Blogparade 2013

Blogparade

Katrin von BuchSaiten ruft zum Jahresende wieder zur beliebten Blogparade auf, an der ich gerne wieder teilnehme, obwohl mein Lesejahr, aus verschiedenen Gründen, eher bescheiden ausgefallen ist – leider. Trotzdem möchte ich diese fünf Fragen beantworten:

– Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, dass mich dann aber doch positiv überrascht hat?

Vielleicht ist es tatsächlich „Der Nebel von gestern“. Ich bin eigentlich keine Krimi-Leserin, aber der Roman von Leonardo Padura ist sehr spannend aufgebaut und lässt tief in die kubanische Seele blicken. Ausserdem ist er etwas für Musik- und Bücherliebhaber, denn beide Kulturrichtungen verbinden sich hervorragend miteinander.

– Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat?

Was heisst schon viel versprochen? In der Regel springe ich nicht auf den Zug eines Hype auf, sondern lese meine Lektüre sorgfältig aus und werde in der Regel deshalb auch nicht enttäuscht.

– Welches war meine persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Definitiv ist Maria Matios aus der Ukraine meine Autoren-Neuentdeckung. „Darina die Süsse“ ging unter die Haut und hat mich viel über die Bukowina gelehrt.

Welches war mein Lieblingscover in diesem Jahr und warum?

Von den Büchern, die ich gelesen habe, hat mir das Cover von „Der Nebel von gestern“ am besten gefallen, weil er wie aus einem Schwarz-Weiss Film entsprungen scheint, die ich schon immer gemocht habe.

Welches Buch will ich im 2014 unbedingt lesen und warum?

Ich lasse mich dieses Mal nicht mehr auf die Äste raus, denn es kommt immer alles anders als man denkt.

So, das war’s auch schon wieder.

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Auf den Spuren schwarzer Geschäfte

Seit nun elf Jahren bin ich Mitglied in einem Lesezirkel, der sich etwa alle sechs Wochen trifft. Unsere Gruppe, die aus sieben Frauen besteht, hat letztes Jahr das zehnjährige Jubiläum begangen. Einige von uns, sind seit Beginn dabei. Das war für uns Anlass, auch einmal über eine literarische Reise nachzudenken, die wir dieses Jahr wahr werden liessen.

Schon früh machten wir uns Gedanken, wohin es gehen sollte. Ich schlug schliesslich Neuchâtel vor, eine reizende Stadt in der französischen Schweiz, in dem das Dürrenmatt-Museum beheimatet ist. Freudig wurde die Planung in Angriff genommen und wir stellten uns das in etwa so vor:

Mit dem Zug nach Neuchâtel mit Frühstück im Bistro-Wagen, Stadtführung, Mittagessen und danach einen Abstecher ins Dürrenmatt-Museum.

Ja, so stellten wir uns das vor. Es kam dann allerdings etwas anders, als geplant. Zufälligerweise war ich im Frühjahr auf eine interessante Stadtführung gestossen. Es sollte kein gewöhnlicher Rundgang werden, sondern etwas Spezielles. Zufälligerweise bin ich auf eine Führung gestossen, die es nur auf Anfrage gibt: „Sur les traces des affaires noirs“, zu deutsch „Auf den Spuren schwarzer Geschäfte“. Eine Führung zu den Stätten und Villen von Neuenburgern, die durch den Sklavenhandel zu Reichtum gelangt waren.

Ich vereinbarte einen Termin mit dem Veranstalter. Eine Freundin war für die Reservation von Plätzen im Bistro-Wagen zuständig, eine andere bemühte sich um eine Tischreservation in einem Restaurant in Neuchâtel. Im Verlaufe des Spätsommers recherchierte ich dann noch, wie wir am einfachsten zum Dürrenmatt-Museum kämen und dann fiel mir die Kinnlade runter: „Das Museum ist wegen Bauarbeiten bis anfangs Dezember 2013 geschlossen“ – grossartig! Die Führung war gebucht. Es gab kein Zurück mehr. Bistro-Wagen konnte auch nicht reserviert werden, denn wegen Bahn-Bauarbeiten wurde der Zug umgeleitet und führte keinen Speisewagen ab Zürich mit. Wurde ja immer besser!

