Niedergang

Niedergang

Roman Graf, geboren 1978 in Winterthur, Schweiz, arbeitete nach seiner Ausbildung als Forstwart in verschiedenen Berufen und studierte am Leipziger Literaturinstitut. Für seinen ersten Roman „Herr Blanc“ erhielt er zahlreiche Preise, unter anderem den Mara-Cassens-Preis 2009 und den Förderpreis des Berner Literaturpreises 2010. Der Autor lebt heute in Berlin.

Sein Roman „Niedergang“ war nominiert für den Schweizer Buchpreis 2013.

„Am höchsten hinauf, am weitesten kommt, wer mit der Natur verschmilzt, dachte André; das schlechte Wetter muss man sich zum Verbündeten machen.

Regenschwerer Neben hatte über Nacht das Tal gefüllt, klebte im Talgrund, hakte sich an Häuserecken, Dachvorsprüngen, Dachrinnen fest, erstickte das Bergdorf. Der Kirchturm und die Giebel der höheren Häuser waren im Nebel verschwunden, wie abgetrennt, nicht mehr Teil dieser Welt. Strasse und Trottoir, aber auch der Felsen neben der Bäckerei lagen vom Nieselregen verfärbt.“

André ist Schweizer und lebt seit einigen Jahren in Berlin. Er hat den Wunsch, seiner deutschen Freundin Louise seine Heimat zu zeigen und mit ihr eine mehrtägige Wanderung in den Bergen zu machen. Minutiös hat er die Bergtour, die sie gemeinsam unternehmen wollen, vorbereitet, nichts dem Zufall überlassen. Die Wanderroute hat er genau studiert, die Zeit berechnet, damit sie ganz sicher rechtzeitig in der Berghütte ankommen, wo sie zu übernachten gedenken. Während den weiteren Tagen werden sie auch im Zelt biwakieren. Die Kondition haben sie bei ausgedehnten Wanderungen auf der Mecklenburgischen Seenplatte antrainiert. Da auch eine kurze Kletterpartie eingeplant ist, haben sie in der Kletterhalle ein Klettertraining absolviert und nach und nach den Schwierigkeitsgrad erhöht.

Nun ist das Paar im Hotel angelangt, André bereit für die Bergtour. Louise hingegen, ist schlecht gelaunt, denn das Wetter ist für alles andere geeignet, denn für eine mehrtägige Tour in den Alpen. Doch André besteht auf Aufbruch, Nieselregen und Nebel hin oder her. Sein ganzes Programm gerät sonst aus den Fugen und das wäre schade. Während André voll in seinem Element ist, trottet seine Freundin mit dem schweren Rucksack missmutig hinterher. André weiss, worauf es in der Natur und beim Wandern ankommt, denn er erinnert sich nur zu gut an die Zeit, als er Pfadfinder war, deshalb spart er auch nicht mit gutgemeinten Ratschlägen an seine Freundin.

„Die zähen Abenteuer als Jugendlicher, die er alle bestanden hatte, führten zu einem Selbstbild, zu einer Einstellung, die er noch heute besass: Kein Wanderweg der Welt konnte ihn, André besiegen! Wenn es sein musste, wurde er eine Maschine; nicht wegen seiner Kraft, die mittelmässig war, vielmehr wegen seines Willens.“

Erst am Tagesziel, einer Berghütte, taut Louise, dank dem Gespräch mit dem deutschen Hüttenwart, etwas auf. Jetzt ist es André, der den „Saisonnier“ am liebsten nach Hause schicken würde. Den wird er ganz bestimmt nicht fragen, wie sich das Wetter entwickeln wird.

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Die Welt sieht am folgenden Morgen ganz anders aus, als endlich die Sonne scheint. Für eine Weile scheint auch für André und Louise alles in Ordnung zu sein. Doch unterschwellig gärt es, jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt, wohl auch mit Zweifeln, was die Bergtour, die Beziehung betrifft. Das Ziel ist nah, die Besteigung des Gipfels steht bevor, als Louise sich entscheidet, die Übung abzubrechen. André kann es kaum fassen, ist aber keineswegs bereit, seine Freundin beim Abstieg zu begleiten – nicht so kurz vor dem Ziel. Er entscheidet sich, den Aufstieg ohne Louise durchzuziehen. Allein und auf sich gestellt, hat er viel Zeit, nachzudenken, sich einsam zu fühlen, wütend auf seine Freundin zu sein, die ihn kläglich im Stich gelassen hat, sie trotzdem zu vermissen, in Selbstmitleid zu zerfliessen.

