Aus den Fugen

Aus den FugenMit dem neuen Roman „Aus den Fugen“ nimmt mich der Schriftsteller Alain Claude Sulzer mit in den Konzertsaal der Berliner Philharmonie. An diesem Ort wird der Starpianist Marek Olsberg ein Klavierkonzert geben. Auf der ganzen Welt füllt er die Konzertsäle, das Publikum jubelt ihm zu. So wird es auch in Berlin wieder sein.

Auf dem Weg ins Konzert begleite ich einige Personen, die alle dieselbe Absicht haben. Sie haben Konzertkarten für diesen Anlass, der längst ausgebucht ist. Da ist Esther, die ihre Freundin Solveig in die Philharmonie begleitet, obwohl sie viel lieber bei ihrem Ehemann geblieben wäre, die Füsse auf dem Sofa hochgelagert und einen feinen Happen gegessen hätte. Sie geht nur mit, da Solveig ein Abonnement hat und damit sie nicht alleine hingehen muss.

Lorenz, Studium-Abbrecher und einstiger Schachcrack, schlägt sich als Kellner für eine Catering-Firma durch. Er ist für den anschliessenden Empfang, den ein Sponsor für Olsberg geben wird, engagiert. Er schätzt an seinem Leben vor allem, dass er am Morgen ausschlafen kann und trotzdem steckt sein Leben in einer Sackgasse. Er ist alleine, hat keine Beziehung, wohin soll also seine Reise gehen?

Sophie fährt mit ihrer Nichte Klara zum Konzert. Das Verhältnis ist getrübt, weil Klaras Mutter Sophie den Mann ausgespannt hat. Die beiden Schwestern sprechen seit Jahren nicht mehr miteinander. Zudem trinkt Sophie zu viel, was längst an ihrer Arbeitsstelle aufgefallen ist, nicht zuletzt auch Solveig, die zufälligerweise Sophies Vorgesetzte ist und ihr ihm Foyer der Philharmonie begegnet.

Johannes, der erfolgreich in der Werbung tätig ist und um die Welt jettet, macht ebenfalls Halt in Berlin. Seine Ehefrau betrügt er auf seinen Reisen mit Damen von Escort-Services. Auch in Berlin wird dies nicht anders sein. Doch im Gegensatz zu den anderen Personen, lässt er das Konzert sausen, da er nicht an einem Klavierkonzert interessiert ist. Doch genau durch diesen Verzicht, manövriert er sich erst recht in eheliche Schwierigkeiten.

Olsberg wird vor dem Konzert nicht mehr belästigt, damit er sich voll auf den Abend konzentrieren kann. Astrid, seine Assistentin, hat sich, einmal mehr mit einer fürchterlichen Migräne, in ihre Garderobe zurückgezogen und verpasst alles, was dann geschieht.

„Wenige Sekunden später überwältigte sie der Wolf. Er kam wie immer überraschen, wie immer war er noch grösser, noch stärker, noch grausamer, als beim letzten Mal, gefrässig, unbezähmbar, blindwütig. Der Schmerz war feuerrot wie seine Augen und ätzend wie sein Atem. Ihr wurde schwarz vor Augen, der Wolf hatte ihr den Kopf abgebissen.“

Das Publikum nimmt voller Erwartung seine Plätze ein. Es wird einen grossen Pianisten live erleben. Der Star spielt einmal mehr grandios und dann – drei Minuten vor der Pause – klappt Olsberg den Klavierdeckel zu und seine einzigen Worte sind „Das war’s“. Er verlässt die Bühne und lässt ein sprachloses Publikum zurück. Ist es eine Unpässlichkeit? Kehrt er nach der Pause wieder zurück?

„Es vergingen noch ein paar Sekunden, in deren Verlauf Olsberg die Tür zur Seitenbühne selbst geöffnet und wieder hinter sich geschlossen hatte, bis auch dem Letzten Zuschauer in der Philharmonie die Tragweite dessen, wovon er eben Zeuge geworden war, bewusst wurde. Der Tumult, der sich in gesitteten Grenzen hielt, begann piano, steigerte sich aber schnell zum Fortissimo.“

Die Konzertbesucher, der Intendant – alle sind sie ratlos. Die einen warten, bis sie ihre Mäntel an der Garderobe abholen. Schliesslich müssen sie einsehen, dass es das wirklich war. Der Meister ist längst aus der Philharmonie entschwunden und atmet seit Jahren eine ungewohnte Freiheit. Ausgerechnet diesen Moment hat Esther verschlafen. Während Olsberg unerkannt zu Fuss durch die Strassen eilt und das erste Bier in der erlangten Freiheit trinken möchte, gerät der Abend bei den Menschen rund um Olsberg komplett aus den Fugen. Der Abbruch des Konzerts bewirkt einschneidende Veränderungen im Leben der Protagonisten.

