehen Sibylle Berg, Ursula Fricker, Peter von Matt, Thomas Meyer und Alain Claude Sulzer.

Sie alle sollten am Freitagabend im Literaturhaus, anlässlich „Zürich liest“ aus ihren Romanen lesen und der Moderatorin Insa Wilke, Rede und Antwort stehen, über ihr Handwerk, Inspiration etc.

Sollten, denn einer von ihnen fehlte, Peter von Matt. Beatrice Stoll liess uns herzlich von ihm grüssen. Leider konnte er nicht kommen, da er längst, bevor er wusste, dass er auf der Shortlist landen würde, eine Verpflichtung angenommen hatte, die er nicht mehr absagen konnte.

Beatrice Stoll, Alain Claude Sulzer, Sibylle Berg

Sibylle Berg stellte sich als sehr witzige Teilnehmerin heraus und meinte, dass jetzt wohl alle wieder gehen würden, weil sowieso alle wegen Peter von Matt gekommen seien. Als ein Angestellter den Saal verliess, witzelte sie: „Seht ihr, der erste geht schon.“ Allgemeines Gelächter des Publikums. Überhaupt, Literatur ist nicht nur eine ernste Angelegenheit. Mit viel Witz ging es durch den Abend und schlagfertige Antworten kamen von den Autoren, so dass es viel zu lachen gab.

Insa Wilke (links) und Ursula Fricker (rechts)

Insa Wilke stellte nicht immer ganz einfache Fragen, so dass Thomas Meyer einmal meinte: “Müssen Sie so schwierige Fragen stellen?“ Worauf sie erwiderte: „Ich mache nur meine Arbeit. Sie haben ja selbst gesagt, dass Schreiben ein Handwerk sei.“

Thomas Meyer

Alain Claude Sulzer stellte sie unter anderem als Musiker vor, worauf er den Mund verzog und sagte: „Seit mich die Katze vor fünf Jahren ins Bein gebissen hat, mache ich keine Musik mehr.“ Aha, aber trotzdem wird er immer noch mit Musik in Verbindung gebracht.

Und dann kam eine Fragerunde, wie und wo denn geschrieben wird. Sibylle Berg antwortete ganz ernsthaft: „Ich setze mich nackt in die Badewanne und schreibe dort. Soll ich es gleich einmal vormachen?“

Insa Wilke suchte immer wieder Gemeinsamkeiten zwischen den vier Romanen und welchen Mangel die Autoren mit ihrem Roman abdecken wollten. Alain Claude Sulzer sagte darauf trocken: „Es bestand ein Mangel an diesem Buch.“ Und Sibylle Berg will immer noch die Menschen verbessern, alle sollen sich lieb haben und kuscheln. In erster Linie soll es darum gehen, ein Mensch zu sein und nicht ob einer männlich oder weiblich sei. Man stelle sich am Morgen auch nicht vor den Spiegel und sage sich beim Kämmen: „heute bin ich aber weiblich“.

Dann lasen alle aus ihren Romanen vor. Für den abwesenden Peter von Matt übernahm Beatrice Stoll, die Leiterin des Literaturhauses, diese Aufgabe gleich am Anfang des Abends. Jedes Buch ist anders, jeder der Autoren hätte es verdient, den Buchpreis zu gewinnen. Alain Claude Sulzer, der auch in der Jury beim Ingeborg Bachmann-Preis, in Klagenfurt, sass, sitzt jetzt als Autor auf der anderen Seite.

Der Abend hatte grossen Unterhaltungsfaktor und es war schön zu sehen, dass unter dem Publikum nicht nur ältere Personen und nur Frauen sassen – es waren auch jüngere Menschen und Männer auszumachen.