„Bei Louise wusste er nie, woran er war. Gerne hielt sie Dinge im Geheimen, brütete Vorhaben aus und rückte erst spät damit heraus. So hatte sie ihm nicht zu Beginn ihrer Beziehung erzählt, dass Louise nicht ihr richtiger Name war, sondern erst viel Monate später. […] Er hatte damals gleich gedacht, dass ihr Verhalten von geringem Selbstvertrauen zeuge oder sogar krankhaft sei. Heute noch konnte er nicht verstehen, dass sie ihm ihren richtigen Namen nicht früher gesagt hatte. Noch heute ärgerte er sich darüber.“

„Niedergang“ habe ich zu einem Zeitpunkt gelesen, als wir selber Bergwanderungen unternahmen. Es war einfach, sich in Roman Grafs Figuren hineinzudenken, was das Wandern betrifft. Die Stimmung kann leicht kippen, wenn das Wetter schlecht gelaunt ist. Und welche Euphorie, wenn man am Ziel ist und ein herrliches Bergpanorama in gleissendem Sonnenschein vor sich hat. Vergessen sind alle Strapazen und die Müdigkeit. Doch wenn die Beziehung einen Knick abbekommen hat, können tagelange Wanderungen im Gebirge zum Alptraum werden. Das Schweigen des anderen erschlägt einem wie herabstürzende Felsen. Während den stundenlangen Märschen bekommen die Gedanken Beine und wandern ebenfalls. Der Autor hat die geladene Atmosphäre, die zwischen dem Paar herrscht, sehr präzise beschrieben. André geht einem auf die Nerven mit seinen Pfadfinderweisheiten. Er weicht auch keinen Zentimeter von seinem Plan ab. Was sein muss, muss sein. In Gedanken kritisiert er jeden, nur seine eigenen Fehler sieht er dabei nicht. Louise hingegen entwickelt sich weiter – weg von André – und geht ihren eigenen Weg. Obwohl zwei Menschen „nur“ auf einer Wanderung in die Höhe steigen, wird die Geschichte keinen Moment langweilig. Im Gegenteil, man ist gespannt, was sich zwischen den beiden als nächstes ereignet. Das Buch lässt sich süffig weglesen.

Roman Graf „Niedergang“
Verlag Knaus
erschienen 2013
ISBN 978-3-8135-0566-5

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer SchickseMordechai Wolkenbruch, schlicht Motti genannt, ist fünfundzwanzig Jahre alt und orthodoxer Jude. Seine Mutter führt in der Familie das Regiment und befindet, dass es Zeit wäre, dass auch ihr Jüngster endlich heiraten sollte. Heiratswillige jüdische Kandidatinnen gibt es genügend und gar manches Treffen mit anderen Müttern und ihren Töchtern finden nicht ganz zufällig statt. Doch die Frauen, die Mottis Mame für ihren Sohn aussucht, entsprechen nicht ganz den Vorstellungen des Wirtschaftsstudenten. Die meisten sehen aus wie seine Mutter und haben ein gut geöltes Mundwerk wie sie.

Motti hat längst eine Frau ins Visier genommen. Sie sitzt wie er in den gleichen Vorlesungen an der Universität. Da die junge Frau ihm ausserordentlich gut gefällt, vor allem ihr tuches (Hintern), wird er ein regelmässiger Besucher der Vorlesungen. Ein Haken hat das Ganze: Laura, so der Name der Angebeteten, ist Nichtjüdin und Motti getraut sich nicht, sie anzusprechen. Er hat keinerlei Erfahrungen mit Frauen, schliesslich werden die Begegnungen mit ihnen, in seinem jüdischen Alltag ständig von seiner Mutter organisiert.

„Sofort fühlte ich mich sejer schlecht, auf mehreren Ebenen; als hätte ich ein Kilo milchikes mit einem Kilo fleischike vermengt und in einem Bissen heruntergewürgt. Mir gefiel diese Laura unsäglich. Doch allein schon der Tatsache, dass sie hojsn trug – wohlgemerkt auffalend sportlich geschnittene -, war zu entnehmen, dass es sich bei dieser froj um eine schikse handelte; auch ihr unjüdischer Name verriet, dass sie mit grosser Wahrscheinlichkeit regelmässig Schweine ass und am schabbes hemmungslos elektrsche Gerätschaften in Gang setzte. Dennoch empfand ich den Namen Laura als Wohlklang, und ich muss gestehen, dass sich die Achse meiner jiddischkajt an diesem frimorgn leicht verschob.“

Motti der bei seinem Vater, im Büro der Wolkenbruch Versicherungen, arbeitet, kommt öfters auch zu der alten Frau Silberzweig. Für die jüdische Gemeinde ist sie eine Hexe, da sie sich mit Karten legen beschäftigt. Auch für Motti legt sie die Karten, die ihm prophezeien, dass noch Einiges auf ihn zukommen werde.

