Der Bub

Im letzten Literaturclub wurde das neue Buch „Nilpferde unter dem Haus“, des Schweizer Schriftstellers Hansjörg Schneider, besprochen. In diesem Zusammenhang wies Stefan Zweifel auf einen alten Roman, „Der Bub“, hin, der mich neugierig machte, dass ich ihn mir gleich antiquarisch besorgte. Ich hatte ja Zeit zu lesen, lag ich doch mit Fieber im Bett. Am Mittwoch habe ich das dünne gelbe Büchlein bestellt und am Freitag war es bereits in meinem Briefkasten!

Peter Fischwanz klinkt sich wieder einmal für eine Woche aus seiner Ehe aus und reist ins Tessin, wo er die abgelegene Hütte eines Freundes benützen darf. Er hat ein Heft mit dabei und beginnt darin mit seiner Lebensaufzeichnung. Von der Hütte aus blickt er auf den Lago Maggiore und nur ein Hügel verwehrt ihm den Blick auf Genna, einem Dorf, wo er einst als Bub eine glückliche Zeit mit seiner Mutter verbracht hat. In jenes Dorf hat es ihn auch auf die Hochzeitsreise verschlagen.

Peter hat seine Mutter früh verloren. An ihr ist er sehr gehangen, denn sie war immer gut zu ihm und verlor nie ein schlechtes Wort. Vor der Heirat war sie Lehrerin und hat sehr gut Klavier gespielt.

„Seine Mutter war gestorben als er 18 war. Aber ihr Sterben hatte früher angefangen. Seit Peter sich erinnern konnte, hatte sie sich auf den Tod vorbereitet. Wahrscheinlich hatte sie sich zum Sterben entschlossen, als sie das Klavierspielen aufgab.“

Sein Vater arbeitet in der Stadtkanzlei. Allerdings versteht Peter nicht, weshalb der Vater dieser Tätigkeit, die ihm einen schlechten Magen beschert, nachgeht.

Während den nächsten vier Tagen schreibt er über alles in dieses Heft, woran er sich erinnert. Peter ist noch vor dem 2. Weltkrieg geboren worden und wächst im Schweizer Mittelland, als Einzelkind, auf. In der Schule hat er nicht allzu viele Freunde, immer gerade einen, der ihn auf seine Weise prägt. Da ist Armando, ein Junge aus dem Tessin, mit dem er eine Weile verkehrt. Sein Freund wechselt die Mädchen regelmässig, wenn er ihnen überdrüssig wird. Im letzten Bezirksschuljahr ist da Röbi, der zu Hause Jazzplatten hört und schon viel zu viel raucht. Er wird aus der Lehre geschmissen, bevor er richtig angefangen hat. Jazz ist das Zauberwort und Chet Baker das grosse Vorbild. Peter hingegen soll nach der Matura studieren, dabei macht er sich gar nichts aus einem Studium. Viel berichtet er über die Verwandten, Onkel und Tante, die Dorfgemeinschaft und das Bauernleben und immer wieder über die Eltern.

Geblieben ist ihm auch die Erinnerung an seine Lehrer mit dem Rohrstock. Einer schlägt einen Kameraden, weil beim Schreiben zu viel Tinte aus der Feder tropft. Der Pfarrer, der Religionsunterricht erteilt hat verteilt Ohrfeigen, denn gewisse Fragen stellt man in jener Zeit nicht, auch wenn die Bibel einen darauf bringt. Als Erich auf einen Vers in Moses 1 hinweist, wird es dem Pfarrer zu bunt.

„Pfarrer Baumanns Gesicht wurde kreideweiss. Er ging auf Erich zu und gab ihm mit seiner weichen Hand eine Ohrfeige. Dann stellte er sich wieder hinter sein Pult. Jetzt überzog sich sein Gesicht mit einer seltsamen Röte. ‚Dazu seid ihr viel zu jung, ihr Saubande!'“

Schon während der Jugendzeit, in den Schulferien, macht sich Peter Richtung Basel auf, um auf einem Rheinschiff nach Amsterdam zu gelangen. Dann fährt er ganz allein nach Neapel und Sizilien.

