FLUT

Flut

„Als mein Onkel starb, war ich siebzehn und kannte ihn nur von alten Fotos. Aus irgendeinem Grund meinten meine Eltern, die Initiative für einen Besuch müsse von ihm ausgehen, und weigerten sich, mit mir an die Küste von Santa Catarina zu fahren. Ich wollte wissen, was für ein Mensch er war, und ein paar Mal kam ich sogar in die Nähe von Garopaba, aber letzten Endes schob ich es dann doch immer auf.”

Mit diesen Worten beginnt der Prolog in Daniel Galeras Roman „FLUT“. Es ist der erste seiner Romane, die vom brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner ins Deutsche übersetzt wurde und rechtzeitig vor der Frankfurter Buchmesse, an dem Brasilien Gastland sein wird, auf den Markt gekommen ist.

Der namenlose Protagonist dieses Romans wird zu einem Besuch zu seinem Vater gebeten. Bei seiner Ankunft fällt ihm als Erstes die Waffe auf, die gut sichtbar mitten auf dem Tisch liegt. Der Vater gibt jedoch vorerst keine Antwort auf die Frage, was es mit dem Revolver auf sich hat sondern erzählt seinem Sohn von dessen Grossvater, den er nie kennengelernt hat. Er erfährt, wie sein Vater aufgewachsen ist und dass der Grossvater seinen Hof eines Tages aufgab und nach Argentinin zog, wo er einige Zeit gelebt hat. Als er zurückkehrte, liess er sich in einem Fischerdorf namens Garopaba nieder und wurde von seinen Bewohnern „Gaucho“ genannt. Abgeschieden lebte der Mann mit einer jungen Frau an seiner Seite und war bekannt als guter Taucher, aber als schwieriger Mitmensch, der schnell zu seinem Messer griff, wenn ihm etwas nicht passte. Bei einem Dorffest kam es schliesslich zu einem Tumult, in dem der Grossvater von den Festbesuchern umgebracht wurde. Allerdings ist die ganze Sache äusserst mysteriös, denn das Grab war alles andere als neu ausgehoben, als es der Sohn damals besuchte. War der „Gaucho“ wirklich tot? Eine Frage, die nie beantwortet wurde, schon gar nicht von Garopabas Bewohnern.

Nach dieser Geschichte kommt der Vater auf den Revolver zu sprechen. Er will damit seinem Leben ein Ende setzen. Vor seinem Selbstmord, möchte er seinem Sohn das Versprechen abnehmen, dass dieser seine alte Hündin Beta, die seit fünfzehn Jahren an seiner Seite lebt, beim Tierarzt einschläfern lässt. Sein Sohn ist entsetzt und versucht den Vater von seinem Vorhaben abzubringen.

„Beim letzten Check-up hat sich der Arzt die Tests angesehen und mich dann mit todernster Miene angeguckt, als wäre er von der Menschheit insgesamt enttäuscht. Ich hatte das Gefühl, dass er meinen Fall abgeben will, wie ein Anwalt. Und er hat Recht. Ich werde langsam krank, und ich habe keine Lust dazu. Das Bier schmeckt mir nicht mehr, die Zigarren bekommen mir nicht, aber ich kann trotzdem nicht aufhören, ich habe keine Lust, Viagra zu nehmen, um zu vögeln, ich vermisse es nicht mal. Das Leben ist zu lang, und ich habe keine Geduld. Wenn man so gelebt hat wie ich, ist das Leben ab sechzig nur noch eine Frage der Sturheit. Ich habe Respekt vor den Leuten, die sich das antun, aber ich habe keine Lust dazu. […]“

Der Sohn befindet sich auf dem Weg von Porto Alegre nach Garopaba. Er hat nur einen Rucksack dabei und eine Begleiterin an seiner Seite – Beta, die Hündin seines Vaters. Er hat sein Versprechen nicht eingehalten und den australischen Schäferhund zu sich genommen. Der Sportlehrer und ehemalige Triathlet mietet sich in einem Ferienhaus, direkt am Meer, ein und findet eine Anstellung als Schwimmlehrer in einem Fitnesscenter. Er lernt neue Menschen kennen und findet einige Freunde, trainiert die verschiedensten Leute im Schwimmen, bildet eine Laufgruppe und schwimmt selbst tagtäglich weit hinaus ins Meer.

