Schweizer Buchpreis 2013

„Jeden Tag sitze ich am Fenster. Meine Fernrohre sind mein Mikroskop. Durch sie hindurch sehe ich Bewegungen in den Menschen auf der Strasse, die man sonst nicht erkennt. Da ein winziger Zucken, dort ein kümmerliches Wimmern, hier ein geringfügiges Toben. Wenn ich den Schmerz der Menschen vergrössere, wird er irgendwann auf mich überspringen. Ich weiss, der Augenblick wird kommen. Dann wird Vergeltung geübt, und meine Geschichte wird ein Ende haben.“

(aus „Carambole“ von Jens Steiner)

Die Entscheidung für den Schweizer Buchpreis 2013 ist gefallen. Nominiert waren:

Ralph Dutli „Soutines letzte Fahrt“
Jonas Lüscher „Frühling der Barbaren“
Henriette Vásárhelyi „immeer“
Roman Graf „Niedergang“
Jens Steiner „Carambole“

Der 38-jährige Zürcher Jens Steiner hat den Preis, der mit 30’000 Franken dotiert ist, heute in Basel entgegen nehmen dürfen. Ich gratuliere ihm an dieser Stelle ganz herzlich zu dieser Auszeichnung.

Jens Steiner

Dunkle Wälder

Dunkle Wälder

Corinna S. Bille wurde als Stéphanie Bille am 29.08.1912 in Lausanne geboren (gestorben am 24.10.1979 in Sierre) und gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Westschweiz. In erster Ehe war sie mit dem Schauspieler Vital Geymond verheiratet und lebte mit ihm in Paris. Als sie ins Wallis zurückkehrte, lernte sie den Schriftsteller Maurice Chappaz kennen, den sie 1947 heiratete und drei Kinder mit ihm hatte. Ihr erster Roman erschien 1944. Erst 1968 wurde sie international bekannt und gewann 1974 für La Demoiselle sauvage den Prix Goncourt de la Nouvelle. Auf einer Reise in die Sowjetunion im Jahre 1979 erkrankte die Autorin und starb bald darauf im Spital in Sierre.

Clemens ist Antiquitätenhändler. Er hat ein Maiensäss mit viel Wald gekauft und ist mit seiner Frau Blanca unterwegs zu seinem neuen Besitz.

Aber nun sollte sies endlich sehen, ihr Chalet! Tausend Meter Stille vom letzten Nachbarn entfernt. Zuerst war sie nicht sehr begeistert gewesen. Aber Clemens hatte, so wie fürs Kindermachen, Bäumepflanzen und Möbelpolieren, eine Leidenschaft für Landbesitz, Häuser inbegriffen.

Ihr war eigenes Land nicht wichtig. Nein. In der Natur fühlte sie sich immer wohl, ob sie ihr gehörte oder nicht. Bei ihm war es das Gegenteil: Er wollte besitzen.

Das Chalet lässt er in Stand stellen und nun will das Ehepaar das Haus einrichten. Etliche Möbel stammen aus seinem Geschäft und auch Bilder sind dabei, die den Transport nicht alle schadlos überstanden haben.

Beim Transport war ein grosses Glas in tausend Scherben zersprungen, eine „Maria Magdalena“. Nur der Kleine Totenkopf, vor dem die Heilige betete, war heil geblieben, und den hatte Blanca als Erstes gesehen, als sie das Schlafzimmer betrat. Ein Totenkopf, der über die Scherben triumphierte! Sie zählte die heil gebliebenen Bilder: dreizehn.

Seine Frau Blanca, ihre Hündin Syriote und Kater Mora werden hier den Sommer verbringen. Clemens kehrt nur am Wochenende zu seiner Frau zurück. Hin und wieder begleiten ihn auch die Kinder. Blanca ist überwältigt und glücklich wie lange nicht mehr. Sie unternimmt ausgedehnte Streifzüge in der Umgebung und wandert durch die Wälder mit all seinen Schätzen und den mächtigen Tannen, Lärchen und Arven.

AlpWenn sie nicht gerade unterwegs ist, setzt sie sich gerne auf die Terrasse, wo sie ungestört lesen und zeichnen kann. Das Tal breitet sich fast tausend Meter weiter unten aus und die Maiensässe sind weit verstreut, so dass sie kaum von Nachbarn in ihrer Ruhe gestört wird.

„Glänzend war die Sonne hinter der Bergkette versunken, aber seltsame rosa Wolkenfische lösten sich langsam auf und legten ihren Schimmer auf die kleinen Oasen der Maiensässe, auf so manchen Waldvorsprung. Nun begann das lange Erwarten der Sommernächte, das ein einsamer Vogelschrei markiert, ehe noch die Sterne kommen.“

Clemens ist begierig, seiner Frau seine „Domäne“ und deren Grenzverlauf zu zeigen. Bei ihrem Ausflug wird Blanca von der Hündin so unglücklich von hinten geschubst, dass sie zu Fall kommt und den Abhang hinunterrollt. Der Unfall hätte beinahe einen tödlichen Ausgang gefunden.