Auch über seine Freundinnen und Liebschaften schreibt Peter Erinnerungen auf. Schon zur Primarschulzeit geht Regine mit ihm im Wald spazieren und ist äusserst Keck. Die Jugendfreundin Behtli, die ihn beleidigt stehen lässt, als er ihr sagt, dass sie geschielt habe, als sie, für jene Zeit, verbotene Dinge tun. Während dem Studium lernt er eine Frau kennen, die eigentlich verlobt ist. Wegen ihr verlässt er Paris, um sie in Basel wieder zu treffen. Doch die Freude ist kurz und er fährt wieder zurück. So begegnet er Alice, die aus dem Nachbarort stammt, und ihm in Paris zufällig über den Weg läuft und sie verliebt sich in ihn.

Er schreibt in sein Heft:

„Warum bin ich nicht in Paris geblieben? Ich hätte Kellner werden oder in den Hallen arbeiten können, ich hätte Alice nach unserem Abschied im Gare de l’Est nie mehr gesehen. Sie wäre meine erste wirkliche Liebe geblieben. In der Erinnerung wäre sie noch schöner geworden. Stattdessen fuhr ich nach Bolingen zurück und liess mich in diese idiotische Ehe hineinziehen.“

Zurück in der Schweiz zieht Alice, nach Peters Studium, ebenfalls nach Basel. Sie spricht indirekt von Heirat, das Peter überhaupt nicht ins Auge fasst. Schon schwanger, werden die Beiden doch noch Mann und Frau. In einer Zeitungsredaktion verdient er fortan seine Brötchen, fängt schon bald heimlich mit einer Studentin eine Beziehung an. Es kommt zu ersten Streitereien und unschönen Szenen. Und dann reist er ins Tessin, wo die Dinge erst recht seinen Lauf nehmen…

Hansjörg Schneider hat „Der Bub“ 1976 geschrieben. Der Roman ist im Lenos Verlag erschienen und mit seinen 127 Seiten schnell gelesen, aber es vermittelt ein eindringliches Bild der ländlichen Schweiz in den Jahren vor und nach dem 2. Weltkrieg. Den Krieg erlebt Peter als Kind in der Schweiz anders, als in den Nachbarländern. Je nach Region hat man nicht allzu viel von den Greueln in der Welt mitbekommen. Die Lehrer und der Pfarrer teilen Hiebe und Ohrfeigen aus, nicht nur um ihre Autorität zu zeigen, nein, beim Pfarrer ist förmlich zu spüren, dass ihm die berechtigten Fragen der Jugend unangenehm sind, vielleicht auch nicht richtig beantwortet werden können. Also wird die Unsicherheit in Form von Ohrfeigen und Zurechtweisungen übertüncht. Ehefrauen harren in Ehen aus, weil man sonst mittellos wäre und nichts anderes kennt, auch Peters Mutter kehrt mit dem Koffer schon am Gartentor wieder um.

In einfachen aber eindringlichen Worten nimmt der Leser teil, am bisherigen Leben Peters. Vielleicht hat er sich ein anderes Leben gewünscht, doch wie er sich gegenüber seiner Frau, in Worten, aber vor allem in seiner Gedankenwelt verhält, fand ich sehr egoistisch. Er bemitleidet sich selber am meisten. Es geht nur um seine Bedürfnisse. Sein Sohn Daniel scheint ihn nicht zu interessieren. Es ist das Kind von Alice, wie er in seinem Heft notiert. Peter ist ein Mann, der die Ehe nicht gewollt hat und sich deshalb daraus befreien möchte. Seine Frau Alice hat es einmal sehr treffend gesagt, dass er wie ein Paradiesvogel sei, den man nicht einsperren dürfe. Deshalb bricht er immer wieder auf und aus. Dieser Drang zur weiten Welt, machte sich schon in der Jugendzeit bemerkbar. Peter will nichts weiter, als frei sein und drückt sich vor der Verantwortung. Zu  sehr war er behütet bei seiner Mutter, „der Bub“.

