Schweizer Literatur zum Nationalfeiertag

Schweizer Flagge

Die Schweiz feiert heute ihren Geburtstag. 723 Jahre alt wird die Dame und hat nicht nur Kühe und Berge, Käse, Schokolade und Uhren anzubieten, sondern zeigt auch literarisch, was sie kann. Ob allen voran das „Heidi“ von Johanna Spyri, der Exportschlager Nr. 1 in alle Herren Länder, gibt es noch so einige Autoren, die sich lohnen zu lesen, zu entdecken oder wiederentdecken. Von Klassikern wie Dürrenmatt oder Frisch, soll hier nicht die Rede sein. Es gibt junge und junggebliebene Schriftsteller, Einheimische, zugewanderte oder ausgewanderte Autoren, von denen ich hier gerne einige empfehlen möchte:

Schweizer Export

Eveline Hasler, die immer wieder historische Themen wählt, sei das die Geschichte der Anna Göldin oder ihr letzter Roman „Mit dem letzten Schiff“, in dem sie viele jüdische Künstler auf ihrer Flucht aus Nazideutschland nach Amerika begleitet.

Mit dem letzten Schiff

Franz Hohler, Kabarettist und Schriftsteller, der den Leser immer mal wieder auf Wanderungen durchs Leben mitnimmt oder zu seinen Spaziergängen in Zürich oder sonst wo in der Schweiz und auf der Welt, wie in „Spaziergänge“

Spaziergänge

Auch mit Robert Walser kann man spazieren gehen, während andere der Arbeit nachgehen, überkommt ihn mitten am Tag die Lust, sich den Hut aufzusetzen und sich auf einen Spaziergang zu begeben.

Friedrich Glauser kennen manche Leser als Krimischriftsteller, doch es gab auch eine andere Seite von ihm. Glauser verfasste Gedichte. In diese kann man eintauchen in „Pfützen schreien so laut ihr Licht“ Gesammelte Gedichte (Nimbus Verlag)

S. Corinna Bille, einstige Prix Goncourt-Gewinnerin, und mit der Natur ihrer Heimat sehr verbunden, kann man dank dem Rotpunktverlag, wiederentdecken, bsp.weise in „Dunkle Wälder“ oder in ihrem ersten Roman „Theoda“

Dunkle Wälder

Theoda

Eine andere Schriftstellerin, Noëlle Revaz, ebenfalls eine französischsprachige Autorin, bringt dem Leser Bauer und Tier auf ganz andere Weise näher in ihrem Roman „Von wegen den Tieren“.

Von Wegen den Tieren

Auch der junge Autor Roman Graf, der in Berlin lebt, aber seine Protagonisten die Wanderschuhe in den Schweizer Alpen schnüren lässt, ist eine Entdeckung wert.

Niedergang

Patrick Tschan, hat mich mit seinem ersten Roman „Keller fehlt ein Wort“ sehr beeindruckt, inzwischen ist ein weiterer Roman mit dem Titel „Polarrot“ erschienen, in dem er sich auf historische Spuren begibt.

Keller fehlt ein Wort

Lukas Hartmann muss ich wohl kaum vorstellen. Er, der abwechselnd Kinderbücher und wieder Romane für Erwachsene schreibt. Ob er über das Leben des Räuberhauptmanns Hannikel erzählt, den Leser mitnimmt „Bis ans Ende der Meere“ oder am Schicksal einer Prinzessin aus Sansibar teilhaben lässt. Er hat das Erzählen im Blut und kann mich immer wieder begeistern.

Abschied von Sansibar

Alain Claude Sulzer, der mir mit „Ein perfekter Keller“ und auch mit „Zur falschen Zeit“ ausgezeichnet gefallen hat, schreibt er doch in beiden Büchern über homosexuelle Liebesbeziehungen, die sich vom Stoff her ausgezeichnet zu sehr anregenden Gesprächen in einem Lesekreis anbieten. Auch sein Roman „Aus den Fugen“ für den er im Jahre 2012 für den „Schweizer Buchpreis“ nominiert war, ist äusserst lesenwert.

Aus den Fugen

Thomas Meyer, der wohl einen der ungewöhnlichsten Romane der letzten Zeit mit „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schicke“ geschrieben hat, sollte hier auch nicht vergessen gehen. Der Autor ist selbst jüdischer Abstammung und spickt seine Geschichte mit jiddischen Ausdrücken, die zwar ungewohnt sind, aber mir sehr gefallen haben. Aus seiner eigenen Website kann man ihm keine E-Mail sondern einen Blitzbrief senden.

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

 

 

 

 

 

 

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Zu Besuch bei Ella Maillart (Teil 2)

Ella Maillart, die Reisepionierin liess sich 1945 in Chandolin nieder, einem kleinen Dorf auf 2000 Metern Höhe, im Val d’Anniviers. Auch die Schriftstellerin Corinna S. Bille zog sich in einem Seitental in ihr Maiensäss zurück.

Wir waren im einzigen Bücherdorf der Schweiz, im Antiquariat „La plume voyageuse“, wo uns die Antiquarin mit einer Begeisterung riet, unbedingt den Wohnort von Ella Maillart zu besuchen, es erinnere sie stark an den Tibet. Die Dame musste es ja wissen, ist sie doch selbst weit in der Welt herumgekommen.