Die meiste Zeit ist Blanca mit ihren Gedanken und Tieren allein. Hin und wieder kommt Guérin vorbei. Der Mann ist ein Verwandter von Fabienne, einer Bäuerin, die weiter unten das Maiensäss bewohnt.Er kommt nie mit leeren Händen, sondern bringt ihr immer etwas mit, seien das Pilze, die im Wald üppig spriessen oder Heidelbeeren, die er extra für Madame gesucht hat. Als Gegenleistung serviert ihm Blanca eine schmackhafte Mahlzeit. Blanca fühlt sich mit Guérin durch eine Art verbunden, die sie nicht deuten kann. Sie ist vom „Einfältigen“ wie sie ihn in Gedanken nennt, fasziniert, der ihr gleichzeitig Rätsel aufgibt. Manchmal erschreckt sie sich auch, wenn er plötzlich wie ein Geist aus dem Wald tritt und vor ihr steht oder seltsame Schreie ausstösst. Guérins Sprache ist spröde und seine Sätze abgehackt, trotzdem weiss er immer etwas zu berichten.

„Er roch wirklich nach Kuh und Weide, Gerüche, die Blanca schon immer gemocht hatte. Sie hatte schon so lange den Kontakt zu den Menschen in den Bergen verloren, dass sie nun mit Wonne wieder in ihrer Kindheit eintauchte, in dieses Leben nahe der Natur. Aber jetzt hatte sie ein ganz schön merkwürdiges Exemplar vor sich, das da auf der Terrasse am Eisentisch sass und Teller, Messer und Gabel anschaute, die ihm zu Ehren gedeckt waren.“

SchirmlingGuérin hat keinen festen Wohnsitz. Er hilft den Bauern beim Heuen und verschwindet nach einigen Tagen wieder. Er schläft im Heu und wenn es kalt ist, nah bei den Tieren im Stall. Das Leben hat ihm schon in der Kindheit übel mitgespielt, sicher mit ein Grund,dass sein bester Freund die Flasche ist und Blanca steckt ihm hin und wieder eine Flasche Wein zu. Die Menschen in den umliegenden Maiensässen registrieren Guérins Besuche bei Blanca und er ist überzeugt, dass einige gar eifersüchtig seien und tratschten, worüber Blanca sehr erstaunt ist.

Sie sah, wie er seine Flasche zwischen Hemd und Herz steckte und dann auf dem sandigen Weg zwischen den Schafgarbentuffs und den stachligen Disteln verschwand. Er stiess einen schrecklichen Juchzer aus. Sie sah ihn, wie er weit weg über die letzte Wiese und dann auf dem Weg hinunterging, der durch den Wald führte.

Bereits auf der ersten Seite des Buches ist in Auszügen aus der lokalen Tagespresse zu erfahren, dass Blanca im Oktober ihres Alpsommers umgekommen ist und es kommen verschiedene Tatverdächtige in Frage. Der Roman ist jedoch kein Krimi, denn danach widmet er sich der Zeit, die Blanca in ihrem Chalet verbringt. Es sind Beobachtungen der Natur und des Lebens in einer abgeschiedenen Alpenregion, so wie sie auch Corinna S. Bille erlebt haben dürfte. Das Chalet Les Vernys, das auf dem Titelbild des Buches zu sehen ist, hat es tatsächlich gegeben und befindet sich im abgelegenen Réchytal, im Kanton Wallis, wo es auch heute noch weder Elektrizität oder Wasseranschluss gibt. 1964 liess Maurice Chappaz das Haus bauen, so ist auch die Handlung in den 1960er-Jahren angesiedelt.

Menschen sind in dieser Gegend eher selten anzutreffen, so dass man sich selbst genügen muss. Obwohl die Protagonistin geradewegs einen Glücksrausch erlebt, wenn sie in den Wäldern spazieren gehen und dabei Pflanzen und Tiere beobachten kann, sind bei ihr auch Ängste vorhanden. Die dunklen Tannen schrecken sie und wenn Guérin urplötzlich vor ihr steht, ist sie nicht frei von Furcht. Nachts schliesst sie deshalb sorgsam die Fensterläden des Schlafzimmers und selbst in den Träumen erscheint ihr Guèrin. Vipern gibt es in der Gegend und etliche Maiensässe stehen verlassen, weil man sich vor den giftigen Schlangen fürchtet. All diese Beschreibungen der Autorin sind eindrücklich und bleiben haften. Wer schon einmal in einer abgelegenen Alphütte gelebt hat, weiss wie sich Augen und Ohren öffnen und die Zivilisation etwas von einem abrückt. Gerade an solch einem Ort, ist das Buch ein schönes Leseerlebnis und lässt einen die Natur mit ihrer Vielfalt noch mehr geniessen.

Corinna S.Bille: Dunkle Wälder
1. Auflage 15.05.2012
Rotpunktverlag
160 Seiten
ISBN 978-3-85869-471-3

Zwischen Orient und Okzident gefangen

Abschied von Sansibar

Rudolph Said-Ruete, ein alter Mann von fast achtzig Jahren sitzt am Fenster seines Zimmers im Hotel Schweizerhof, in Luzern. Sein Blick schweift über den See und die Berge. In Gedanken führt ihn seine Reise zurück in die Vergangenheit, zurück zu seiner Familie und vor allem zu seiner Mutter, die so viele Fragen hinterlassen hat.