Am Tag X, anfangs November, es war ziemlich kalt und das Wetter verhiess nichts Gutes, ging die Reise dann los. Eine Kollegin offerierte uns edle Croissants und mit mitgebrachtem Kaffee genossen wir unser kleines Frühstück im Abteil. In Olten mussten wir umsteigen. Nach wenigen Minuten ging die Reise weiter. Die Sonne zeigte sich durch die dichten Wolken, mit herrlicher Stimmung über dem Bielersee. Das goldene Reblaub leuchtete prächtig.

Bielersee

Bielersee

Am Bahnhof wartete schon die junge Mitarbeiterin von der cooperaxion auf uns und wir marschierten runter an den See, wo sie uns eine Einführung zum Thema des Sklavenhandels gab.

Die Schweizer waren im 17.- 19. Jahrhundert im transatlantischen Sklavenhandel tätig. Das hiess hauptsächlich, dass Firmen der damaligen Helvetischen Konföderation sich am Geschäft mit dem Sklaven- und Warenhandel beteiligten und dadurch profitierten. Lieferten sie bsp.weise Stoffe, sogenannte „Indiennes“ aus der damals noch florierenden Textilindustrie an die afrikanischen Küsten, wurden sie gegen Sklaven getauscht, die auf den Sklavenschiffen nach Amerika und auf die karibischen Insel transportiert wurden und dort auf Zuckerrohr-, Kakao- oder Tabakplantagen arbeiten mussten. Die Produkte wurden von den Händlern gekauft und in Europa verkauft, woraus sie ihren Reichtum aufbauten.

David de Pury

David de Pury

So standen wir auf unserem Stadtrundgang vor etlichen herrschaftlichen Häusern, die aus diesem Profit gebaut wurden. Einige Herren hatten keine Nachkommen und vermachten ihr Vermögen der Stadt, bauten das erste Hospital, Schulen etc.

Hôtel du Peyrou

Hôtel du Peyrou

Nicht nur Neuenburg profitierte von diesem Dreieckshandel, auch Städte wie Genf, Basel, Bern oder Zürich waren beteiligt. Je länger ich persönlich zuhörte, desto mehr machte mich das Thema neugierig. Ich finde es wichtig, dass wir von diesem unrühmlichen und düsteren Kapitel der vergangenen Jahrhunderte erfahren. Die cooperaxion, die ihren Sitz in Bern hat, bemüht sich sehr, hier Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie engagiert sich aber auch mit Projekten, unter anderem in Liberia, um jungen Menschen eine Ausbildung zu ermöglichen und sie von der Strasse wegzuholen. In dem Land, an dessen Küsten einst viele Sklavenschiffe ankerten, auf denen Vorfahren auf dem Weg nach Übersee qualvoll ihr Leben verloren oder später auf Plantagen, unter unmenschlichen Bedingungen, zur Arbeit gezwungen wurden.

Sklavenschiff

Sklavenschiff

Einige wenige Kaufleute brachten schwarze Diener und Dienstmädchen mit in unser Land. Allerdings weiss man nur wenig über ihr Schicksal, da sie kaum in der Öffentlichkeit zu sehen waren. Wer weiss, was eventuell noch in privaten Archiven schlummert.

Nach der spannenden Führung verabschiedeten wir uns von unserer kompetenten Begleiterin. Der Spaziergang, der bei trockenem Wetter über die Bühne gegangen war, hatte Hunger gegeben. Wir zogen in ein Lokal, das gut besetzt war und typische Gerichte der Region auf der Speisekarte hatte.

Nach dem Essen schlenderten wir durch die Altstadt, entdeckten hübsche Ecken, stiegen zum Schloss und zur Kirche hoch, wo der Blick über den See und die Berge schweifen konnte. Dann noch ein Bummel dem See entlang und die letzten Strahlen der Sonne geniessen, bevor der Weg Richtung Bahnhof und die Heimreise, reich beschenkt an neuen Eindrücken und Wissen, angetreten werden musste.