Mit Franz Hohler spazieren gehen


Im Jahre 2010 hat sich der Schweizer Autor Franz Hohler entschlossen, jede Woche einen Spaziergang zu machen. Herausgekommen ist ein Buch mit 52 Aufzeichnungen seiner Spaziergänge, die am 12. März 2010 beginnen und am 4. März 2011 enden. Kein Kapitel ist länger als drei Seiten.

Seine Spaziergänge führen an die unterschiedlichsten Orte. Ich würde behaupten, teilweise sind das schon Wanderungen, von den Routen und der Zeit her, aber nennen wir sie einfach Spaziergänge.

Der Leser sitzt bequem im Sessel und begleitet Franz Hohler auf seinen wöchentlichen Ausflügen. Diese führen oft von seinem Haus, im Stadtquartier Zürich-Oerlikon, u.a. zum Seebad Tiefenbrunnen, quer durch die Stadt, zu einer Matinée in einem anderen Quartier, oder in eine andere Gemeinde um Zürich, bsp.weise an den Egelsee, einem Weiher, mitten im Wald, auf den Skulpturenweg, zum Künstler Franz Weber. Dabei sind beachtliche Strecken zusammengekommen. Die Spaziergänge finden aber auch in anderen Gegenden der Schweiz statt, wie im Kanton Solothurn, wo er aufgewachsen ist oder im Tessin. Er ist unterwegs mit Schneeschuhen zu einer Alphütte und sieht auf dem Rückweg nur eine einzige Spur im Schnee, nämlich seine. Er läuft auf der Loipe im Oberengadin zum Morteratsch-Gletscher, um zu sehen, wie weit sich der Gletscher in den vergangenen Jahrzehnten zurückgebildet hat.

Irgendwann kauft sich Hohler einen Kompass und dann führen ihn die Spaziergänge von daheim in alle Himmelsrichtungen. Richtung Westen möchte er den Sonnenuntergang sehen und ist schlussendlich zurück bevor er diesen betrachten kann. Trotzdem hat er seiner Frau einiges zu erzählen. Im Osten ist er erstaunt, wie früh gewisse Büroangestellte schon am Computer sitzen und der Arbeit nachgehen und sieht um sechs Uhr früh die ersten Grossraumflugzeuge, die wie Rieseninsekten zur Landung ansetzen. Als er in Zürich Richtung Süden unterwegs ist, nascht er in einer Seegemeinde von Feigen, die über einen Gartenzaun hängen, also ist er im Süden angekommen.

Er ist alleine unterwegs oder mit seiner Frau, besucht mal Freunde oder auch Bekannte. Seine beiden Söhne begleiten ihn einmal in die Vergangenheit, auf den Spuren des Grossvaters bzw. Urgrossvaters. Sie gehen den Weg vom Wohnort des Vorfahren zu dessen Arbeitsstelle als Weber, ennet dem Rhein und müssen feststellen, dass die Fabrik da nicht mehr steht und dass der Arbeiter einen Weg von eineinhalb Stunden hin und eineinhalb Stunden zurück unter die Schuhsohlen nehmen musste. Dann begleitet ihn sein Vater nach Luzern, einmal gar ins Spital. Nach einer Operation muss sich der Autor einige Wochen schonen und unternimmt einen Spaziergang durch seine „Weltbibliothek“ daheim. Er ist ein aufmerksamer Betrachter seiner Umgebung. Was er auf gewissen Werbeplakaten und Schildern sieht, beschreibt er genauso, wie ein Denkmal oder einen gesprayten Spruch auf einer Hauswand, die Arbeiten auf einer Baustelle oder die Flaggen in den Schrebergärten. Zwischendurch wird auch gerastet und gepicknickt und damit der Leser, der einen Ort oder eine historische Begebenheit nicht kennt, wird dazu auch eine Erklärung geliefert.

Die Spaziergänge finden nicht nur in der Schweiz statt. Da marschiert er in Seoul, der Hauptstadt Koreas los, kaum ist er richtig angekommen oder er beschreibt, was alles auf dem„Königsberg“ läuft, dem Mont Royal in Montreal, Kanada. Als er von seinem Verlag an die Frankfurter Buchmesse eingeladen wird, findet er noch genügend Zeit, um über das Messegelände, zu anderen Ständen, einen Spaziergang zu machen.