„Lag er im Orient, lag er im Okzident? Stets hatte er sich Zwischendrin wiedergefunden, im Graubereich des Weder-Noch. Kein Deutscher mehr und doch vom Deutschtum geprägt. Kein wirklicher Brite, obwohl der Pass ihn zu einem machte. Kein Araber, bei weitem nicht, und doch die Sehnsucht, als solcher zu gelten.“

Ein langer Brief seiner Schwester Rosalie, während der Kriegsjahre des Zweiten Weltkrieges an ihn geschrieben, Aufzeichnungen seiner älteren Schwester Antonie, die noch in den letzten Kriegsjahren bei einem Bombenangriff ums Leben kam und die Memoiren und Briefe seiner Mutter, helfen ihm, Puzzleteil um Puzzleteil aneinanderzufügen.

Seine Mutter war eine Prinzessin. Prinzessin Salme, Tochter von Sayyid Said, dem Sultan von Oman und Sansibar, die im Jahre 1844 auf der Insel geboren wird. Ihr Vater stirbt früh, so dass ihr Halbbruder Majid als Sultan eingesetzt wird. Schon als junges Mädchen verwaltet sie Plantagen, die sie geerbt hat. Von ihren Gemächern des Harems hat sie einen Blick auf das Haus eines deutschen Kaufmanns, Heinrich Ruete, der für eine Hamburger Firma auf der Insel als Handelsagent tätig ist. Neugierig ist die junge Frau auf den Fremden. Heinrich und Salme lernen sich kennen und der Kaufmann verliebt sich in die Prinzessin. Nur heimlich finden ihre Treffen statt. Eine Liebschaft zwischen einer Muslimin und einem Christen ist unmöglich und als Salme schwanger wird, bleibt ihr nur die Flucht von der Insel, um dem sicheren Tod durch Steinigung zu entgehen.

Die Reise führt sie mit ihrem Mann, den sie, nach monatelangem und bangem Warten in Aden, heiratet, in den Norden Deutschlands. Aus der muslimischen Prinzessin Salme wird die Christin Emily Ruete. Schon während der Reise nach Hamburg stirbt ihr erstes Kind. Bald darauf wird sie erneut schwanger und schenkt einer Tochter das Leben. Sie wohnt in einer Villa, die einem Palast am nächsten kommt, nahe am Wasser, das sie so liebt. Das gesellschaftliche Leben Emilys ist so ganz anders als in ihrer Heimat und die Kälte macht ihr zu schaffen. Obwohl Heinrich sie auf ein Leben in einer ganz anderen Welt vorbereitet hat, ist Emily vieles Unverständlich und fremd.

„Wie klein sind jedoch die Zimmer, und wie widersinnig mutet es sie an, dass die Türen dauernd geschlossen bleiben müssen. Diese komplizierten, viel zu grossen Möbel mit Schubladen aller Art, die Sessel, in denen man sitzt wie in Schraubstöcken. […] Nichts da von Luft und Licht, von Vorhängen, die sich im leichten Wind bauschen, vom Ein und Aus fröhlicher Besucherinnen.“

Für Heinrichs Liebe ist sie jedoch bereit, sich dem Fremden zu stellen. Doch das Familienglück ist nicht von langer Dauer. Ihr drittes Kind Rosalie ist gerade vier Monate alt, als Emilys Mann bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt. Der Tod des Familienoberhauptes legt sich wie ein Schatten über Emilys Leben und das ihrer Kinder.

„[…] Ja, ich sehe die Mutter vor mir, sie reisst einen Mantel vom Haken, wirft ihn auf den Boden, hängt ihn wieder hin, sie nimmt einen Hut, schleudert ihn weg, schreit laut auf. Wie sie diese Nacht überlebt, weiss ich nicht. Gott hat kein Wunder gewirkt, mit ihm hadert sie noch lange. Sie ist jetzt allein, heimatlos in einem Land, das ihr feindselig vorkommt, kalt selbst im Sommer. Der Mann, der ihr Geliebter war, ihr Dolmetscher, ihr Beschützer, der Brennpunkt ihres Lebens, hat sie verlassen. Das Heimweh überfällt sie in dieser Nacht mit ganzer Wucht. […]“

Die gesicherte Welt der Familie Ruete bricht zusammen. Das Vermögen schrumpft schnell dahin und bald ist Emily gezwungen, die Villa gegen eine einfache Wohnung zu tauschen. Ohne Hausangestellte verrichtet sie nun die Hausarbeit selbst. Mit Arabischunterricht versucht sie ein wenig Geld zu verdienen und adlige Freunde unterstützen sie gönnerhaft.

Emilys Bemühungen, Kontakt mit ihrem Bruder in Sansibar aufzunehmen, bleiben erfolglos. Europa befindet sich in einer schwierigen Zeit. Machtkämpfe um afrikanische Kolonien entbrennen, bei denen auch Deutschland und Grossbritannien mittun. Es geht um wichtige Handelsanteile in Ostafrika und auch das Sultanat Sansibar ist für die Europäer von grossem Interesse. Zweimal reist die Prinzessin nach Sansibar, um bei ihrem Bruder vorzusprechen und ihr Erbe einzufordern. Weder Deutschland noch Grossbritannien, sind bereit, Emily weiterhin zu unterstützen, trotz einiger Versprechen, die sie ihr zuvor gegeben haben. Sie wird fallengelassen. Die Handelsbeziehungen zum Sultanat sind zu kostbar und kein Staat will den Sultan gegen sich aufbringen. Die Prinzessin muss feststellen, dass sie als politische Schachfigur missbraucht wurde und kehrt Deutschland tief enttäuscht den Rücken. Sie reist mit ihren Töchtern in den Libanon, wo sie sich in Beirut niederlässt, während Rudolph die Kadettenschule besucht.