In der Altstadt

In der Altstadt

Aussicht über Neuenburg

Aussicht über Neuenburg

Bei unserem Ausflug hielt ich ständig meinen Fotoapparat gezückt, um die schönsten Momente einzufangen. Nach der Reise gestaltete ich am Computer ein Fotoalbum, das ich als Überraschungs-Geschenk bei unserem letzten Lesezirkel-Treffen überreichen konnte. Ein Andenken an unsere erste Reise, die sich mehr als gelohnt hat und sich hoffentlich an andere Orte fortsetzen wird.

Neuenburger-See

Neuenburger-See

Weiterführende Informationen:

www.cooperaxion.org

Sachbuch:

Reise in Schwarz-Weiss

Belletristik:

Die Mohrin

Niedergang

Niedergang

Roman Graf, geboren 1978 in Winterthur, Schweiz, arbeitete nach seiner Ausbildung als Forstwart in verschiedenen Berufen und studierte am Leipziger Literaturinstitut. Für seinen ersten Roman „Herr Blanc“ erhielt er zahlreiche Preise, unter anderem den Mara-Cassens-Preis 2009 und den Förderpreis des Berner Literaturpreises 2010. Der Autor lebt heute in Berlin.

Sein Roman „Niedergang“ war nominiert für den Schweizer Buchpreis 2013.

„Am höchsten hinauf, am weitesten kommt, wer mit der Natur verschmilzt, dachte André; das schlechte Wetter muss man sich zum Verbündeten machen.

Regenschwerer Neben hatte über Nacht das Tal gefüllt, klebte im Talgrund, hakte sich an Häuserecken, Dachvorsprüngen, Dachrinnen fest, erstickte das Bergdorf. Der Kirchturm und die Giebel der höheren Häuser waren im Nebel verschwunden, wie abgetrennt, nicht mehr Teil dieser Welt. Strasse und Trottoir, aber auch der Felsen neben der Bäckerei lagen vom Nieselregen verfärbt.“

André ist Schweizer und lebt seit einigen Jahren in Berlin. Er hat den Wunsch, seiner deutschen Freundin Louise seine Heimat zu zeigen und mit ihr eine mehrtägige Wanderung in den Bergen zu machen. Minutiös hat er die Bergtour, die sie gemeinsam unternehmen wollen, vorbereitet, nichts dem Zufall überlassen. Die Wanderroute hat er genau studiert, die Zeit berechnet, damit sie ganz sicher rechtzeitig in der Berghütte ankommen, wo sie zu übernachten gedenken. Während den weiteren Tagen werden sie auch im Zelt biwakieren. Die Kondition haben sie bei ausgedehnten Wanderungen auf der Mecklenburgischen Seenplatte antrainiert. Da auch eine kurze Kletterpartie eingeplant ist, haben sie in der Kletterhalle ein Klettertraining absolviert und nach und nach den Schwierigkeitsgrad erhöht.

Nun ist das Paar im Hotel angelangt, André bereit für die Bergtour. Louise hingegen, ist schlecht gelaunt, denn das Wetter ist für alles andere geeignet, denn für eine mehrtägige Tour in den Alpen. Doch André besteht auf Aufbruch, Nieselregen und Nebel hin oder her. Sein ganzes Programm gerät sonst aus den Fugen und das wäre schade. Während André voll in seinem Element ist, trottet seine Freundin mit dem schweren Rucksack missmutig hinterher. André weiss, worauf es in der Natur und beim Wandern ankommt, denn er erinnert sich nur zu gut an die Zeit, als er Pfadfinder war, deshalb spart er auch nicht mit gutgemeinten Ratschlägen an seine Freundin.