Da wir einige Tage im ältesten Hotel des Tales verbringen wollten, bot sich ein Abstecher ins höher gelegene Dorf geradezu an. Den Eingang ins Val d’Anniviers erreicht man vom Rhonetal bei Sierre. Die Strasse ist sehr kurvenreich und schraubt sich, den Felswänden entlang, langsam in die Höhe.

Strasse ins Val d'Anniviers

Als Beifahrer blickt man tief in die Schlucht hinunter. Da kommt manch einer ins Schlucken. Immer weiter stösst man nach hinten, bis sich das Tal öffnet und einen traumhaften Blick auf die Bergwelt freigibt, vor allem auf den Berg des Wallis, auf das Matterhorn. Allerdings zeigt sich der Berg von ungewohnter Seite – von hinten. Das tut der Faszination jedoch keinen Abbruch.

Matterhorn Von Vissoie aus geht es nochmals achthundert Höhenmeter hinauf. Die Strasse wird immer schmaler. Und schliesslich sind wir auf einem grossen, etwas öden Platz, wo auch für das Postauto Endstation ist. Ich mache einen Abstecher ins Tourismusbüro und erkläre, dass ich mich für Ella Maillart interessiere. Die Dame übergibt mir einen Schlüssel für das Museum, das im alten Dorfkern liegt. Das Dorf ist vom Platz aus nicht zu sehen. Einige Minuten Fussmarsch und wir erblicken erst einmal die Kirche.

Kirche Chandolin

Die typischen Walliser Häuser, deren Holz durch Jahrzehnte intensiver Sonneneinstrahlung schwarz geworden ist, kleben wie Schwalbennester am Steilhang. Und nun verstehe ich auch, was die Antiquarin mit Tibet meinte. Ob Tibet oder Ladakh, es geht einfach nur runter. Es erstaunt mich immer wieder, dass die Gebäude nicht abrutschen.

Chandolin

Im Dorf ist keine Menschenseele anzutreffen und schon stehen wir vor dem kleinen Museum, das in der alten Kapelle untergebracht ist. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss, der tatsächlich passt und wir haben ein Museum ganz für uns allein. Keiner der uns den Blick vor den Vitrinen versperrt. Und in aller Ruhe können wir uns die Fotos, Dokumente, Bücher und Reise-Accessoires, die im einzigen Raum ausgestellt sind, ansehen und die Begleittexte lesen.

Notizbuch

Museum Ella Maillart

Eine Treppe führt ausserhalb der Kapelle ins Obergeschoss, wo ein kleiner Teil von Ellas Bibliothek untergebracht ist. Und dann wartet auf uns auch noch ein 45 minütiger Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens. Ein Journalist besuchte die Autorin wenige Jahre vor ihrem Tode und liess sie erzählen. Auch im Alter von 93 Jahren hatte die Frau eine sehr bestimmte Art aufzutreten und noch immer blitzte der Zorn aus ihren Augen, als sie berichtete, wie sie in der Schweiz als Kommunisten-Sympathisantin abgestempelt wurde, weil sie Russland intensiv bereist hatte. Es ist spannend, der Frau beim Erzählen zuzuhören.

Museum Ella Maillart

Im Tourismusbüro sagte man mir, dass ich den Schlüssel vor zwölf Uhr wieder abgeben müsste. Es ist zehn vor Zwölf – eilig schliessen wir hinter uns die Türen und hetzen den steilen Weg hinauf. Völlig ausser Atem, stürze ich noch rechtzeitig ins Büro, um meine Identitätskarte abzuholen und mich nach dem Laden zu erkundigen, wo Postkarten und Bücher von Ella Maillart zu kaufen sind. Der ist Gott sei Dank gleich vis à vis und ich stürme auf den letzten Drücker auch dort rein, denn es ist nicht sicher, dass am Nachmittag der Laden nochmals geöffnet wird. Es ist kein Ansturm von Kundschaft zu erwarten. Aber die Ladenbetreiberin wartet wohl gerne noch einige Minuten, wenn schon mal jemand vorbeikommt, um etwas zu kaufen.

Chandolin Umgebung

Die Einkäufe sind getan. Wir nehmen den Fussweg wieder zurück ins Dorf runter, machen Halt beim winzigen Alpenmuseum, das auch nur ein grosser Schaukasten ist und Flora und Fauna der Alpen präsentiert und erklärt.

Wir suchen das Häuschen von Ella Maillart, namens „Atchala“, wo sie bis zu ihrem Tod gelebt hat. Aber da ist niemand und doch scheint es mir, als müsste die alte Dame gleich um die Ecke kommen. Ihr Geist begleitet uns auf unserem Rundgang, auch als wir auf den Kalvarienberg steigen, wo sie sich gerne auf einer Bank niederliess und sicher den atemberaubenden Blick ins Rhonetal genossen hat. Kein Wunder, hat sich diese bemerkenswerte Frau hier oben wohl gefühlt, denn es ist ein schönes Fleckchen Erde. Reich beschenkt an Eindrücken kehren wir von unserem Ausflug zurück ins Hotel und haben noch viel zu diskutieren über eine Reisepionierin, die nur noch wenige kennen.