Emily ist überzeugt, dass es ihr Sohn am ehesten als Offizier zu Ansehen in der deutschen Gesellschaft bringen könnte. Der Junge ist todunglücklich, von seiner Familie getrennt zu sein, fügt sich aber in sein Schicksal. Seine militärische Karriere währt nach der Ausbildung wenige Jahre, denn er lehnt Waffen und Gewalt entschieden ab. Während einem Jahr arbeitet er als Militärattaché in Beirut und lebt so bei seiner Familie. Nach seinem Austritt aus der Armee, wird er in Ägypten Eisenbahninspektor und er heiratet eine Jüdin, die aus gutem Hause stammt. Er führt eine deutsche Bank in Ägypten und setzt sich in späteren Jahren für ein friedliches Zusammenleben zwischen Palästinensern und Juden im Nahen Osten ein.

Antonie, die älteste Tochter, heiratet einen Mann, der als Gouverneur auf die Marshall-Inseln versetzt wird. Ihre Ehe mit dem viel älteren Eugen Brandeis ist unglücklich und fernab von Europa, ist es ihr nur selten vergönnt, ihre Familie zu besuchen.

[…] er sprach zu seiner Frau hauptsächlich in spöttischem oder befehlendem Ton. Nein, verliebt war auch er nie wirklich in sie, er betrachtete sie letztlich, wie alle Männer seines Schlages, als Beute, die nach der Eroberung sogleich an Wert verlor.

Nur Rosalie, die jüngste Tochter, ist der Mutter am nächsten. Sie ist es auch, die ihr hilft, das Manuskript ihrer Memoiren, das Emily verfasst hat, zu korrigieren und schliesslich zu veröffentlichen. Als Rosalie einen Offizier heiratet und der Erste Weltkrieg ausbricht, holt Rosalie ihre Mutter zu sich. Ihr Mann willigt nur widerstrebend ein, dass seine Schwiegermutter unter seinem Dach leben soll. Lange dauert es, bis die beiden sich näherkommen.

Emilys Liebe zu Heinrich Ruete hat ihr und ihrer Familie kein Glück gebracht. Das
Schicksal der Kinder ist eng mit dem ihrer Mutter verwoben. Die politische Situation in Europa gestaltet sich über Jahrzehnte äusserst schwierig – die Lebenswege der Geschwister driften, nicht zuletzt wegen der politischen Gesinnung der Ehemänner von Antonie und Rosalie, auseinander. Rudolph halb Christ, halb Araber und mit einer Jüdin verheiratet, steht mit einem Bein im Okzident und mit dem anderen im Orient. Der Antisemitismus der auf dem Vormarsch ist, zwingt ihn, Deutschland zu verlassen. Mal lebt er mit seiner Familie in London, mal in der Schweiz.

Innerhalb der Familie Ruete haben sich unüberwindbare Mauern aufgetürmt und dadurch ist der Kontakt untereinander lange Zeit gestört und teilweise unterbrochen. Ein versöhnliches Auskommen scheint schier unmöglich und vieles bleibt auch nach dem Tod der Mutter ungesagt. Sie war so sehr mit ihrem eigenen Unglück beschäftigt und zog sich völlig in sich zurück. Ihren drei Kindern hinterliess sie viele offene Fragen, vor allem Rudolph, der schon als Kind die Familie verlassen musste:

„Du musstest die Maske aus goldbesticktem Atlas tragen, nachdem du fünfzehn geworden warst. Diese Maske habe ich nie gesehen, und doch hast du sie stets angelegt, wenn ich erfahren wollte, wie es in dir aussah. Wer warst du, Mutter? Wer warst du im Innersten? Ich habe es erst erfahren, als ich die nachgelassenen Briefe las. Es war zu spät, einander zu erkennen.“

Als Lukas Hartmann im letzten Spätherbst für eine Lesung seines Buches „Räuberleben“ in unserer Stadt weilte, erzählte er uns Zuhörern, dass er für Recherchearbeite in Hamburg war. Bei seinem nächsten Roman, den er schreibe, handle es sich um eine Familiengeschichte, die in Europa und teilweise in Sansibar spiele. Mit Spannung habe ich auf diesen Roman gewartet und durfte ihn nun lesen.

Der Autor hat mich mit seiner interessanten, aber auch tragischen Familiengeschichte, die in Rückblenden erzählt wird, einmal mehr nicht enttäuscht.

Es war schon sehr aussergewöhnlich, dass ein Bürgerlicher im 19. Jahrhundert eine Araberin heiratete, zudem noch eine Prinzessin. Obwohl sich Emily bemühte, sich in das gesellschaftliche Leben in Europa einzufügen, blieb sie die Exotin. Der unverhoffte Tod ihres Mannes erschwerte ihre Situation noch zusätzlich und trieb diese ungewöhnliche Familie in einen Sturm, hinaus ins offene Meer.