Anschliessend wurde ein Apéro serviert und es bestand die Möglichkeit, sich mit den Autoren zu unterhalten und ich lief in der Gegend herum, um mir die Bücher signieren zu lassen, denn die Schriftsteller/innen sassen nicht an einem gemeinsamen Tisch. Thomas Meyer sagte ich, dass ich mich auf sein Buch freue und er meinte „ich mich auch“. Verständlich, es ist sein erster Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ und gleich auf der Shortlist. Das Buch ist speziell, da viele jiddische Ausdrücke vorkommen und irgendwann, während dem Schreiben hätte er nicht mehr unter Kontrolle gehabt, was sein Buch mit ihm anstelle. Das Buch habe die Kontrolle über ihn gehabt.

Ursula Fricker hatte den Daumen einbandagiert, deshalb fragte ich sie, neugierig wie ich bin, was denn passiert sei. Beim Späne machen, für den Holzofen, hackte sie sich in den Daumen. Autsch! Aber das abgespaltete Daumenstück konnte wieder angenäht werden. Die Bandage hindert sie nicht am Schreiben.

Voller wunderbarer Eindrücke kehrte ich, nach einem vollbepackten literarischen Freitag, nach Hause zurück.

Lukas Hartmann – Lesung

Wieder einmal fand in unserer Gemeinde eine Lesung statt. Angereist aus dem Kanton Bern ist der Schriftsteller Lukas Hartmann. Die Bibliothekarin stellte ihn kurz vor und erwähnte, dass sie auf der Homepage des Autors herausgefunden habe, dass er immer abwechslungsweise ein Roman für Erwachsene und dann wieder ein Kinderbuch schreibe. Sie zählte auch einige Aufzeichnungen auf u.a. den Sir-Walter-Scott-Preis für „Bis ans Ende der Meere“, danach übergab sie das Wort Herrn Hartmann. Die Autoren kommen mir an diesem kleinen Tisch auf der grossen Bühne immer etwas verloren vor. Die Leere füllen aber die meisten von ihnen bald mit ihren Worten aus. Lukas Hartmann entschuldigte sich zuerst beinahe, denn er war etwas heiser. Vor zwei Wochen war er auf der Insel Sansibar, wie er erzählte, nicht etwa aus touristischen Gründen, sondern zu Recherchen für sein nächstes Buch. Auch Luzern und Hamburg spiele im nächsten Roman eine Rolle. Ich finde, Sansibar tönt schon jetzt sehr interessant. Letzte Woche las er vor 60, 70 Kindern und da werde die Stimme auch mehr beansprucht. Gestern sei er mit einem Freund wandern gegangen und sie seien in den Regen geraten und völlig durchnässt nach Hause gekommen. Aber er sei ja nicht hier, um zu erzählen, wie es zu seiner kratzigen Stimme gekommen sei, obwohl das auch schon eine Geschichte abgäbe.

Natürlich nicht, Lukas Hartmann wollte aus seinem neuen Roman „Räuberleben“ einige Seiten vorlesen und Fragen beantworten. Zuerst gab er einige Erklärungen in Berndeutsch ab. Räuber hätten ja immer auch Kinder fasziniert und gleichzeitig auch erschreckt, vielen ist „Ronja Räubertochter“ oder „Hotzenplotz“ ein Begriff. Auch Robin Hood habe ihn immer interessiert und als Junge wollte er natürlich diese Rolle übernehmen. Auch in der heutigen Zeit seien die Piraten vor Somalia auch nichts anderes als Räuber. Und dann gäbe es noch die Räuber von oben herab, die quasi legal das Volk ausrauben, wie Mugabe in Simbabwe oder diverse Machthaber, in den aus der Sowjetunion hervorgegangenen Staaten.