„Die zähen Abenteuer als Jugendlicher, die er alle bestanden hatte, führten zu einem Selbstbild, zu einer Einstellung, die er noch heute besass: Kein Wanderweg der Welt konnte ihn, André besiegen! Wenn es sein musste, wurde er eine Maschine; nicht wegen seiner Kraft, die mittelmässig war, vielmehr wegen seines Willens.“

Erst am Tagesziel, einer Berghütte, taut Louise, dank dem Gespräch mit dem deutschen Hüttenwart, etwas auf. Jetzt ist es André, der den „Saisonnier“ am liebsten nach Hause schicken würde. Den wird er ganz bestimmt nicht fragen, wie sich das Wetter entwickeln wird.

Val d'Anniviers_1

Die Welt sieht am folgenden Morgen ganz anders aus, als endlich die Sonne scheint. Für eine Weile scheint auch für André und Louise alles in Ordnung zu sein. Doch unterschwellig gärt es, jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt, wohl auch mit Zweifeln, was die Bergtour, die Beziehung betrifft. Das Ziel ist nah, die Besteigung des Gipfels steht bevor, als Louise sich entscheidet, die Übung abzubrechen. André kann es kaum fassen, ist aber keineswegs bereit, seine Freundin beim Abstieg zu begleiten – nicht so kurz vor dem Ziel. Er entscheidet sich, den Aufstieg ohne Louise durchzuziehen. Allein und auf sich gestellt, hat er viel Zeit, nachzudenken, sich einsam zu fühlen, wütend auf seine Freundin zu sein, die ihn kläglich im Stich gelassen hat, sie trotzdem zu vermissen, in Selbstmitleid zu zerfliessen.

„Bei Louise wusste er nie, woran er war. Gerne hielt sie Dinge im Geheimen, brütete Vorhaben aus und rückte erst spät damit heraus. So hatte sie ihm nicht zu Beginn ihrer Beziehung erzählt, dass Louise nicht ihr richtiger Name war, sondern erst viel Monate später. […] Er hatte damals gleich gedacht, dass ihr Verhalten von geringem Selbstvertrauen zeuge oder sogar krankhaft sei. Heute noch konnte er nicht verstehen, dass sie ihm ihren richtigen Namen nicht früher gesagt hatte. Noch heute ärgerte er sich darüber.“

„Niedergang“ habe ich zu einem Zeitpunkt gelesen, als wir selber Bergwanderungen unternahmen. Es war einfach, sich in Roman Grafs Figuren hineinzudenken, was das Wandern betrifft. Die Stimmung kann leicht kippen, wenn das Wetter schlecht gelaunt ist. Und welche Euphorie, wenn man am Ziel ist und ein herrliches Bergpanorama in gleissendem Sonnenschein vor sich hat. Vergessen sind alle Strapazen und die Müdigkeit. Doch wenn die Beziehung einen Knick abbekommen hat, können tagelange Wanderungen im Gebirge zum Alptraum werden. Das Schweigen des anderen erschlägt einem wie herabstürzende Felsen. Während den stundenlangen Märschen bekommen die Gedanken Beine und wandern ebenfalls. Der Autor hat die geladene Atmosphäre, die zwischen dem Paar herrscht, sehr präzise beschrieben. André geht einem auf die Nerven mit seinen Pfadfinderweisheiten. Er weicht auch keinen Zentimeter von seinem Plan ab. Was sein muss, muss sein. In Gedanken kritisiert er jeden, nur seine eigenen Fehler sieht er dabei nicht. Louise hingegen entwickelt sich weiter – weg von André – und geht ihren eigenen Weg. Obwohl zwei Menschen „nur“ auf einer Wanderung in die Höhe steigen, wird die Geschichte keinen Moment langweilig. Im Gegenteil, man ist gespannt, was sich zwischen den beiden als nächstes ereignet. Das Buch lässt sich süffig weglesen.

Roman Graf „Niedergang“
Verlag Knaus
erschienen 2013
ISBN 978-3-8135-0566-5

Jahresrückblick 2012

buchsaiten

Bald ist das Jahr 2012 Vergangenheit und es ist Zeit, einen literarischen Rückblick auf die vergangenen Monate zu werfen. Wie schon letztes Jahr hat BuchSaiten zur Blogparade aufgerufen und stellt folgende Fragen, auf die ich hier gerne eingehe:

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat?