Viele Orte sind mir bekannt, da Zürich meine Heimatstadt ist. Selbst mein Wohnort kommt im Buch vor, deshalb war es gleich nochmals so interessant, seine Beobachtungen nachzulesen. Die Berichte sind kurzweilig und stimmen manchmal nachdenklich, dann wieder sind sie amüsant und man kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Da für jede Woche des Jahres ein Spaziergang aufgezeichnet ist, könnte man sich vornehmen, jede Woche nur einen Text zu lesen und spaziert so mit den Augen durch die vier Jahreszeiten. Auch als Vorbereitung für eine Reise in die Region Zürich und die Schweiz, ist Hohlers Buch eine Alternative oder Ergänzung zu den üblichen Reiseführern. Nach der Lektüre bekommt der Leser Lust, ebenfalls die Welt zu erkunden, steht auf, zieht sich bequeme Schuhe an (sonst gibt’s Blasen an den Füssen!) und macht sich zu einem ersten Spaziergang auf.

Warum nicht gleich hier und jetzt beginnen? Es gibt manch Spannendes und  Aussergewöhnliches, auch ums Haus, zu entdecken, man muss nur mit offenen Augen und Ohren losmarschieren.  Das hat Franz Hohler wunderbar vorgemacht und mit diesem Buch bewiesen.

„Spaziergänge“ Franz Hohler
erschienen im Luchterhand Literaturverlag, München, 2012 (154 Seiten)

Literatour mit „Die Kranzflechterin“ von Hugo Lötscher

„Die Kranzflechterin“ des Schweizer Schriftstellers Hugo Lötscher (1929 – 2006), erschienen im Diogenes Verlag, haben wir uns beim letzten Lesezirkel-Treffen ausgesucht, nicht zuletzt, weil der Roman in Zürich angesiedelt ist.

„Jeder soll zu seinem Kranze kommen“, pflegte Anna zu sagen; sie flocht Totenkränze.“

Mit diesen Worten beginnt der Roman. Anna lebt in einem kleinen Ort im Schwarzwald, bevor sie nach Zürich aufbricht. Der Grund ist die geplatzte Hochzeit mit dem Steinacherfranz, der sie vor dem Altar sitzen lässt. Schwanger ist sie und macht sich, nach der Geburt ihres Kindes, mit einem Koffer und ihrer Tochter Richtung Schweiz auf.

am Hauptbahnhof kam Anna an

Im Arbeiter- und Ausländerviertel findet sie eine Bleibe bei ihrer Schwester und ihrem Schwager. Anna mietet sich ein Ladenlokal mit einem Zimmer und einer Küche dahinter, und hat vor, Gemüse zu verkaufen.

In der Luisenstrasse wohnte Anna

Anna kommt mit dem Leiterwagen oft an der Kaserne vorbei

Mit ihrem Leiterwagen, zieht sie auf den Grossmarkt und zu den Bauernhöfen in der Umgebung und richtet das Gemüse liebevoll zum Verkauf in ihrem Laden her. Ihre kleine Tochter sitzt oft zwischen dem Gemüse im Wagen.

„Als es greifen lernte, griff es nach Bohnen und streute sie auf die Strasse. Streckte das Kind die Arme zwischen dem Suppengrün aus, dann waren es zwei lebendige Lauchstengel,  die in die Luft ragten; und schlief es zwischen Blumenkohlköpfen, war das Kindergesicht so rund wie ein Blumenkohl; und wie der Blumenkohl ein Häubchen trug, trug auch Annas Kind ein Häubchen, nur dass der Blumenkohl, der Anna gehörte, manchmal weinte.

Die Idee mit einem Gemüseladen haben vor ihr schon etliche andere Einwanderer, nicht zuletzt die Italiener, und bald sattelt sie auf das Flechten von Totenkränzen um, als eine Kundin, die bestellten Kartoffeln nicht mehr will, denn ihr Mann ist gestorben.

Anna legt viel Gefühl in ihre Arbeit, die Kränze werden sehr persönlich und müssen zum Verstorbenen passen.