Hannikel lebte im 18. Jahrhundert und kam aus dem Schwarzwald. Während 15 Jahren war er mit seinen Leuten, die Fahrende waren, unterwegs, auch in der Schweiz. Die Gruppe die sicher aus 30, 40 Leuten bestand, hatte nie genügend Geld, die die Arbeit mit Scherenschleifen und Pfannenflicken abwarf, so raubten sie am liebsten jüdische Händler aus, weil da viel Geld zu finden war, evangelische Pfarrhäuser, hingegen katholische liessen sie in Ruhe, denn seine Leute wallfahrten selber immer nach Einsiedeln um ihre Sünden zu beichten. Ausgerechnet ein Mord an einem Bandenmitglied, der abtrünnig geworden war, wurde Hannikel zum Verhängnis. Er wurde vom Oberamtsmann Schäffer bis in die Schweiz gejagt und brachte ihn schliesslich an den Galgen.

So las der Autor aus dem Buch, gestikulierte auch mal mit den Händen, hob die Stimme bei entsprechenden Passagen an und erzählte, beim Blättern bis zur nächsten Stelle im Buch, auf Berndeutsch wieder etwas über die Leute von Hannikel, dem Sohn Dieterle, vom Herzog Karl Eugen, dem Oberamtsmann Schäffer oder dem Schreiber Grau. Es war mucksmäuschenstill im Saal. Auch ich lauschte gebannt seinen Worten. Ich fühlte mich beim Zuhören beinahe in die Kindheit zurückversetzt. Ich kann mir den Autor sehr gut vorstellen, wie er aus seinen Kinderbüchern in einer Kindergruppe vorliest. Bei seinen eigenen Kindern seien seine Geschichten auch immer gut angekommen. Räubergeschichten sind tatsächlich spannend, auch für Erwachsene.

Nach der Lesung stellte sich Lukas Hartmann noch den Fragen des Publikums. Einer wollte wissen, weshalb er ausgerechnet auf Hannikel gekommen sei, er sei nur fünf Kilometer von Sulz am Neckar aufgewachsen und hätte noch nie etwas von diesem Räuberhauptmann gehört. Der Autor war sehr erstaunt, denn als er in Sulz auf Recherche war, hätten etliche Bewohner auch auf der Strasse Hannikel gekannt. Auch in der Fasnacht sei diese Figur präsent. Durch ein Quellenverzeichnis sei er auf Hannikel gestossen und ihn habe die gute, wie auch die kriminelle Seite an dieser Person interessiert. Ich wollte wissen, ob er auch eine Räubergeschichte für Kinder schreiben würde. Und er meinte, er könnte sich das schon vorstellen. Nur bei Hannikel ginge es ja um eine historische Persönlichkeit und in Kinderbüchern sind es meist fiktive Gestalten.

Das Publikum hatte nicht allzu viele Fragen, darüber war Lukas Hartmann sicher nicht betrübt, denn er wollte seiner Stimme nicht noch mehr zumuten.

Eifrig wurden dann noch Bücher gekauft und vom Autor gerne signiert. Ich hatte meine Bibliothek geplündert und ich hielt ihm gleich drei Romane und das Kinderbuch „All die verschwundenen Dinge“ mit den bezaubernden Illustrationen von Tatjana Hauptmann, zum Signieren hin, worauf er meinte: „Ah, da haben wir wohl eine Stammleserin.“ Dann griff er sich an die Stirn und meinte, dass er wohl Fieber habe. Wir waren just im Lift, als die Bibliothekarin mit dem Autor ebenfalls ins Parkgeschoss runter fuhr. Wir wünschten eine gute Heimreise, doch da war nichts mehr zu hören, die Stimme war weg.

Wir können uns glücklich schätzen, dass es überhaupt zu dieser interessanten Lesung gekommen ist. Ich hätte Herrn Hartmann noch lange zuhören können.

Räuberleben“ und das letzte Kinderbuch „All die verschwundenen Dinge“ sind im Diogenes Verlag erschienen. Die Homepage des Autors ist ein Besuch wert, zu einigen Romanen gibt es ausführliches Material nachzulesen.

„Zürich liest“ 2012

Es dauert nur noch einen Monat, dann startet das diesjährige Literaturfestival „Zürich liest“ von dem ich schon letztes Jahr berichtete und begeistert war. Da es keinen Festivalpass gibt, was ich sehr bedauere, habe ich mir schon einige Tickets für diverse Veranstaltungen besorgt.