„Jingele“, sagte Frau Silberzweig zärtlich und belustigt, „da warten spannende zajtn auf Sie! Oder auch nicht. Wer weiss schon, ob das Zeug da stimmt. Heisst zwar „treferaj“, aber ob es auch trifft …“ […]

„Herr Wolkenbruch, machen Sie nicht ein solches punem (Gesicht)! Es kommt alles gut. Es kommt immer alles gut. Kann ich Sie so gejn lassen?“
„Ich glaube schon“, sagte ich.
„Dann gehen Sie und leben Sie. Und besuchen Sie mich wieder mol.“

In Michèle findet er eine Verbündete. Zwar wäre sie für ihn eine ideale Ehefrau, wenn es nach den Müttern ginge, aber der Funken der Liebe springt bei ihnen nicht über. Sie mögen sich und beschliessen, sich für einige Zeit aus der Verkupplungsszene zu verabschieden und so zu tun, als ob. So verschaffen sie sich für einen Moment eine Verschnaufpause bevor die Braut- bzw. Bräutigamschau wieder weitergeht. Das kommt allerdings gar nicht gut an. Motti muss beim Rabbi vortraben und wird mit guten Ratschlägen eingedeckt, um alsbald zu seinem Onkel nach Israel geschickt zu werden.

Weit weg von der Mame, in äusserst liberaler Umgebung, erlebt er erstmals wie es sich anfühlt, nicht fremdbestimmt zu sein. Völlig verwandelt kehrt er von seiner Reise aus dem Nahen Osten zurück. Er beschliesst endlich sein eigenes Leben zu leben und nicht wie es seine Mutter für ihn vorgesehen hat. Auch äusserlich verändert, mit neuer Brille, von einem nichtjüdischen Optiker, und nach dessen Rat, mit gestutztem Bart, wechselt er, für die Vorlesungen an der Uni, die zu kurzen, schwarzen Hosen gegen Jeans. Was für eine Schande!

Erstmals wird er von seiner Umgebung wahr genommen, selbst Laura, seine Traumfrau, kommt ins Gespräch mit ihm, lädt ihn gar zur WG-Party ein und Motti hebt in den siebten Himmel ab. Endlich!

Auswärts übernachten geht hingegen gar nicht und seine Mame ist einer Ohnmacht nahe, nachdem er erst am nächsten Morgen zu Hause eintrifft. Die Mutter beschimpft seine Eroberung in wüsten Worten, während der Vater sich einmal mehr hinter seiner Zeitung versteckt und brenzlige Situationen höchstens mit einer spassigen Bemerkung zu entschärfen versucht. Mordechai Wolkenbruch muss sich entscheiden.

Thomas Meyer hat einen umwerfenden ersten Roman hingelegt, der umgehend für den Schweizer Buchpreis 2012 nominiert wurde. Das Buch ist in jiddisch-deutscher Sprache geschrieben und den jiddischen Ausdrücken musste ich immer wieder im Glossar hinterherhechten, denn viele Worte sind mir nicht geläufig. Ich könnte mir gut vorstellen, dass weitere Begriffe in unseren Sprachgebrauch Einzug halten, viele sind schon seit Jahrzehnten in Gebrauch, ohne dass uns bewusst ist, dass sie jidischer Herkunft sind. Der blizbrif für E-Mail gefällt mir bsp.weise sehr 😉

Der Roman kommt anfangs leichtfüssig daher und geht zu Herzen. Mit viel Humor wird das Leben der Familie Wolkenbruch und das Verhältnis zwischen Motti und seiner Mame geschildert. Die Situationen spulen sich wie ein Film vor meinem inneren Auge ab und tatsächlich soll das Buch auch verfilmt werden. Thomas Meyer arbeitet bereits am Drehbuch. Je weiter der Roman jedoch fortschreitet und je mehr sich Motti verändert, desto nachdenklicher stimmt mich das Geschehen. Es wird das Dilemma eines jungen Mannes aufgezeigt, der aus den traditionellen Strukturen seiner jüdischen Gemeinschaft ausbrechen möchte. Der junge Jude wünscht sich ein moderneres und vor allem selbstbestimmtes Leben. Seine zukünftige Frau möchte er selbst wählen können und in keine Ehegemeinschaft gezwungen werden. Seinen Entscheid durchzuziehen braucht Kraft, denn dabei helfen wird ihm niemand, er ist auf sich allein gestellt. Nur allzu leicht könnte es deshalb passieren, dass er von der Gemeinschaft, in der die Familie alles ist und wie von einem Kokon umhüllt wird, ausgeschlossen wird. Das ist ein hoher Preis, den er bezahlen müsste – und ob es den wert ist?

„Ein lebn lang hatte ich im glojbn gelebt, nur zwischen weissem Hemd eins, weissem Hemd zwej und weissem Hemd draj wählen zu können, und mir nie darüber gedankn gemacht. Nun mache ich mir welche. Farbige hemdn kamen darin vor. Und Jeans. Und Nichtjüdinnen in Jeans. Eine im Speziellen.“

Ein lesenswertes Buch, das nicht nur humorvoll ist, sondern auch nachdenklich stimmt. Ist ein modernes Leben möglich, ohne dass die Herkunft und Religion, die mit Traditionen und Regeln, die seit hunderten, ja tausenden von Jahren bestehen, verleugnet wird? Ein Stoff der zum Diskutieren einlädt.