Chalet Atchala

Museum:
Espace Ella Maillart
CH-3961 Chandolin

Website: http://www.ellamaillart.ch

Photographien sind ausgestellt im Musée de l’Elysée, Lausanne
Website: http://www.elysee.ch

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Die Reisepionierin Ella Maillart (Teil 1)

Seglerin an Olympischen Spielen, Gründerin der ersten Frauen-Landhockey-Mannschaft der Westschweiz, Nationalmannschafts-Mitglied im Skirennsport und Reisegefährtin von Annemarie Schwarzenbach nach Afghanistan.

Das sind nur einige ungewöhnliche Beschreibungen dieser aussergewöhnlichen Frau. Ella Maillart, geboren am 20. Februar 1903 in Genf, Tochter eines erfolgreichen Pelzhändlers und einer sportlichen dänischen Mutter, wird schon früh mit dem Wasser vertraut und im Winter nimmt sie die Mutter zum Skilaufen in die Berge mit, als dies noch als englische Marotte gilt. Mit 21 Jahren nimmt sie an den Olympischen Sommerspielen im Einhandsegeln teil. Später startet sie auch als Skirennfahrerin für die Schweizer Nationalmannschaft. Ella interessiert sich schon früh für Abenteuerbücher und wenn sie nicht mit ihrer Freundin „Miette“, der Tochter eines französischen Marineoffiziers, auf dem Wasser oder am Skifahren ist, dann steckt sie ihre Nase in Bücher.

Die Freundinnen nehmen schon mit dreizehn Jahren an Segelregatten teil, lernen immer grössere Boote zu steuern und sind noch keine zwanzig, als sie mit einem sieben Meter langen Kutter ohne Hilfsmotor von der französischen Riviera nach Korsika segeln. Sie sind vier Frauen, die erneut aufbrechen, diesmal auf der „Bonita“, und nach Korsika, Sardinien und Sizilien segeln, um schliesslich auf den Spuren des Odysseus ins Ionische Meer zu gelangen. Später wollen sie auf dem umgebauten Thonkutter „Atalante“ auf demselben Weg wie zuvor ihr Freund Alain Gerbault die Überquerung des Atlantik in Angriff nehmen. Doch die Freundin „Miette“ erkrankt noch vor Bretagnes Küste. Das Vorhaben wird abgebrochen und als „Miette“ heiratet, wird Ellas Traum, ein Leben auf See zu verbringen, begraben.

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Ella versucht sich in diversen Berufen, von Stenotypistin, über Schauspielerin und Modell für einen Bildhauer stehen, aber nur das Segeln und Skifahren befriedigen die junge Frau.

„Nur wenn ich segelte oder Ski lief, war ich ein richtiger Mensch; sonst fühlte ich mich verloren, halb tot. Alles was ich sah und las war bedrückend. Der letzte aller Kriege zeitigte nur Kompromisse, künstliche Ideale und endlose Verhandlungen, die keinen wirklichen Frieden zu schaffen vermochten […]“

Stuntwoman für Bergfilme der UFA in Berlin, Schauspielerin in einem Ski-Film in Mürren, 1931-32 Leiterin der Schweizerischen Damen-Landhockey-Mannschaft und während vier Jahren, von 1931 bis 34, vertritt sie als Mitglied der Schweizer Ski-Mannschaft ihr Land an den Ski-Weltmeisterschaften. Noch wichtiger als das Segeln ist für Ella das Skilaufen, dem sie alles andere unterordnet.

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Als sie 1929 in Berlin russische Emigranten trifft, kommt ihr die Idee, Reportagen über Russland zu schreiben und mit finanzieller Hilfe der Witwe von Jack London, reist die junge Frau nach Moskau. Es ist der Anfang ihres weiteren Lebens.

Bei der Gräfin Tolstoi findet sie Unterkunft und nachdem sie den Film „Sturm über Asien“ gesehen hat, reist sie mit einer Studentengruppe in den Kaukasus. 1932 schreibt sie ihr erstes Buch „Parmi la Jeunesse russe“ (Ausser Kurs – die Reise einer mutigen Frau in die unendlichen Weiten Russlands). Sie erhält ihren ersten Check über 6000 Franken. Das macht sie für das Reisen zwar unabhängig, zwingt sie aber gleichzeitig weiterhin zum Schreiben, sei es für Zeitungen oder um Bücher zu veröffentlichen. Nie käme es ihr in den Sinn, ihre Eltern um Geld anzubetteln, das lässt ihr Stolz nicht zu.

Ella Maillart als Mädchen und junge Frau

Immer weiter geht es nach Osten, und sie begegnet Kirgisen, Kasaken und Usbeken, besteigt Berge und gelangt schliesslich zur Wüste Takla-Makan, die zu jenem Zeitpunkt im für den Westen verbotenen China liegt. Alleine kehrt Ella, nur mit einem Rucksack ausgestattet, durch die südlichen Sowjet-Republiken nach Europa zurück. Sie durchquert dabei gefährliches Gebiet, ist sie doch ohne Bewilligung unterwegs und muss Kontrollposten meiden. Ihre Berichte und Filme werden in Paris zu einer Sensation.