Am 26. Oktober 2012 werde ich mir Lunchkino die Verfilmung von „Death of a Superhero“ ansehen, bei dem auch der Autor des Romans, Anthony McCarten, anwesend sein wird. Vor einem Monaten erschien im Diogenes Verlag die literarische Fortsetzung unter dem Titel „Ganz normale Helden“.

Am Abend werde ich ins Literaturhaus gehen und die fünf Autoren und Autorinnen bei einer Lesung erleben dürfen, die für den „Schweizer Buchpreis“ 2012 nominiert wurden, das sind:

  • Sibylle Berg: „Vielen Dank für das Leben“
    Ursula Fricker: „Ausser sich“
    Peter von Matt: „Das Kalb vor der Gotthardpost“
    Thomas Meyer: „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“
    Alain Claude Sulzer: „Aus den Fugen“

Für den Samstag habe ich mir etwas Spezielles vorgenommen, nämlich mit dem Schiff nach Wädenswil zu fahren und unterwegs Literarisches von Robert Walser zu hören mit anschliessendem Besuch der Villa, in der ein Teil des Romans „Der Gehülfe“ handelt.

Zum Abschluss des Festivals, am 28. Oktober, werde ich Carlos Ruiz Zafón am Klavier erleben. Er wird aus seinem neuen Roman „Der Gefangene des Himmels“ lesen und im Gespräch zu hören sein. Auf diesen Anlass freue ich mich ganz besonders.

Vielleicht ergibt sich noch irgendein spontaner Anlass zwischendurch. Von meinen Aktivitäten werde ich selbstverständlich hier berichten. Ich hoffe, ihr seid so gespannt wie ich.

Mit beiden Beinen in zwei Kulturen

Erst am vergangenen Sonntag wurde Catalin Dorian Florescu an der BuchBasel mit dem Schweizer Buchpreis 2011, für seinen Roman „Jacob beschliesst zu lieben“ ausgezeichnet. Gestern Abend hatten wir bereits das Vergnügen, den Autor in unserer Gemeinde zu sehen und zu hören. Sein neuestes Werk, das Elke Heidenreich in der FAZ als sein bestes rühmt, habe ich erst vor zwei Tagen zu lesen begonnen, aber schon jetzt kann ich sagen, dass es aussergewöhnlich ist. Ich wollte es mir also nicht nehmen lassen, diesen Autor ein zweites Mal an einer Lesung zu sehen. Der Anlass wurde in den grossen Gemeinderatssaal verlegt, in Anbetracht der Aktualität, aber ich befürchtete, dass der Saal sicher wieder nicht voll würde. Es tut mir leid dies sagen zu müssen, in unsrer Stadt gibt es zu wenig Literaturinteressierte und ich finde das äusserst Schade.

Viele wissen gar nicht, was sie da verpassen. Einen Schriftsteller hautnah und auf Augenhöhe zu erleben, finde ich immer wieder sehr spannend und bereichernd. Ich habe mich vor der Lesung mit einer pensionierten Bibliothekarin unterhalten, da erfährt man doch so viele interessante Fakten und Geschichten aus der Literaturwelt.

Catalin Dorian Florescu kam früh und zeigte keine Berührungsängste mit dem Publikum. Man kommt rasch mit ihm ins Gespräch. Das kleine Pult mit Mikrofon auf der Bühne wollte er nicht haben, zu weit von den Leuten entfernt.

Kurzerhand wurde der grössere Tisch, an dem der Billette-Verkauf vor sich ging, hergebracht und vor die drei Stufen der Bühne platziert. Näher ans Publikum ging wirklich nicht.