„Er konnte es selbst nicht fassen und musste an sich halten, sich nicht allzu auffällig zu benehmen. Auf keinen Fall durfte ihn jemand erkennen. Im Regen zu singen und zu tanzen, danach war ihm zumute, wie Gene Kelly, der so lange durch Pfützen steppte und stapfte, bis ein Polizist auf ihn aufmerksam wurde und der Clownerie ein Ende setzte. Was zu sagen war, hatte er gesagt. Er hatte den Kerker verlassen, in den er sich vor langer Zeit begeben hatte. Es war ein schöner, ein luxuriöser Kerker von den Ausmassen aller Kontinente gewesen, aber doch ein Kerker.“

In einer Kneipe kehren Klara und Sophie noch ein und sprechen miteinander, wie sie es seit Jahren nicht mehr getan haben. Sie erfährt von ihrer Nichte Unglaubliches aus der Familie, die sie hinter sich gelassen hatte.

Auch Esther und Solveig bleibt nichts anderes übrig, als die Philharmonie zu verlassen und sich auf den Heimweg zu machen. Esther wird früher zu ihrem Mann Thomas zurückkehren können, einen Wein mit ihm trinken und kuscheln.

Und der Empfang? Der ist ebenfalls futsch, die Köche und das Servicepersonal können alles zusammenpacken. Lorenz könnte sich auf den Heimweg begeben, doch er findet sich plötzlich in den Räumlichkeiten der Gastgeber dieses Empfangs wieder, rafft fremdes Eigentum an sich und wird von der Dame des Hauses beim Diebstahl erwischt.

Alain Claude Sulzer hat in seinem neuen Roman „Aus den Fugen“, der für den Schweizer Buchpreis 2012 nominiert war, das Leben der Protagonisten in Puzzlestücke aufgeteilt und das Gesamtbild Stück für Stück zusammengesetzt, aber anders, als vor dem Konzert. Was der Leser zu sehen bekommt ist kein harmonisches Bild, bei allen hat es Risse. Der Abend ist für alle anders verlaufen, als geplant und so kommen Unschönheiten an den Tag, von dem die einen geahnt, die anderen aber nichts gewusst haben. Jeder muss, auf seine Weise, den abgebrochenen Konzertabend verarbeiten und beginnen, sein Leben neu zu ordnen.

Gerade so gut hätte man rund um das abgebrochene Konzert Kurzgeschichten verfassen können. Nicht zuletzt erinnert mich der Roman an Filme von Robert Altman, wo sich die Menschen oft in irgendeiner Weise kurz streifen und doch nicht wirklich berühren, aber immer einen Anlass gemeinsam haben. Der Roman liest sich leicht und flüssig. Alain Claude Sulzer verabreicht dem Leser den Abend der diversen Protagonisten häppchenweise. Langsam fügt sich ein Einzelteil ans andere und der Autor hält die Spannung geschickt aufrecht, so dass man rasch weiterlesen möchte, damit man endlich erfährt, in welcher Weise sich das Leben der Leute verändern wird.

Alain Claude Sulzer: „Aus den Fugen“
Verlag Galiani
ISBN 978-3-86971-059-4

Wenn einer recherchiert …

„Vortrag über das Leben von Annemarie Schwarzenbach“ oder so ähnlich, las ich kürzlich in unserem Kirchenblättchen. Der Vortrag über die Schweizer Autorin und Journalistin Annemarie Schwarzenbach wochentags am Morgen statt. Super, da konnte ich nicht hin, obwohl mich der Vortrag interessiert hätte.

Am nächsten Abend rief mich meine Mutter voller Begeisterung an und erzählte von diesem Anlass, der ihr Interesse für Annemarie Schwarzenbach geweckt hat. Ich versprach, dass ich ihr Bücher über sie besorgen werde. Eventuell fand sich etwas in meinem Bücherregal, denn ich hatte schon Reiseaufzeichnungen gelesen.