Sansibar – die geheimnisvolle Insel, vor der Küste Tansanias. Die Insel, die mich immer fasziniert hat. Vor mir sah ich die schattigen, alten Gassen der Hauptstadt, die traditionellen Dhaus, die sachte im Wind vor der Küste schaukeln und nur darauf warten in den Indischen Ozean zu stechen. Das war die Welt von Prinzessin Salme Mitte des 19. Jahrhunderts. Ich habe wie sie von diesem orientalischen Ort geträumt, nur war dieser Ort ihre Heimat, die mit dem Entscheid, ihrer Liebe nach Europa zu folgen, unwiederbringlich für immer verloren war. Ein Entscheid, den später auch ihre Kinder ihr ganzes Leben lang mitzutragen hatten. Sie mussten einen Weg zwischen zwei Welten und verschiedenen Kulturen und Religionen finden, wie es heute erst recht für viele Kinder von binationalen Eltern zutrifft und mit einer inneren Zerrissenheit zu kämpfen haben, weil sie nirgends je ganz zu Hause sein können.

Emily Ruete war für ihre Zeit eine sehr mutige Frau, die für sich und ihre Kinder kämpfte. Die abweisende Haltung ihres Bruders machte ihr gleichzeitig schwer zu schaffen, so dass sich ein Schleier der Trauer über sie legte. Lukas Hartmann ist ein grossartiger Roman gelungen, der mich mit der tragischen Geschichte dieser Prinzessin aus Sansibar tief berührt hat. Eine absolute Leseempfehlung!

Lukas Hartmann: Abschied von Sansibar
erschienen im Diogenes Verlag Zürich, 2013
336 Seiten
ISBN 978-3-257-86231-7

Weiterführende Links:

Sayyida Salme Foundation

Die vergessene Pionierin

Emily Ruete (Wikipedia)

Mit dem letzten Schiff

Mit dem letzten Schiff

Varian Fry, ein junger Amerikaner von dreiunddreissig Jahren, der in Harvard Sprachen und Literatur studiert hat, und erst seit wenigen Jahren verheiratet ist, übernimmt 1940 eine aussergewöhnliche und nicht ungefährliche Aufgabe.

Am 25. Juni 1940 sollte nach einem Aufruf von Thomas Mann, und unter dem Patronat der First Lady, Eleonor Roosevelt, in New York ein Komitee gegründet werden mit dem Zweck verfolgten Künstlern und Intellektuellen die Flucht von Europa nach Amerika zu ermöglichen. Dazu sollte ein Vertreter des Komitees nach Marseille geschickt werden.

Dieser Vertreter ist Varian Fry. Er zögert keinen Augenblick und nimmt diesen Auftrag an, der der schwierigsten seines Lebens werden sollte. Das Einzige, das man ihm auf den Weg mitgibt, ist eine Tasche voller Geld und eine Namensliste.

In Marseille angekommen, quartiert er sich zuerst im Hotel Splendide ein und funktioniert einige Zimmer zu Büros um. Nun muss er nur noch all die Vertriebenen ausfindig machen, ihnen neue Pässe ausstellen und die entsprechenden Visa beschaffen. Doch ohne helfende Hände wäre diese Aufgabe für einen einzelnen Mann praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. So kommen, je länger er seiner Arbeit nachgeht, immer mehr Freiwillige hinzu, die ihn tatkräftig unterstützen. Miriam Davenport spricht für den verängstigten Walter Mehring in Varian Frys Büro vor. Auf ihrer Reise von Paris nach Marseille ist sie bereits einigen anderen Künstlern begegnet und ist sich sicher, dass Fry die Leute in und um Marseille finden wird. Fry bietet ihr einen Job an. Menschen mit Beziehungen und guten Ideen kann er in seinem Team gut gebrauchen.

Es fällt Ihnen also vom Schicksal zu, Ihre Lieblingsautoren zu retten?“ fragte Miriam ein bisschen spöttisch.

Er nickte. „Auch bildende Künstler wie Marc Chagall und Philosophen wie Walter Benjamin… Doch wie soll ich sie retten, wenn sie sich versteckt halten? Das Emergency Rescue Committee in New York konnte mir keine Ratschläge geben. Ich gelte hier bei den französischen Ämtern als naiver Amerikaner, zu Recht, Miss Davenport. Meine Aufgabe erscheint mir in der Tat monströs!“

Aus den Geschichtsbüchern wissen wir, dass Walter Mehring die Flucht in die Staaten geglückt ist, doch bis er endlich mit einem Frachter in New York eintrifft, vergehen noch Monate und der Autor wird noch oft in Angstschweiss ausbrechen, bevor ihm, quasi auf den letzten Drücker, die Ausreise gelingt. Walter Mehring bleibt bis zu diesem Moment Varian Frys Sorgenkind. Nach dem Einmarsch der Nazitruppen in Frankreich gehen auch Offiziere im Hotel Splendid ein und aus. Jederzeit könnte Mehring verhaftet werden, deshalb verkriecht er sich in einem Zimmer des Rettungskomitees.

