Jacob beschliesst zu lieben


Catalin Dorian Florescu entführt uns mit seinem neuen Roman „Jacob beschliesst zu lieben“ in die Heimat seiner Kindheit, nach Rumänien. Erzählt wird die Geschichte der Familie Obertin.

Das erste Kapitel beginnt mit der Ankunft von Jacobs Vater im Banat , der ebenfalls Jakob heisst, allerdings Jakob mit K. Dies ist ein wichtiger Unterschied, wie wir erfahren werden, denn Jakob der Vater ist in seinem Wesen ganz anders als Jacob mit C.

Von Jakob kennen wir nur den Vornamen, seinen Namen verschweigt er. Er sieht in einer Zeitung das Bild von Elsa Obertin, der „Amerikanerin“ wie sie in ihrem Dorf Triebswetter genannt wird. Sie, die mit siebzehn Jahren nach Amerika aufgebrochen ist, um ihrer Familie helfen zu können. Jakob beschliesst, diese Frau zu heiraten. Er ist ein armer Kerl und hat nichts, ihre Familie hat einen Bauernhof und wird froh sein, um einen der etwas von der Landwirtschaft versteht und für den Fortbestand des Hofes sorgen wird.

Die Geburt von Jacob ist ungewöhnlich. Wir erfahren, dass er zweimal geboren wurde. Die erste Version der Geburt stammt von seiner Mutter, die zweite von Ramina, einer Zigeunerin. Vater Jakob will seinen Sohn nicht anerkennen. Einer, der so auf die Welt kam, nämlich auf dem Mistkarren, vor den Augen der versammelten Dorfgemeinde, der kann nicht von ihm sein. Und der Gestank der Geburt haftet an diesem Jungen. Jacob ist ständig krank und schwächlich, nicht zu gebrauchen als Nachkomme, der einen Hof zu bewirtschaften hat. Jeden Freitag macht sich Jacob mit einem Suppenhuhn und anderen Lebensmitteln zu Ramina auf, die ihn auf die Welt geholt hat und immer die richtigen Kräuter für ihn hat, um ihn von seinen Krankheiten, gesund werden zu lassen. Bei ihr fühlt er sich wohl und er hört gerne ihren Geschichten zu, die sie ihm erzählt.

Eine Schande ist das mit der Lebensmittellieferung, meint der Vater und will die Lieferungen ein für alle Mal unterbinden. Aber die Obrigkeit nimmt ihm diesen Schritt ab. 1942 wird gesetzlich bestimmt, dass die Zigeuner das Dorf zu verlassen haben. Sie sollen in die Ukraine, in die leeren Häuser der Juden, umgesiedelt werden. Dort hätten sie ein besseres Leben, sagt man. Aber Ramina weiss von einem geflohenen Zigeuner, das dem nicht so ist. Mühsam schleppt sich die Zigeunerin zum Haus der Obertins, um der Familie einen Handel vorzuschlagen. Sie ahnt, dass sie sterben wird, aber ihr Sohn Sarelo soll nicht das gleiche Schicksal ereilen. Deshalb möchte sie ihn bei den Obertins lassen, er ist gesund und stark, im Gegensatz zu Jacob. Und sie weiss, dass Jakob Obertin den Hof gesichert haben möchte. Die Frau ist schlau und weiss, dass Jakob empört ablehnen wird. Deshalb schüttelt sie eine Trumpfkarte aus ihrem Ärmel, die den Mann umstimmen wird. Auf Sarelo ist Verlass und er arbeitet schon bald Seite an Seite mit seinem Herrn. Das erste Mal ist Jakob Obertin zufrieden und poltert nicht ständig. Das kommt seinem Sohn sehr gelegen, so entgeht er dem Zorn seines Vaters.

Der Vater beschliesst, dass Jacob in der Stadt das Gymnasium besuchen soll. So ziehen Grossvater und Jacob nach Temeswar. Die einzige Abwechslung, die der alte Mann in der Stadt hat, ist, sein Enkel zur Schule zu bringen und wieder abzuholen. Oft ziehen die Beiden danach durch die Quartiere, um so lange wie möglich nicht in das leere Haus zurückkehren zu müssen, wo der Ofen meistens kalt bleibt. Eines Tages trifft Jacob auf Katica, das Serbenmädchen, aus seinem Dorf. Sie arbeitet in der Schneiderei von Frau Liebermann. Es entwickelt sich eine zarte Liebe zwischen den Beiden. Jacob mag es, die Hand von Katica in seiner zu spüren. Es ist ihm mehr wert als alles andere. Der Grossvater, anfangs skeptisch, akzeptiert schliesslich, dass Katica in ihrem Haus ein und aus geht. Dann taucht Vater Jakob in Temeswar auf und teilt Jacob mit, dass er sich keine Hoffnungen auf den Hof machen müsse. Sarelo soll als Erbe eingesetzt werden. Jacob ist so erzürnt, dass er sich im Fluss ertränken will. Doch die vereiste Fläche will nicht brechen. Gott hat entschieden, dass Jacob leben soll.