Bei einer Räumungsaktion sind wahrscheinlich die Titel, die ich hatte, meiner Entsorgungswut zum Opfer gefallen, denn ich fand nichts mehr. So führte mich mein Weg nach der Arbeit ins Antiquariat vor Ort. Der Laden hat System, so ist doch mindestens eine Wand den Schweizer Schriftstellern gewidmet und die Autoren sind alphabetisch eingereiht. Dadurch wurde ich schnell fündig, allerding war nur ein Buch vorhanden, aber das ist schon mal besser als gar nichts.

Dann suchte ich im Internet nach weiterem Material und stolperte auf die Website des Museums Strauhof, in Zürich. Im Jahre 2008 war Annemarie Schwarzenbach eine Ausstellung gewidmet, wo ich dann auf Publikationen stiess, von der mich selber eine interessierte „Fast eine Liebe“ Annemarie Schwarzenbach und Carson McCullers, von Alexandra Lavizzari. Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich, obwohl es erst 2008 erschienen ist. Die Suche im Internet war erfolgreich. Dann ging ich in eine der beiden Buchhandlungen im Ort. Es gibt einen Verlag (Huber Verlag), der sich stark um die Klassiker der Schweizer Literatur bemüht, d.h. auch um Autoren aus der italienischen und französischen Schweiz, die leider teilweise in Vergessenheit geraten sind oder die man kaum kennt. In dieser Reihe fand ich eine Biographie und als ich zahlen wollte, kam ich mit dem Buchhändler ins Gespräch.

„Annemarie Schwarzenbach? Sie wird immer noch gelesen“, stellte der Mann fest und ich erklärte ihm, weswegen ich nach Büchern von und über die Autorin suchte. Er meinte, er hätte bestimmt noch weitere Titel von ihr im Regal und begann selber zu suchen.

„Das glückliche Tal“ musste er mir nicht mehr zeigen, das hatte ich bereits antiquarisch besorgt (viel Geld gespart!). Dann zeigte er mir einen Fotoband von Renée Schwarzenbach-Wille. Den schaute ich mir einmal genauer an und las das Kurzporträt über Renée. Es war die Mutter von Annemarie, der Name Wille geht auf ihren Vater zurück, der während des 1. Weltkrieges General der Schweizer Armee war und Renées Mutter war eine „von Bismarck“. Und so geht das dann immer weiter mit diesen grossen Namen. Wir begannen uns über General Wille zu unterhalten. „Wenn sie antiquarisch von Meienberg „Die Welt als Wille & Wahn“ finden, das Buch ist sehr interessant und ich kann es Ihnen wärmstens empfehlen“, meinte der Buchhändler.

„Sprechen Sie von Niklaus Meienberg?“ (Anmerkung: das war einer der Schweizer Journalisten des 20. Jahrhunderts), fragte ich.

„Ja, genau, den“, bekam ich zur Antwort. Ich bedankte mich für den Tipp und wohin meine Fahrradtour wohl führte, ist leicht zu erraten.

Ich stürzte also erneut ins Antiquariat, grüsste und sagte, dass ich schon wieder da sei, eilte vor das „Schweizer Schriftsteller“-Regal vor den Buchstaben M und …

… auch dieses Buch gab es hier, (unglaublich was man alles so leicht findet) und es sah aus, als hätte es kaum jemand aufgeschlagen!

Ich erklärte dem Antiquar, weshalb ich das Buch wolle und wie toll es sei, dass ich es gleich gefunden hätte. Er überlegt einen Moment, hält mir seine hohle Hand hin, und sagt wie aus der Pistole geschossen: „Hundert Franken!“

Lachend entgegnete ich: „Tut mir leid für Sie, zu spät, das Buch ist mit vier Franken angeschrieben!“ Zahlte und wünschte einen schönen Abend.

Ja, und wenn ich noch weiter über Annemarie Schwarzenbach recherchiere und mir wieder einer einen Tipp gibt, dann hört das nie auf und die Kreise dehnen sich aus, verästeln sich wie das Netz von Blutadern und dann radle ich zwischen Buchhandlung und Antiquariat hin und her. Denn, welchen Namen hatte Annemaries Grossmutter mütterlicherseits? Gräfin von Bismarck – hochinteressant – muss ich gleich mal recherchieren!