Von 1934 bis 35 ist Ella Maillart für die französische Zeitung „Le Petit Parisien“ wieder in Asien unterwegs und reist nach China. In Peking begegnet sie erneut dem britischen Journalisten Peter Fleming, mit dem sie auf Anraten des Forschungsreisenden Sven Hedin, eine Route einschlägt, die Chinas Regierung nicht verboten hat, da sie durch extrem schwieriges Gebiet führt. So reisen Maillart und Fleming über Nord-Tibet, den Pamir und erreichen nach sieben Monaten Srinagar im indischen Kaschmir. Auf ihrer Reise umgehen sie Militärkontrollen und durchqueren Tsaidam, ein klimatisch extrem anspruchsvolles Hochland. Der Schriftsteller Paul Morand schreibt über Ella Maillart, als er sie in Paris wiedersieht:

„Jene, die ich meine ist eine Frau in Lammfellstiefeln und Fausthandschuhen, die Haut verbrannt von Berg- und Wüstenwind, die unbekannte Gebiete erforscht, mit Chinesen, Tibetern, Russen und Engländern, deren Socken sie flickt, deren Wunden sie verbindet und mit denen sie in aller Unschuld unter den Sternen schläft … Diese Frau ist Ella Maillart.“

Mantel, Stiefel und Reisekoffer

Sie unternimmt weitere Reisen im Auftrag des „Petit Parisien“ bis sie 1939 mit Annemarie Schwarzenbach in deren Ford Richtung Afghanistan aufbricht. In ihrem Buch „Flüchtige Idylle – Zwei Frauen unterwegs nach Afghanistan“, wird Annemarie zu Christina. Sie ist eine drogensüchtige junge Frau und so ganz anders als die robuste Ella, die vergeblich versucht, Annemarie von den Drogen loszubekommen. In Kabul trennen sich denn auch ihre Wege.

Reiseroute von Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach nach Kabul

Reiseroute von Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach nach Kabul

Ella Maillart

Annemarie Schwarzenbachs Ford auf dem Transport über das Schwarze Meer

Während dem Zweiten Weltkrieg hält sich Ella vorwiegend in Indien auf und befasst sich in dieser Zeit ausführlich mit der Lehre der Harmonie und beginnt ihr Inneres zu erforschen. Als sie nach Kriegsende in die Schweiz zurückkehrt, lässt sie sich in dem abgelegenen Walliser Bergdorf Chandolin, im Val d’Anniviers, nieder. Sechs Monate des Jahres verbringt sie an diesem atemberaubenden Ort auf 2000 Metern Höhe und baut ihr erstes eigenes Haus, namens „Atchala“, benannt nach dem heiligen Berg Arunatchala.

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Noch dreissig Jahre lang reist Ella Maillart nach Asien, dreht Dokumentarfilme und oranisiert für kleine Reisegruppen Kulturreisen in verschiedene asiatische Länder, hält Vorträge und schreibt Bücher. Am 27. März 1997 geht eine lange und unglaublich eindrückliche Reise zu Ende. Im Alter von 94 Jahren schliesst die grosse Reisepionierin, in ihrem Wohnort Chandolin, für immer die Augen.

Zürich liest 2013

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Dieses Jahr habe ich mir nur gerade einen Literaturanlass am „Zürich liest“-Literaturfestival ausgesucht. Man wird mit der Zeit verwöhnt und geht man jedes Jahr hin, ist es nicht zu vermeiden, dass sich gewisse Anlässe wiederholen, auch wenn andere Autoren eingeladen sind, ein anderer literarischer Spaziergang angeboten wird und aus einem Werk eines verstorbenen Autors auf dem Schiff vorgelesen wird.

Ich habe mich erneut für die Autoren, die für den Schweizer Buchpreis nominiert waren, entschieden: Ralph Dutli, Roman Graf, Jonas Lüscher, Jens Steiner und als einzige Frau Henriette Vásárhelyi. Es war am Freitagabend quasi der Endspurt, bevor die Preisverleihung am Sonntag an der BuchBasel stattfand.

Seit sechs Jahren werden die Autoren und ihre Romane im Literaturhaus vorgestellt. Hinter den Nominierten liegen viele Lesestationen und zwar nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland. Einige von ihnen waren ja bereits für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Das Literaturhaus war gerammelt voll. Die Literaturjournalistin Insa Wilke führte, wie schon letztes Jahr, durch den Abend, fühlte den Autoren mit ihren Fragen, die einen Bogen vom einen zum anderen bilden sollte, nochmals auf den Zahn.

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Sie fragte zum Beispiel, ob die Autoren am Schauplatz ihrer Handlung waren oder ob sie eigene Erfahrungen in ihrem Buch verarbeitet hätten. Jonas Lüscher war für seine Novelle „Frühling der Barbaren“ nicht in Tunesien, aber in der Regel besuche er für seine Recherchen schon gerne den entsprechenden Ort.