Die Einführung und einen Überblick über die fünf Romane gestaltete der Germanist Heinrich Boxler. Er führt  an der Volkshochschule den Kurs „Neue Schweizer Literatur“ durch und an einem der fünf Kursabende findet jeweils eine Autorenlesung statt. Bereits im Juni wurde der Termin mit dem Autor fixiert, damals ahnte noch niemand, dass er einige Monate später der Träger des Schweizer Buchpreises sein würde. Daher meinte Boxler, er hätte in letzter Zeit viele Mails von Catalin erhalten und hätte Angst gehabt, dieser würde die Lesung in einem seiner Mails absagen, weil er vielleicht andere Verpflichtungen vorgezogen hätte. Der Schriftsteller konterte scherzend, dass Anfragen aus New York, Paris, Madrid und Moskau eingegangen seien, „was ist mir die Welt, wenn ich Dietikon habe“. Boxler zog aus seinem Rucksack ein kleines Fläschchen Prosecco und zwei Plastik-Flûtes, um mit Florescu auf den Preis anzustossen.

Damit die Zuschauer nicht neidisch würden, drehte sich der Autor mit dem Rücken zu uns und nahm einen Schluck mit hörbarem Laut, dass es geschmeckt hat, nicht zu viel, damit er die Lesung nicht „alkoholisiert“ halten müsse. Als Boxler erklärte, dass Florescu als freier Schriftsteller arbeite, meinte dieser: „Was ist ein freier Schriftsteller? Wäre ich Schriftsteller in Kuba, wäre ich jetzt im Gefängnis. In diesem Sinne, ja, bin ich ein freier Schriftsteller.“

Wie gesagt, Mikrofon war nicht nötig, ein Stuhl auch nicht. Florescu setzte sich auf den Tisch und fing erst einmal an zu erzählen, über seine Bücher, seine vier ersten Romane, das erste Buch „Wunderzeit“ autobiographisch, auch der zweite „Kurzer Weg nach Hause“, „Der blinde Masseur“ und „Zaïra“, diese Menschen gab es wirklich und er hat über sie erzählt. Immer wieder sind es Menschen aus seiner ersten Heimat, die er in seinen Romanen verarbeitet.

Wir erfuhren viel Interessantes über Rumänien, das er als fünfzehnjähriger Junge mit seiner Familie verlassen hat und ihn in die Schweiz geführt hat. Erst sein fünfter Roman „Jacob beschliesst zu lieben“ handelt von fiktiven Personen. Wie das Banat in Rumänien besiedelt wurde, von wo der Autor auch stammt, entspricht hingegen der Geschichte. Es waren Menschen aus Lothringen und dem Elsass, die sich nach dem Dreissigjährigen Krieg, nach Seuchen und anderen Kriegen, in Rumänien niederliessen. Wir bekamen viele Hintergrundinformationen geliefert, auch immer mal wieder mit witzigen Bemerkungen. Selbst Rumänien-Witze aus Ceausescu-Zeiten fehlten nicht.

Florescu las aus „Zaïra“ und aus „Jacob beschliesst zu lieben“ die Passagen zur Geburt der beiden Hauptfiguren. Dabei konnte er ganze Seiten überspringen und fügte doch alles zu einem Ganzen zusammen. Anschliessend stellte er sich für Fragen des Publikums zur Verfügung und signierte danach seine Bücher. Dabei ist zu bemerken, dass der Kursleiter und der Autor noch in Zürich herumgesaust sind, um das neueste Werk und einige ältere Titel aufzutreiben. Da kam Florescu nicht umhin anzufügen, dass er sich wie in den 1980er-Jahren fühle, als die Leute in Rumänien in Schlangen für Lebensmittel oder sonst etwas anstanden. Nun waren also auch in Zürich seine Bücher zur Mangelware geworden.

Ich erlebte einen durch und durch sympathischen Autor, der seine Zeit auch in Gesprächen dem Leser widmet, beim Signieren seiner Bücher jedem etwas Persönliches in sein Exemplar schreibt und dessen Bücher es sich zu lesen lohnt. Er hat meine Neugierde auf dieses Land im Osten Europas und dessen Gesicht noch mehr geweckt! Ich hätte ihm ein grösseres Publikum gegönnt.