Lukas Hartmann – Lesung

Wieder einmal fand in unserer Gemeinde eine Lesung statt. Angereist aus dem Kanton Bern ist der Schriftsteller Lukas Hartmann. Die Bibliothekarin stellte ihn kurz vor und erwähnte, dass sie auf der Homepage des Autors herausgefunden habe, dass er immer abwechslungsweise ein Roman für Erwachsene und dann wieder ein Kinderbuch schreibe. Sie zählte auch einige Aufzeichnungen auf u.a. den Sir-Walter-Scott-Preis für „Bis ans Ende der Meere“, danach übergab sie das Wort Herrn Hartmann. Die Autoren kommen mir an diesem kleinen Tisch auf der grossen Bühne immer etwas verloren vor. Die Leere füllen aber die meisten von ihnen bald mit ihren Worten aus. Lukas Hartmann entschuldigte sich zuerst beinahe, denn er war etwas heiser. Vor zwei Wochen war er auf der Insel Sansibar, wie er erzählte, nicht etwa aus touristischen Gründen, sondern zu Recherchen für sein nächstes Buch. Auch Luzern und Hamburg spiele im nächsten Roman eine Rolle. Ich finde, Sansibar tönt schon jetzt sehr interessant. Letzte Woche las er vor 60, 70 Kindern und da werde die Stimme auch mehr beansprucht. Gestern sei er mit einem Freund wandern gegangen und sie seien in den Regen geraten und völlig durchnässt nach Hause gekommen. Aber er sei ja nicht hier, um zu erzählen, wie es zu seiner kratzigen Stimme gekommen sei, obwohl das auch schon eine Geschichte abgäbe.

Natürlich nicht, Lukas Hartmann wollte aus seinem neuen Roman „Räuberleben“ einige Seiten vorlesen und Fragen beantworten. Zuerst gab er einige Erklärungen in Berndeutsch ab. Räuber hätten ja immer auch Kinder fasziniert und gleichzeitig auch erschreckt, vielen ist „Ronja Räubertochter“ oder „Hotzenplotz“ ein Begriff. Auch Robin Hood habe ihn immer interessiert und als Junge wollte er natürlich diese Rolle übernehmen. Auch in der heutigen Zeit seien die Piraten vor Somalia auch nichts anderes als Räuber. Und dann gäbe es noch die Räuber von oben herab, die quasi legal das Volk ausrauben, wie Mugabe in Simbabwe oder diverse Machthaber, in den aus der Sowjetunion hervorgegangenen Staaten.

Hannikel lebte im 18. Jahrhundert und kam aus dem Schwarzwald. Während 15 Jahren war er mit seinen Leuten, die Fahrende waren, unterwegs, auch in der Schweiz. Die Gruppe die sicher aus 30, 40 Leuten bestand, hatte nie genügend Geld, die die Arbeit mit Scherenschleifen und Pfannenflicken abwarf, so raubten sie am liebsten jüdische Händler aus, weil da viel Geld zu finden war, evangelische Pfarrhäuser, hingegen katholische liessen sie in Ruhe, denn seine Leute wallfahrten selber immer nach Einsiedeln um ihre Sünden zu beichten. Ausgerechnet ein Mord an einem Bandenmitglied, der abtrünnig geworden war, wurde Hannikel zum Verhängnis. Er wurde vom Oberamtsmann Schäffer bis in die Schweiz gejagt und brachte ihn schliesslich an den Galgen.

So las der Autor aus dem Buch, gestikulierte auch mal mit den Händen, hob die Stimme bei entsprechenden Passagen an und erzählte, beim Blättern bis zur nächsten Stelle im Buch, auf Berndeutsch wieder etwas über die Leute von Hannikel, dem Sohn Dieterle, vom Herzog Karl Eugen, dem Oberamtsmann Schäffer oder dem Schreiber Grau. Es war mucksmäuschenstill im Saal. Auch ich lauschte gebannt seinen Worten. Ich fühlte mich beim Zuhören beinahe in die Kindheit zurückversetzt. Ich kann mir den Autor sehr gut vorstellen, wie er aus seinen Kinderbüchern in einer Kindergruppe vorliest. Bei seinen eigenen Kindern seien seine Geschichten auch immer gut angekommen. Räubergeschichten sind tatsächlich spannend, auch für Erwachsene.