„Anna wollte sehen, wohin ihre Kränze kamen. Sie setzte sich für den Besuch des Hauptfriedhofes Sihlfeld den Hut mit den wippenden Kirschen auf. Das Portal liess sie erstaunen; solche Portale hatte sie bisher nur am Bahnhof in Stuttgart und am Bahnhof in Zürich gesehen.“

vor dem Friedhof Sihlfeld verkaufte sie ihre Kränze


Die geschäftstüchtige Frau zieht fortan an Allerheiligen vor den Friedhof, wo sie ihre Kränze aufstellt und an die Trauernden verkauft. Den erfolgreichen Tag beschliesst sie, indem sie alle Jahre den Kastanienbrater, den Totengräber und ihren eingemieteten Zimmerherrn zum Festschmaus einlädt.

Der Steinacherfranz sucht Anna noch einmal in Zürich auf, um sie erneut zu verlassen, indem er seine sehr persönlichen Spuren hinterlässt. Der erste Weltkrieg kommt und vergeht. Eine schwere Grippe, die wiederum viele Tote fordert, bringt Anna viel Arbeit und plötzlich hat sie zu wenig Kränze vorrätig. Ihre Tochter prügelt sie buchstäblich gesund, als Else sich auch ins Bett legt.

Die Glocken hörte sie vom Grossmünster

und auch vom St. Peter

Wir werden über die Jahre hinweg Zeugen der Wirtschaftskrise, die der schwarze Montag nach sich zieht, des ersten elektrischen Schalters in einer Wohnung und der Jahre vor dem 2. Weltkrieg. Die Welt wandelt sich und mit ihr auch Anna.

Es ist erstaunlich was Hugo Lötscher in diesen Roman, der gerade einmal 183 Seiten dick ist, alles packt. Das ganze Leben von Anna steckt zwischen diesen Buchdeckeln. Es ist sehr poetisch, wie er über das Gemüse schreibt und geradezu umwerfend, wie er Anna mit Else sprechen lässt, als das Mädchen zur Frau wird. Der Autor gibt einer Frau mit einem unehelichen Kind eine Stimme, zudem einer Immigrantin, zu einer Zeit, als es eine ledige Mutter noch um einiges schwerer hatte als heute. Anna muss Mutter- und Vaterrolle in einem übernehmen und oft Härte zeigen, wenn sie sich vielleicht lieber an einen Freund anlehnen und gehalten werden würde. Sie muss funktionieren. Deshalb gibt es in diesem Roman kaum Platz für grosse Gefühle. Anna ist eine starke Frauenfigur, eine Kämpferin, die uns die Geschichte ihrer Zeit mit einer Wucht näher bringt.

Nachdem ich den Roman gelesen hatte, habe ich mein ganz persönliches Projekt gestartet und mich auf die Spurensuche der Anna begeben. Ich habe die Original-Schauplätze besucht und fotografiert und gleichzeitig über die vielen Orte Historisches recherchiert und zusammengetragen. Meine Wanderungen führten mich, wie für Anna auch, zu Fuss quer durch die Stadt. Ich musste allerdings keinen Leiterwagen hinter mir herziehen. Die meisten Handlungsorte sind mir, seit meiner Kindheit vertraut, vor allem das Quartier Zürich-Aussersihl. Das Quartier der in- und ausländischen Einwanderer, wo Anna, die Protagonistin, gelebt hat, ist mir, durch die Jahre als Lehrling dort, noch sehr präsent und die Innenstadt, wo ich schon als kleines Mädchen an der Hand meiner Mutter, alles bestaunte und aufregend fand.

Meine Wanderungen waren spannend, ich habe gestaunt und geschaut, wie sich die Quartiere entwickelt haben, ob zum Guten oder Schlechten lassen wir hier im Raume stehen. Gebäude und Plätze haben sich teilweise stark verändert, wurden umgebaut und Einiges gibt es nicht mehr. So habe ich auch auf historische Fotos zurückgreifen müssen oder diese mit meinen Aufnahmen verglichen. Ich habe meine Stadt als „Literatour“ nochmals anders wahr genommen, viel gesehen und neu erleben dürfen, bin in Gegenden marschiert, die ich selten oder nie aufsuchen würde. 18 Kilometer zu Fuss sind es geworden, das Wetter hat an diesen drei Tagen immerhin mitgespielt, da bin ich schon sehr dankbar. Durch diese Wanderungen wird „Die Kranzflechterin“ noch lange in mir nachklingen und wahrscheinlich nie wieder vergessen gehen.