Thomas Meyer wurde 1974 in Zürich geboren. Nach einem abgebrochenen Studium der Jurisprudenz arbeitete er als Texter in Werbeagenturen und als Reporter auf Redaktionen. Erste Beachtung als Autor erlangte er 1998 mit im Internet veröffentlichten Kolumnen. 2007 machte er sich selbstständig als Autor und Texter. Er lebt und arbeitet in Zürich.

Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Salis Verlag
288 Seiten
ISBN 978-3-905801-59-0

Besuchenswert ist auch die homepage des Autors
Interview und Video (Tages Anzeiger)
Jiddisch neu entdeckt (NZZ)

Der Trost von Fremden

Der Trost von Fremden

Colin und Mary, aus England, verbringen ihren Urlaub in Venedig. Seit sieben Jahren sind sie ein Paar. Mary, die geschieden ist, hat ihre Kinder bei ihrem Ex-Mann gelassen, somit können die beiden ihre Tage gestalten, wie sie gerade Lust haben. Doch nach sieben Jahren, ist die grösste Verliebtheit vorbei und hin und wieder gibt es Unstimmigkeiten zwischen den beiden.

Das Paar führt zwar meist einen Stadtführer mit sich, verirrt sich aber oft in den engen Gassen, die, wenn sie vom Hauptstrom der Touristen, wegführen, sie wie im Rachen eines Drachen, verschlingt und nicht mehr ausspucken will. So kommt es, dass sie die Lokale, in denen sie schon gegessen haben, ein zweites Mal nur schwerlich finden, denn für gewöhnlich nehmen sie die Mahlzeiten nicht in ihrem Hotel ein.

„Allein vielleicht hätte jeder für sich die Stadt mit Vergnügen erkunden, Launen erliegen, Ziele aufgeben und so das Verirrtsein geniessen oder ignorieren können. Es gab so viel zu bestaunen hier, man musste nur auf Draht sein und die Augen aufsperren. Doch kannten einander so gut wie sich selbst, und ihre Vertrautheit war, wie zu viele Koffer etwa, eine ständige Belastung; gemeinsam bewegten sie sich langsam, unbeholfen, schlossen klägliche Kompromisse, achteten auf leise Stimmungsumschwünge und kitteten Brüche.“

Eines Abends verlassen sie relativ spät das Hotel, um ein Restaurant aufzusuchen, wo sie noch etwas zu essen bekommen. Doch bald haben sie sich wieder verlaufen und  kommen an Plätzen vorbei, von denen sie glauben, sie wiederzuerkennen. Da tritt plötzlich ein Fremder auf sie zu und fragt, ob sie Touristen seien. Als Mary erklärt, dass sie ein Restaurant zum Essen suchten, meint der Fremde, dass er ein Lokal kenne und will sie dort hinführen. Zwar etwas irritiert folgen Mary und Colin dem Mann, der sich in diesem Gassendschungel bestens auszukennen scheint.

„Sie nahmen die Gabelung linkerhand und gingen zehn Minuten, in denen Roberts geräuschvolle Versuche, ein Gespräch zu beginnen, auf Schweigen stiessen. Mary war selbstversunken – sie ging wieder mit verschränkten Armen -, Colin eine Spur feindselig – er wahrte Abstand zu Robert.“

Robert, so der Name des Fremden, führt sie tatsächlich in ein Lokal. Es ist eine Bar in einem Keller, wo sie allerdings nichts mehr zu essen bekommen, umso mehr frönen sie dem Wein und der Fremde beginnt ihnen seine Lebensgeschichte zu erzählen. Als Sohn eines Diplomaten, hat er seine Kindheit, zusammen mit vier Schwestern, grösstenteils in England verbracht. Er war der Liebling seines Vaters, der sehr strenge Regeln über die Kinder verhängt hatte. Ungewöhnliche Dinge, die Colin und Mary fasziniert zuhören lässt, erzählt der Fremde. Erst als die Bar dicht macht, treten die drei wieder auf die Strasse und verabschieden sich voneinander. Colin ist betrunken, Mary plagt der Durst und so irren sie erneut in den Strassen herum bis sie mitten auf dem Markusplatz landen, um sich dort in einem der Cafés auszuruhen und um endlich etwas zu trinken. Der geheimnisvolle Fremde taucht aus der Menschenmenge erneut auf. Es ist unvermeidlich, dass er das Paar entdeckt und lädt sie zu sich nach Hause ein, wo sie sich besser ausruhen könnten, als im Hotel.

Als Colin und Mary im Zimmer erwachen, sind ihre Kleider weg. Im Morgenmantel lernt Mary endlich die Ehefrau von Robert kennen, die ein Rückenleiden zu plagen scheint. Sie stellt seltsame Fragen und gibt offen zu, im Zimmer der beiden gewesen zu sein und sie beim Schlafen betrachtet zu haben. Die Kleider dürfe sie den Gästen erst aushändigen, wenn diese eingewilligt hätten, zum Essen zu bleiben.