Zu Varians Helfern gehört auch ein Junge von vierzehn Jahren, namens Justus (Charlie Gussie) Rosenberg. Sein Vater schickt ihn und seinen Freund von Danzig nach Paris, wo er bei einem Lehrer unterkommen soll. Ausser zwei Fahrrädern, die der Lehrer noch für sie bereitgestellt hat, finden sie keinen Unterschlupf mehr. Der Lehrer ist bereits abgeholt worden. So machen sich die beiden Jungen auf und fahren mit den Rädern quer durch Frankreich. Unterwegs verdienen sie sich das Geld, in dem sie Charlie Chaplin-Nummern aufführen. Als die beiden Jungen in Toulouse beinahe verhaftet werden, weil einer der beiden beim Brotdiebstahl erwischt wird, setzt sich Miriam Davenport für die Buben ein und verspricht der Polizei, die Jungen im Kinderheim La Hille abzugeben. La Hille, in dem die Schweizer Rotkreuz-Schwester Rösy Näf arbeitet, sind die beiden Jungen vorerst gut aufgehoben. Justus setzt wenig später, an der Seite von Miriam Davenport, seinen Weg nach Marseille fort.

„Dann, Jahre später, als wir auf der Flucht waren, dachten Fred und ich uns Charlie-Szenen aus. Auf dem Fahrrad. Sie lenkten uns ab von der Angst, im Bombenregen unserer eigenen Landsleute umzukommen. Sie lenkten ab vom Schmerz des Hungers, wenn der Magen richtig wehtat.“

Abenteuerlich gestaltet sich die Flucht von Alma Mahler und ihrem Mann Franz Werfel. Heinrich, Nelly und Golo Mann gehören ebenfalls zur Gruppe, die Varian Fry persönlich bis zur spanischen Grenze begleitet. Während die Teilnehmer zu Fuss über die Pyrenäen geführt werden, reist Fry mit dem Gepäck seiner Schützlinge im Zug über die Grenze. Es wird eine schwierige Wanderung für den schweren Werfel und den alten Heinrich Mann, doch mit vereinten Kräften der anderen schaffen sie das schier Unmögliche und kommen wohlbehalten in Spanien an, bevor ihre Fahrt nach Lissabon und von dort mit dem Schiff nach New York weitergeht.

Lion Feuchtwanger, der nach grossen Schwierigkeiten in Amerika landet, erzählt den Reportern in New York detailliert von seiner Flucht, so dass die spanische Grenze für Emigranten wieder geschlossen wird und die Arbeit von Varian nicht vereinfacht. Je länger sich Varian Fry in Marseille aufhält, desto schwieriger gestaltet sich sein Auftrag, denn Spitzel und Verräter gibt es in der Hafenstadt genügend.

Menschen im Transit. Es lohn sich nicht, Bekanntschaften zu machen. Man hat nur sich und seinen Schatten. Ein Handgepäck in der Absteige. Oft nicht einmal mehr seinen echten Namen. Selten wechselt man an den Tischen ein paar Worte, immer in Angst, Spione könnten mithören.

So wird auch Fry mit seinen Leuten, nach dem Aufmarsch von Pétains Truppen verhaftet und verbringt einige Tage auf einem Gefängnisschiff. Für ihn privat wird auch die Beziehung zu seiner Frau immer schwieriger. Seiner Ehefrau werden unschöne Geschichten zugetragen. Es wird gemunkelt, dass ihr Mann im fernen Europa eine Beziehung zu einem Mann habe. Und statt nur einen Monat in Marseille zu bleiben, wird sein Aufenthalt immer länger, denn er zögert seine Abreise immer wieder hinaus. Es gibt so viele Menschen zu retten und diese kann er doch nicht einfach sich selber überlassen.

Das Buch hat zwei wesentliche Schauplätze: die Arbeit von Varian Fry in Marseille und die Betreuung der Flüchtlingskinder in „La Hille“, die Rösy Näf vom Roten Kreuz anvertraut wurde. Auch diese junge Frau aus dem Kanton Glarus hat eine anspruchsvolle Aufgabe zu erfüllen und setzt für „ihre“ Kinder alle Hebel in Bewegung, um sie vor der Deportierung zu bewahren. Nicht alle Kinder werden überleben, aber einige von ihnen schaffen es, illegal in die Schweiz zu kommen. Dafür setzen mutige Franzosen und Schweizer ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Und was geschah mit den Künstlern und Intellektuellen?

Etliche Schriftsteller, die in Amerika ankommen, landen in den Hollywoodstudios und schreiben Filmdrehbücher, so auch Heinrich Mann oder Walter Mehring.

„Wissen Sie, ich schreibe, trotz Verbot, heimlich an meinem neuen Buch“, verriet Mann. „Ab der dritten Woche wird man Ihnen eine Romanvorlage bringen, um daraus ein Drehbuch zu machen. Es ist immer derselbe Roman, und es gibt nun schon fünfundachtzig Vorschläge für das Drehbuch. Inzwischen ist kein Geld mehr da, den Film zu realisieren. Unsere Arbeit ist eine Beschäftigungstherapie.“

Stefan Zweig wurde im Exil nicht glücklich und wählte den Freitod. Walter Benjamin, der Philosoph, nahm sich in Portbou mit Kokain das Leben, als er hörte, dass man ohne Exit-Visum zurück müsse. Mehring kehrte nach dem Krieg nach Europa zurück und war rast- und heimatlos. Auch Thomas Mann oder Marc Chagall kehrten Amerika den Rücken und trafen wieder in Europa ein, um nur einige von ihnen zu nennen.