Nach der Lesung stellte sich Lukas Hartmann noch den Fragen des Publikums. Einer wollte wissen, weshalb er ausgerechnet auf Hannikel gekommen sei, er sei nur fünf Kilometer von Sulz am Neckar aufgewachsen und hätte noch nie etwas von diesem Räuberhauptmann gehört. Der Autor war sehr erstaunt, denn als er in Sulz auf Recherche war, hätten etliche Bewohner auch auf der Strasse Hannikel gekannt. Auch in der Fasnacht sei diese Figur präsent. Durch ein Quellenverzeichnis sei er auf Hannikel gestossen und ihn habe die gute, wie auch die kriminelle Seite an dieser Person interessiert. Ich wollte wissen, ob er auch eine Räubergeschichte für Kinder schreiben würde. Und er meinte, er könnte sich das schon vorstellen. Nur bei Hannikel ginge es ja um eine historische Persönlichkeit und in Kinderbüchern sind es meist fiktive Gestalten.

Das Publikum hatte nicht allzu viele Fragen, darüber war Lukas Hartmann sicher nicht betrübt, denn er wollte seiner Stimme nicht noch mehr zumuten.

Eifrig wurden dann noch Bücher gekauft und vom Autor gerne signiert. Ich hatte meine Bibliothek geplündert und ich hielt ihm gleich drei Romane und das Kinderbuch „All die verschwundenen Dinge“ mit den bezaubernden Illustrationen von Tatjana Hauptmann, zum Signieren hin, worauf er meinte: „Ah, da haben wir wohl eine Stammleserin.“ Dann griff er sich an die Stirn und meinte, dass er wohl Fieber habe. Wir waren just im Lift, als die Bibliothekarin mit dem Autor ebenfalls ins Parkgeschoss runter fuhr. Wir wünschten eine gute Heimreise, doch da war nichts mehr zu hören, die Stimme war weg.

Wir können uns glücklich schätzen, dass es überhaupt zu dieser interessanten Lesung gekommen ist. Ich hätte Herrn Hartmann noch lange zuhören können.

Räuberleben“ und das letzte Kinderbuch „All die verschwundenen Dinge“ sind im Diogenes Verlag erschienen. Die Homepage des Autors ist ein Besuch wert, zu einigen Romanen gibt es ausführliches Material nachzulesen.

Die undankbare Fremde

„Wir liessen unser Land im vertrauten Dunkel zurück und näherten uns der leuchtenden Fremde.“ 

Mit diesem Satz beginnt der Roman „Die undankbare Fremde“ von Irena Brežná, die ihre Ich-Erzählerin von ihrer Erfahrung als Emigrantin in der Schweiz berichten lässt.

Als sie mit ihrer Familie in der Schweiz ankommt, werden in der Kaserne erst einmal Verhöre durchgeführt und wie bei der Einwanderung in die USA, wird der fremd klingende Familienname vereinfacht, es werden ihrem Namen „Flügel und Dächlein“ gestrichen.

„Diesen Firlefanz brauchen Sie hier nicht.“ Er strich auch meine runde, weibliche Endung, gab mir den Familiennamen des Vaters und des Bruders. Diese sassen stumm da und liessen meine Verstümmelung geschehen. Was sollte ich mit dem kahlen, männlichen Namen anfangen? Ich fror.“

Die Ich-Erzählerin besucht einen Sprachkurs, findet bald eine Freundin, Mara, die sie einige Jahre begleiten wird. Sie will sich nicht in einen Dialekt zwängen lassen, in dem sie mehr schlecht als recht radebrechen kann, sondern eignet sich die hochdeutsche Sprache an, die ihr Zuhause sein wird und in der sie sich wohl fühlt. Sie bleibt rebellisch, ist vielen Gewohn- und Eigenheiten in unserem Land kritisch eingestellt, denn als Einwanderin sieht sie die Schweizer aus einem anderen Blickwinkel:

„Beliebt war demonstrative Unsicherheit. Man hängte gerne „gell“ und „oder“ an, damit nicht der Eindruck entstand, man gäbe mit eigenem Wissen ungebührlich an und wollte eine demokratische Diskussion unterbinden.“

Ihre Kritik, ihre Art, dass sie Bestehendes hinterfragt, wird ihr als Undankbarkeit ausgelegt. Ein Emigrant hat dankbar zu sein, dass er hier, in der sicheren Schweiz leben darf. Sie aber ist „die undankbare Fremde“.