Wie von fremder Hand geführt, willigen die beiden ein, zu bleiben. Vor dem Essen betrachtet Mary ein etwas undeutliches Foto im Esszimmer, das ihr Robert wieder aus den Händen nimmt und zurückstellt. Mit Colin führt er ein Gespräch über Frauen.

„Aber sie lieben Männer. Egal was immer sie angeblich zu glauben behaupten, die Frauen lieben Aggression und Stärke und Macht an den Männern. Das liegt tief in ihrem Innern. Denken Sie nur an all die Frauen, die ein erfolgreicher Mann an sich zieht. Wäre es nicht so, wie ich sage, dann würden die Frauen bei jedem Krieg protestieren. […] Sie reden von Freiheit und träumen von Knechtschaft.“

Hand in Hand kehren sie später in ihr Hotel zurück, wissen nicht, was sie von ihrer neuen Bekanntschaft halten sollen und die nächsten Tage verkriechen sie sich, als müssten sie sich verstecken. Sie genügen sich selbst. Sie bleiben zum Essen im Hotel, lieben sich, duschen gemeinsam und sind sich nahe, wie schon lange nicht mehr. Die seltsame Begegnung treibt sie zueinander und die alte Vertrautheit stellt sich wieder ein. Doch am vierten Tag, fühlt Mary, dass irgendetwas nicht stimmt.

„Trotz alledem wirkte Mary bedrückt, und Colin erwähnte dies auch mehrmals. Sie gab zu, dass da etwas sei, doch es stecke in ihrem Hinterkopf, knapp ausser Reichweite, erklärte sie, wie ein lebhafter Traum, der nicht wiederheraufgeholt werden könne.“

Ian McEwan, hat diesen Roman bereits 1981, im Original „The Comfort of Strangers“ veröffentlicht. Die Story beginnt harmlos. Colin und Mary sind ein Paar, die, wie viele andere auch, in Venedig Urlaub machen. In einer Stadt, in der es ein leichtes ist, sich im Gassengewirr zu verlaufen. Hier führt eine Brücke über einen Kanal, da geht es wieder zwischen den eng stehenden Häusern auf einen kleinen Platz. Doch die Geschichte gewinnt an Fahrt, als das Paar diesem Fremden und seiner Ehefrau begegnet. Der erste Instinkt ist Misstrauen, ein Zurückweichen – es ginge mir nicht anders als Tourist in einer fremden Stadt. Doch der Mann ist beharrlich, hat etwas an sich, das sie mitgehen lässt. Er führt das Paar an unsichtbaren Fäden wie ein Marionettenspieler.

Das Ganze wird mysteriös und die Spannung steigt, zieht mich mit. Begierig schlage ich Seite um Seite um, nicht ahnend, was mich noch erwarten wird und in der Tat – es verblüfft mich – was ich noch zu lesen bekomme haut mich um. Deshalb werde ich hier auch nicht ausführlicher und jeder, der sich für die Story interessiert, tut gut daran, sich den Filmtrailer nicht anzusehen, denn das Buch wurde 1990 von Paul Schrader, mit Rupert Everett, Helen Mirren, Natasha Richardson und Christopher Walken in den Hauptrollen, verfilmt.

Ian McEwan: „Der Trost von Fremden“
189 Seiten
Diogenes
ISBN 978-3-257-21266-2

Der Bub

Im letzten Literaturclub wurde das neue Buch „Nilpferde unter dem Haus“, des Schweizer Schriftstellers Hansjörg Schneider, besprochen. In diesem Zusammenhang wies Stefan Zweifel auf einen alten Roman, „Der Bub“, hin, der mich neugierig machte, dass ich ihn mir gleich antiquarisch besorgte. Ich hatte ja Zeit zu lesen, lag ich doch mit Fieber im Bett. Am Mittwoch habe ich das dünne gelbe Büchlein bestellt und am Freitag war es bereits in meinem Briefkasten!

Peter Fischwanz klinkt sich wieder einmal für eine Woche aus seiner Ehe aus und reist ins Tessin, wo er die abgelegene Hütte eines Freundes benützen darf. Er hat ein Heft mit dabei und beginnt darin mit seiner Lebensaufzeichnung. Von der Hütte aus blickt er auf den Lago Maggiore und nur ein Hügel verwehrt ihm den Blick auf Genna, einem Dorf, wo er einst als Bub eine glückliche Zeit mit seiner Mutter verbracht hat. In jenes Dorf hat es ihn auch auf die Hochzeitsreise verschlagen.

Peter hat seine Mutter früh verloren. An ihr ist er sehr gehangen, denn sie war immer gut zu ihm und verlor nie ein schlechtes Wort. Vor der Heirat war sie Lehrerin und hat sehr gut Klavier gespielt.