Eveline Hasler hat einen bemerkenswerten Roman vorgelegt, der mir umso mehr unter die Haut ging, da ich ihn zum Zeitpunkt des Jahrestages der Bücherverbrennung vor mir liegen hatte. Viele Namen von Schriftstellern und Künstlern, die auf der Schwarzen Liste standen, sehe ich durch diesen Roman in einem ganz anderen Licht. Neben Varian Fry, den kaum einer kennt, sind da noch all die Menschen, die ihn so grossartig in seiner Arbeit unterstützt haben. Dasselbe gilt für Rösy Näf und die Menschen, die ihr geholfen haben und zu ihr standen.

All die Helfer haben viel riskiert und sich über Paragraphen, Regeln und Anweisungen der Behörden und ihrer Vorgesetzten hinweggesetzt, um den Verfolgten zu helfen, sie zu schützen und deren Leben zu retten. Sie waren wie ein Uhrwerk, in dem jedes einzelne Rädchen ins andere greift und dazu beiträgt, dass die Uhr auch wirklich funktioniert. Wie frustrierend muss es für die Helfer gewesen sein, zu erfahren, dass nicht alle gerettet werden konnten.

Eveline Hasler gibt einigen dieser mutigen Personen einen Namen und ein Gesicht und trägt mit ihrem Roman dazu bei, dass man sich wieder erinnert oder erstmals überhaupt von ihnen erfährt. Diese Menschen dürfen nicht vergessen gehen.

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff
218 Seiten
Erscheinungsjahr 2013
Nagel & Kimche
ISBN 978-3-312-00553-6

Ich möchte an dieser Stelle auf ein SJW-Heft hinweisen, das ich hier vorgestellt habe „Retten Sie wenigstens mein Kind“ Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges berichten. Darin erzählt eine Fluchthelferin, die im Roman erwähnt wird, von ihrer Zeit in La Hille und ihren illegalen Einsätzen. Das Büchlein, das auch Schwarzweiss Fotos beinhaltet, ist eine bereichernde Ergänzung zu Eveline Haslers Roman.

Die Autorin hatte ausserdem die Gelegenheit, Justus Rosenberg in Amerika zu treffen. Der einstige Helfer von Varian Fry ist heute 86 Jahre alt und arbeitet als Professor für Linguistik in New York, wie Eveline Hasler in einem Interview zu berichten weiss. Das Interview findet ihr hier

weiterführende Links

Varian Fry

Fernsehfilm „Varian’s war“ mit William Hurt und Julia Ormond

Justus Rosenberg im Originalton

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer SchickseMordechai Wolkenbruch, schlicht Motti genannt, ist fünfundzwanzig Jahre alt und orthodoxer Jude. Seine Mutter führt in der Familie das Regiment und befindet, dass es Zeit wäre, dass auch ihr Jüngster endlich heiraten sollte. Heiratswillige jüdische Kandidatinnen gibt es genügend und gar manches Treffen mit anderen Müttern und ihren Töchtern finden nicht ganz zufällig statt. Doch die Frauen, die Mottis Mame für ihren Sohn aussucht, entsprechen nicht ganz den Vorstellungen des Wirtschaftsstudenten. Die meisten sehen aus wie seine Mutter und haben ein gut geöltes Mundwerk wie sie.

Motti hat längst eine Frau ins Visier genommen. Sie sitzt wie er in den gleichen Vorlesungen an der Universität. Da die junge Frau ihm ausserordentlich gut gefällt, vor allem ihr tuches (Hintern), wird er ein regelmässiger Besucher der Vorlesungen. Ein Haken hat das Ganze: Laura, so der Name der Angebeteten, ist Nichtjüdin und Motti getraut sich nicht, sie anzusprechen. Er hat keinerlei Erfahrungen mit Frauen, schliesslich werden die Begegnungen mit ihnen, in seinem jüdischen Alltag ständig von seiner Mutter organisiert.

„Sofort fühlte ich mich sejer schlecht, auf mehreren Ebenen; als hätte ich ein Kilo milchikes mit einem Kilo fleischike vermengt und in einem Bissen heruntergewürgt. Mir gefiel diese Laura unsäglich. Doch allein schon der Tatsache, dass sie hojsn trug – wohlgemerkt auffalend sportlich geschnittene -, war zu entnehmen, dass es sich bei dieser froj um eine schikse handelte; auch ihr unjüdischer Name verriet, dass sie mit grosser Wahrscheinlichkeit regelmässig Schweine ass und am schabbes hemmungslos elektrsche Gerätschaften in Gang setzte. Dennoch empfand ich den Namen Laura als Wohlklang, und ich muss gestehen, dass sich die Achse meiner jiddischkajt an diesem frimorgn leicht verschob.“

Motti der bei seinem Vater, im Büro der Wolkenbruch Versicherungen, arbeitet, kommt öfters auch zu der alten Frau Silberzweig. Für die jüdische Gemeinde ist sie eine Hexe, da sie sich mit Karten legen beschäftigt. Auch für Motti legt sie die Karten, die ihm prophezeien, dass noch Einiges auf ihn zukommen werde.