Ich setze mich also erneut mit Freude an „Jacob beschliesst zu lieben“ und bin gespannt, was mich in diesem Roman noch alles erwartet. Bericht folgt.

Fotos © lesewelle

Zürich liest (Teil III)

Ich sag nur eines, mammamia, war das ein Tag!!

Es soll mal einer sagen, dass Literatur kein Sport sei und nicht fit hält. Was ich heute in der Stadt rumgesprintet bin, uffa, da war ich froh, zwischendurch ins Tram sitzen zu können, um mich durch die Stadt schaukeln zu lassen. Aber nun mal ganz schön der Reihe nach.

„Zürich liest“ hält 140 Veranstaltungen bereit, von Donnerstag bis Sonntag. Mir reichen definitiv Freitag und Samstag. Samstag war ich jetzt gerade mal zwölf Stunden unterwegs. Ich bin so schweissnass, wie nach dem Sport, es war ein Marathon.

Unterwegs im Zug nach Zürich war ich noch am Überlegen, ob ich am Stadtrundgang mitmachen sollte oder nicht. Es war 10 Uhr 50, als ich Richtung Bellevue, das liegt direkt am See, trabte und schliesslich einen schnelleren Gang einlegte. Ich wollte definitiv dabei sein.

Die Festival-Fahnen flattern vor dem Opernhaus

Das Motto lautete: „In Zürich möchte ich wohl leben“ auf den Spuren von Schriftstellern durch Zürichs Altstadt

Zahlreich haben sich die Literatur-Spaziergänger am Treffpunkt eingefunden und Martin Dreyfus erwies sich als sehr kompetenter Führer an die literarischen Orte.

Martin Dreyfus auf dem Fenstersims des Dada-Hauses

Da wurden Begebenheiten von Schriftstellern, die in Zürich lebten oder für die Zürich nur Durchgangsstation war, beschrieben, durch Zitate, Aufzeichnungen und Gedichte. So kamen wir an Orten vorbei, wo Elias Canetti, Stefan Zweig, Else Lasker-Schüler, Paul Celan, James Joyce und viele mehr gelebt und gewirkt haben. Ausnahmen bildeten der einheimische Hugo Lötscher und auch Gottfried Keller. In zwei Stunden erfuhren wir Spannendes und Lustiges, aus einer Zeit, die längst der Vergangenheit angehört und nie mehr so glanzvoll sein wird. Etliche Bauten gibt es heute nicht mehr, sie mussten grässlichen Betonklötzen weichen oder, wie das leider üblich ist, eine Buchhandlung wurde zum Kleider- oder einem Irgendwas-Shop. Ursprünglich wie damals steht das Hotel Hirschen noch da, wo anfangs der 1930er-Jahre Erika Mann mit der „Pfeffermühle“ anfing, Theater aufzuführen, mit dabei war die grossartige Therese Giehse.

Hotel Hirschen, Wirkstätte von Erika Manns Pfeffermühle

Wir standen vor dem einzigartigen Literatur- und Künstlercafé Odeon, das heute auf die Hälfte der Fläche geschrumpft ist, weil nebenan eine Apotheke eingezogen ist, wo sich Kafka, Joyce, Tucholsky und andere Berühmtheiten die Klinke in die Hand gaben.

Das ehemalige Hotel Schwert, wo unter anderem Goethe wohnte, durfte auch nicht fehlen, gleich daneben im Hotel Storchen residierte Nelly Sachs, für die Paul Celan extra nach Zürich gereist war und so das Gedicht zum Hotel Storchen entstand.

das ehemalige Hotel Schwert

Nur einen Katzensprung entfernt wohnte Marthe Kauer, die Leiterin der Volkshaus-buchhandlung, die selbst einen Berthold Brecht in die „Katakombe“ (der Treff für Lesungen zwischen den Bücherregalen der Buchhandlung) zu einem Auftritt überreden konnte. Lenin, der mit seiner Frau in einem Zimmer logierte, das damals schon eine kleine EU war, weil so viele Nationen in ein und derselben Wohnung eingemietet waren.