„Seine Mutter war gestorben als er 18 war. Aber ihr Sterben hatte früher angefangen. Seit Peter sich erinnern konnte, hatte sie sich auf den Tod vorbereitet. Wahrscheinlich hatte sie sich zum Sterben entschlossen, als sie das Klavierspielen aufgab.“

Sein Vater arbeitet in der Stadtkanzlei. Allerdings versteht Peter nicht, weshalb der Vater dieser Tätigkeit, die ihm einen schlechten Magen beschert, nachgeht.

Während den nächsten vier Tagen schreibt er über alles in dieses Heft, woran er sich erinnert. Peter ist noch vor dem 2. Weltkrieg geboren worden und wächst im Schweizer Mittelland, als Einzelkind, auf. In der Schule hat er nicht allzu viele Freunde, immer gerade einen, der ihn auf seine Weise prägt. Da ist Armando, ein Junge aus dem Tessin, mit dem er eine Weile verkehrt. Sein Freund wechselt die Mädchen regelmässig, wenn er ihnen überdrüssig wird. Im letzten Bezirksschuljahr ist da Röbi, der zu Hause Jazzplatten hört und schon viel zu viel raucht. Er wird aus der Lehre geschmissen, bevor er richtig angefangen hat. Jazz ist das Zauberwort und Chet Baker das grosse Vorbild. Peter hingegen soll nach der Matura studieren, dabei macht er sich gar nichts aus einem Studium. Viel berichtet er über die Verwandten, Onkel und Tante, die Dorfgemeinschaft und das Bauernleben und immer wieder über die Eltern.

Geblieben ist ihm auch die Erinnerung an seine Lehrer mit dem Rohrstock. Einer schlägt einen Kameraden, weil beim Schreiben zu viel Tinte aus der Feder tropft. Der Pfarrer, der Religionsunterricht erteilt hat verteilt Ohrfeigen, denn gewisse Fragen stellt man in jener Zeit nicht, auch wenn die Bibel einen darauf bringt. Als Erich auf einen Vers in Moses 1 hinweist, wird es dem Pfarrer zu bunt.

„Pfarrer Baumanns Gesicht wurde kreideweiss. Er ging auf Erich zu und gab ihm mit seiner weichen Hand eine Ohrfeige. Dann stellte er sich wieder hinter sein Pult. Jetzt überzog sich sein Gesicht mit einer seltsamen Röte. ‚Dazu seid ihr viel zu jung, ihr Saubande!'“

Schon während der Jugendzeit, in den Schulferien, macht sich Peter Richtung Basel auf, um auf einem Rheinschiff nach Amsterdam zu gelangen. Dann fährt er ganz allein nach Neapel und Sizilien.

Auch über seine Freundinnen und Liebschaften schreibt Peter Erinnerungen auf. Schon zur Primarschulzeit geht Regine mit ihm im Wald spazieren und ist äusserst Keck. Die Jugendfreundin Behtli, die ihn beleidigt stehen lässt, als er ihr sagt, dass sie geschielt habe, als sie, für jene Zeit, verbotene Dinge tun. Während dem Studium lernt er eine Frau kennen, die eigentlich verlobt ist. Wegen ihr verlässt er Paris, um sie in Basel wieder zu treffen. Doch die Freude ist kurz und er fährt wieder zurück. So begegnet er Alice, die aus dem Nachbarort stammt, und ihm in Paris zufällig über den Weg läuft und sie verliebt sich in ihn.

Er schreibt in sein Heft:

„Warum bin ich nicht in Paris geblieben? Ich hätte Kellner werden oder in den Hallen arbeiten können, ich hätte Alice nach unserem Abschied im Gare de l’Est nie mehr gesehen. Sie wäre meine erste wirkliche Liebe geblieben. In der Erinnerung wäre sie noch schöner geworden. Stattdessen fuhr ich nach Bolingen zurück und liess mich in diese idiotische Ehe hineinziehen.“

Zurück in der Schweiz zieht Alice, nach Peters Studium, ebenfalls nach Basel. Sie spricht indirekt von Heirat, das Peter überhaupt nicht ins Auge fasst. Schon schwanger, werden die Beiden doch noch Mann und Frau. In einer Zeitungsredaktion verdient er fortan seine Brötchen, fängt schon bald heimlich mit einer Studentin eine Beziehung an. Es kommt zu ersten Streitereien und unschönen Szenen. Und dann reist er ins Tessin, wo die Dinge erst recht seinen Lauf nehmen…

Hansjörg Schneider hat „Der Bub“ 1976 geschrieben. Der Roman ist im Lenos Verlag erschienen und mit seinen 127 Seiten schnell gelesen, aber es vermittelt ein eindringliches Bild der ländlichen Schweiz in den Jahren vor und nach dem 2. Weltkrieg. Den Krieg erlebt Peter als Kind in der Schweiz anders, als in den Nachbarländern. Je nach Region hat man nicht allzu viel von den Greueln in der Welt mitbekommen. Die Lehrer und der Pfarrer teilen Hiebe und Ohrfeigen aus, nicht nur um ihre Autorität zu zeigen, nein, beim Pfarrer ist förmlich zu spüren, dass ihm die berechtigten Fragen der Jugend unangenehm sind, vielleicht auch nicht richtig beantwortet werden können. Also wird die Unsicherheit in Form von Ohrfeigen und Zurechtweisungen übertüncht. Ehefrauen harren in Ehen aus, weil man sonst mittellos wäre und nichts anderes kennt, auch Peters Mutter kehrt mit dem Koffer schon am Gartentor wieder um.