Das gibt es auch in diesem Jahr nicht wirklich. Vielleicht am ehesten noch „Die Donnerstagswitwen“ von Claudia Piñeiro. Der Titel klang für mich im ersten Moment etwas seicht. Der Roman entpuppte sich dann als spannend und gesellschaftskritisch.

Die Donnerstagswitwen

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat?

Keines der gelesenen Bücher hat mich negativ überrascht.

Welches war eure persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Da gibt es eigentlich mehrere Neuentdeckungen für mich. Sehr beeindruckt hat mich „Wovon wir träumten“ von Julie Otsuka. Sie schrieb die Geschichte der japanischen picture brides, in dem sie die kollektive Erzählweise wählte. Das war einzigartig und grossartig zugleich. Ein wunderschönes, trauriges und berührendes Buch hat auch Nathacha Appanah mit „Der letzte Bruder“ geschrieben. Beide Autorinnen habe ich zuvor nicht gekannt und waren eine echte Entdeckung und Bereicherung.

Der letzte Bruder          Wovon wir träumten

Welches war euer Lieblings-Cover in diesem Jahr und warum?

Von allen gelesenen Büchern gefällt mir das Cover  „Wovon wir träumten“ optisch am besten. Die zarten Blüten in Rosé passen zwar zu Japan, auf der anderen Seite sind sie viel zu zart und wiederspiegeln in keinster Weise die Tragödie, um die es in diesem grossartigen Buch geht.

Welches Buch wollt ihr unbedingt 2013 lesen und warum?

Ich möchte endlich den Roman von Daniela Krien „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ lesen, da ich nur Gutes darüber gehört habe und das Buch auf meinem SuB bereitliegt. Dann sind da noch drei Romane, die auf der Short List für den „Schweizer Buchpreis“ standen und ebenfalls darauf warten, von mir gelesen zu werden, nämlich Sibylle Berg „Vielen Dank für das Leben“, Ursula Fricker „Ausser sich“, Thomas Meyer „Wolkenbruchs Reise in die Arme einer Schickse“.

Und welche Bücher habt ihr in diesem Jahr für euch entdeckt und was möchtet ihr 2013 unbedingt noch lesen?

Unser Lesezirkel

Über Bücher kann man auch wunderbar vor der Sportstunde diskutieren. Das geschah immer mal wieder, wenn meine Freundin auf dem gleichen Zug war wie ich, und wir so noch genügend Zeit hatten, um über aktuelle Lektüre zu diskutieren. Als eine Gruppenteilnehmerin mitbekam, dass wir so Literaturangefressen waren, erwähnte sie, dass sie schon in einer Lesegruppe mitgemacht habe. Allerdings existierte diese Gruppe nicht mehr. So entstand die Idee, wir könnten doch selber einen Literaturtreff ins Leben rufen und verabredeten uns mit ihr und zwei weiteren Freundinnen. Wir wollten uns erst einmal kennenlernen, sozusagen beschnuppern, und besprachen bei einem gemeinsamen Essen wie wir uns das in etwa vorstellten.

Schon beim ersten Treffen wählten wir ein Buch aus, das wir dann bei einer der Teilnehmerinnen, in einigen Wochen, diskutieren wollten: Friedrich Glauser „Gourrama“.

Der Lesezirkel war geboren. Der Termin wurde auf Mitte der Woche festgelegt – eine schöne Wochenteilung. Es kamen im Laufe der Zeit nochmals zwei Mitglieder hinzu, dann noch eine Interessierte, wieder Abgänge, weil die Chemie nicht mehr gestimmt hat. Und gerade hat sich die Zahl wieder bei sieben Mitgliedern eingependelt.

Reihum finden die Treffen bei einem Mitglied zu Hause statt, es wird zuerst getratscht und kleine Köstlichkeiten werden gereicht. Ein Glas Wein darf nicht fehlen und, es ist kein Muss, ein einfaches Essen gibt es auch – im Winter eine leckere Suppe oder einen Eintopf, im Sommer Salate oder sonst etwas Leichtes. Die Literatur, die soll natürlich nicht zu kurz kommen; die Lektüre wird diskutiert, manchmal knüpft man Fäden zum richtigen Leben und schliesslich stellt der Gastgeber vier, fünf Romane vor. Es wird nach einem Punktesystem abgestimmt und der Titel, der am meisten Punkte erhalten hat, wird gelesen.