Als sie erwachsen ist, arbeitet sie als Dolmetscherin. Sie begleitet Flüchtlinge und Einwanderer zu Behördengängen, übersetzt am Krankenbett im Spital, im Gerichtssaal oder beim Psychiater. Sie kommt dadurch mit Ausschaffungshäftlingen, mit Drogensüchtigen, psychisch Kranken, Sterbenden zusammen. Erstes Gebot ist es, das Gesagte gewissenhaft zu übersetzen, nichts wegzulassen und nichts hinzuzufügen, ansonsten droht eine mehrjährige Gefängnisstrafe. Trotzdem gibt es Situationen, in denen die Ich-Erzählerin das Gesagte auch einmal ausschmückt. Eine Klientin beschwert sich allerdings beim Dolmetscherdienst, da sie das Gefühl nicht loswerde, dass alles was sie gesagt habe, nur verkürzt übersetzt wurde.

„Ich bin Recyclerin, die aus dem Wortmüll nur die nützlichsten Stücke rettet.“

Persönlicher Kontakt zu den Klienten ist unerwünscht, Gespräche mit ihnen, vor einem Termin, sollen nicht geführt werden. Auch an diese Regeln hält sich die Ich-Erzählerin während dem Dolmetscherdienst nicht immer. Handkehrum gibt sie Aufträge an eine Kollegin ab, wenn sie das Gefühl hat, dass es ihr zu viel mit einem Klienten wird.

„Als sprachlicher Notfalldienst kurve ich in Sprachen wie in verwinkelten Gassen herum, berühre den einen oder anderen Arm und schaue in viele Augen. Aufwühlende Fahrten sind das.“

Mit den Jahren, die sie als Dolmetscherin arbeitet, bemerkt sie plötzlich, dass sie  schon Mal einen Ratschlag erteilt, der aus der Integrationsbroschüre stammt.

„Gerne pachten die sprachlosen Fremden die Schwäche für sich. Eifersüchtig wachen sie über ihren einzigen Besitz. Je mehr Stärke sie in mir sehen, umso mehr hoffen sie, sich etwas davon abbrechen zu können. Sie klagen und klagen.“

Als die Ich-Erzählerin in andere Länder aufbricht, trifft sie häufig auch dort auf Einwanderer, die über ihr Gastland lamentieren und auf der Suche nach dem idealen Land sind. Wenn diese Menschen anfangen, über die Schweiz zu lästern, stellt sie fest, dass sie anfängt, dieses Land in Schutz zu nehmen, die positiven Seiten aufzuzeigen. Und kommt sie zurück, erscheint es ihr jedes Mal erträglicher.

„Die Ruhe versetzte mich nicht mehr in Unruhe. Ich atmetet tief, als glitte ich in etwas Vertrautes, Stilles zurück. Das Land war nicht nur selbstgefällig, es war selbstgenügsam, sass mir nicht auf der Pelle. Die Polsterung erlaubte, dass man sich für die vielen Ungepolsterten in der Welt interessierte. Tatkräftig, wie denn auch sonst.“

Die Autorin Irena Brežná, wurde 1950 in der damaligen Tschechoslowakei geboren und emigrierte mit achtzehn Jahren in die Schweiz. Sie arbeitete als Journalistin, Kriegsreporterin und ist als Dolmetscherin tätig. Sie steht mit beiden Beinen im Leben und weiss, wovon sie spricht. Schonungslos geht die Ich-Erzählerin mit der Schweiz und seinen Bewohnern ins Gericht. Sie schont aber keineswegs die Einwanderer und Flüchtlinge. Ich als Schweizerin könnte jetzt aufbegehren und protestieren, aber ich habe mich während des Lesens immer mal wieder gefragt: Sind wir Schweizer tatsächlich so? In vielen Belangen muss ich der Ich-Erzählerin zugestehen, dass sie Recht hat, mit dem Bild, das sie von uns malt. Gegenüber Fremden und vor allem Flüchtlingen glauben wirklich viele von uns, „der sollte dankbar sein, dass er hier sein darf/kann“. Zwischendurch muss sich jeder selber an der Nase nehmen und sich den Spiegel  vorhalten. Andere Menschen mit anderen Kulturen sind manchmal auch eine Chance für das eigene Land. Viele Einwanderer werden nicht zurückkehren, also müssen wir lernen, mit ihnen auszukommen. Die Erzählerin bringt es in einer Textpassage auf den Punkt, wenn sie sagt, dass sie nicht aus einer Diktatur geflüchtet ist, um jetzt in einem freien Land zu kuschen und zu schweigen. Denn dann hätte sie in ihrem Heimatland bleiben können.