dazu gibt es nichts zu sagen

Sehr amüsant war die Schilderung über Ricarda Huch, die damals als Frau in Deutschland noch nicht studieren durfte und deswegen in die Schweiz an die Uni kam. Sie war am Anfang Gast im ehemaligen Hotel Bellevue. Sie sass im Restaurant, zwei Herren daneben unterhielten sich in einer Sprache, die sie als keine westeuropäische Sprache erkannte. Slawisch war es aber ebenso wenig, vielleicht Usbekisch, Turkmenisch? Am Schluss stellte sich heraus, dass die beiden Männer ganz einfach Zürichdeutsch gesprochen hatten, von dem die Dame kein Wort verstanden hatte, was sich später allerdings änderte.

das ehemalige Hotel Bellevue

Es war zwar kalt, aber durch den zackigen Gang unseres Literaturführers kam man gar nicht zum Frieren. Der Rundgang war wundervoll und und hochinteressant. Man lernt seine Stadt aus ganz anderen Blickwinkeln kennen.

Eines muss vielleicht auch noch gesagt werden: die beiden Weltkriege sind schuld, dass etliche Literaten überhaupt in unser Land gekommen sind. Sie haben die Stadt Zürich, auch wenn sich die Einen nur kurze Zeit hier aufhielten, durch ihren Aufenthalt, sehr bereichert.

Walter Mehring (aus den Unterlagen von Martin Dreyfus)

Um zwei Uhr wollte ich an einer Lesung teilnehmen, die ebenfalls speziell war, denn sie wurde im Tram durchgeführt. Ab 11. Dezember fährt die Linie 4 eine andere und teilweise komplett neue Route. Wie lange diese in Bau war, weiss ich schon gar nicht mehr, sicher zwei Jahre oder länger. Wir hatten also das Vergnügen, 50 Minuten auf der neuen Strecke durch die Stadt zu fahren und Endo Anaconda beim Lesen, aus seinem zweiten Buch seiner Kolummnen „Walterfahren“ zuzuhören. Walter ist der Name seines über zwanzig Jahre alten und verrosteten Autos. Anaconda ist der Sänger der Berner Band „Stiller Has“ und ein Unikum für sich. Ich sag nur eines: es war zum Schreien:)

Endo Anaconda mit seiner Verlegerin

Ach ja, hier muss ich noch erwähnen, als ich mich am Bücherstand erkundigt habe, wo ich Tickets für die Fahrt kaufen könne, da meinte die nette Dame, sie hätte noch Gratis-Tickets und schenke mir die Karte 🙂

Endo Anaconda

Dann war da noch die Truppe von „Index“, ein Künstler-Kollektiv, junge Autoren von Romanen, Theaterstücken und Kunstaktionen. Diese hatten am Bellevue ein Schreibbüro eingerichtet, wo man gegen ein kleines Entgelt, eine Geschichte bestellen konnte, egal ob man einen Liebesbrief, einen Witz, eine Weihnachts-, Familien- oder Pornogeschichte (dies ist kein Witz, stand so da) wünschte. Worte, Namen, Handlungsorte konnte man, wenn man wollte, vorgeben.

Einer der Schreiber hackte die Geschichte in 30 bis 45 Minuten in seine mechanische Schreibmaschine.

Index-Autoren beim Geschichten schreiben

Ich machte also meine Lesungsfahrt, wo sich endlich meine Füsse ausruhen konnten und holte meine Geschichte nachher ab. Inzwischen waren die Leute völlig überlastet und kamen mit Schreiben kaum noch nach.

"Mein" Autor Kurt Shortfart macht sich erste Notizen

Meine Stichworte waren Weihnachtsgeschichte, Alphütte und die Vornamen von meinem Liebsten und mir. Ich war ja so gespannt.