In einfachen aber eindringlichen Worten nimmt der Leser teil, am bisherigen Leben Peters. Vielleicht hat er sich ein anderes Leben gewünscht, doch wie er sich gegenüber seiner Frau, in Worten, aber vor allem in seiner Gedankenwelt verhält, fand ich sehr egoistisch. Er bemitleidet sich selber am meisten. Es geht nur um seine Bedürfnisse. Sein Sohn Daniel scheint ihn nicht zu interessieren. Es ist das Kind von Alice, wie er in seinem Heft notiert. Peter ist ein Mann, der die Ehe nicht gewollt hat und sich deshalb daraus befreien möchte. Seine Frau Alice hat es einmal sehr treffend gesagt, dass er wie ein Paradiesvogel sei, den man nicht einsperren dürfe. Deshalb bricht er immer wieder auf und aus. Dieser Drang zur weiten Welt, machte sich schon in der Jugendzeit bemerkbar. Peter will nichts weiter, als frei sein und drückt sich vor der Verantwortung. Zu  sehr war er behütet bei seiner Mutter, „der Bub“.

Die Unermesslichkeit

Mit Spannung habe ich auf das zweite Buch des amerikanischen Schriftstellers David Vann gewartet. „Die Unermesslichkeit“ bei Suhrkamp erschienen und von Miriam Mandelkow ins Deutsche übersetzt, spielt erneut in Alaska. Im Original ist der Roman unter „Caribou Island“ erhältlich.

Irene und Gary sind beide fünfundfünfzig Jahre alt und frühpensioniert. Die beiden sind seit dreissig Jahren miteinander verheiratet und ihre Ehe steckt in einer Krise. Die Beziehung ist am Bröckeln. Gary hat sich in den Kopf gesetzt, auf Caribou Island eine Blockhütte zu bauen, um dort zu leben. Seine Frau soll ihm bei seinem ehrgeizigen Projekt zur Hand gehen und die gemeinsame Arbeit am Haus, sie einander wieder näher bringen. Er sieht das Bild schon klar vor sich, wie er im Schaukelstuhl am offenen Kamin sitzt und eine Pfeife raucht, umgeben von Tierfellen und anderen Trouvaillen der Natur.

Irene willigt eher widerwillig ein, Gary zu helfen. Sie ist skeptisch und vom Plan ihres Mannes überhaupt nicht überzeugt, gar manches Projekt hat er angefangen und resigniert wieder in den Sand gesetzt. Es ist schon spät im nordischen Sommer, als sie eine Bootsladung Material um die andere auf die Insel bringen. Beim Abstecken des Hausgrundrisses von gerade einmal vier Mal fünf Metern, stellt Irene ihrem Mann doch einige elementare Fragen, wie die Toilette aussehen soll und wo sie schlafen werden usw.

„Irene begriff in einem einzigen Schreckensmoment, dass sie tatsächlich hier draussen wohnen würden. Die Hütte würde nicht richtig hinhauen. Sie würde nicht das nötigste bieten. Trotzdem würden sie hier wohnen.“

Parallel zur Geschichte von Irene und Gary wird auch die Beziehung ihrer Tochter Rhoda zu ihrem Freund Jim erzählt. Rhoda ist so etwas wie die Pufferzone zwischen ihren Eltern und versucht immer wieder zu vermitteln. In ihrem Bruder Mark hat sie keine grosse Hilfe, der ist froh, wenn er nichts mit der Familie zu tun hat. Rhoda ist nach ihrer zweijährigen Beziehung bereit für die Hochzeit und wälzt schon Hochzeitskataloge. In ihrer Sorge um ihre Eltern gehen ihre Sensoren, was ihren Freund betrifft, nicht verloren. So registriert sie, dass sich Jim in letzter Zeit sehr seltsam verhält. Sich auch um ihre Beziehung Sorge zu machen, hat sie allen Grund, denn Jim rennt hinter einer jungen Frau her und denkt nur noch an eines – Sex.