Jacob beschliesst zu lieben


Catalin Dorian Florescu entführt uns mit seinem neuen Roman „Jacob beschliesst zu lieben“ in die Heimat seiner Kindheit, nach Rumänien. Erzählt wird die Geschichte der Familie Obertin.

Das erste Kapitel beginnt mit der Ankunft von Jacobs Vater im Banat , der ebenfalls Jakob heisst, allerdings Jakob mit K. Dies ist ein wichtiger Unterschied, wie wir erfahren werden, denn Jakob der Vater ist in seinem Wesen ganz anders als Jacob mit C.

Von Jakob kennen wir nur den Vornamen, seinen Namen verschweigt er. Er sieht in einer Zeitung das Bild von Elsa Obertin, der „Amerikanerin“ wie sie in ihrem Dorf Triebswetter genannt wird. Sie, die mit siebzehn Jahren nach Amerika aufgebrochen ist, um ihrer Familie helfen zu können. Jakob beschliesst, diese Frau zu heiraten. Er ist ein armer Kerl und hat nichts, ihre Familie hat einen Bauernhof und wird froh sein, um einen der etwas von der Landwirtschaft versteht und für den Fortbestand des Hofes sorgen wird.

Die Geburt von Jacob ist ungewöhnlich. Wir erfahren, dass er zweimal geboren wurde. Die erste Version der Geburt stammt von seiner Mutter, die zweite von Ramina, einer Zigeunerin. Vater Jakob will seinen Sohn nicht anerkennen. Einer, der so auf die Welt kam, nämlich auf dem Mistkarren, vor den Augen der versammelten Dorfgemeinde, der kann nicht von ihm sein. Und der Gestank der Geburt haftet an diesem Jungen. Jacob ist ständig krank und schwächlich, nicht zu gebrauchen als Nachkomme, der einen Hof zu bewirtschaften hat. Jeden Freitag macht sich Jacob mit einem Suppenhuhn und anderen Lebensmitteln zu Ramina auf, die ihn auf die Welt geholt hat und immer die richtigen Kräuter für ihn hat, um ihn von seinen Krankheiten, gesund werden zu lassen. Bei ihr fühlt er sich wohl und er hört gerne ihren Geschichten zu, die sie ihm erzählt.

Eine Schande ist das mit der Lebensmittellieferung, meint der Vater und will die Lieferungen ein für alle Mal unterbinden. Aber die Obrigkeit nimmt ihm diesen Schritt ab. 1942 wird gesetzlich bestimmt, dass die Zigeuner das Dorf zu verlassen haben. Sie sollen in die Ukraine, in die leeren Häuser der Juden, umgesiedelt werden. Dort hätten sie ein besseres Leben, sagt man. Aber Ramina weiss von einem geflohenen Zigeuner, das dem nicht so ist. Mühsam schleppt sich die Zigeunerin zum Haus der Obertins, um der Familie einen Handel vorzuschlagen. Sie ahnt, dass sie sterben wird, aber ihr Sohn Sarelo soll nicht das gleiche Schicksal ereilen. Deshalb möchte sie ihn bei den Obertins lassen, er ist gesund und stark, im Gegensatz zu Jacob. Und sie weiss, dass Jakob Obertin den Hof gesichert haben möchte. Die Frau ist schlau und weiss, dass Jakob empört ablehnen wird. Deshalb schüttelt sie eine Trumpfkarte aus ihrem Ärmel, die den Mann umstimmen wird. Auf Sarelo ist Verlass und er arbeitet schon bald Seite an Seite mit seinem Herrn. Das erste Mal ist Jakob Obertin zufrieden und poltert nicht ständig. Das kommt seinem Sohn sehr gelegen, so entgeht er dem Zorn seines Vaters.