Als ein Flüchtlingsmädchen vom Befrager gefragt wird, woran es glaube, antwortet es:

„An eine bessere Welt.“
Dann bist du richtig bei uns. Herzlich willkommen.“

Mit schöneren Worten könnte der Roman nicht enden, der mir in seiner Sprache ausgezeichnet gefallen hat. Die Autorin ist eine Sprachakrobatin und ich fühlte mich wohl in ihren Sätzen. Aus jeder Zeile heraus ist zu spüren, dass sie mit Sprache zu tun hat. In jeder Hinsicht kann ich dieses Buch empfehlen.

Ein interessantes Interview mit der Autorin ist in „Die Zeit“ nachzulesen.

Skidoo

„Wenn ein Mann einen Liebesroman geschrieben hat, muss er hernach zum Ausgleich etwas Ordentliches tun. Einen Western schreiben zum Beispiel. Man ist sich das einfach schuldig, nicht wahr?“

Dieser Text von Alex Capus steht auf der Rückseite seines neuen Buches „Skidoo“ Meine Reise durch die Geisterstädte des Wilden Westens, das soeben im Hanser Verlag erschienen ist. Der Autor nimmt den Leser, wie es der Untertitel schon sagt, mit in den Wilden Westen der USA. Er weiss über Bewohner aus Städten namens Bodie, Salt Wells oder eben Skidoo manch spannende und schräge Geschichte zu erzählen. Wer den Autor schon live erlebt hat, weiss, dass man dabei bestens unterhalten wird und sich oft ein Schmunzeln nicht verkneifen kann.

Der Autor erinnert sich erst einmal, dass er immer in Kleinstädten hängen bleibt, ähnlich seiner Heimatstadt Olten. So verschlägt es ihn nach Bodie, wo es einen Totengräber gab, der im Winter Dynamit legte, um die Gruben für die Särge zu sprengen, weil der Boden so beinhart gefroren war. In Skidoo spürt er eine ganz schräge Geschichte auf, die von Joseph Simpson erzählt. Einem Säufer, der eine Bank überfallen haben soll und den Zweigstellenleiter erschoss. Nachdem er bereits gehängt worden war, stellte sich heraus, dass dieser eigentlich gar kein armer Mann war, sondern etliche tausend Dollar Vermögen, auf eben dieser Bank hatte.

Eine kuriose Geschichte wurde in den Zeitungen von Amerika bis nach Grossbritannien gedruckt: ein Erfinder legte sich sein entwickeltes Kühlsystem um, durchquerte das Death Valley und wurde danach erfroren (!) aufgefunden.

Auch in einer Ecke, die Hawiku heisst, verhinderten die Hopi-Indianer auf listige Weise, dass die Conquistadores wieder von dannen zogen und sie wenigstens noch zweihundert weitere Jahre in Ruhe leben konnten.

Amüsant  ist schliesslich die Tatsache, dass die berühmte Route 66 ein alter Kamelpfad war. Heute knattern, unter anderem, Motorräder über diese Strasse.

„Und jetzt fuhren sie Stunde um Stunde im Pulk auf dieser Autobahn, an deren Tankstellen das Benzin doppelt und dreimal so teuer ist wie anderso, weil nur hier die Touristen blöd genug sind, eine Fahrt durch die Wüste mit halbleerem Tank anzutreten, und ihre Hintern schmerzten und die Hände waren taub von den Vibrationen der technisch veralteten Harley-Motoren, und der Begleittruck des Reiseveranstalters führte ihnen ihre Rollkoffer hinterher, damit sie am Abend im Holiday Inn zum Abendessen ihre McGregor-Hemden und ihre gebügelten Jeans anziehen konnten…“

Diese Geschichte und noch andere gibt es in diesem Büchlein von fünfundsiebzig Seiten zu lesen. Alte Fotos und Zeitungsausschnitte, die ich gerne etwas grösser gehabt hätte, runden das ganze ab. Alex Capus vermittelt Geschichte und Wissenswertes, dass es ein Vergnügen ist. So würde selbst Schülern der Geschichtsunterricht wieder Spass machen.