Emily, allein

Emily, allein

Emily, eine ältere Dame, lebt allein mit ihrem alten Hund Rufus, in ihrem Haus in Pittsburgh. Ihre beiden Kinder sind längst erwachsen und haben ihre eigenen Familien. Ihr Mann Henry ist vor sieben Jahren gestorben. Seit sie einen kleinen Autounfall hatte, setzt sie sich nicht mehr ans Steuer ihres Autos. Zum Einkauf lässt sie sich von ihrer Schwägerin Arlene chauffieren, die aber auch schon fitter hinter dem Steuer sass. Alles geht etwas langsamer und auch unsicherer. Hin und wieder fahren sie in den Club, trinken Kaffee zusammen, am Sonntag gehen die beiden Frauen in die Kirche oder sie treffen sich zum Essen. Ihr bevorzugtes Restaurant ist das Eat ’n Park, auch an diesem Tag, an dem das Leben für Emily eine Wende nimmt. Ihre Schwägerin bricht am Buffet vor ihren Augen zusammen. Sie wird in die Klinik gebracht und gleich dort behalten, um gründlich durchgecheckt zu werden.

Emily wird nun von Arlene gebraucht. Die Fische im Aquarium müssen gefüttert werden, die Schwägerin benötigt frische Wäsche und vor allem, muss Arlenes Auto nach Hause gebracht werden. Erst noch etwas unsicher chauffiert Emily das Auto nach Hause. Doch das ändert sich rasch, denn schon bald steht sie in der eigenen Garage und setzt, mit Hilfe ihrer Nachbarin, den alten Oldsmobile, der viel zu gross für sie ist, in Gang und bald ist sie mit ihrem eigenen Wagen wieder auf der Strasse. Alles lässt sich einfacher und schneller bewältigen, als immer das Taxi nehmen zu müssen. Ihr Tag ist voll bepackt mit all den Tätigkeiten für sich, Arlene und ihren Hund Rufus, der auch merkt, dass etwas anders ist und nicht mehr alles nur nach ihm geht.

„Jeden Abend versuchte sie zu lesen, doch sie hatte den Geschmack von Zahnpasta im Mund, und ihre Gedanken waren rastlos und beschäftigten sich mit all den kleinen Arbeiten und Besorgungen, die unerledigt geblieben waren.“

Mit der Zeit muss Emily einsehen, dass das alte Auto einfach nicht mehr passt und sie legt sich einen Subaru zu. Nach Arlenes Entlassung aus dem Krankenhaus, tauschen sie einstweilen die Rolle des Chauffeurs. Der Alltag pendelt sich wieder ein und sie ist froh, wieder mehr Zeit für sich und ihren eigenen Haushalt zu haben.

Ich begleite Emily bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, sehe durch ihr Fenster, wie sie mit ihrer Familie telefoniert und tief in ihrem Innern enttäuscht ist, dass sie Thanksgiving ohne ihre Familie verbringen muss. Sie bereitet Weihnachten vor und hofft, dass die Tochter mit den Kindern zu ihr kommt.

„Zuerst nahm sie sich die Karten an die Enkelkinder vor, fügte Alles Liebe, Grandma zu den gedruckten Grüssen hinzu und war sofort bestürzt über ihre Handschrift. Seit sie in der sechsten Klasse bei einem Schönheitswettbewerb eine Gipsbüste von Shakespeare gewonnen hatte, rühmte sie sich ihrer Schreibschrift. Aber in den letzten Jahren war ihre Schrift unleserlich geworden, ihre Hand zittrig, als litte sie an einer Nervenkrankheit.“

Emily erinnert sich an ihre Jugend, als sie noch unverheiratet und bei den Eltern lebte, schaut sich die Fotoalben an, sinniert über ihre Ehe mit Henry nach und macht sich Gedanken über ihre Kinder und Enkelkinder. Sie will ihren Nachlass geregelt haben, freut sich, wenn ihre Familie sie an Weihnachten und Ostern besuchen kommt. So gerne wie sie ihre Leute um sich hat, ist sie sich in all den Jahren des Alleinseins doch an einen eigenen Rhythmus gewöhnt und ist immer wieder froh, wenn sie sich nur noch um sich und Rufus kümmern muss, sich klassische Konzerte im Radio anhören und ein Buch lesen kann.

Immer mehr häufen sich Todesanzeigen von Freunden und Bekannten und Arlene und Emily fahren zu den Beerdigungen.

„Wie jeder Todesfall in ihrem Bekanntenkreis brachte auch dieser Emily ihrem eigenen Tod näher, als wären sie alle um einen Platz aufgerückt.“

Die Jahreszeiten vergehen, nach dem Herbst kommt der Winter, dann das Frühjahr, in dem Emily die Gartenarbeit wieder aufnimmt. Der Sommer zieht ins Land und Emily freut sich auf den Urlaub an dem Ort, wo sie mit der Familie immer hingefahren ist.

Stewart O’Nan legt mit „Emily, allein“ ein ruhiges und unaufgeregtes Buch vor, das ich mit viel Freude gelesen habe. Sehr einfühlsam und mit einer grossartigen Beobachtungsgabe erzählt er aus dem Leben dieser alten Frau, die in einer mittelgrossen Stadt in Amerikas Nordosten lebt. Einer Frau, wie es sie auch an anderen Orten gibt und die sich als Mutter auch im Alter noch Sorgen um ihre Familie macht. Die sich um ihre Rüstigkeit sorgt, sich Gedanken über verpasste Chancen und gelebte Momente macht, in ihren Erinnerungen kramt und froh ist um ihren treuen Hund Rufus, der gemeinsam mit ihr älter wird. Und so ziehe ich mich zurück, verlasse meinen Beobachtungsposten und hoffe, dass es Emily noch lange gut gehen mag und sich die Menschen rundherum kümmern, damit Emily, die zwar allein ist, niemals einsam sein wird.

Stewart O’Nan: „Emily, allein“
Verlag Rohwohlt
ISBN 978-3-498-05039-9

Weihnachtsbaum

„Emily hatte sich den Baumkauf nicht bloss aufgespart, weil sie Hilfe brauchte, sondern auch weil sie dachte, es würde ihnen Spass machen, sich als Familie darum zu kümmern. Sie hatte sich vorgestellt, wie sie im Schnee durch das Labyrinth aus wohlriechenden Waldkiefern und Blautannen stapften, ihre Lieblingsbäume auswählten und dann abstimmten, wie es die Kinder immer getan hatten, als sie noch klein waren, doch es war sonnig und fast zehn Grad warm, und sie hatten zu lange gewartet. […] Die Frage lautete nicht, welchen sie auswählen sollten, sondern ob es überhaupt sinnvoll war, einen davon zu nehmen, und obwohl Emily sich nach Hilfe umsah, fiel ihr die Entscheidung zu, da sie die Leiterin dieser schlecht durchdachten Unternehmung war.“

Aus „Emily, allein“ von Stewart O’Nan

Und da Weihnachten wieder einmal frühlingshaft und ohne Schnee ausfällt, wenigstens noch ein bisschen Schnee per Foto, den ich gestern gesehen habe.

Tannenbaum