ZL_5Ralph Dutli, dessen Roman „Soutins letzte Fahrt“ in Paris angesiedelt ist, erzählte, dass er selbst zwölf Jahre in Paris gelebt habe und wohnte „einen Spaziergang entfernt, wie er sagte, von der Gegend, wo die Künstler verkehrten und ihre Ateliers hatten, so wie der Maler Chaim Soutin. Die Erfahrung eines Magengeschwürs oder von morphinen Träumen habe er aber nicht gemacht. Er habe sehr gute Unterstützung von Fachpersonen erhalten,

Seine Schilderungen im Roman müssen so gut sein, dass in Amerika jemand vermutet habe, er schreibe aus eigener Erfahrung. Er betrachte dies als Kompliment. Das zeige doch, dass ihm die Darstellung gelungen sei.

Roman Graf, der in „Niedergang“ über ein Paar schreibt, das eine Bergtour unternimmt, meinte, dass ihn vor allem die negativen Eigenschaften einer Person interessieren. André, seine Hauptfigur habe gewisse Züge von ihm – also nur einige – wie er dann noch hinzufügt. Denn André ist einem als Leser nicht immer sympathisch.

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Jens Steiner bestätigt, dass er, wie seine Figuren im Roman „Carambole“, in einem Dorf aufgewachsen sei. Ein Dorf, in ländlicher Umgebung, aber nicht allzu weit von der Stadt entfernt, kein Bahn- sondern nur mit Busanschluss. Und in der Tat, auch der Ort, an dem Steiner aufgewachsen ist, ist so ein Dorf.

Henriette Vásárhelyi, die in ihrem ersten Roman „immeer“ über eine Frau schreibt, die versucht über den Tod ihres Freundes hinwegzukommen, hat ihr nahestehende Menschen verloren. Aber das hat wohl jeder von uns.

Eineinhalb Stunden für fünf Gesprächspartner ist sehr knapp bemessen, so kommen dann auch nicht alle gleich zu Wort. Und jeder soll auch noch aus seinem Roman oder seiner Novelle etwas vorlesen. Bei Lüscher darf gelacht werden, bei Graf und Vásárhelyi ist man eher nachdenklich gestimmt. Jens Steiners Kapitel ist komisch und absurd zugleich. Es macht Spass, dem Autor zuzuhören. Insa Wilke erwähnt, dass das Buch auch ernsthaft und alles andere als lustig sei.

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Ralph Dutli liest Passagen vor, aus den morphinen Träumen von Chaim Soutil. Ihm könnte man noch lange zuhören, denn er fesselt den Zuhörer mit seiner Art zu lesen. Dutli betont ausdrücklich, dass sein Roman keine Biographie sei, über Chaim Soutil sei sehr wenig bekannt: „Was man nicht weiss, muss man erfinden.“

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Und genau das ist es, was das Lesen immer wieder interessant und abwechslungsreich macht, wenn man Geschichten zu lesen bekommt, die all die Autoren für uns erfinden und uns in eine andere Welt eintauchen lassen.

Dann ist die Zeit auch schon um. Lüscher und Graf atmen auf, es ist endlich geschafft. Jetzt heisst es warten auf den Sonntag. Ich lasse mir die Bücher, die ich mitgebracht habe, von jedem signieren. Jens Steiner erwähnt nochmals, dass sein Buch nicht nur lustig sei und Ralph Dutli zuckt nur mit den Achseln, als ich ihm Glück für die Preisverleihung wünsche.

Und noch während ich diesen Bericht schreibe, höre ich am Radio, dass Jens Steiner den diesjährigen Schweizer Buchpreis gewonnen hat.

Niedergang

Niedergang

Roman Graf, geboren 1978 in Winterthur, Schweiz, arbeitete nach seiner Ausbildung als Forstwart in verschiedenen Berufen und studierte am Leipziger Literaturinstitut. Für seinen ersten Roman „Herr Blanc“ erhielt er zahlreiche Preise, unter anderem den Mara-Cassens-Preis 2009 und den Förderpreis des Berner Literaturpreises 2010. Der Autor lebt heute in Berlin.

Sein Roman „Niedergang“ war nominiert für den Schweizer Buchpreis 2013.

„Am höchsten hinauf, am weitesten kommt, wer mit der Natur verschmilzt, dachte André; das schlechte Wetter muss man sich zum Verbündeten machen.

Regenschwerer Neben hatte über Nacht das Tal gefüllt, klebte im Talgrund, hakte sich an Häuserecken, Dachvorsprüngen, Dachrinnen fest, erstickte das Bergdorf. Der Kirchturm und die Giebel der höheren Häuser waren im Nebel verschwunden, wie abgetrennt, nicht mehr Teil dieser Welt. Strasse und Trottoir, aber auch der Felsen neben der Bäckerei lagen vom Nieselregen verfärbt.“

André ist Schweizer und lebt seit einigen Jahren in Berlin. Er hat den Wunsch, seiner deutschen Freundin Louise seine Heimat zu zeigen und mit ihr eine mehrtägige Wanderung in den Bergen zu machen. Minutiös hat er die Bergtour, die sie gemeinsam unternehmen wollen, vorbereitet, nichts dem Zufall überlassen. Die Wanderroute hat er genau studiert, die Zeit berechnet, damit sie ganz sicher rechtzeitig in der Berghütte ankommen, wo sie zu übernachten gedenken. Während den weiteren Tagen werden sie auch im Zelt biwakieren. Die Kondition haben sie bei ausgedehnten Wanderungen auf der Mecklenburgischen Seenplatte antrainiert. Da auch eine kurze Kletterpartie eingeplant ist, haben sie in der Kletterhalle ein Klettertraining absolviert und nach und nach den Schwierigkeitsgrad erhöht.