„Es ist nicht das erste Mal, dass der Lärm der Wellen ihn im Schlaf begleitet, aber diesmal ist es kein fernes Rauschen, kein Hintergrundgeräusch. Das Meer atmet direkt in sein Ohr. Er hört jede einzelne Welle gegen die Steine schlagen, das Schnaufen der Gischt, das Plätschern. […] Die Fischer brüllen sich unverständliche Dinge zu, so laut und aufgeregt, dass es wie besessen klingt, bis ihre Stimmen zusammen mit dem Lärm der Motoren im Rauschen des Meeres untergehen.“

Garopaba ist längst eine Feriendestination geworden und zieht jährlich scharenweise Touristen und seltsame Individuen an. Gewalt und Drogen gehören im einstigen Fischerdorf zum Alltag, umso erstaunter ist der Schwimmlehrer, dass sich keiner für diese Probleme zu interessieren scheint. So lebt er denn genauso zurückgezogen, wie einst sein Grossvater. Bei seinen Gesprächen mit den Fischern, die täglich an seinem Haus vorbeigehen, kommt er auch auf den „Gaucho“ zu sprechen. Deshalb schlägt ihm schon bald Feindseligkeit entgegen und er stösst mit seinen Fragen auf eine Mauer des Schweigens. Er wird gemieden, die Augen werden niedergeschlagen, die Leute drehen sich weg. Es wird ihm geraten, keine weiteren Fragen zu stellen. „Weil man über so etwas nicht spricht. Es spielt keine Rolle, ob es stimmt oder nicht. Wenn die Leute etwas irgendwann nicht mehr wissen, dann weil sie es nicht wissen wollen.“

Bei seinen Schülern ist der Schwimmlehrer hingegen sehr beliebt, obwohl er ein neurologisches Handicap hat, das sein Leben beeinträchtigt – er leidet an Gesichtsblindheit. Er muss sich die Menschen auf andere Weise einprägen, am Schwimmstil, an den Haaren, an Kleidungsstücken oder an ihrer Stimme. Trotz seines Handicaps lernt er eine Frau kennen und verliebt sich in sie. Nach einer grossen Enttäuschung ist er bereit für eine neue Beziehung. Er kann sich vorstellen, mit Jasmina sein Leben zu verbringen.

„Er dachte, er würde sich nie wieder verlieben, und hatte sich damit arrangiert. Er glaubte, ein Mal reiche für ein ganzes Leben, aber jetzt ist es wieder da, dieses Gefühl, das einer leichten Depression nahekommt und ihm alles, was nicht mit der Frau in seinen Armen zu tun hat, bedeutungslos erscheinen lässt.

Die Nachforschungen nach seinem Grossvater  erweisen sich als schwierig. Sein bester Freund, ein Journalist, hat für ihn einige Recherchen angestellt, so dass er sich auf eine lange Reise zu jenem Kommissar aufmachen kann, der in den 1960er-Jahren mit dem Mordfall seines Grossvaters betraut war. Ob dieser ihm weiterhelfen kann?

Es werden sich dem jungen Mann noch viele Schwierigkeiten in den Weg stellen und seiner Hündin beinahe das Leben kosten. Die Suche nach seinem Vorfahr wird zu einer Obsession, die ihn immer mehr von seinen Mitmenschen ausgrenzt und isoliert und die Ähnlichkeit mit seinem Grossvater wird immer frappanter. Er bricht für tagelange Wanderungen in die Hügel der Umgebung auf, wo er nicht nur Antworten für sich selbst sucht, sondern auch zu einem Mann, der wohl ein Mythos ist. Sein Zeitgefühl geht dadurch allmählich verloren und es scheint, als wäre er auf dem besten Weg, verrückt zu werden.

Daniel Galera hat einen grossartigen Roman geschrieben, den ich verschlungen und dessen Sprache förmlich in mich aufgesogen habe. Lange ist es her, dass ich eine so aussergewöhnliche Geschichte gelesen habe. Der Autor entpuppt sich als ein äusserst genauer Beobachter, der Situationen, Orte und Menschen mit unglaublicher Akribie beschreibt. Es scheint, als würde er zu den Augen seines handicapierten Protagonisten. Obwohl sich die Beschreibungen des Tagesablaufs manchmal wiederholen und mir fast zu viel wurden, versteht es Galera, die Spannung voranzutreiben. Die Neugier und die Frage, ob sich das Geheimnis um den Grossvater lüften lässt, bleiben erhalten. Und der Prolog, der einem am Anfang unerschlossen bleibt, wird verständlich, wenn man ihn am Ende nochmals liest. Daniel Galera ist eine absolut vielversprechende Entdeckung aus Südamerika und weitere Werke darf man auf alle Fälle gespannt sein.

Daniel Galera wurde 1979 in Porto Alegre geboren. Er hat Erzählungen, eine Graphic Novel und drei Romane geschrieben. Sein Werk ist vielfach ausgezeichnet, verfilmt und fürs Theater adaptiert worden. Der Autor hat u.a. Zadie Smith, Jonathan Safran Foer, David Foster Wallace und Hunter S. Thompson ins brasilianische Portugiesisch übersetzt. FLUT ist sein erstes Buch in deutscher Sprache.

Daniel Galera: „FLUT“
erschienen im Suhrkamp Verlag Berlin 2013
425 Seiten
ISBN 978-3-518-42409-4