Die Russen marschieren in Rumänien ein, Grossvater, Jacob und Katica kehren nach Triebswetter zurück. Jacob verliert seine Liebe, wird von seinem Vater verraten und wird schliesslich nach Sibirien deportiert. Er beschliesst zu fliehen und kommt beinahe um. Bei einem Popen findet er ein Zuhause. Als gesunder und kräftiger junger Mann macht er sich nochmals nach Temeswar auf. Nach vielen Jahren, fern von seiner Familie, wagt er den Weg zurück in sein Heimatdorf. Er weiss nicht, was und wer ihn dort noch erwartet.

Der 2. Weltkrieg ist inzwischen vorbei, die Kommunisten haben das Zepter im Land übernommen. Die Eltern wohnen im Gesindehaus und sind zur Arbeit in der Kooperative eingeteilt worden. Noch bevor Jacob nach Triebswetter zurückgekehrt ist, haben die deutschstämmigen Bewohner entschieden, den Weg, den ihre Vorfahren einst gegangen sind, umgekehrt zu gehen. Sie wollen nach Lothringen zurückkehren. Viele Familien machen sich schliesslich auf den Weg. Hinter Jacobs Rücken hat einmal mehr sein Vater entschieden. Das Zentralkomitee der Rumänischen Arbeitspartei beschliesst, dass Serben, die Titos Jugoslawien unterstützen könnten, ehemalige SS-Angehörige, Angehörige der deutschen Minderheiten (Schwaben), reiche Bauern usw. deportiert werden sollen. Noch einmal nimmt das Leben der Familie Obertin eine Wende.

Ich habe den Autor Catalin Dorian Florescu bei einer Lesung erneut erleben dürfen, wo er uns viele Hintergrundinformationen zu seinem neusten Werk geliefert hat. Zum ersten Mal hat er sich an einen Roman mit fiktiven Personen gewagt. Davor waren seine Bücher autobiographisch oder er erzählte die Geschichten von existierenden Menschen, die ihm seine Reisen nach Rumänien beschert haben. Zu seinem Schritt kann ich ihm nur gratulieren und ich bin froh, dass die Jury seinen Roman mit dem Schweizer Buchpreis 2011 ausgezeichnet hat.

Florescu nimmt uns mit auf eine beschwerliche Reise der Familie Obertin. Jacob lässt uns auch seine Vorfahren Caspar und Frederick Obertin kennenlernen. Diese Kapitel sind nicht minder aufregend. „Jacob beschliesst zu lieben“ ist ein schöner Titel. Trotz aller Widrigkeiten in seinem jungen Dasein, wie die Härte seines Vaters, die er immer wieder zu spüren kriegt, die Gottergebenheit der Mutter, lässt Jacob nicht zu, dass Hass seine Seele vergiftet.

Auf der Plattform einer Online-Buchhandlung meinte eine Leserin, dass das Buch langweilig sei und nichts darin passiere. Dem kann ich absolut nicht zustimmen. Der Autor schreibt in einer grossartigen und ausdrucksstarken Sprache, die einem die Menschen und die Gegend grossartig vermittelt und näher bringt. Der Leser erfährt ausserdem viel Historisches über die Besiedlung des Banats. Eine schwere und gefährliche Reise führte viele Menschen von Lothringen bis in diese Ecke Rumäniens. Und die Neugier auf dieses Land, das seit 2007 der Europäischen Union angehört, das so viele Volksgruppen vereinigt und dem Regime von Caeucescu ein Ende gesetzt hat, ist noch einmal gewachsen.

Ein starker Roman, der in mir noch lange nachklingen wird!

Mit beiden Beinen in zwei Kulturen

Erst am vergangenen Sonntag wurde Catalin Dorian Florescu an der BuchBasel mit dem Schweizer Buchpreis 2011, für seinen Roman „Jacob beschliesst zu lieben“ ausgezeichnet. Gestern Abend hatten wir bereits das Vergnügen, den Autor in unserer Gemeinde zu sehen und zu hören. Sein neuestes Werk, das Elke Heidenreich in der FAZ als sein bestes rühmt, habe ich erst vor zwei Tagen zu lesen begonnen, aber schon jetzt kann ich sagen, dass es aussergewöhnlich ist. Ich wollte es mir also nicht nehmen lassen, diesen Autor ein zweites Mal an einer Lesung zu sehen. Der Anlass wurde in den grossen Gemeinderatssaal verlegt, in Anbetracht der Aktualität, aber ich befürchtete, dass der Saal sicher wieder nicht voll würde. Es tut mir leid dies sagen zu müssen, in unsrer Stadt gibt es zu wenig Literaturinteressierte und ich finde das äusserst Schade.

Viele wissen gar nicht, was sie da verpassen. Einen Schriftsteller hautnah und auf Augenhöhe zu erleben, finde ich immer wieder sehr spannend und bereichernd. Ich habe mich vor der Lesung mit einer pensionierten Bibliothekarin unterhalten, da erfährt man doch so viele interessante Fakten und Geschichten aus der Literaturwelt.