Als ich das Blatt in den Händen hielt, habe ich sicher gestrahlt wie tausend Sonnen. Wer kann schon eine Weihnachtsgeschichte sein Eigen nennen, die extra für ihn geschrieben wurde?

Das Papier hatte viele kleine Löcher, von all den Os des Hämmerchens, das längst seine Schuldigkeit getan hat. Ich war begeistert. Mir schien, als würde mich der Autor kennen, so treffend hat er die Geschichte verfasst, die den Titel „Die Kerze“ trägt. An Weihnachten werde ich diese kleine Geschichte meiner Familie vorlesen.

Jetzt hatte ich etwas Zeit, um es gemächlich anzugehen. Ich schlenderte über die Bellevuebrücke, quer durch den Flohmarkt zur Bahnhofstrasse und genehmigte mir zwischendurch eine kleine Verpflegung. Der nächste Gang führte mich in die Buchhandlung von Orell Füssli, wo ich plötzlich die Musik einer Handharmonika hörte. Da sass eine Musikerin in der Abteilung für fremdsprachige Literatur und spielte so wunderschöne und melancholische Lieder, ich wähnte mich mitten in Paris, woher die Dame, deren Namen ich nicht kenne, auch stammt.

Klänge aus Paris

Dazwischen lass sie aus dem Buch von Dominique de Rivaz „La Poussette“ (der Kinderwagen) und ich hörte ihr gerne zu, weil ich die französische Sprache so liebe. Eigentlich hätte die Autorin selber lesen sollen, sie war jedoch aus familiären Gründen verhindert.

Jetzt dauerte es nicht mehr lange und der nächste Höhepunkt sollte meinen literarischen Tag beschliessen. Ich hatte mich mit einer Freundin für die „Lesung“ von Rafik Schami verabredet.

Die Lesung ist bei ihm freies Erzählen. Der Saal war komplett ausverkauft (für zwei Veranstaltungen!). Da kam dieser überaus sympathische Mann auf die Bühne und wir hörten ihm zu und hörten ihm zu und ….. Rafik Schami fragte immer mal wieder: „Soll ich noch eine Geschichte erzählen? Soll ich das überspringen?“ Wie kleine Kinder, die am Boden vor der Märchentante sitzen, riefen wir: „nein, bitte weiter“. Der Mann ist unglaublich, steht da mitten auf der Bühne, lässt auch seine Hände reden und gibt eine Geschichte nach der anderen aus seinem neuen Buch „Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“ zum Besten.

Rafik Schami

Wir hätten ihm noch lange zuhören können, aber irgendwann musste leider Schluss sein. Eine Zuhörerin rief ihm auf Arabisch zu:“Ich wünsche Ihnen eine gute Zunge“, worauf er ihr ebenfalls eine „gute Zunge“ wünschte. Dann stand noch Signieren seiner Bücher auf dem Programm, danach musste er den Nachtzug nach Bremen erreichen, wo ihm der mit 7500 Euro dotierte Preis  „Gegen Vergessen – für Demokratie“ verliehen wird.

Er lobte das neue viertägige „Zürich liest“-Festival und versprach nächstes Jahr wieder zu kommen. Nicht nur ich, wir alle nehmen ihn beim Wort, denn er war grossartig, er ist ein wahrer Erzähler, der locker mehrere Stunden als Alleinunterhalter bestreiten kann. Es wird keine Sekunde langweilig. Am Anfang verlangte er mehr Licht, damit die Zuschauer auf der Galerie nicht einschlafen würden. Dazu bestand keinen Augenblick Gefahr.

So, nun reicht es für eine Weile. Ich könnte noch viel erzählen, denn ich bin voll von tollen Eindrücken, von Begegnungen mit netten Menschen und auch der Herbst zeigte sich noch einmal von seiner besten Seite. Es war spannend und ich bin überzeugt, dass das Festival eine gute Bilanz ziehen kann. Ich auf jeden Fall bin begeistert 😀