Der Vater beschliesst, dass Jacob in der Stadt das Gymnasium besuchen soll. So ziehen Grossvater und Jacob nach Temeswar. Die einzige Abwechslung, die der alte Mann in der Stadt hat, ist, sein Enkel zur Schule zu bringen und wieder abzuholen. Oft ziehen die Beiden danach durch die Quartiere, um so lange wie möglich nicht in das leere Haus zurückkehren zu müssen, wo der Ofen meistens kalt bleibt. Eines Tages trifft Jacob auf Katica, das Serbenmädchen, aus seinem Dorf. Sie arbeitet in der Schneiderei von Frau Liebermann. Es entwickelt sich eine zarte Liebe zwischen den Beiden. Jacob mag es, die Hand von Katica in seiner zu spüren. Es ist ihm mehr wert als alles andere. Der Grossvater, anfangs skeptisch, akzeptiert schliesslich, dass Katica in ihrem Haus ein und aus geht. Dann taucht Vater Jakob in Temeswar auf und teilt Jacob mit, dass er sich keine Hoffnungen auf den Hof machen müsse. Sarelo soll als Erbe eingesetzt werden. Jacob ist so erzürnt, dass er sich im Fluss ertränken will. Doch die vereiste Fläche will nicht brechen. Gott hat entschieden, dass Jacob leben soll.

Die Russen marschieren in Rumänien ein, Grossvater, Jacob und Katica kehren nach Triebswetter zurück. Jacob verliert seine Liebe, wird von seinem Vater verraten und wird schliesslich nach Sibirien deportiert. Er beschliesst zu fliehen und kommt beinahe um. Bei einem Popen findet er ein Zuhause. Als gesunder und kräftiger junger Mann macht er sich nochmals nach Temeswar auf. Nach vielen Jahren, fern von seiner Familie, wagt er den Weg zurück in sein Heimatdorf. Er weiss nicht, was und wer ihn dort noch erwartet.

Der 2. Weltkrieg ist inzwischen vorbei, die Kommunisten haben das Zepter im Land übernommen. Die Eltern wohnen im Gesindehaus und sind zur Arbeit in der Kooperative eingeteilt worden. Noch bevor Jacob nach Triebswetter zurückgekehrt ist, haben die deutschstämmigen Bewohner entschieden, den Weg, den ihre Vorfahren einst gegangen sind, umgekehrt zu gehen. Sie wollen nach Lothringen zurückkehren. Viele Familien machen sich schliesslich auf den Weg. Hinter Jacobs Rücken hat einmal mehr sein Vater entschieden. Das Zentralkomitee der Rumänischen Arbeitspartei beschliesst, dass Serben, die Titos Jugoslawien unterstützen könnten, ehemalige SS-Angehörige, Angehörige der deutschen Minderheiten (Schwaben), reiche Bauern usw. deportiert werden sollen. Noch einmal nimmt das Leben der Familie Obertin eine Wende.

Ich habe den Autor Catalin Dorian Florescu bei einer Lesung erneut erleben dürfen, wo er uns viele Hintergrundinformationen zu seinem neusten Werk geliefert hat. Zum ersten Mal hat er sich an einen Roman mit fiktiven Personen gewagt. Davor waren seine Bücher autobiographisch oder er erzählte die Geschichten von existierenden Menschen, die ihm seine Reisen nach Rumänien beschert haben. Zu seinem Schritt kann ich ihm nur gratulieren und ich bin froh, dass die Jury seinen Roman mit dem Schweizer Buchpreis 2011 ausgezeichnet hat.

Florescu nimmt uns mit auf eine beschwerliche Reise der Familie Obertin. Jacob lässt uns auch seine Vorfahren Caspar und Frederick Obertin kennenlernen. Diese Kapitel sind nicht minder aufregend. „Jacob beschliesst zu lieben“ ist ein schöner Titel. Trotz aller Widrigkeiten in seinem jungen Dasein, wie die Härte seines Vaters, die er immer wieder zu spüren kriegt, die Gottergebenheit der Mutter, lässt Jacob nicht zu, dass Hass seine Seele vergiftet.