Das Projekt des Blockhüttenbaus wird durch Irenes plötzlich auftretende Kopfschmerzen überschattet. Sie leidet so sehr und kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Stärkste Schmerzmittel, die ihr Rhoda zuerst aus der Tierpraxis (!) besorgt, wo sie arbeitet und danach von Jim, der Zahnarzt ist, erhält, nützen nichts, um sie von den Qualen zu befreien. Abklärungen beim Spezialisten verlaufen negativ. Ist der Schmerz gar psychisch? Irene lässt die vergangenen Jahre Revue passieren, beginnt auch ihre eigene Kindheit zu durchleuchten. Ihr Leiden belastet die fragile Beziehung zusätzlich. Irene und Gary beginnen, verbal, mit harten Bandagen zu kämpfen. Nicht die Bären sind die Gefahr auf der Insel, sondern die gegenseitigen Beleidigungen und Anschuldigungen, die viel schlimmere Wunden hinterlassen. Das Glas hat Risse bekommen und ist kurz vor dem Zerspringen.

„Es ging Irene gegen den Strich, dass sie sich dreissig Jahre lang um diesen Mann hatte kümmern müssen. Die Last seiner Klagen und seiner Unduldsamkeit, sein Versagen und, im Gegenzug seine Unnahbarkeit. Wieso war ihr irgendetwas davon annehmbar erschienen?“

Überwinden Irene und Gary die Ehekrise und kommen sie sich wieder näher? Schafft es Rhoda, als Vermittlerin zwischen ihren Eltern, sie von dieser irrwitzigen Idee, auf Caribou Island leben zu wollen, abzubringen?

David Vann, der in Alaska geboren wurde, schafft es erneut, den Leser, von der ersten Seite an, zu fesseln. Wer bereits „Im Schatten des Vaters“ gelesen hat, kann sich vorstellen, dass ihn auch im neuen Roman einiges erwarten wird. Der Autor dringt tief ins Innerste seiner Figuren vor und lässt den Leser nach der Lektüre nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Für Diskussionsstoff ist auch mit „Die Unermesslichkeit“ gesorgt und wenn man das Buch zuklappt, fängt es in einem erst einmal an zu rotieren, wie könnte sich die Geschichte weiterentwickeln? Denn Gedanken nach diesem Lesestoff macht man sich auf alle Fälle. Mir erging es jedenfalls so.

Acht Minuten

Péter Farkas erster Roman handelt von einem alten dementen Ehepaar. Der alte Mann und die alte Frau, wie die beiden schlicht genannt werden, bewältigen ihren Alltag auf ihre Weise. Für den alten Mann ist es nicht einfach, seine Frau anzukleiden, sie zu waschen, auch wenn sie sich wieder einmal eingekotet hat, und sie abends ins Bett zu stecken.

Er, der zu Anfang mit Allem noch besser zu Recht kommt, merkt, dass auch bei ihm nicht mehr alles zum Besten steht. Lesen geht plötzlich nicht mehr, wie er will, ein grosser Verlust. Er fängt an, ganze Seiten aufs Mal umzublättern, braucht viel Zeit, um sich den passenden Lesestoff auszusuchen.

„Er merkte plötzlich, dass sein Kopf ungemein schwer wurde, sobald er ein Buch aufschlug und anfing den Sinn der Buchstaben zu ergründen, als hätte man ihm alles Blei der alten Lettern um den Hals gehängt.“

Als die Haushalthilfen, die Betten des Ehepaares separat stellen, schlafen die alten Leute kurzerhand in einem Bett. Es spielt keine Rolle, wenn es etwas enger wird. Sie können nicht plötzlich, nach so vielen Ehejahren alleine schlafen. Sie gehören doch zusammen. Manchmal steht die alte Frau auf, legt sich auch einfach mal irgendwo in der Wohnung auf den Boden, dann holt sie der alte Mann wieder ins Bett.

„Er zog den hutzeligen Körper, dem scheinbar alle festen Stoffe entzogen worden waren, an sich und drückte ihn zärtlich, bis dieser allmählich die Wärme seines Körpers und den Rhythmus seines Atmens übernommen hatte.“

Es geht nicht ohne den Anderen, sie erleben den Tag manchmal ohne viele Worte zu verlieren, erleben auch Amüsantes und können über Dinge lachen, die unsereiner nicht mehr lustig finden würde. Aber das spielt für sie keine Rolle. Der alte Mann weiss, wie er seine Frau nehmen muss, in ihren guten und auch schlechten Momenten. Sie verstehen sich, denn ihre Liebe ist gross und stark und reicht über ihre Demenz hinaus, bis zum letzten Atemzug.

Péter Farkas wurde für diesen Roman mit dem Sándor-Márai-Preis ausgezeichnet und erhielt den Preis für den besten Debüt-Roman in Ungarn. Ich kann die Beweggründe einer jeden Jury für die Auszeichnung nachvollziehen. Dieser Autor hat eine bewegende Geschichte geschrieben. Sie ist nicht abstossend, sondern rührt einen tief im Herzen und wenn man in einer Partnerschaft lebt, kann man sich nur wünschen, dass man ebenso sehr geliebt wird, wie Farkas uns dies in seinem Roman vorzeigt.