So sind im Laufe der Jahre etwa siebzig Titel von uns gelesen worden, von den einen auch noch gleich die anderen Vorschläge, weil der Inhalt interessant und spannend beschrieben wurde, die Neugierde geweckt war. Bücher werden rege ausgetauscht und so ist man schon über Autoren gestolpert, die schliesslich zu den Lieblingen geworden sind, wie bei mir die grossartige Irène Némirovsky, von der ich im Laufe der Jahre so viel gelesen habe. Jedes Mal führen wir auch Protokoll. Da kann jede nochmals alles in Ruhe nachlesen, was besprochen, vorgeschlagen, ausgewählt wurde. Zusatzin-formationen, Zeitungsberichte, Termine, auch mal ein Gedicht zum Abschluss, werden mitgeliefert.

Vor einigen Wochen hatte ich meine alten Terminkalender in den Händen und bin auf den Termin unseres ersten Treffens gestossen, dabei stellte ich fest, dass es just in diesem Monat zehn Jahre geworden sind – ein Jubiläum!

Das war Anlass für mich, um mir etwas einfallen zu lassen. Als ich wieder einmal ins Antiquariat im Ort ging, da stiess ich schon vor dem Laden auf zwei Romane, die erst letztes Jahr erschienen sind. Da dachte ich mir, ich schenke jedem ein gut erhaltenes antiquarisches Buch. Ich wurde sehr schnell fündig. Zusätzlich kreierte ich für jedes Buch ein Geschenkpapier, darauf sollte der Autor zu sehen sein, sein Land und ein Bild, passend zum Roman. Ich suchte nach Literatur-Zitaten und stellte noch für jeden ein Lesezeichen her.

Als mir eine Kollegin beim letzten Treffen gleich ein passendes Stichwort lieferte, war bald mein Moment für die Überraschung gekommen. Sie hatte „Sturmhöhe“ im Kino gesehen und wollte sich auch das Buch von Emily Brontë kaufen. Welch ein Zufall, genau das hatte ich als Geschenk mit dabei!

Bei einem literarischen Quiz, mussten die Teilnehmerinnen irgendetwas zum Buch erraten, sei es Heimatland des Autors, den Titel selbst oder den Namen des Schriftstellers. Alle hatten ihren Spass beim Raten und ihre Freude über das Geschenk war gross – meine Überraschung gelungen. So fanden Bücher von Stewart O’Nan „Emily, allein“, Paula McLaine „Madame Hemingway“, Zsuzsa Bánk „Heissester Sommer“, Tschingis Aitmatow „Eine Kindheit in Kirgisien“, Doris Knecht „Gruber geht“ und Emily Brontë „Sturmhöhe“ ein neues Zuhause.

Und ich, ich fuhr nach dem Lesezirkel mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause.

Offener Brief an Gabriel García Márquez

Da lese ich dieser Tage in der Zeitung, dass Sie an dieser fürchterlichen Krankheit leiden, die jede Familie ereilen kann – Demenz. Sie machte auch nicht vor Ihnen halt. Und deswegen dürfen wir auch keine neuen Werke mehr von Ihnen erwarten, was mich sehr traurig macht.

Ich bin sehr froh, dass Sie Ihr Jurastudium nicht beendet haben, um Anwalt zu werden. Unter Umständen wäre die Literaturwelt um einige Meisterwerke ärmer. Statt der Juristerei haben Sie sich für Poesie und Literatur interessiert und unter anderem haben Sie sich mit den Werken von Ernest Hemingway und William Faulkner beschäftigt. Das kann ich nur allzu gut nachvollziehen, denn die Bücher dieser zwei Autoren sind auch stark in meinem Bücherregal vertreten. Ich könnte eigentlich alle nebeneinander auf das gleiche Bord stellen. Wäre interessant zu hören, was der Farmer Anse (Faulkner) mit dem alten Mann (Hemingway) und dem Schiffbrüchigen (García Márquez) so zu bereden hätten. Mit Haifischen haben zwei von den Teilnehmern ja Erfahrung, mit Wasser sogar alle drei.