Catalin Dorian Florescu kam früh und zeigte keine Berührungsängste mit dem Publikum. Man kommt rasch mit ihm ins Gespräch. Das kleine Pult mit Mikrofon auf der Bühne wollte er nicht haben, zu weit von den Leuten entfernt.

Kurzerhand wurde der grössere Tisch, an dem der Billette-Verkauf vor sich ging, hergebracht und vor die drei Stufen der Bühne platziert. Näher ans Publikum ging wirklich nicht.

Die Einführung und einen Überblick über die fünf Romane gestaltete der Germanist Heinrich Boxler. Er führt  an der Volkshochschule den Kurs „Neue Schweizer Literatur“ durch und an einem der fünf Kursabende findet jeweils eine Autorenlesung statt. Bereits im Juni wurde der Termin mit dem Autor fixiert, damals ahnte noch niemand, dass er einige Monate später der Träger des Schweizer Buchpreises sein würde. Daher meinte Boxler, er hätte in letzter Zeit viele Mails von Catalin erhalten und hätte Angst gehabt, dieser würde die Lesung in einem seiner Mails absagen, weil er vielleicht andere Verpflichtungen vorgezogen hätte. Der Schriftsteller konterte scherzend, dass Anfragen aus New York, Paris, Madrid und Moskau eingegangen seien, „was ist mir die Welt, wenn ich Dietikon habe“. Boxler zog aus seinem Rucksack ein kleines Fläschchen Prosecco und zwei Plastik-Flûtes, um mit Florescu auf den Preis anzustossen.

Damit die Zuschauer nicht neidisch würden, drehte sich der Autor mit dem Rücken zu uns und nahm einen Schluck mit hörbarem Laut, dass es geschmeckt hat, nicht zu viel, damit er die Lesung nicht „alkoholisiert“ halten müsse. Als Boxler erklärte, dass Florescu als freier Schriftsteller arbeite, meinte dieser: „Was ist ein freier Schriftsteller? Wäre ich Schriftsteller in Kuba, wäre ich jetzt im Gefängnis. In diesem Sinne, ja, bin ich ein freier Schriftsteller.“

Wie gesagt, Mikrofon war nicht nötig, ein Stuhl auch nicht. Florescu setzte sich auf den Tisch und fing erst einmal an zu erzählen, über seine Bücher, seine vier ersten Romane, das erste Buch „Wunderzeit“ autobiographisch, auch der zweite „Kurzer Weg nach Hause“, „Der blinde Masseur“ und „Zaïra“, diese Menschen gab es wirklich und er hat über sie erzählt. Immer wieder sind es Menschen aus seiner ersten Heimat, die er in seinen Romanen verarbeitet.

Wir erfuhren viel Interessantes über Rumänien, das er als fünfzehnjähriger Junge mit seiner Familie verlassen hat und ihn in die Schweiz geführt hat. Erst sein fünfter Roman „Jacob beschliesst zu lieben“ handelt von fiktiven Personen. Wie das Banat in Rumänien besiedelt wurde, von wo der Autor auch stammt, entspricht hingegen der Geschichte. Es waren Menschen aus Lothringen und dem Elsass, die sich nach dem Dreissigjährigen Krieg, nach Seuchen und anderen Kriegen, in Rumänien niederliessen. Wir bekamen viele Hintergrundinformationen geliefert, auch immer mal wieder mit witzigen Bemerkungen. Selbst Rumänien-Witze aus Ceausescu-Zeiten fehlten nicht.

Florescu las aus „Zaïra“ und aus „Jacob beschliesst zu lieben“ die Passagen zur Geburt der beiden Hauptfiguren. Dabei konnte er ganze Seiten überspringen und fügte doch alles zu einem Ganzen zusammen. Anschliessend stellte er sich für Fragen des Publikums zur Verfügung und signierte danach seine Bücher. Dabei ist zu bemerken, dass der Kursleiter und der Autor noch in Zürich herumgesaust sind, um das neueste Werk und einige ältere Titel aufzutreiben. Da kam Florescu nicht umhin anzufügen, dass er sich wie in den 1980er-Jahren fühle, als die Leute in Rumänien in Schlangen für Lebensmittel oder sonst etwas anstanden. Nun waren also auch in Zürich seine Bücher zur Mangelware geworden.

Ich erlebte einen durch und durch sympathischen Autor, der seine Zeit auch in Gesprächen dem Leser widmet, beim Signieren seiner Bücher jedem etwas Persönliches in sein Exemplar schreibt und dessen Bücher es sich zu lesen lohnt. Er hat meine Neugierde auf dieses Land im Osten Europas und dessen Gesicht noch mehr geweckt! Ich hätte ihm ein grösseres Publikum gegönnt.

Ich setze mich also erneut mit Freude an „Jacob beschliesst zu lieben“ und bin gespannt, was mich in diesem Roman noch alles erwartet. Bericht folgt.

Fotos © lesewelle