„Jingele“, sagte Frau Silberzweig zärtlich und belustigt, „da warten spannende zajtn auf Sie! Oder auch nicht. Wer weiss schon, ob das Zeug da stimmt. Heisst zwar „treferaj“, aber ob es auch trifft …“ […]

„Herr Wolkenbruch, machen Sie nicht ein solches punem (Gesicht)! Es kommt alles gut. Es kommt immer alles gut. Kann ich Sie so gejn lassen?“
„Ich glaube schon“, sagte ich.
„Dann gehen Sie und leben Sie. Und besuchen Sie mich wieder mol.“

In Michèle findet er eine Verbündete. Zwar wäre sie für ihn eine ideale Ehefrau, wenn es nach den Müttern ginge, aber der Funken der Liebe springt bei ihnen nicht über. Sie mögen sich und beschliessen, sich für einige Zeit aus der Verkupplungsszene zu verabschieden und so zu tun, als ob. So verschaffen sie sich für einen Moment eine Verschnaufpause bevor die Braut- bzw. Bräutigamschau wieder weitergeht. Das kommt allerdings gar nicht gut an. Motti muss beim Rabbi vortraben und wird mit guten Ratschlägen eingedeckt, um alsbald zu seinem Onkel nach Israel geschickt zu werden.

Weit weg von der Mame, in äusserst liberaler Umgebung, erlebt er erstmals wie es sich anfühlt, nicht fremdbestimmt zu sein. Völlig verwandelt kehrt er von seiner Reise aus dem Nahen Osten zurück. Er beschliesst endlich sein eigenes Leben zu leben und nicht wie es seine Mutter für ihn vorgesehen hat. Auch äusserlich verändert, mit neuer Brille, von einem nichtjüdischen Optiker, und nach dessen Rat, mit gestutztem Bart, wechselt er, für die Vorlesungen an der Uni, die zu kurzen, schwarzen Hosen gegen Jeans. Was für eine Schande!

Erstmals wird er von seiner Umgebung wahr genommen, selbst Laura, seine Traumfrau, kommt ins Gespräch mit ihm, lädt ihn gar zur WG-Party ein und Motti hebt in den siebten Himmel ab. Endlich!

Auswärts übernachten geht hingegen gar nicht und seine Mame ist einer Ohnmacht nahe, nachdem er erst am nächsten Morgen zu Hause eintrifft. Die Mutter beschimpft seine Eroberung in wüsten Worten, während der Vater sich einmal mehr hinter seiner Zeitung versteckt und brenzlige Situationen höchstens mit einer spassigen Bemerkung zu entschärfen versucht. Mordechai Wolkenbruch muss sich entscheiden.

Thomas Meyer hat einen umwerfenden ersten Roman hingelegt, der umgehend für den Schweizer Buchpreis 2012 nominiert wurde. Das Buch ist in jiddisch-deutscher Sprache geschrieben und den jiddischen Ausdrücken musste ich immer wieder im Glossar hinterherhechten, denn viele Worte sind mir nicht geläufig. Ich könnte mir gut vorstellen, dass weitere Begriffe in unseren Sprachgebrauch Einzug halten, viele sind schon seit Jahrzehnten in Gebrauch, ohne dass uns bewusst ist, dass sie jidischer Herkunft sind. Der blizbrif für E-Mail gefällt mir bsp.weise sehr 😉

Der Roman kommt anfangs leichtfüssig daher und geht zu Herzen. Mit viel Humor wird das Leben der Familie Wolkenbruch und das Verhältnis zwischen Motti und seiner Mame geschildert. Die Situationen spulen sich wie ein Film vor meinem inneren Auge ab und tatsächlich soll das Buch auch verfilmt werden. Thomas Meyer arbeitet bereits am Drehbuch. Je weiter der Roman jedoch fortschreitet und je mehr sich Motti verändert, desto nachdenklicher stimmt mich das Geschehen. Es wird das Dilemma eines jungen Mannes aufgezeigt, der aus den traditionellen Strukturen seiner jüdischen Gemeinschaft ausbrechen möchte. Der junge Jude wünscht sich ein moderneres und vor allem selbstbestimmtes Leben. Seine zukünftige Frau möchte er selbst wählen können und in keine Ehegemeinschaft gezwungen werden. Seinen Entscheid durchzuziehen braucht Kraft, denn dabei helfen wird ihm niemand, er ist auf sich allein gestellt. Nur allzu leicht könnte es deshalb passieren, dass er von der Gemeinschaft, in der die Familie alles ist und wie von einem Kokon umhüllt wird, ausgeschlossen wird. Das ist ein hoher Preis, den er bezahlen müsste – und ob es den wert ist?

„Ein lebn lang hatte ich im glojbn gelebt, nur zwischen weissem Hemd eins, weissem Hemd zwej und weissem Hemd draj wählen zu können, und mir nie darüber gedankn gemacht. Nun mache ich mir welche. Farbige hemdn kamen darin vor. Und Jeans. Und Nichtjüdinnen in Jeans. Eine im Speziellen.“

Ein lesenswertes Buch, das nicht nur humorvoll ist, sondern auch nachdenklich stimmt. Ist ein modernes Leben möglich, ohne dass die Herkunft und Religion, die mit Traditionen und Regeln, die seit hunderten, ja tausenden von Jahren bestehen, verleugnet wird? Ein Stoff der zum Diskutieren einlädt.

Thomas Meyer wurde 1974 in Zürich geboren. Nach einem abgebrochenen Studium der Jurisprudenz arbeitete er als Texter in Werbeagenturen und als Reporter auf Redaktionen. Erste Beachtung als Autor erlangte er 1998 mit im Internet veröffentlichten Kolumnen. 2007 machte er sich selbstständig als Autor und Texter. Er lebt und arbeitet in Zürich.

Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Salis Verlag
288 Seiten
ISBN 978-3-905801-59-0

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