Nun ist das Paar im Hotel angelangt, André bereit für die Bergtour. Louise hingegen, ist schlecht gelaunt, denn das Wetter ist für alles andere geeignet, denn für eine mehrtägige Tour in den Alpen. Doch André besteht auf Aufbruch, Nieselregen und Nebel hin oder her. Sein ganzes Programm gerät sonst aus den Fugen und das wäre schade. Während André voll in seinem Element ist, trottet seine Freundin mit dem schweren Rucksack missmutig hinterher. André weiss, worauf es in der Natur und beim Wandern ankommt, denn er erinnert sich nur zu gut an die Zeit, als er Pfadfinder war, deshalb spart er auch nicht mit gutgemeinten Ratschlägen an seine Freundin.

„Die zähen Abenteuer als Jugendlicher, die er alle bestanden hatte, führten zu einem Selbstbild, zu einer Einstellung, die er noch heute besass: Kein Wanderweg der Welt konnte ihn, André besiegen! Wenn es sein musste, wurde er eine Maschine; nicht wegen seiner Kraft, die mittelmässig war, vielmehr wegen seines Willens.“

Erst am Tagesziel, einer Berghütte, taut Louise, dank dem Gespräch mit dem deutschen Hüttenwart, etwas auf. Jetzt ist es André, der den „Saisonnier“ am liebsten nach Hause schicken würde. Den wird er ganz bestimmt nicht fragen, wie sich das Wetter entwickeln wird.

Val d'Anniviers_1

Die Welt sieht am folgenden Morgen ganz anders aus, als endlich die Sonne scheint. Für eine Weile scheint auch für André und Louise alles in Ordnung zu sein. Doch unterschwellig gärt es, jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt, wohl auch mit Zweifeln, was die Bergtour, die Beziehung betrifft. Das Ziel ist nah, die Besteigung des Gipfels steht bevor, als Louise sich entscheidet, die Übung abzubrechen. André kann es kaum fassen, ist aber keineswegs bereit, seine Freundin beim Abstieg zu begleiten – nicht so kurz vor dem Ziel. Er entscheidet sich, den Aufstieg ohne Louise durchzuziehen. Allein und auf sich gestellt, hat er viel Zeit, nachzudenken, sich einsam zu fühlen, wütend auf seine Freundin zu sein, die ihn kläglich im Stich gelassen hat, sie trotzdem zu vermissen, in Selbstmitleid zu zerfliessen.

„Bei Louise wusste er nie, woran er war. Gerne hielt sie Dinge im Geheimen, brütete Vorhaben aus und rückte erst spät damit heraus. So hatte sie ihm nicht zu Beginn ihrer Beziehung erzählt, dass Louise nicht ihr richtiger Name war, sondern erst viel Monate später. […] Er hatte damals gleich gedacht, dass ihr Verhalten von geringem Selbstvertrauen zeuge oder sogar krankhaft sei. Heute noch konnte er nicht verstehen, dass sie ihm ihren richtigen Namen nicht früher gesagt hatte. Noch heute ärgerte er sich darüber.“

„Niedergang“ habe ich zu einem Zeitpunkt gelesen, als wir selber Bergwanderungen unternahmen. Es war einfach, sich in Roman Grafs Figuren hineinzudenken, was das Wandern betrifft. Die Stimmung kann leicht kippen, wenn das Wetter schlecht gelaunt ist. Und welche Euphorie, wenn man am Ziel ist und ein herrliches Bergpanorama in gleissendem Sonnenschein vor sich hat. Vergessen sind alle Strapazen und die Müdigkeit. Doch wenn die Beziehung einen Knick abbekommen hat, können tagelange Wanderungen im Gebirge zum Alptraum werden. Das Schweigen des anderen erschlägt einem wie herabstürzende Felsen. Während den stundenlangen Märschen bekommen die Gedanken Beine und wandern ebenfalls. Der Autor hat die geladene Atmosphäre, die zwischen dem Paar herrscht, sehr präzise beschrieben. André geht einem auf die Nerven mit seinen Pfadfinderweisheiten. Er weicht auch keinen Zentimeter von seinem Plan ab. Was sein muss, muss sein. In Gedanken kritisiert er jeden, nur seine eigenen Fehler sieht er dabei nicht. Louise hingegen entwickelt sich weiter – weg von André – und geht ihren eigenen Weg. Obwohl zwei Menschen „nur“ auf einer Wanderung in die Höhe steigen, wird die Geschichte keinen Moment langweilig. Im Gegenteil, man ist gespannt, was sich zwischen den beiden als nächstes ereignet. Das Buch lässt sich süffig weglesen.