Ich kam als junge Frau erstmals mit einem ihrer Bücher in Berührung. Ich erinnere mich sehr gut, welches Werk ich als erstes von Ihnen gelesen habe: „Bericht eines Schiffbrüchigen“. Ein packendes Buch, das ich kaum aus den Händen legen konnte. Es zeugt von höchster Schreibkunst, wenn man einen Leser an die Lektüre fesseln kann, mit nur gerade einem Protagonisten, ein wahres Kammerspiel. Eindrücklich haben Sie nach der Rettung eines Matrosen, der tagelang auf einem Floss im Ozean trieb, dessen Erzählung zu Papier gebracht. Mit diesem Bericht hatten sie mich bereits in der Tasche.

Dann las ich „Hundert Jahre Einsamkeit“. Die Familiengeschichte der Buendias in Macondo wurde Weltliteratur. Dafür haben Sie zu Recht 1982 den Nobelpreis für Literatur erhalten. Auch für Politik haben Sie sich interessiert und sich auch rege engagiert. Sie wurden sogar ein guter Freund von Fidel Castro. Dass Sie als Journalist gearbeitet haben, kommt in der Reportage „Das Abenteuer des Miguel Littín“ zum Audruck. Denn zuerst haben Sie den Exilchilenen Miguel Littín eine Woche lang interviewt, bevor sie das Buch, über dessen heimliche Filmaufnahmen in seiner Heimat Chile während der Pinochet-Diktatur, geschrieben haben. Etliche Ihrer Romane dienten als Filmvorlage, so auch „Chronik eines angekündigten Todes“ mit Rupert Everett, Ornella Muti und Irena Papas. Allerdings hat mir die Verfilmung nicht ganz so gut gefallen wie das Buch. „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ fand ebenfalls einen Regisseur und wurde mit Javier Bardem in der Hauptrolle verfilmt. Und ich muss Ihnen etwas gestehen. Ausgerechnet diesen Roman habe ich nicht gelesen, obwohl es zu den bedeutendsten Werken des 20. Jahrhunderts gehört. Entschuldigung – ich werde das noch nachholen.

Da Sie auch viele Erzählungen geschrieben haben, liess ich mir von Jan Josef Liefers „Das Leichenbegräbnis der Grossen Mama“ als Hörbuch vortragen. Für mich sind und bleiben Sie der Erzähler ganz grosser Geschichten. Südamerika bietet sich ja förmlich an für spannende Momente und intensive Gefühle. Man kann förmlich ertrinken zwischen den Buchseiten Ihrer Werke. Ihre Freunde nennen Sie Gabo. Für mich sind Sie ebenfalls ein guter Freund geworden, denn viele Stunden in meinem Leben haben Sie mich mit Ihren Büchern verzaubert.

Wenn ich könnte wie ich wollte, würde ich Sie, zusammen mit Ihrem ägyptischen Schriftsteller-Kollegen Nagib Machfus, den ich ebenfalls sehr verehre, an meinen Tisch einladen, um mit Ihnen beiden über Gott und die Welt zu plaudern und um weiteren Erzählungen zu lauschen. Aber eben ….

Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute und ich danke Ihnen für all die schönen Lesemomente, die Sie mir und Millionen Lesern auf dieser Welt mit Ihren Werken beschert haben.

Ihre buechermaniac

Ich packe einen Reisebücherkoffer

…. für Phileas Blog, auf dem Petra erneut ein spannendes Projekt gestartet hat mit dem Bücherkoffer für Reiseliteratur. Ein herzliches Dankeschön an Petra, die die Superidee mit der Reiseliteratur hatte, und dass ich mitmachen durfte. Es hat grossen Spass gemacht 🙂

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