Auf der Plattform einer Online-Buchhandlung meinte eine Leserin, dass das Buch langweilig sei und nichts darin passiere. Dem kann ich absolut nicht zustimmen. Der Autor schreibt in einer grossartigen und ausdrucksstarken Sprache, die einem die Menschen und die Gegend grossartig vermittelt und näher bringt. Der Leser erfährt ausserdem viel Historisches über die Besiedlung des Banats. Eine schwere und gefährliche Reise führte viele Menschen von Lothringen bis in diese Ecke Rumäniens. Und die Neugier auf dieses Land, das seit 2007 der Europäischen Union angehört, das so viele Volksgruppen vereinigt und dem Regime von Caeucescu ein Ende gesetzt hat, ist noch einmal gewachsen.

Ein starker Roman, der in mir noch lange nachklingen wird!

Freitod der 13.

Ich gestehe, ich bin normalerweise keine Krimileserin, aber zwischendurch mache ich auch einmal eine Ausnahme, wie bei Freitod der 13. von Peter Hänni.

Worum geht es?

Markus Zuber hat als Arzt Notfalldienst und wird zu einem Toten gerufen, damit er den Totenschein ausstellt. Der Tote ist kein Patient von ihm, also kennt er die Todesursache nicht. Die Nachbarin hat angerufen und den Maler Schwander tot in dessen Wohnung aufgefunden. Sie erzählt dem Arzt auch, dass Schwander unheilbar krank war – Krebs. Die Todesursache ist also eine klare Sache – sollte man wenigstens meinen.

Der Tote hatte vor gut einem Jahr eine Lebensversicherung abgeschlossen, mit der Klausel, dass bei unnatürlichem Tod die Versicherung nicht ausbezahlt werden darf. Als der Sohn aussagt, dass sie zwar mit dem Tod des Vaters gerechnet hätten, aber nicht so bald, wird die Versicherungsgesellschaft hellhörig und auf Insistieren eines Mitarbeiters, muss die Kundenbetreuerin Lisa Zürcher den Fall nochmals bearbeiten und Abklärungen vornehmen. Zuber soll den natürlichen Tod nochmals bestätigen. Im ersten Moment besteht für diesen kein Zweifel. Nach dem Anruf von Lisa Zürcher wird er plötzlich unsicher, denn so genau hat er den Toten auch wieder nicht untersucht und sich nur auf die Angaben der Nachbarin verlassen, die als Krankenschwester gearbeitet hat. Was wenn er etwas übersehen hat? Nun ist es Markus Zuber nicht mehr ganz so wohl in seiner Haut.

In diesem Falle war es von Vorteil, wurde der Tote nicht kremiert, sondern erdbestattet. So kommt es zur Exhumierung der Leiche, die gleich in die Gerichtsmedizin wandert. Und was hier festgestellt wird, kann ein jeder ahnen: Schwander ist keines natürlichen Todes gestorben. Steckt Suizid dahinter oder hat ihm die Sterbehilfe-Organisation Thanatos, die neu auf dem Markt ist, beim Freitod begleitet oder ist es Mord?

Das Thema ist absolut brisant und gibt uns einen Einblick in ein Gebiet, das für die Meisten von uns ein unbekanntes Terrain ist. Hier in der Schweiz ist der Freitod und sind  die Sterbehilfe-Organisationen immer wieder Gegenstand von Zeitungsberichten, meistens nicht im positiven Sinn. Ein Kapitel vor allem, wo eine Sterbehilfe-Begleitung im Detail geschildert wird, würde reichen, um interessante Diskussionen zu führen. Ich war bestürzt und traurig zugleich. Und man macht sich automatisch Gedanken darüber „wie würde ich entscheiden, wenn ich unheilbar krank wäre…?“

Es ist für mich kein Krimi im klassischen Sinne. Die Polizeiermittlungen stehen nicht im zentralen Mittelpunkt. Ermittelt wird vor allem durch den Arzt selber, zusammen mit Lisa Zürcher will er der Sterbehilfe-Organisation auf die Schliche kommen und ihr unsaubere Praktiken nachweisen.

Das Buch ist spannend. Es hat mir auch Spass gemacht, weil ich einige Schauplätze in Bern und Umgebung kenne. Aber der Schluss, der ist eine gewaltige Überraschung!

Absolut empfehlenswert.