Roman Graf „Niedergang“
Verlag Knaus
erschienen 2013
ISBN 978-3-8135-0566-5

Schweizer Buchpreis 2013

„Jeden Tag sitze ich am Fenster. Meine Fernrohre sind mein Mikroskop. Durch sie hindurch sehe ich Bewegungen in den Menschen auf der Strasse, die man sonst nicht erkennt. Da ein winziger Zucken, dort ein kümmerliches Wimmern, hier ein geringfügiges Toben. Wenn ich den Schmerz der Menschen vergrössere, wird er irgendwann auf mich überspringen. Ich weiss, der Augenblick wird kommen. Dann wird Vergeltung geübt, und meine Geschichte wird ein Ende haben.“

(aus „Carambole“ von Jens Steiner)

Die Entscheidung für den Schweizer Buchpreis 2013 ist gefallen. Nominiert waren:

Ralph Dutli „Soutines letzte Fahrt“
Jonas Lüscher „Frühling der Barbaren“
Henriette Vásárhelyi „immeer“
Roman Graf „Niedergang“
Jens Steiner „Carambole“

Der 38-jährige Zürcher Jens Steiner hat den Preis, der mit 30’000 Franken dotiert ist, heute in Basel entgegen nehmen dürfen. Ich gratuliere ihm an dieser Stelle ganz herzlich zu dieser Auszeichnung.

Jens Steiner

Dunkle Wälder

Dunkle Wälder

Corinna S. Bille wurde als Stéphanie Bille am 29.08.1912 in Lausanne geboren (gestorben am 24.10.1979 in Sierre) und gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Westschweiz. In erster Ehe war sie mit dem Schauspieler Vital Geymond verheiratet und lebte mit ihm in Paris. Als sie ins Wallis zurückkehrte, lernte sie den Schriftsteller Maurice Chappaz kennen, den sie 1947 heiratete und drei Kinder mit ihm hatte. Ihr erster Roman erschien 1944. Erst 1968 wurde sie international bekannt und gewann 1974 für La Demoiselle sauvage den Prix Goncourt de la Nouvelle. Auf einer Reise in die Sowjetunion im Jahre 1979 erkrankte die Autorin und starb bald darauf im Spital in Sierre.

Clemens ist Antiquitätenhändler. Er hat ein Maiensäss mit viel Wald gekauft und ist mit seiner Frau Blanca unterwegs zu seinem neuen Besitz.

Aber nun sollte sies endlich sehen, ihr Chalet! Tausend Meter Stille vom letzten Nachbarn entfernt. Zuerst war sie nicht sehr begeistert gewesen. Aber Clemens hatte, so wie fürs Kindermachen, Bäumepflanzen und Möbelpolieren, eine Leidenschaft für Landbesitz, Häuser inbegriffen.

Ihr war eigenes Land nicht wichtig. Nein. In der Natur fühlte sie sich immer wohl, ob sie ihr gehörte oder nicht. Bei ihm war es das Gegenteil: Er wollte besitzen.

Das Chalet lässt er in Stand stellen und nun will das Ehepaar das Haus einrichten. Etliche Möbel stammen aus seinem Geschäft und auch Bilder sind dabei, die den Transport nicht alle schadlos überstanden haben.

Beim Transport war ein grosses Glas in tausend Scherben zersprungen, eine „Maria Magdalena“. Nur der Kleine Totenkopf, vor dem die Heilige betete, war heil geblieben, und den hatte Blanca als Erstes gesehen, als sie das Schlafzimmer betrat. Ein Totenkopf, der über die Scherben triumphierte! Sie zählte die heil gebliebenen Bilder: dreizehn.

Seine Frau Blanca, ihre Hündin Syriote und Kater Mora werden hier den Sommer verbringen. Clemens kehrt nur am Wochenende zu seiner Frau zurück. Hin und wieder begleiten ihn auch die Kinder. Blanca ist überwältigt und glücklich wie lange nicht mehr. Sie unternimmt ausgedehnte Streifzüge in der Umgebung und wandert durch die Wälder mit all seinen Schätzen und den mächtigen Tannen, Lärchen und Arven.

AlpWenn sie nicht gerade unterwegs ist, setzt sie sich gerne auf die Terrasse, wo sie ungestört lesen und zeichnen kann. Das Tal breitet sich fast tausend Meter weiter unten aus und die Maiensässe sind weit verstreut, so dass sie kaum von Nachbarn in ihrer Ruhe gestört wird.

„Glänzend war die Sonne hinter der Bergkette versunken, aber seltsame rosa Wolkenfische lösten sich langsam auf und legten ihren Schimmer auf die kleinen Oasen der Maiensässe, auf so manchen Waldvorsprung. Nun begann das lange Erwarten der Sommernächte, das ein einsamer Vogelschrei markiert, ehe noch die Sterne kommen.“

Clemens ist begierig, seiner Frau seine „Domäne“ und deren Grenzverlauf zu zeigen. Bei ihrem Ausflug wird Blanca von der Hündin so unglücklich von hinten geschubst, dass sie zu Fall kommt und den Abhang hinunterrollt. Der Unfall hätte beinahe einen tödlichen Ausgang gefunden.

Die meiste Zeit ist Blanca mit ihren Gedanken und Tieren allein. Hin und wieder kommt Guérin vorbei. Der Mann ist ein Verwandter von Fabienne, einer Bäuerin, die weiter unten das Maiensäss bewohnt.Er kommt nie mit leeren Händen, sondern bringt ihr immer etwas mit, seien das Pilze, die im Wald üppig spriessen oder Heidelbeeren, die er extra für Madame gesucht hat. Als Gegenleistung serviert ihm Blanca eine schmackhafte Mahlzeit. Blanca fühlt sich mit Guérin durch eine Art verbunden, die sie nicht deuten kann. Sie ist vom „Einfältigen“ wie sie ihn in Gedanken nennt, fasziniert, der ihr gleichzeitig Rätsel aufgibt. Manchmal erschreckt sie sich auch, wenn er plötzlich wie ein Geist aus dem Wald tritt und vor ihr steht oder seltsame Schreie ausstösst. Guérins Sprache ist spröde und seine Sätze abgehackt, trotzdem weiss er immer etwas zu berichten.

„Er roch wirklich nach Kuh und Weide, Gerüche, die Blanca schon immer gemocht hatte. Sie hatte schon so lange den Kontakt zu den Menschen in den Bergen verloren, dass sie nun mit Wonne wieder in ihrer Kindheit eintauchte, in dieses Leben nahe der Natur. Aber jetzt hatte sie ein ganz schön merkwürdiges Exemplar vor sich, das da auf der Terrasse am Eisentisch sass und Teller, Messer und Gabel anschaute, die ihm zu Ehren gedeckt waren.“

SchirmlingGuérin hat keinen festen Wohnsitz. Er hilft den Bauern beim Heuen und verschwindet nach einigen Tagen wieder. Er schläft im Heu und wenn es kalt ist, nah bei den Tieren im Stall. Das Leben hat ihm schon in der Kindheit übel mitgespielt, sicher mit ein Grund,dass sein bester Freund die Flasche ist und Blanca steckt ihm hin und wieder eine Flasche Wein zu. Die Menschen in den umliegenden Maiensässen registrieren Guérins Besuche bei Blanca und er ist überzeugt, dass einige gar eifersüchtig seien und tratschten, worüber Blanca sehr erstaunt ist.

Sie sah, wie er seine Flasche zwischen Hemd und Herz steckte und dann auf dem sandigen Weg zwischen den Schafgarbentuffs und den stachligen Disteln verschwand. Er stiess einen schrecklichen Juchzer aus. Sie sah ihn, wie er weit weg über die letzte Wiese und dann auf dem Weg hinunterging, der durch den Wald führte.

Bereits auf der ersten Seite des Buches ist in Auszügen aus der lokalen Tagespresse zu erfahren, dass Blanca im Oktober ihres Alpsommers umgekommen ist und es kommen verschiedene Tatverdächtige in Frage. Der Roman ist jedoch kein Krimi, denn danach widmet er sich der Zeit, die Blanca in ihrem Chalet verbringt. Es sind Beobachtungen der Natur und des Lebens in einer abgeschiedenen Alpenregion, so wie sie auch Corinna S. Bille erlebt haben dürfte. Das Chalet Les Vernys, das auf dem Titelbild des Buches zu sehen ist, hat es tatsächlich gegeben und befindet sich im abgelegenen Réchytal, im Kanton Wallis, wo es auch heute noch weder Elektrizität oder Wasseranschluss gibt. 1964 liess Maurice Chappaz das Haus bauen, so ist auch die Handlung in den 1960er-Jahren angesiedelt.

Menschen sind in dieser Gegend eher selten anzutreffen, so dass man sich selbst genügen muss. Obwohl die Protagonistin geradewegs einen Glücksrausch erlebt, wenn sie in den Wäldern spazieren gehen und dabei Pflanzen und Tiere beobachten kann, sind bei ihr auch Ängste vorhanden. Die dunklen Tannen schrecken sie und wenn Guérin urplötzlich vor ihr steht, ist sie nicht frei von Furcht. Nachts schliesst sie deshalb sorgsam die Fensterläden des Schlafzimmers und selbst in den Träumen erscheint ihr Guèrin. Vipern gibt es in der Gegend und etliche Maiensässe stehen verlassen, weil man sich vor den giftigen Schlangen fürchtet. All diese Beschreibungen der Autorin sind eindrücklich und bleiben haften. Wer schon einmal in einer abgelegenen Alphütte gelebt hat, weiss wie sich Augen und Ohren öffnen und die Zivilisation etwas von einem abrückt. Gerade an solch einem Ort, ist das Buch ein schönes Leseerlebnis und lässt einen die Natur mit ihrer Vielfalt noch mehr geniessen.

Corinna S.Bille: Dunkle Wälder
1. Auflage 15.05.2012
Rotpunktverlag
160 Seiten
ISBN 978-3-85869-471-3